11.07.2015

Ein Meldung und ihre GeschichteTouché

Ein polnischer Aristokrat nimmt fremdenfeindliche Sprüche persönlich und fordert Genugtuung.
Jedes Duell erfordere die Wahl einer Waffe, sagt Jan Zylinski. In seinem Schlafzimmer verwahrt er für solche Zwecke einen schweren Kavalleriesäbel aus dem Zweiten Weltkrieg mit leicht gekrümmter Klinge aus geschliffenem Stahl. Zylinski ist ein Mann, der seinen Stammbaum bis ins Jahr 1224 zurückverfolgen kann und der es sich in einem weißen Herrenhaus in Ealing, Westlondon, so gemütlich gemacht hat, wie ein König des frühen 18. Jahrhunderts das vermutlich getan hätte.
In den Ballsaal hat er einen goldenen Steinway-Flügel rollen lassen, nicht für sich – nur falls es einem Gast beliebt, mal eine Etüde spielen zu wollen. An einem Nachmittag im Juni serviert er dort Tee, auf einem Tischchen aus indischem Marmor und mit Geschirr, in das er dezent "Le Prince Zylinski" hat prägen lassen. Am Morgen hat er anderthalb Stunden Ballett getanzt, dann fünf Interviews gegeben, gerade sinniert er darüber nach, der nächste Bürgermeister Londons zu werden. Die Stimmen der Polen in der Stadt seien ihm sicher, sagt er, das verdanke er dem Säbel. Man muss das erklären.
Zylinskis Vater war polnischer Kavallerieoffizier im Zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1939 nahm er seine Pistole, gürtete besagten Säbel um die Lenden, sattelte ein Pferd und führte 85 polnische Reiter des 11. Ulanen-Regiments in die Schlacht von Kałuszyn in Ostpolen. Er konnte den Krieg nicht gewinnen, aber er hielt das Infanterieregiment 44 der Deutschen so lange auf, dass sich ein paar Tausend Zivilisten aus der Stadt retten konnten. Sein Vater, sagt Zylinski, sei ein ruhiger Mensch gewesen, ein Anwalt, der gern in seiner Bibliothek saß und las. Aber als es darum ging, aufzustehen und sein Pferd zu satteln, sei er aufgestanden und habe sein Pferd gesattelt. Sein Denkmal steht heute in Kałuszyn, überzogen mit Gold, acht Meter hoch.
Vielleicht hat jeder Mensch in seinem Leben einmal einen solchen Moment, in dem er wählen muss zwischen Trägheit und Ehre. Zylinskis Moment kam vor einiger Zeit bei Starbucks, als er die Zeitung las.
Es war ein Satz von Nigel Farage, der in ihm einen Grimm weckte, den er von sich nicht kannte. Farage ist Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei Ukip, die bei den Europawahlen im vergangenen Jahr stärkste britische Partei wurde. Dieser Farage hatte seine Verspätung bei einer Wahlkampfveranstaltung damit entschuldigt, dass zu viele Migranten auf der Autobahn unterwegs gewesen seien. Statt bis zu vier Stunden, wie üblich, habe er mehr als sechs gebraucht, sagte Farage. Schuld an seiner Verspätung sei also nicht er, sondern die zügellose britische Einwanderungspolitik.
Zylinski versucht normalerweise, Sätze wie diese in der Zeitung zu ignorieren. An diesem Morgen aber ging er nach Hause, zog sich einen dunklen Anzug an, kämmte seine grauen Haare und holte aus dem Schlafzimmer die Klinge aus Stahl. Dann schaltete er eine Kamera ein und nahm sich vor, höflich zu bleiben. "Genug ist genug, Mister Farage", sprach er in die Kamera, den Säbel in der Hand. "Ich fordere Sie zum Duell. Ich möchte, dass wir uns im Hyde Park treffen, mit unseren Schwertern, und diese Angelegenheit lösen. Sind Sie bereit?"
Das Video schickte er Farage und ein paar Freunden. Sein Bruder versprach, ihm als Sekundant zur Seite zu stehen. Sie warteten auf eine Antwort. Nach der Duellforderung wachte Zylinski manchmal nachts auf. Er stellte sich vor, dass Farage an der Haustür klingeln und das Duell wirklich einfordern würde. Er wäre dann bereit gewesen, sagt Zylinski, er sei der Sohn seines Vaters. Trotzdem habe er auch nichts dagegen, mit Farage einen Tee zu trinken und ihn mit Worten zu besiegen.
Ein Duell, sagt Zylinski, wäre die Art gewesen, wie ein polnischer Aristokrat und ein britischer Gentleman die Sache früher geregelt hätten. Unter Politikern galt Gewalteinsatz lange als einfache Lösung für komplizierte Sachverhalte. Der US-amerikanische Vizepräsident erschoss 1804 seinen langjährigen Rivalen. Bismarck duellierte sich am Tegeler See mit dem Abgeordneten Georg von Vincke. Noch in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts traf sich der uruguayische Innenminister mit dem ehemaligen Industrieminister zum Pistolenduell.
Im Fall von Zylinski und Farage nahm das Ganze eine Wendung, mit der keiner von beiden gerechnet hatte. Zylinski ließ das Video bei YouTube hochladen. In den ersten Tagen schauten es 400 000 Menschen. Zylinski bekam begeisterte Mails von Polen, die endlich das Gefühl hatten, dass jemand ihre Ehre verteidigte. Selbst ein Brite fragte: "Können wir Prinz Philip gegen diesen Typen eintauschen?" Bei einer Umfrage des "Telegraph" votierten 83 Prozent der Leser für Zylinski als möglichen Gewinner des Duells. Ein paar Tage nach der Forderung ließ Nigel Farage ausrichten, dass er kein Schwert habe. Zylinski hat sein ganzes Leben daran gearbeitet, als guter Brite zu gelten, denn er liebt dieses Land. Er arbeitete hart, sammelte Geld auf Wohltätigkeitsveranstaltungen, stellte sich einen Bentley vors Haus, las Shakespeare und mähte seinen Rasen, so kurz es ging. Aber erst jetzt, mit 64 Jahren, da er zum Helden der Polen geworden ist, fühlt er sich in England angekommen. Die großen Zeitungen des Landes haben über ihn berichtet. Er ist in Talkshows aufgetreten, er hatte Gelegenheit, über die Fremdenfeindlichkeit von Farage zu reden. Viele fanden es ganz einleuchtend, was der höfliche Mann mit dem Säbel sagte. Farage wirkte dagegen unsympathisch. Im Mai fanden Unterhauswahlen in Großbritannien statt. Farage verlor knapp seinen Wahlkreis. Zylinski sagt, es sei gut möglich, dass er den Unterschied ausgemacht habe. Dann hätte er das Duell gewonnen. Sein Vater, sagt er, wäre sehr stolz auf ihn gewesen.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 29/2015
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