04.07.2015

HeimatFremdenzimmer

Wie soll Deutschland mit Flüchtlingen umgehen? Zum Beispiel so wie Hilde und Werner, 86 und 90 Jahre alt. Vor sieben Monaten haben sie einen syrischen Flüchtling in ihr Haus aufgenommen. Freiwillig. Von Özlem Gezer
Hilde ist 86 Jahre alt, Werner bald 90, seit vergangenem Herbst haben sie einen gemeinsamen Sohn. Seit er da ist, reden Hilde und Werner jeden Tag über seine Zukunft und darüber, wie er glücklich werden kann. Er soll nicht so viel mit seinem Smartphone spielen, er soll früher schlafen gehen, er soll seine Hausaufgaben machen, er soll öfter mit ihnen gemeinsam fernsehen, er soll Zeitung lesen, er soll eine gute Arbeit finden, bei der Müllabfuhr vielleicht oder als Serviermann. Irgendwann soll er viel Geld verdienen und sich ein Auto kaufen. Der Sohn von Hilde und Werner heißt Mazen Saramijou.
Mazen ist 42 Jahre alt, geboren in einem kleinen Dorf im Norden Syriens. Mazen war Elektroingenieur, er arbeitete für die Regierung von Assad, dann kam der Krieg, auch in sein Dorf. Im vergangenen Sommer hat er in diesem Dorf seine Eltern zurückgelassen und ist über das Mittelmeer nach Deutschland geflohen. Seit sieben Monaten lebt er bei Hilde und Werner. Er nennt Hilde Mama und Werner Baba.
In seinem deutschen Leben schläft Mazen in einem Zimmer mit Kassettenrekorder auf dem Schrank, Plastikblumen an der Wand und Stofftieren im Regal. Sein Zimmer liegt im ersten Stock, eine Etage über der vollautomatischen Bundeskegelbahn der Gaststätte Strauß. An der Eingangstür ist eine Aufschrift in Glas gemalt: "Fremdenzimmer, seit 1878".
In diesem Haus wohnen jetzt Werner, Hilde, Mazen und die Katze Mukki. Quierschied, ein kleiner Ort im Saarland, nicht weit von der Grenze zu Frankreich, 13 000 Einwohner, mit einer Kirche, dem "Tanzparadies im Rosengarten" am Marktplatz und einer Gemeindebibliothek. Ein Ort, der früher bekannt war für seine Gruben.
Auch Werner war unter Tage, 35 Jahre lang, Schichtführer in der Grube Göttelborn. Er erzählt gern von früher, abends am Küchentisch, wenn sie gemeinsam Rommé spielen. Immer nach dem Abendbrot holt Hilde die Karten aus dem Schrank und zieht eine weiße Decke über den Holztisch, ihre Karten sollen sauber bleiben. Sie mag keinen Schmutz. Auf dem Tisch stehen Multivitaminsaft für Mazen, eine Flasche Bier für Werner und Brombeerschnaps für Hilde.
Über ihnen hängen Traumfänger an der Decke, an den Wänden Ahornblätter, die Hilde und Werner im Wald gesammelt haben, eine Kuckucksuhr, die niemals stehen bleibt, weil Hilde sie immer aufzieht, ein Luftfeuchtigkeitsmesser, damit Werner weiß, wann es regnet. Daneben finden sich Stickbilder, die er selbst gemacht hat, rote Rosen, blaue Landschaften, Deutsche Schäferhunde.
Bevor sie die ersten Karten austeilen, geht Mazen hoch in sein Zimmer, betet zu Allah, kommt zurück, setzt sich auf seinen Platz zwischen Hilde und Werner, legt die Karten in die blaue Mischmaschine und dreht an einer kleinen Kurbel. Werner schreibt schon mal ihre Namen in seinen Punkteblock, er schreibt Sieger 1, Sieger 2 und Sieger 3.
