04.07.2015

KunstgeschichteDas Geheimnis des Drachen

Er malte mit Läusesaft, verehrte Martin Luther und leitete eine der größten Bilderwerkstätten Europas: Lucas Cranach junior. Nun streiten Forscher, wie der Mann aussah.
Vater und Sohn Cranach gelten als wahre Fließbandfabrikanten der Kunst. Keiner pinselte schneller. In ihrem Atelier in Wittenberg saßen bis zu 40 Gesellen. Gekleidet in groben Zwirn, entwarfen sie Flugschriften, Fürstenporträts, Altarbilder, mythologische Akte.
Manche Farben ließen sie in Misthaufen gären, anderen panschten sie mit Urin. Die meisten bunten Pülverchen kamen jedoch fertig aus Leipzig. Laufburschen eilten in die Messestadt und holten in Beuteln Karmin aus polnischer Schildlaus oder giftiges Bleiweiß. Inventarlisten ist zu entnehmen, dass die Werkstatt pro Jahr bis zu 500 Kilogramm Pigmente verbrauchte.
Schätzungen zufolge bannte das geniale Gespann zwischen 6000 und 12 000 Werke auf Holztafeln, Leinwand und Papier.
Mit diesem Massenausstoß wurden die Cranachs die Bildgeber und Plakatierer der Reformation. Ihren geistigen Anführer, Martin Luther, der nur wenige Türen weiter wohnte, verewigten sie in mehr als 130 Bildern – mal als Mönch, mal als Ehegatte, Fettwanst oder im Leichenhemd auf dem Totenbett.
Und doch: Trotz tausendfachen Lobs liegt ein merkwürdiger Nebel über der Künstlerfamilie. Senior Lucas stieg 1505 zum sächsischen Hofmaler auf, er traf Tizian und Albrecht Dürer. Seine Bilder hingen in den Gemächern des deutschen Kaisers. Er war es, den die Nachwelt mit Lorbeer umkränzte.
Sohn Lucas dagegen blieb blass, stets stand er im Schatten seines übermächtigen Erzeugers. Von etwa 1530 bis 1550 malten die beiden gemeinsam in der Werkstatt. Nur: Wer schuf da was? Die Motive ähneln sich. Auch nutzten die beiden Meister dasselbe Werkstattsiegel – eine Art Drache: die geflügelte Schlange.
Seit Jahrzehnten brennt deshalb ein böser Zwist über die "Händescheidung" von Vater und Sohn. Kaum eine Truppe von Kunstgeschichtlern bekämpft sich dabei so erbittert wie die Cranach-Forscher.
Ein Problem ist auch, dass niemand das Gesicht des jüngeren Cranach kennt. Der Vater ist als beleibter Herr mit grauem Rauschebart gut dokumentiert. Vom Sohn liegt kein einziges eindeutiges Selbstbildnis vor.
Immerhin ist in den vergangenen Jahren ein Aufdröseln des riesigen Œuvre gelungen – wichtigen Anteil daran hat der Hamburger Biologe Peter Klein. Er untersuchte etwa 120 bemalte Buchenholztafeln der Wittenberger Maler und vermaß die Jahresringe des Holzes. So ließ sich das Fälldatum der Bäume ermitteln.
Röntgenstrahlen und die Infrarotreflektrografie wiederum erlaubten einen Blick unter die oberen Malschichten und legten so die verborgene Unterzeichnung frei. Der Kölner Gunnar Heydenreich hat mittlerweile rund 1100 Cranachs mit modernster Technik untersucht. Sein Widerpart Michael Hofbauer aus Heidelberg betreut ebenfalls ein riesiges Datenarchiv. Auch er arbeitet mit Infrarot.
Die beiden Forscher mögen sich nicht. Hofbauer hatte behauptet, andere Kollegen würden Heydenreich für "paranoid" halten. Dafür verklagte ihn der Gescholtene wegen Rufschädigung.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Streithähne sind allerdings verblüffend. "Im Strahl des Infrarot wird deutlich, wie unterschiedlich Vater und Sohn ihre Bilder entwarfen", erklärt Heydenreich. "Der Alte warf seine Vorzeichnung schwungvoll hin." Der Junge dagegen habe den Stift "fast kritzelig" angesetzt.
Auf Basis all dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse hat Sachsen-Anhalt, Wiege der Reformation, es nun erstmals gewagt, dem schwer fassbaren Junior eine eigene Schau zu widmen.
Rund 120 Bildwerke wurden zur Eröffnung am vorvergangenen Freitag im alten Klosterbau der Augustinermönche von Wittenberg präsentiert. Aus Houston kam "Der Sündenfall", aus Oslo eine Nymphe, und aus Reims trafen 13 als "sensationell" eingestufte Porträtzeichnungen ein, die kaum einer kennt. 1,3 Millionen Euro kostet die Schau, die unter dem Motto "Entdeckung eines Meisters" steht.
Als Knabe traf der junge Cranach Martin Luther ständig auf der Straße. Das früheste identifizierte Gemälde von ihm – es zeigt eine Edeldame – malte er im Alter von 19 Jahren. Schon zu der Zeit war er ein Spitzenkönner.
