11.07.2015

Nostalgie„Hallo, hier ist Norbert“

Der ehemalige Sozialminister Norbert Blüm wird 80. Vorher reist er noch einmal in die Vergangenheit – und ruft alle Nummern aus seinem Telefonbuch an. Von Britta Stuff
Tag eins
Es ist ein früher Nachmittag im Mai, als Norbert Blüm seinen ehemaligen Büroleiter fragt: "Sag mal, Peter, hat sich die Welt für dich verändert?"
Blüm sitzt in seinem Arbeitszimmer, im ersten Stock seiner Stadtvilla in Bonn, dem alten Machtzentrum der Bundesrepublik.
An allen vier Wänden türmen sich Bücher, eine Biografie über Hitler, "Helmut Kohl: Die CDU", "Das große Buch der Heinzelmännchen". Sein Schreibtisch ist ein ausgezogener Esstisch, rechts stehen "Briefbögen Norbert Blüm" in einem Karton, davor ein Globus, am Äquator verhindert ein Tesafilmstreifen, dass die Welt auseinanderbricht.
In der Mitte des Tisches steht das Telefon. Das Kabel ist verdreht, Norbert Blüm muss mit dem Ohr ganz nah an den Apparat.
Er sagt: "Hömma, macht der Juncker das gut?"
Und: "Ich sag dir, mit Controlling kriegste die Welt auch nicht neu erfunden."
Oder: "Na gut, so reden wir alte Leut."
Und zum Schluss: "Nein, ich will nichts Bestimmtes. Ich sitz nur hier im Schaukelstuhl, Wärmflasche an den Füßen, hab mein Hörgerät angemacht und wollt mal durchrufen. Mach's gut."
Die Welt hat sich für Peter Clever durchaus verändert, er ist mit 60 Jahren Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. "Na, der war ja jetzt sehr bestrebt, von seinen Erfolgen zu reden", sagt Blüm, nachdem er aufgelegt hat.
Norbert Blüm hat sich was vorgenommen. Er wird bald 80, und er will in die Vergangenheit reisen, vielleicht auch ein wenig zu sich selbst. Sein Reiseplan liegt vor ihm auf dem Tisch. Er trägt seit 40 Jahren dieses Buch mit sich rum, das "total gammelige Ding", wie seine Frau es nennt, in dem sein Leben in Zahlen steckt. Er weiß nicht mehr, wann und wo er es gekauft hat, manchmal denkt er, es war schon immer da.
Während dieses Buch in Norbert Blüms Aktentasche steckte, fiel die Mauer, die Bonner Republik wurde zur Berliner, Flugzeuge rasten ins World Trade Center, Facebook wurde erfunden. Deutschland bekam eine Kanzlerin.
Norbert Blüm, Sohn eines Kraftfahrzeugschlossers, geboren am 21. Juli 1935 in Rüsselsheim, war Sozialminister, war stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU, wurde Rentner.
Es beginnt bei A wie Ackermann und endet bei Z wie Ziercke. Merkel steht über Möllemann, Schröder bei Scharping. Ein paar Hundert Nummern, sie führen zu alten Erfolgen und Niederlagen, zu alten Gegnern und Weggefährten und manchmal ins Nichts.
Er will ein bisschen Struktur in die Reise bringen, am besten bei A anfangen, die A-Blätter liegen lose zwischen den Seiten verteilt, der Kleber hat nicht mehr gehalten.
",Report Baden-Baden', das war mal eine ganz große Nummer, ist Ihnen das noch ein Begriff?", fragt Norbert Blüm am Anfang dieses Tages, und ohne auf die Antwort zu warten, führt er den Hörer zum Ohr.
"Hallo, hier ist Norbert. Lieber Franz, der Heilige Geist führt mich zu dir, ich hab hier so mein Telefonbuch liegen und mach mal einen Lebensrundlauf und denk, musst doch mal den Franz anrufen, also wie geht's dir denn?"