Manchmal machen sie zwischendurch kurze Pausen, dann notiert Werner den Punktestand, und Mazen blättert durch sein Smartphone und zeigt Hilde die neuen Bilder von seinen Kindern. Seine Familie schickt ihm jeden Tag Bilder von da, wo sie gerade ist.
Mazen hat seine Frau und ihre gemeinsamen vier Kinder bei der Flucht aus Syrien mitgenommen, aber in Ägypten ließ er sie zurück. Er wollte nicht, dass sie in ein Schlauchboot steigen. Das letzte Geld der Familie gab er einem Schlepper in Libyen, 2500 Dollar, für eine Fahrt ins Offene. Er hat seiner Familie versprochen, dass er sie nachholt, wenn er irgendwo angekommen sein wird.
Werner verteilt die Karten, Hilde sortiert sie in ihren grünen Kartenhalter aus Holz. Werner hat ihr diesen Halter geschnitzt, denn sie kann die Karten nicht mehr lange in der Hand halten, seit sie einen Finger gebrochen hat. Mazen streicht immer noch durch Bilder, Hilde streicht über seinen Arm, seine Wange, schenkt sich ein Glas Schnaps nach und sagt: "Schätzchen, du vermisst wieder Syrien, oder?"
"Mama, für mich ist Syrien wie Wasser für Fisch."
"Bald sind deine Kinder da."
"Wenn meine Kinder da, dann sagen sie auch Mama zu dir."
"Nein, sie sagen Oma, und dann kriegen sie Bonbons."
Mazen schreibt seiner Frau eine Nachricht, Hilde fragt: "Mazen, warum trägt deine Frau eigentlich ein Tuch auf dem Kopf?"
"Ach Hilde, damit die Haare schön bleiben bis zum Abend, für Mazen", sagt Werner.
"Mama, wir machen, was Allah will", sagt Mazen.
Hilde nimmt ihr Schnapsglas in die Hand und sagt: "Ach Mazen, dieser Allah, der ist mir irgendwie zu katholisch."
Werner brennt den Schnaps für seine Hilde. Sie trinkt ihn gern. Mazen betet gern, fünfmal am Tag. Es funktioniert.
Seit sieben Monaten leben sie so gemeinsam unter einem Dach, Hilde, Werner und der Syrer Mazen. Sitzen da und spielen Karten, Abend für Abend, während sich die Welt draußen weiterdreht, während Monat um Monat Boote im Mittelmeer versinken, während die Toten kaum noch zu zählen sind, während die Debatte, wie Europa, wie Deutschland mit den Flüchtlingen umgehen soll, mit jedem Toten lauter wird und zynischer. Lasst alle rein, das ist die Melodie derer, die auf der linken Seite der Gesellschaft stehen. Dann müsst ihr sie auch in eure Wohnzimmer lassen, so kommt es zurück von rechts, ein Einwand, groß genug, um jede Debatte zu ersticken.
Hilde steckt die Karten in ihren Kartenhalter, sie sagt: "Ich bin auch Flüchtling, Schatz, genauso wie du", und dann beginnt sie zu erzählen von früher, von dem Leben, das sie hinter sich hat, und ihr Sohn aus Syrien legt seine Karten auf den Tisch, denn sie tun ihm gut, diese Geschichten.
Hilde erzählt jetzt von ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Er war ein Großgrundbesitzer, der eine arme Haushaltshilfe liebte, ihre Mutter. "Sie liebten sich sehr", sagt sie, "aber es war verboten." Sie durften nie heiraten, auch nicht, als sie geboren wurde. Ihre Mutter zog weiter, ins nächste Dorf. Hilde hatte viele Väter in ihrem Leben, gute und nicht so gute.