16 Jahre später stieg er zum alleinigen Chef der Werkstatt auf. Der Meister erwarb Gärten, mehrere Stadthäuser und Anteile an einem Bergwerk. Er wurde Ratsherr und Bürgermeister und stattete Wittenberg mit Wasserleitungen aus. Auch besaß er eine Apotheke und einen Ausschank, wo er täglich 30 bis 40 Liter Wein verkaufte. Seine erste Frau starb an der Pest.
Vor allem aber wirkte der jüngere Cranach als Schöpfer des neuen Bildprogramms der Protestanten. Bei ihm blickt die Gottesmutter Maria nicht keusch zu Boden, sondern direkt in die Augen des Betrachters. In der Altkirche galt das als Hurengeste.
Zuweilen teilte der Meister übel aus. So zeichnete er 1545 den Papst als behaartes Tier-Mensch-Wesen mit Fledermausflügeln, das in den Flammen der Hölle schmort.
Um den Ausstoß seiner Malmanufaktur zu steigern, ging der Junior geschickt zu Werke. Beim Bestrahlen des um das Jahr 1555 geschaffenen Riesengemäldes "Das Opfer des Elias" kamen im Infrarot winzige Beschriftungen wie "rott" oder "plau" zutage. Es waren offenbar Anweisungen für die Gesellen, Gewänder und andere, wenig anspruchsvolle Flächen mit den entsprechenden Farben auszumalen.
Die Analysen ergaben auch, dass Cranach der Ältere für seine Blautöne das Mineral Azurit verwendete. Sohn Lucas dagegen setzte vornehmlich zerstoßenes Kobaltglas ("Smalte") ein, das er aus dem Erzgebirge bezog. Sein Schwarz gewann er durch das Verkohlen von Nussschalen.
Das giftige "Auripigment", mit dem der Senior goldene Heiligenscheine ausführte, lehnte der Sohn ab – zu protzig. Ebenso wenig verwendete er das extrem teure Purpur. Der Vater hatte sich die Edelfarbe in Holland besorgt. Für ein Gramm des Pigments müssen die Hypobranchialdrüsen von 10 000 Meeresschnecken zerquetscht werden.
Bei der Grundierung der Leinwände machten beide denselben Fehler. Sie zerkochten Fischblasen oder Hasenknochen und verrührten den so gewonnenen Proteinleim mit Kreide und Mehl. Doch diese Paste neigt zum Abplatzen. Sie wird auch von Ratten gefressen. Ergebnis: Nur rund 1500 Cranach-Werke blieben bis heute erhalten.
Von Qualität und Leistung her war Cranach junior ohne Zweifel einer der ganz großen Künstler der Renaissance. Und doch hat er kein Gesicht – um sein Antlitz ranken sich Rätsel.
Zwar gibt es mehrere mutmaßliche "Kryptoporträts": Der Maler soll sich an verschiedener Stelle an den Bildrand gemogelt haben, so wie Hitchcock, der durch die eigenen Filme lief.
Als heißester Kandidat einer heimlichen Selbstdarstellung gilt ein Mundschenk mit roter Pluderhose und weißen Stiefeln aus einer Abendmahlszene von 1565. Der Mann hat Geheimratsecken und ausrasierte Koteletten. Am Finger trägt er einen Ring mit der geflügelten Schlange – das Wappen der Familie.
Aber ist das wirklich Lucas Cranach der Jüngere?
Die Kuratoren der Schau bejahen das. Und sie bringen noch einen anderen Verdächtigen ins Spiel, einen Rotschopf. Er ist auf dem sogenannten Wittenberger Altar zu sehen. Diese Gestalt zeigen sie auch auf dem Ausstellungsplakat.
Forscher Hofbauer hält all das für "Stuss". "Wittenberg lädt zur Märchenstunde ein", lästert er.
Der Kontrahent hegt einen ganz anderen Verdacht. Demnach prangt der wahre Cranach junior auf einem Ölgemälde von 1549, das einen dickleibigen Herrn mit rotem Bart zeigt, der entfernt an Orson Welles erinnert.
Den Ausstellungsmachern passt das nicht ins Konzept. Sie verschweigen die neue Theorie. Hofbauer aber ließ sich nicht aussperren. Zur Eröffnung der Schau stellte er sich als hitziger Kämpfer für den wahren Lucas direkt vors Premierenpublikum und verteilte eine Lästerschrift, in der er den Kuratoren aus Wittenberg "eklatante Fehlschlüsse" vorwirft.
Was für ein Kunstkampf! Noch bis Anfang November wird dem seltsamen Kunsttitanen aus der Renaissance in Wittenberg gehuldigt. Seine erkennungsdienstliche Behandlung ist allerdings auch 500 Jahre nach der Geburt noch nicht abgeschlossen.
Oder wie es der Ausstellungsleiter Stefan Rhein ausdrückt: "Kein Unbekannter ist berühmter."
* "Das Opfer des Elias", um 1555.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 28/2015
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