Franz Alt ist der ehemalige Moderator von "Report Baden-Baden", und es geht ihm gut, er schreibt gerade an drei Büchern, eins über den Dalai Lama, eins über den aramäischen Jesus und eins über den Papst, und als er noch mal nachfragt, wie er Norbert Blüm helfen kann, sagt der: "Gar nicht, ich reise nur durch mein Telefonbuch."
Auf dem Tisch, an den Globus gelehnt, steht eine alte Autogrammkarte, Blüm schaut über den Rand seiner Brille, hält mit der rechten Hand den Bügel und den Kopf leicht schräg, die Karte sagt: "Schaut her, ich bin lustig."
Er ist auch lustig.
Er drückt die Tasten des Telefons, als wäre der Auslösemechanismus ganz tief unten verborgen, als müsste man ihn mit aller Kraft bedienen. Er setzt sich so, dass er aus dem Zimmer schauen kann, er drückt das Kreuz durch. Beim zweiten Klingeln ist ihm meist was eingefallen, und er muss lächeln.
"Guten Tag, ist da Fritz Bohl? Hier ist ein einfacher Staatsbürger, der gern mal mit einem bedeutenden Politiker über längst vergangene Zeiten sprechen würde."
"Hallo, mein Name ist Stan Libuda, ich bin der legendäre Stürmer, der Außenflanken geschossen hat, die bis heute noch nicht wieder die Erde erreicht haben, sprech ich mit Walter Eschweiler, dem WM-Schiedsrichter?"
"Verzeihung, ist da Frank Elbe, der größte Botschafter, den Deutschland je im diplomatischen Dienst gesehen hat?"
Es sind vor allem Männer, die er anruft, es waren Männer, die Deutschland geführt haben, als Norbert Blüm noch kein Rentner war. Manchmal kann er seine Schrift nicht lesen, manchmal ist ein Anruf eine Sackgasse, dann stöhnt er. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Einmal geht statt Frank Elstner "Mirka Schleifmittel" dran, Zahnarztpraxis Dr. Vogel statt Justus Frantz. Als er den Radrennfahrer Rudi Altig anrufen will, klingelt Bofrost an der Tür, und irgendwann, als das Telefon nicht so will wie er, sagt er zum Hörer: "Du zeigst ja schon Ermüdungserscheinungen."
"Komisch, keiner wundert sich wirklich, dass ich einfach so anrufe", sagt Blüm. "Würden Sie sich nicht wundern, wenn ich Sie einfach so anrufen würde?"
Tag zwei
Neben der Klingel zu Blüms Haus ist ein Schild montiert: "Hier war Goethe nie". Gerade war der Mann vom Denkmalschutz da, vor dem Haus will Blüm einen Unterstand für seine neuen E-Bikes bauen, das muss er sich erst genehmigen lassen.
E-Bikes sind praktisch, sagt Norbert Blüm. Selbst wenn man eigentlich nicht mehr kann, kann man noch Rad fahren.
Er sagt auch: Heute müssen wir aber ernst machen mit dem Anrufen.
Norbert Blüm hat diesen wunderbaren Dialekt, er sagt "a-rufe" statt "anrufen" und "hömma" wenn er "hör mal" meint.
Er hat eine Liste gemacht, mit Menschen, die er unbedingt erreichen will, darunter sind die Großen und die Kleinen, als müsste er einen Raum sorgfältig ausleuchten, mit Scheinwerfern, aber auch mit Kerzen.
Genscher, Seehofer, Juncker, Booms, H. P. Blüm.
"Ich kenn alle Arten von Leuten", sagt Norbert Blüm, "nicht nur Politiker."
Draußen ist es zum ersten Mal in diesem Jahr wirklich heiß geworden, und im Arbeitszimmer durchsucht Blüm sein Telefonbuch. Er will heute ein paar Anrufer laut stellen – und ihnen sagen, dass mitgehört wird.
"Gauweiler, soll ich Gauweiler anrufen?"
"Warum nicht?"
Anruf elf.
"Peter! Ich ruf dich nur so an, wie geht's dir denn?"
"Mir geht's gut", sagt Peter Gauweiler.