Hilde arbeitete in einem kleinen Friseurladen im Sudetenland, rasierte russische Gouverneure, sie war gerade 18 geworden, als sich ihr Leben veränderte. Am Bahnhof explodierten Waggons, Hilde sah Leichen, Krieg und Flucht zogen in ihr Leben ein. Sie wurde zusammen mit 38 anderen Menschen in einen Viehwagen gepfercht, es gab trockenes Brot und Nähmaschinen, es war das Einzige, was sie mitnehmen durften. Sie wurde nach Köln transportiert, ausgeladen vor einem Auffanglager, einer dreckigen Halle, in der sie wochenlang schlief.
Sie lebte ein Leben als Flüchtling, zog weiter nach Krefeld, Hilde schnitt dort wieder Haare, liebte ihren Chef, von dem sie zwei Kinder bekam, später lernte sie einen anderen Mann kennen, der sie mitnahm nach Quierschied. Hilde wurde Wirtsfrau, züchtete Tauben auf dem Dach und ging regelmäßig kegeln. Quierschied wurde ihre Heimat.
"Heimat ist da, wo dich jemand liebt", sagt Hilde.
"Heimat ist da, wo Hilde ist", sagt Werner.
"Heimat ist da, wo es keine Bomben gibt", sagt Mazen.
Werner wurde in Quierschied kurz nach seiner Geburt abgegeben. Seine Kindheit verbrachte er als Waise in einem Kloster. Dort gab es diesen Gott, an den er heute nicht mehr glaubt, es gab die Bibel, die er auswendig lernte, es gab Schläge. Das Kloster sollte schließen, Werner wurde als Putzhilfe in eine Familie gegeben. "Praktizierende Nazis", sagt er. Ihre eigenen Kinder lernten Sprachen, Werner wickelte einen Lappen um seinen Zeigefinger und putzte die Stuhlbeine. Sie schickten ihn zum Metzger, er bettelte um Wurstschnipsel, der Metzger fragte, für den Hund? Werner sagte, nein, für mich.
Mit 14 stellten sie ihm einen Koffer unter den Weihnachtsbaum. Werner zog aus, wohnte in der Kammer einer Bäckerei, lernte backen. Nach seiner Lehre wurde er Funker bei der Wehrmacht, blieb vier Jahre als Kriegsgefangener in Frankreich. Irgendwann wurde er entlassen, weil sie in der Grube im Saarland Arbeitskräfte brauchten. Er ging unter Tage, später freundete er sich mit Gastarbeitern an und lernte Türkisch. Er heiratete, bekam eine Tochter, bekam Frank, seinen Sohn, der in einem Sportwagen starb, mit 27.
Mazen gewinnt die nächste Runde. Er sagt: "Ja, Mama, meine Gluck ist besser als deine. Sei nicht traurig."
"Glück", sagt sie.
"Gluck."
"Nein, Glüüück."
"Okay, Glüück."
Hilde und Werner lernten sich vor acht Jahren über eine Kontaktanzeige in der Zeitung kennen. Werners Frau war erst wenige Monate tot. Er schrieb Hilde einen Brief. Als sie ihm antwortete, fuhr er auf dem Moped zu ihr, stellte sich auf ihren Hof und schaute durch ihr Küchenfenster. "Sie müssen Frau Strauß sein", sagte Werner. "Komm rein", sagte Hilde.
Es war ein Morgen im vergangenen September, sie saßen in ihrer Küche, tranken Kaffee, blätterten durch das Quierschieder Gemeindeblatt, sie lasen, dass Unterkünfte gesucht wurden, für Flüchtlinge, die aus der Landesaufnahmestelle Lebach nach Quierschied kommen sollten. Sie lasen, dass Flüchtlinge nach einem bestimmten Schlüssel auf die Länder und Städte verteilt werden, Quierschied hat knapp 50 bekommen. Mazen Saramijou war einer der ersten.
Werner und Hilde gingen ins Rathaus und meldeten sich bei ihrer Bürgermeisterin. Die Enkelin war ausgezogen, oben im Haus gab es viel Platz.
