27.06.2015

Anton Hofreiter, 45

Bündnis 90/Die Grünen, Biologe, Antrag 4
Es gibt Dinge, die man als Biologe vielleicht anders sieht. Zum Beispiel, dass die derzeitige Debatte um einen "natürlichen Tod" mit der Natur wenig zu tun hat. In der Natur gibt es keine Medikamente, keine Apparate, niemand leidet lange an unmenschlichen Schmerzen, in der Natur endet das Leben meist abrupt und unerwartet.
Ich bin früher viel gereist. Einmal war ich in einer Stufenschlucht in Bolivien, damals gab es dort noch keine Touristen, ich war allein. Ein Stein gab nach, und ich stürzte in Richtung Abgrund. Ein Dornbusch hat mich an der Kante aufgehalten. Danach brauchte ich eine Dreiviertelstunde, um ausgezittert zu haben. Ich denke noch oft an diesen Tag.
Der Mensch unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von allen anderen Lebewesen: Er weiß, dass er lebt, und er weiß, dass er sterben muss. Wie alle anderen Lebewesen ist er aber biologisch auch darauf ausgelegt, unbedingt überleben zu wollen. Daher ist der Gedanke an den Tod so unerträglich.
Wenn wir schon selbst entscheiden können, wie wir leben wollen, warum sollen wir dann nicht auch entscheiden, wie wir sterben wollen? Wir sind Leben und Tod nicht einfach ausgeliefert. Es sollte einen Ort geben, an dem Menschen Todkranken helfen zu sterben, wenn sie es wollen. Und es sollte möglich sein, seine Angehörigen dabei auch außen vor zu lassen.
Ich glaube nicht an einen Himmel. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Warum darf man dann nicht bestimmen, wann es vorbei sein soll?

DER SPIEGEL 27/2015
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