"Hömma, machst du noch was mit der CSU?"
"Nix. Also, wir haben einfach Dinge beschlossen, die wir bei der Merkel nicht durchkriegen, da gab es dann Theater, und dann müssen die Leute eben auf mich verzichten."
"Haste recht", sagt Norbert Blüm. Und nachdem er aufgelegt hat: "Solche Typen muss es auch geben."
Es gibt alle möglichen Typen. Es gibt Heiner Geißler, Anruf 13, der gerade ein Buch über Luther geschrieben hat. Mit dem kann er sich schnell darüber einig sein, dass es heutzutage in der Politik nur noch Einzelkämpfer gibt. Es gibt Justus Frantz, der die Ostpolitik von Merkel bedenklich findet, es gibt Jürgen Rüttgers, der eigentlich im Alphabet noch nicht dran wäre, zu dem Blüm aber springt, weil er ihm plötzlich in den Sinn kommt. "Was machste, CDU-mäßig?" – "Nichts mehr." – "Ich auch nicht."
Beim 33. Anruf regt sich Norbert Blüm ein bisschen auf. Die machen doch die Rente kaputt.
Walter Hirrlinger, ehemaliger Präsident des Sozialverbands VdK, ist dran, und Blüm sagt: "Ich meine, wir waren auch nicht perfekt, das konnten wir ja nicht sein, aber was die nun mit Riester machen, ist doch ein Unding."
Wenn er sich wirklich aufregt, ballt er eine Faust, aus der nur der Zeigefinger Richtung Himmel zeigt, er sagt: "Walter, eines werd ich dir nie vergessen: Bei der Pflegeversicherung hast du gestanden wie eine Eins." Und als seine Augen ein bisschen feucht werden, sagt er schnell: "Du siehst, Walter, im Prinzip braucht die Welt uns noch. Und sei es nur, damit wir uns haben. Mach's gut."
Norbert Blüm beginnt seine Gespräche meist mit einem Witz, und er beendet sie ganz plötzlich, oft mitten im Satz:
"Siehste, wir alten Säcke sind noch immer gut für die Weltrevolution."
Oder: "Große Worte für alte Männer."
Oder: "Na ja, wir können ja sabbeln, wie wir wollen, auf uns hört ja keiner mehr."
Jedes Gespräch dauert nur ein paar Minuten. Dauert es doch länger, rutscht Blüm auf seinem Stuhl hin und her.
Er kann nicht gut still sitzen.
Zum Beispiel in der Mittagspause bei einem Italiener um die Ecke. Er ist Stammgast. Die Tochter des Wirts hat Geburtstag, sie sitzt in der anderen Ecke das Raumes. Er schaut immer wieder zu ihr, und irgendwann steht er auf, er nimmt einen Strauß Blumen aus einer Vase auf dem Tisch, auf dem Weg greift er aus einer anderen Vase eine italienische Flagge, er läuft durch das Restaurant auf sie zu und singt laut: "Happy Birthday".
Er sagt, Stille sei nie sein Ding gewesen.
Er muss an diesem Abend zu "Stern TV", die Redaktion hat ihn mit versteckter Kamera nach Katar geschickt, um dort die Not der WM-Arbeiter zu dokumentieren, und Norbert Blüm wird an diesem Abend sagen, was für eine Schweinerei das alles sei und dass so jemand wie der Blatter unmöglich Fifa-Chef bleiben könne.
Die Reise nach Katar hat er gemacht, zwei Wochen nachdem ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt worden war.
Er ruft bei einem ehemaligen Mitarbeiter an, "wir können ja nicht nur die Promis anrufen".
Er sagt: "Blüm hier, ist Ihr Mann zu sprechen?"
Und dann: "Oh das tut mir leid, machen Sie es gut."
Die Frau hatte gesagt, dass ihr Mann nicht mehr sprechen kann. "Ich glaube, sie meint, er ist gestorben", sagt Norbert Blüm und wird für einen Moment ganz blass und starrt auf das Telefon, als wäre es die Mordwaffe.
