27.06.2015

KommentarGesunder Zweifel

Warum Ärzte sich gegenseitig kontrollieren müssen
Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass sie einem gefährlich werden kann. Etliche Diagnosen und Therapien helfen nur dem Arzt, nicht aber dem Patienten. Das hat nun auch die Bundesregierung erkannt und das "Versorgungsstärkungsgesetz" auf den Weg gebracht, das stufenweise in Kraft treten soll. Unter anderem soll es dazu beitragen, dass die Bürger nur dann operiert werden, wenn dies medizinisch notwendig ist. Davon ist das deutsche Gesundheitssystem weit entfernt. Mit einem Dutzend Chefärzten hat der Chirurg Hans Pässler das Portal "Vorsicht!Operation" ins Leben gerufen, das helfen soll, überflüssige Eingriffe zu vermeiden: Betroffene, denen der behandelnde Arzt eine Operation empfohlen hat, können Röntgenbilder und Kernspinaufnahmen einreichen und erhalten dann, gegen eine Gebühr von 300 Euro, die Zweitmeinung eines unabhängigen Experten. Manche Operateure reagieren gekränkt bis empört auf diese neuartige Ferndiagnose, aber die Bilanz nach 1000 Begutachtungen ist aufschlussreich: In 65 Prozent der Fälle hielten die Experten die empfohlenen orthopädischen Eingriffe für Unfug. Ältere Menschen etwa wurden von den behandelnden Ärzten zu arthroskopischen Eingriffen gedrängt, bei denen das wehe Knie mit einer Flüssigkeit durchgespült wird – aber nur in 20 Prozent der Fälle wäre dies der Zweitmeinung zufolge angezeigt gewesen. Menschen mit Rückenschmerzen wiederum sollten sich an den Bandscheiben herumschneiden lassen – aber nur in 15 Prozent der Fälle war die Indikation dafür gegeben. Vor solchen Eingriffen soll das neue Gesetz schützen: Der behandelnde Arzt wird den Patienten künftig darauf hinweisen müssen, dass er das Recht auf eine unabhängige Zweitmeinung hat, deren Kosten die Krankenkasse trägt. Eine solche Kontrolle ist unverzichtbar; denn leider ist es in der Medizin so weit gekommen, dass man seinem Doktor nicht mehr ohne Weiteres vertrauen kann.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 27/2015
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