27.06.2015

Wolfgang Bosbach, 63

CDU, Rechtsanwalt, Antrag 1
Ich habe Krebs. Da leider weder die Operation noch die nachfolgende Strahlentherapie den erwünschten Erfolg hatten, muss ich mich seit drei Jahren einer Therapie unterziehen, die das Wachstum der Krebszellen verlangsamen soll. Zwar ist dies mit Nebenwirkungen verbunden, aber es gibt Schlimmeres. Ich bemühe mich, die Krankheit und ihre Folgen zu verdrängen, aber wenn mir der Arzt erklärt: "Herr Bosbach, Ihr PSA-Wert ist leider wieder gestiegen, wir müssen uns wohl bald einen Therapiewechsel überlegen" – dann kommt auch ein fröhlicher Rheinländer ins Grübeln.
Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre oder lese: Wenn dieses oder jenes passiert, möchte ich nicht mehr leben, denn wenn dieser Fall dann tatsächlich eintritt, sieht man vieles mit anderen Augen. Ein Palliativmediziner hat mir einmal gesagt, dass viele Patienten, die kerngesund eine Verfügung aufgesetzt haben, in der steht, dass sie bei bestimmten Erkrankungen keinerlei lebensverlängernden Maßnahmen wollten, diese mit ganz anderen Augen sehen, wenn der Fall eingetreten ist. Er selbst hätte nur ganz wenige Fälle erlebt, in denen die Patienten unbedingt den Wunsch gehabt hätten, an ihrer Verfügung festzuhalten. Die allermeisten hätten den Wunsch weiterzuleben, auch wenn sie zuvor eine andere Haltung gehabt hatten.
Ich selbst habe keine Patientenverfügung. Woher soll ich wissen, was für mich in einer Situation richtig ist, die ich weder kenne noch kennen kann? Vielleicht habe ich aber auch nur Glück, was andere nicht haben. Ich habe eine Familie, die für mich entscheiden kann, wenn ich das nicht mehr kann. Ich glaube, es ist ein großer Unterschied, ob man einen geliebten Menschen in seinen letzten, schwersten Stunden aus Empathie begleitet oder ob man aus der Beihilfe zur Selbsttötung ein Geschäftsmodell macht, als Alternative zur ambulanten oder stationären Hospizarbeit oder zu einer palliativmedizinischen Betreuung. Das habe ich immer schon so gesehen, auch als ich noch nicht einmal geahnt habe, dass ich an Krebs erkranken könnte.
Der Kölner sagt: "Mir klääve am Lääve." Also: Wir kleben am Leben. Ein Klischee, ich weiß. Aber bei mir ist es tatsächlich so. Wer am Leben "klebt", macht sich natürlich nicht häufig und schon gar nicht gern Gedanken über den Tod. Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Man soll zwar der Gnade des Herrn keine Grenzen setzen, aber selbst wenn ich kerngesund wäre, wären wohl gut zwei Drittel meines Lebens vorbei. Trotzdem rede ich mir manchmal ein, ich sei noch so eine Art Dauermitglied der Jungen Union.

DER SPIEGEL 27/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wolfgang Bosbach, 63

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!