Tag drei
"Ich glaub, ich war ganz gut bei ,Stern TV'", sagt Norbert Blüm, "haben Sie's gesehen?"
Es ist ein Feiertag, Christi Himmelfahrt, und Norbert Blüm sagt, dass er natürlich nicht alle aus diesem Buch anrufen kann.
Da sind zum einen die Toten, die dort stehen, als müsste man nur ihre Nummer wählen, um sie wieder sprechen zu können, und die noch immer in diesem Buch stehen, weil Blüm ihre Namen nicht durchstreichen kann.
Möllemann.
Schockenhoff.
Die Eltern.
Da sind die Vielbeschäftigten.
Schäuble, den kann man nicht stören, Merkel auch nicht.
Da sind die, mit denen er nicht mehr spricht.
Kohl zum Beispiel.
Norbert Blüm und Helmut Kohl waren einst enge Freunde, Blüm war fünfmal Minister unter ihm, und er nennt ihn bis heute einen "großen Politiker". Sie sind zerstritten, seit Blüm dafür gestimmt hat, dass der Altbundeskanzler nach der Spendenaffäre den Ehrenvorsitz der CDU abgeben muss.
"Ich konnte damals nicht anders", sagt Blüm.
Er kann noch heute nicht anders.
Blüm hat ihn danach angerufen, die Büroleiterin Juliane Weber ging ran, im Hintergrund hörte er Kohl brüllen, und Frau Weber sagte: "Er ruft dich zurück."
Blüm sagt, eigentlich denke er selten an Kohl, nur eine Sache sei schon etwas merkwürdig.
Er träumt von ihm, immer wieder.
Doch er sagt, er kann ihn unmöglich anrufen, da könne er noch so viel von ihm träumen. Blüm wartet bis heute auf den Rückruf.
Die Vergangenheit umgibt ihn wie eine warme Decke: Im Regal versteckt sich der Nell-Breuning-Preis, auf dem Tisch dient ein Zinnbecher als Gefäß für Scheren, auf ihm steht: "Herrn Bundesminister Norbert Blüm in Würdigung seiner hervorragenden Verdienste um das deutsche Gastgewerbe".
Auf den obersten Regalbrettern, dicht an dicht: tönerne Bier- und Weinkrüge aus ganz Deutschland. Blüm sagt, dass es eine Zeit in der Politik gab, in der man bei jedem Fest, in jeder Dorfhalle, in jedem Bierzelt einen solchen Krug geschenkt bekam. Und weil er sie nicht wegwerfen konnte, hatte er irgendwann eine Bier- und Weinkrugsammlung.
In der Ecke, in einem Sessel mit abgewetztem Rücken, liest er morgens seine Zeitung.
Er überblättert K und reist ins Saarland. Es ist nicht ganz leicht rauszufinden, welche Nummer die richtige ist, bei den meisten stehen viele: dienstlich, privat, Handy, Fax, alte Nummern, neue Nummern, und Norbert Blüm sagt, so sei das mit den wichtigen Leuten: Die haben nie nur eine Nummer.
"Ist da die Zentrale für sozialistische Gesinnungsprüfung und Gehirnerweichung? Hömma, ich hab dich laut gestellt, ich will dir nur sagen, der SPIEGEL hört mit."
"Alles Arschlöcher."
Es ist Oskar Lafontaine, und Norbert Blüm lacht.
"Du, ich ruf alle meine Freunde an und hör mal, wie es denen geht. Was sagst du denn zur Entwicklung der Linken?"
"Na ja, das sind die Einzigen, die noch nicht zur Einheitspartei gehören."
Wenn Norbert Blüm lacht, dann hält er sich eine Hand aufs Herz.
"Hömma, der Gabriel, wie findste den? Das ist doch jemand, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, oder?"
"Na ja. Rechten Fleck. Für mich ist der eher ein Rechter", sagt Lafontaine.