Wenige Tage später stand Mazen mit einem Koffer vor dem Haus, sie begrüßten einander, Werner trug den Koffer hoch. Mazen wunderte sich über diesen alten Mann, der seinen Koffer nicht loslassen wollte, der ihm sein Haus öffnete und den Küchentisch für ihn deckte.
Wenn man Werner fragt, warum er das tut, scheint er die Frage nicht zu verstehen. Er versteht nicht, warum Deutschland ausgerechnet jetzt so tut, als wäre es voll. Warum es ausgerechnet jetzt aufhören will, ein Einwandererland zu sein. Warum seit dem Zweiten Weltkrieg über 50 Millionen Menschen nach Deutschland kamen, aber jetzt soll kein Platz mehr sein für die, die ihr Leben dafür riskieren, hierherzukommen.
Werner sagt dann, es könnten doch eigentlich viel mehr Menschen helfen in Deutschland, man brauche nur Platz und ein wenig Geld. Er versteht zum Beispiel nicht, warum die Aldi-Brüder nichts tun.
Vielleicht muss man ein Leben gelebt haben wie Hilde und Werner, um sich die Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland noch vertragen kann, erst gar nicht zu stellen. Sie haben genügend Zumutungen erlebt, um Flüchtende, die einen Ort für ein besseres Leben suchen, nicht als Zumutung zu empfinden. Sie gehören damit wahrscheinlich einer deutschen Minderheit an. Gut zu leben bedeutet für sie nicht, seine Ruhe zu haben.
Manchmal, wenn Werner nicht schlafen kann, geht er hoch in die erste Etage und setzt sich auf den Hometrainer. Er denkt dabei an Mazen, der nebenan schläft, und denkt in größeren Zusammenhängen. Mazen kommt aus Syrien, gut. Er ist jemand, der vor Krieg geflohen ist. Nach Ansicht der allermeisten Politiker wäre er damit ein legitimer Flüchtling. Und wenn Mazen jetzt aus Nigeria käme? Wäre er in derselben Logik ein nicht legitimer Flüchtling.
Das ist nicht Werners Logik. Nach seiner Logik will jeder, der sich in ein Schlauchboot setzt, einem schlechten Leben entkommen. Das kennt er. Wenn er könnte, würde er diesen Politikern einen Satz sagen und eine Frage stellen.
Der Satz hieße: "Keiner verlässt seine Heimat, wenn sie schön ist."
Die Frage würde lauten: "Sollen wir sie ertrinken lassen?"
Er sieht, wer ankommt, vor seiner eigenen Haustür. Und macht die Tür auf.
Werner hat vor Kurzem gelesen, dass es im Jahr 2030 nur noch 77 Millionen Deutsche geben werde. Bei der Zahl dachte er: Vielleicht bringt das die Leute dazu, anders zu denken. Vielleicht verstünden sie dann, dass dieses Land Menschen wie Mazen braucht, seine Frau und seine Kinder. Vielleicht sollte man darüber mal reden und nicht über die Fremden, die das Abendland einnehmen mit Schwert und Koran.
"Mazen", sagt Werner, als er sieht, dass der nicht alles verstanden hat, "Mazen, was in deiner Heimat passiert, hat nichts mit deinem Islam zu tun, Hilde und ich wissen das." Der Krieg sei eigentlich wie früher, heute nur moderner, mit besseren Waffen, neu seien auch diese Kameras, die alles dokumentieren, wie Menschen geköpft werden, wie Städte niedergebrannt werden. Dann erzählt Werner von den Kreuzzügen und zitiert Stellen aus der Bibel, Mazen hört ihm dabei zu, sammelt die Karten ein, legt sie zurück in die Maschine, kurbelt.
"Mazen, weißt du, was ist Bibel?"
"Nein, Baba, was ist Bibel?"
"Bibel ist so was wie Koran, nur anders."
Mazen nimmt sein Smartphone in die Hand, er öffnet den Google-Übersetzer.
