04.07.2015

EnergieDaumen runter

Strafmaßnahmen gegen chinesische Solarzellen sollten die deutsche Fotovoltaikindustrie retten. Bewirkt haben sie das Gegenteil.
Das Arbeitsleben von Manfred Bächler lässt sich in zwei Phasen einteilen: vor dem Sommer 2013 – und danach. "Bis zu diesem Zeitpunkt war alles eine einzige Party", erinnert sich der Unternehmer aus Ulm. Jetzt fürchtet er, seine Firma dichtmachen zu müssen. "Wenn sich bis November nichts tut", sagt Bächler, "dann geht der Daumen runter."
Bächler ist Gründer von Reniva, einem Entwicklungsbüro für Fotovoltaiksysteme mit elf Mitarbeitern. Jahrelang profitierte seine Firma vom deutschen Solarboom, in der Hochphase entstanden Jahr für Jahr Anlagen, die mehr als sieben Gigawatt Strom produzierten, so viel wie sieben größere Kohlekraftwerke. Doch in diesem Jahr dürfte der Zubau gerade mal 1,3 Gigawatt betragen. Das trifft auch Bächlers Firma, bei der wie bei vielen anderen in der Branche Entlassungen anstehen.
Bächler ist verbittert. "Die Ironie der Geschichte ist, dass nicht nur die Politiker schuld sind, die uns die Subventionen gestrichen haben." Schuld trage die Lobbyarbeit der eigenen Branche, genauer: die eines Großunternehmers, der sich in der Öffentlichkeit gern als Guru der Solarenergie feiern lässt – Frank Asbeck, Gründer der Firma Solarworld.
Der politisch gut vernetzte Konzernchef aus Bonn hat es vor zwei Jahren geschafft, ein EU-Verfahren zu initiieren. An dessen Ende belegte Brüssel billige chinesische Solarmodule mit einer Art Strafzoll. Doch das Siechtum der teuren, von Subventionen verhätschelten Solarzellenhersteller in Deutschland konnte auch der Importschutz nicht beenden.
Nun bedrohen die Maßnahmen zudem jene Betriebe in Deutschland und Europa, die Solaranlagen konstruieren und aufbauen. Weil der Aufschlag auf die in China hergestellten Module ihr Angebot verteuert, ist die Nachfrage eingebrochen. "Weltweit sinken die Preise, nur wir koppeln uns davon ab", warnt Patrick Graichen von der Berliner Energiewende-Denkfabrik Agora. Als vor wenigen Wochen Freiflächen-Solaranlagen in Deutschland versteigert wurden, hätte die Vergütung nach Agora-Berechnungen zehn Prozent geringer ausfallen können, wäre der Importschutz nicht gewesen.
Nun tobt ein heftiger Streit in der Branche, im Zentrum Solarunternehmer Asbeck. Im Dezember laufen die Strafzölle aus, Asbeck will sie beibehalten, um seine Solarzellenfirmen zu schützen. "Wir werden mit anderen Herstellern bei der EU-Kommission beantragen, dass die Mindestimportpreise überprüft werden, weil sie wirken", kündigt er an. So würden sie noch mindestens bis August 2016 gelten.
Dagegen formiert sich Widerstand. Über zwanzig Unternehmen, darunter der baden-württembergische Energieriese EnBW, fordern in einer Erklärung, den Strafaufschlag zu beseitigen: "Ohne Handelsbarrieren werden die notwendigen Investitionen in die Energiewende wieder ermöglicht und das Erreichen der Klimaziele erleichtert", heißt es darin. Auch der europäische Branchenverband Solarpower Europe vertritt diese Position. Asbecks Firma verkündete daraufhin ihren Austritt.
Einer der größten Widersacher von Solarworld ist ein Unternehmen aus Oberbayern: Wacker. Der Chemiekonzern stellt Polysilicium her, den Grundstoff der Solarzellen, auch für Kunden aus China. Im Gegensatz zu Asbecks Firma Solarworld profitiert Wacker davon, wenn die Preise für Solarzellen verfallen. Denn je billiger sie sind, umso größer ist die Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens. Im Jahr 2025 könnte die Kilowattstunde Sonnenstrom mancherorts nur noch so viel kosten wie heute eine Kilowattstunde aus Braunkohle. Ist diese Grenze erreicht, erwarten viele Experten einen neuen Boom der Solarenergie, und er wäre nicht getrieben von staatlichen Subventionen.
Die Wacker-Manager und ihre Verbündeten hoffen deshalb, dass Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sich in Brüssel gegen eine Verlängerung der Handelsbarriere einsetzt. In einer Analyse hat sein Haus im Januar festgestellt, neben sinkenden Vergütungen seien für den schwachen Solarausbau die "stagnierenden Preise auf dem europäischen Markt" die Ursache.
Während Asbeck gegen die chinesischen Dumpingmethoden wettert, kauft er selbst kräftig in China ein. So importierte Solarworld für sein US-Werk viele Dutzend Tonnen Wafer von einem Produzenten in China. Wafer sind ein Vorprodukt, aus dem der Unternehmer Solarzellen fertigen lässt. Sein Glück: Wafer sind von den Strafzöllen ausgenommen.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 28/2015
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