Dann lachen sie. Früher waren sie Gegner, und heute ist es egal, auf welcher Seite sie mal gekämpft haben und wer wem welche Verwundungen zugefügt hat. Sie waren einfach gemeinsam Teil eines Kampfes, und sie waren wer in diesem Kampf. Es geht dann noch ein bisschen um Schröder und die Riester-Rente, sie reden über eine Kollegin ("Kein großes Licht, aber wenigstens macht sie nichts kaputt") und über die Zeit, als Blüm die Koalitionsverhandlungen wochenlang aufgehalten hat, weil er eine Senkung des Spitzensteuersatzes auf 53 Prozent verhindern wollte. Und dann fragt Norbert Blüm: "Willste nicht mal wieder ein Buch schreiben?"
"Ach weißte, Norbert, man muss im Leben auch akzeptieren, dass man nur Marginalien bewegen kann."
Blüm sagt: "Ich weiß nicht. Meinste?" Und dann macht er wieder einen Scherz: "Na, wie auch immer, grüß deine Alte, ich meine deine Neue. Du hast ja 'ne Neue."
"Du kannst ruhig Sahra sagen."
Anruf 43: "Sag mal, ich hab ewig nichts mehr vom Peter gehört."
Anruf 48: "Weißte schon, der Ackermann ist gestorben?"
Anruf 49: "Was macht der Rudi? Noch klar im Kopp?"
Anruf 66: "Lieber Bruder, das Gretchen hat mich grad aus dem Himmel angerufen, ich soll mich um ihren Lieblingssohn kümmern."
Die Frau von Norbert Lammert sagt, dass ihr Mann unterwegs sei, generell viel zu viel, manchmal flehe sie ihn an, dass er sich schonen müsse.
Frank Elstner ist auf Kur.
Ein ehemaliger Pater aus Trier löst seinen Haushalt auf – und weiß nicht, ob man Bücher einfach wegwerfen darf.
Der Schauspieler Peter Sodann sagt, er sei ein Mann, der mit dem Rücken zur Wand stehe, seit die Linke ihn zum Bundespräsidenten machen wollte. Er sagt, er verstehe die Politik nicht mehr.
"Norbert, die quatschen und quatschen und passieren tut nüscht."
Er will nun eine Akademie gegen das Vergessen gründen. Und alle Bücher sammeln, die je in der DDR erschienen sind. Er habe schon vier Millionen.
Das Fax hinter Blüm summt, er hat sich von seiner Sekretärin ein paar Nummern schicken lassen, die er gerade nicht finden konnte.
"Die Ackermann wär gut, oder? Den Ackermann kennen Sie, oder? Der hat die Öffentlichkeitsarbeit für den Kohl gemacht."
Klingeln.
Klingeln.
"Ist nicht da. Blöd."
"Ackermann."
"Spricht dort die berühmte Johanna Ackermann, der Liebling aller Männer?"
"Ja, Nobbi!"
"Ja, wie geht's dir denn?"
"Ja, mir geht's gut, und dir?"
"Haste dich in deine neuen Verhältnisse eingelebt?"
"Na ja, das war schon eine Umstellung."
"Weil der Eduard nicht mehr da ist?"
"Ja."
"Du darfst dich nicht hängen lassen", sagt Norbert Blüm, und er sagt es nicht hart, sondern so, als würde er eigentlich etwas anderes sagen wollen, als würde er sagen wollen: "Das tut mir alles so leid" – und es nicht sagen kann.
Sie sprechen dann ein bisschen darüber, wie es so ist im Altersheim. Sie sagt, dass man sich an alles gewöhnen könne, aber eines sei dann doch schwer: Neulich seien innerhalb kürzester Zeit 14 Menschen gestorben, erst eine Grippewelle, dann ein Magen-Darm-Virus. Und die Neuen seien sicher nett, aber sie kämen quasi nie aus ihren Zimmern.