"Kind, du brauchst nicht dieses Telefon, ich erkläre dir das: Mohammed hat die Bibel genommen, hat darin gelesen, herumgeblättert, hat sich gedacht, oh, das ist alt, ich schreibe neu. Verstanden?"
Werner trägt ihre Namen in den Punkteblock ein. Sieger 1: Mazen, Sieger 2: Werner, Sieger 3: Hilde. Es ist kurz vor Mitternacht, Hilde sagt noch ein Gedicht auf. Mazen räumt den Tisch ab, Werner packt die Karten in den Schrank. Nachtruhe.
Am nächsten Morgen sitzt Werner auf seinem Ledersofa mit elektrischer Aufstehhilfe und hält die Fernbedienung in der Hand, er dreht die Lautstärke auf, er hört schlecht, ohne seine Hörgeräte eigentlich so gut wie nichts. Hilde sitzt neben ihm, Mazen richtet ihr Sitzkissen. Werner blättert durch die Fernsehzeitschrift, legt sie auf den braunen Kacheltisch, neben rote Geranien im Topf.
Werner zappt durch die Kanäle, er ist stolz auf seinen neuen Fernseher, "das ist HD", sagt er. Eigentlich interessiert sich Werner nicht für Technik, aber Fernsehen ist wichtig. Hilde und Werner sehen gern fern, gern auch mit Mazen. Am liebsten "Bauer sucht Frau" oder "Vermisst". Das sei nicht so brutal wie "Tatort", sagt Werner, "Tatort" verderbe die Jugend. Mazen soll keinen "Tatort" gucken.
Werner schaltet die Sendung "Hallo Deutschland" ein, sie sehen jetzt einen Beitrag über einen Hochzeitsplaner. Die Braut küsst den Bräutigam. "Oh, stopp, nicht sehen", sagt Mazen, er dreht den Kopf vom Fernseher weg und schaut auf sein Smartphone.
"Er schämt sich", sagt Hilde, "er küsst seine Frau nicht vor Fremden." Manchmal wundert sie sich, warum er so wenig Bilder von seiner Frau zeigt. Sie denkt dann, vielleicht stimmt da etwas nicht bei denen in der Liebe? Mazen öffnet wieder den Google-Übersetzer, tippt das Wort "Braut", spricht das Wort laut nach. Lässt sich von Werner "Bräutigam" buchstabieren, schreibt "Hochzeit" vom Bildschirm ab.
Er hat da ein bisschen Druck, Werner findet, Mazen müsse schneller Deutsch lernen. Jeden Morgen nach dem Frühstück geht er schließlich fünf Stunden in den Sprachunterricht. Das Amt zahlt Mazen keine Fahrkarte, weil er nicht weiter als drei Kilometer von der Schule wohnt. Werner sagt, es würden nur ein paar Meter fehlen für die Karte.
Er hat Mazen ein Fahrrad gekauft, damit er nicht zu spät kommt, sie haben Lichter dranmontiert und einen Gepäckträger. Manchmal steigt Werner auch auf sein Moped, nimmt Mazen hinten drauf, fährt mit zur Schule und will von der Lehrerin wissen, ob sie zufrieden ist mit ihm. Er hat Mazen auch beigebracht, wie man Gartenschnecken tötet. Werner kippte Bier in einen Plastikbehälter, stellte es neben den Salat in den Garten und sagte: "Guck, Kind, jetzt sterben sie." Demnächst will er ihm zeigen, wie man richtig kegelt.
Am Nachmittag spielt Werner auf seinem Keyboard die "Zauberflöte", "das ist Mozart", sagt er zu Mazen, dann spielt Werner "Hans im Glück".
