27.06.2015

Petra Sitte, 54

Die Linke, Ökonomin, Antrag 4
Mein Vater war polymorbid. So nennen es Mediziner, wenn jemand viele Krankheiten auf einmal hat. Er litt an Krebs und Alzheimer, er hatte Herz-Kreislauf-Probleme, sein Rücken war kaputt, schließlich verlor er seinen Sehsinn und sein Gehör beinah komplett. Er war zuvor Handwerker gewesen, ein lustiger Typ, immer in Bewegung, jemand, der zentnerschwere Pumpen reparieren konnte. Am Schluss war er ein anderer Mann.
Meine Eltern lebten im 18. Stock eines Hochhauses in Berlin, die ganze Stadt lag ihnen zu Füßen, doch seine Krankheiten haben ihn dort eingesperrt. Gegen Ende brauchte er sie beinah den ganzen Tag. Meine Mutter kochte für ihn, sie wusch ihn, sie brachte ihn zur Toilette. Irgendwann wachte er auch nachts 10-, 20-mal auf und geisterte durch die Wohnung. Sie musste ihn dorthin bringen, wo er niemals hinwollte: in ein Heim.
Da begann es.
Er hatte ein Hobby: Essen. Er hat dreimal am Tag seine Mahlzeiten verputzt, zwischendurch noch Kuchen. Im Heim hörte mein Vater nach einer Weile auf zu essen. Wir haben uns zuerst nichts dabei gedacht, bis er irgendwann auch seine Medikamente nicht mehr nahm. Auch da dachten wir noch, das geht vorbei. Aber nach einem oder zwei Tagen sagte ich: "Mutti, ich glaube, er trifft gerade eine bewusste Entscheidung."
Er war zu dieser Zeit nicht immer klar. Manchmal war er geistig auf seiner Baustelle und hat seine Pumpen repariert. Selbst in seiner Fantasiewelt wollte er nicht essen, nicht trinken. Er wusste genau, was er tat. Ich habe mich viel mit Sterbeprozessen beschäftigt, damals schon, und ich wusste, dass wir ein Zeitfenster von ein paar Tagen haben, bevor er stirbt. Wir redeten auf ihn ein, wir stellten ihm Essen hin, Getränke. Er nahm fast nichts. Er hat den Freitod gewählt.
Ich hätte meinem Vater die letzten Tage gern erspart, und doch hätte ich ihn nicht töten können, auch wenn er mich darum gebeten hätte. Es sollte Möglichkeiten geben, Verzweifelten wie ihm zu helfen, nicht nur durch Angehörige oder Ärzte.
Meiner Mutter geht eine Szene nicht aus dem Kopf: Ein paar Tage vor seinem Tod stand mein Vater in seinem Zimmer im Heim im Türrahmen. Sie fragte: "Was hast du, Kurt?" Er stützte seinen Unterarm auf das Holz des Türrahmens, legte seine Stirn auf den Arm und sagte: "Ich habe das alles so satt. Ich will nicht mehr."
Er fällt in keinen der Anträge rein, er hatte nichts, was akut lebensbedrohlich war. Aber er wollte so nicht leben. Mein Vater, der ein glücklicher Mann war, ist unglücklich gestorben.

DER SPIEGEL 27/2015
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