Er ruft noch den Bernhard an. Der lag ein Jahr im Koma, nach einer Blutvergiftung, und Blüm sagt: "Was machst du denn für Sachen, Blutvergiftung, in unserem Alter, das macht man doch nicht." Bernhard sagt, dass es ihm schon seit Jahren häufiger mal passiere, dass eine Krankheit komme und er sich nicht mehr so schnell davon erholen könne. Sie sprechen über Kämpfe, die sie zusammen geschlagen haben, sie sagen sich, dass sie in einer großen Zeit Politik gemacht haben, sie sagen: Das haben wir gut gemacht. Vier Wochen später stirbt Bernhard Jagoda, der ehemalige Chef der Bundesanstalt für Arbeit, und die Nachrufe in den Zeitungen beweisen, dass einem die Vergangenheit wirklich niemand nehmen kann, dass sie einem gehört, für immer.
Tag vier
"Blüm, ist der Herr Kauder zu sprechen?"
"Ach, im Wahlkreis unterwegs?"
"Ja, gut, dann versuche ich auf dem Handy, ja?"
Klingeln.
"Hier ist dein Fan Norbert Blüm! Ich mach grad so ein Spiel, ich ruf all meine Freunde an."
Die Themen: Die Riester-Rente ("Macht alles kaputt") und die Frage, ob Fraktionsvorsitzender ein schöner Beruf ist.
Blüm: "Ich wär ja gern Fraktionsvorsitzender gewesen, Volker, das ist ein toller Job. Ich meine, als Präsident biste Frühstücksdirektor, als Kanzler eine Vermittlungsmaschine, aber Fraktionsvorsitzender!" Und Volker Kauder antwortet: "Ja, ich mache das schon auch gern. Aber wenn man seinen Job so versteht wie ich, dass man sich nicht mit der Chefin öffentlich streiten soll, dann ist es auch nicht immer einfach."
Das Gespräch hat nur eine Minute gedauert, Volker Kauder, amtierender Fraktionsvorsitzender der Union, ist einer der wenigen, die das Gespräch beenden, bevor Blüm es tun kann.
Blüms Telefonbuch sieht vernarbt aus. Seine Frau hat irgendwann versucht, es mit schwarzem Klebeband zu reparieren, das Band rollt sich an den Seiten auf. Bei R und S fehlen die Register, sie sind nach vielem Berühren rausgefallen. Einmal ist ein pinker Stift im Buch ausgelaufen, manche Seiten sind voll mit Kritzeleien: Blumen, Kästchen, abstrakte Figuren, die Namen stehen kreuz und quer in Rot, Blau, Grün und Schwarz. Blüms Handschrift hat sich mit den Jahren geändert, manchmal sieht sie aus, als wollte sie sich ducken, manchmal macht sie sich groß, als gälte es, eine Nummer in Stein einzumeißeln.
Wo früher das Büro Lafontaine ranging, meldet sich jetzt das Vorzimmer von Schäuble. Bei Stoiber steht nur die Amtsnummer, oder wie Blüm sagen würde: als der Stoiber noch der Stoiber war.
Er reist zu Genscher – "Hans-Dietrich, wie geht's dir denn?" Genscher hat sich eine Prellung am Rückenwirbel zugezogen, als er die Entfernung zwischen Gesäß und Stuhl nicht richtig eingeschätzt hat.
"Ja, mach dir nichts draus, Hans-Dietrich, du hast einfach mehr Ahnung von Politik als von Physik."
Er reist zu Franz Steinkühler, dem ehemaligen Vorsitzenden der IG Metall, der fragt, ob Blüm das Ende der Ehe zwischen Mann und Frau auch so schlimm finde – "oder bist du etwa auch schon schwul, Norbert?"
Das Alphabet ist inzwischen komplett vergessen, Blüm sieht sein Telefonbuch durch, als müsste da noch ein Schatz gehoben werden, er fragt: "Juncker? Wollen wir Juncker anrufen?", und er tut auch so, als ginge es gar nicht mehr um ihn: "Wallraff? Wär der was für Sie?"
Er sagt, dass man mittags eine Pause machen muss, weil die Leute da schlafen.
"Guten Tag, Blüm hier, könnte ich den Herrn Ministerpräsidenten Seehofer sprechen?"
"Tut mir leid, Herr Blüm, der Herr Ministerpräsident ist im Urlaub, kann ich was ausrichten?"