Der Mann aus Syrien hört zu und schreibt dabei Nachrichten an seine Frau. Er sucht nach der arabischen Übersetzung für das Wort "Aufenthaltstitel". Er hofft, dass seine Familie bald ein Visum von der deutschen Botschaft in Kairo bekommt. Mazen ist anerkannter Flüchtling, er kann seine Familie nachholen, aber damit sie nachkommen kann, braucht er eine Wohnung, das hat ihm heute die Sachbearbeiterin im Rathaus noch einmal erklärt, Werner saß dabei. Sie sagte auch, dass sie guter Dinge sei, bald eine geeignete Wohnung gefunden zu haben. Abends bekam er noch mal eine Nachricht vom Amt. Es hieß, die Sache sehe jetzt sehr gut aus.
Am nächsten Tag ist Hilde um sieben aufgestanden, weil ihr Geburtstag ist. Sie hat mit Werner gemeinsam Tröpfchenkuchen gebacken und Apfelkuchen mit Zimt.
Am Vormittag sitzen die Frauen aus der Nachbarschaft am Küchentisch, sie haben Geschenke mitgebracht.
Auch Mazen hat ihr ein Geschenk gekauft, ein lilafarbenes Handtuch, mit Herzkerze drauf, verpackt in Glanzfolie, vom Discounter gleich gegenüber. Er hat ihr eine Karte geschrieben: "Ich wünsche schöne Leben meine Mutter. Deine Liebe wird in meinem Herz bleiben für immer". Bevor er hier einzog, feierte er keine Geburtstage. Aber Hilde und Werner schenkten ihm eine Haarschneidemaschine, als er 42 wurde, seitdem schenkt Mazen zurück.
Eine Nachbarin will wissen, ob im Kuchen Eierlikör ist. "Nein, natürlich nicht", sagt Hilde. Ihr Junge dürfe nicht rauchen, nicht trinken und kein Schweinefleisch essen. Deshalb brät sie fast immer nur Pute, deshalb gibt es Lachs und getrennte Plastikdosen mit Aufschnitt, für Mazen mit Geflügel, für Werner und sie Salami.
Eine der Nachbarinnen fragt Mazen: "Trinkst du heute einen Schluck mit?" Hilde habe doch Geburtstag. "Nein, kein Alkohol, sonst Hölle", sagt er. Wenn man Mazen fragt, ob seine deutschen Eltern in die Hölle kommen, weil sie so gern Schnaps trinken, sagt er: "Nein, ich glaube nicht, Allah verzeiht."
Am Nachmittag klingelt sein Telefon. Es ist die Frau vom Amt, sie sagt, es habe nun endlich geklappt mit der Wohnung. Er wird bald umziehen können, in eine Wohnung mit Platz für seine Familie. Es ist eine gute Nachricht für ihn und eine schlechte Nachricht für Hilde. Denn Umzug heißt auch: Auszug.
Sie hatte andere Pläne. Sie hatte mit Werner schon darüber gesprochen, dass man die Gastwirtschaft unten zu einer Wohnung umbauen könnte. Die Gaststätte steht seit einigen Wochen leer. Sie wollten Matratzen kaufen und Gardinen.
"Gehst du wirklich weg?", fragt sie.
"Ich komme jeden Tag. Und du kommst zu mir, Kaffee trinken, Mama. Ist nicht weit, die neue Wohnung."
"Aber du bist doch jetzt wie die Hand am Leib."
Hilde bekommt noch ein paar Anrufe an diesem Tag, ein paar Glückwünsche, und wenn jemand sie fragt, wie es ihr gehe, redet sie über den Flüchtling, der ihr Sohn wurde und jetzt dabei ist zu gehen.
Sie spielen keine Karten an diesem Abend. Sie räumen die Küche auf, und dann ist da noch etwas, was Hilde Mazen fragen möchte. Sie fragt: "Wenn du weg bist, willst du nicht einen deiner Kameraden fragen, ob er in dein Zimmer ziehen will?"
Twitter: @Oezlem_Gezer
Von Özlem Gezer

DER SPIEGEL 28/2015
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