"Wenn er Lust hat, soll er mich mal anrufen."
"Gerne. Haben Sie denn ein spezielles Thema?"
"Joa, das Wetter wär schön."
Er hat den Hörer gerade aufgelegt, da klingelt es. "Stern TV", schon wieder.
"Neue Entwicklungen im Fall Blatter soso, ja, da könnte ich schon kommen, also heute sagen Sie ... okay, ich komme!", sagt Blüm, und nachdem er aufgelegt hat, fragt er: "Meinen Sie, ich muss da hin?"
"Ich weiß nicht genau."
"Ich glaub, ich muss da hin."
Norbert Blüms Telefon klingelt fast ununterbrochen, seine Nummer steht im Telefonbuch. Sie fragen, ob dort "Dr. Norbert Blüm" spricht, sie haben Sorgerechtsprobleme, Ärger mit Unterhaltszahlungen, sie suchen jemanden, der ihnen helfen kann oder zumindest zuhört. Sie denken: Der war doch mal Minister. Aber er kann meist nichts tun und sagt schnell: "Sie sind bei mir leider falsch." Eine Geheimnummer will er nicht.
Unten in der Küche hängt sein Leben an der Wand, Blüm als Kind, salutierend im Matrosenanzug, Familienbilder in Sonnenblumenfeldern, längst vergessene Vorfahren auf ovalen gerahmten Porträts, und Blüm sagt, dass das auch schwer sei, in einem Moment sei man einer der meistgefragten Menschen Deutschlands und im nächsten soll man dann was sein? Rentner?
Und was soll man zu sagen haben? Nichts?
In der Schreibtischunterlage liegt ein Blatt Papier, er kann es nur schwer ablösen, die Tinte hat sich über die Jahre mit der Folie verbunden, aber dann liest er die erste und die vorletzte Strophe vor, bewusst getragen, "Der alte Mann im Frühling", Brecht:
Ach, in meinen Jugendjahren / War der Frühling schöner noch als heut. / Daß die schönen Mädchen schöner waren / Ist das letzte, was uns Alte freut.
Aber daß die Sonne immer kälter / Wo sie doch dereinst so herrlich war / Ist nicht gut, denn wird man merklich älter / Liebt man Sonne mehr mit jedem Jahr.
Dann lacht Blüm, und alles Getragene ist weg, er wirft das Blatt weg und fragt: "Wolln wir noch einen?", als müssten wir jetzt einen Schnaps trinken.
Anruf 115, der letzte.
"Hier ist Norbert Blüm, ist dort Bio? Ich wollt mich nur mal nach dir erkundigen."
Alfred Bioleks Stimme erfüllt den Raum.
"Ach, das ist nett, wie geht es dir denn? Ach, ich hab dich öfter in der Zeitung gesehen. Du machst ja so viel und ich gar nichts mehr. Ich bin jetzt auch schon 80, im Juli werd ich 81."
"Ich werde 80, ich folge dir auf den Spuren."
"Ja, wir sind beides alte Säcke!"
"Ja, na wunderbar! Lass uns doch mal treffen."
"Das machen wir."
Blüm sagt, das sage man eben so, einfach weil es sich gehört. Möglicherweise trifft man sich nie wieder. Aber man hat es gesagt und genau so gemeint in diesem Moment.
Doch eigentlich will er meist niemanden treffen. Er ist nicht zum letzten Klassentreffen gegangen, er geht nicht oft zu Veranstaltungen, zumindest nicht mehr so oft wie früher.
"Warum haben wir das alles gemacht, Herr Blüm?"
"Warum, fanden Sie's nicht gut?"
Er sieht besorgt aus.
"Doch, aber warum?"
"Ist doch auch gut, dass man einander noch mal sagt: Du warst wichtig. Oder?"
Norbert Blüm war 16 Jahre lang Bundesminister, er hat drei Kinder, und er sagt, dass er sich nicht mehr ganz sicher ist, ob er wirklich wichtig war.
Von Britta Stuff

DER SPIEGEL 29/2015
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