11.07.2015

IdealeDer letzte Europäer

Ein entschlossener Rumäne fährt Menschen und Waren in tagelangen Touren 4000 Kilometer nach Portugal und zurück. Wer ihn begleitet, kommt auf die Idee, dass es einen europäischen Traum gibt, der nicht stirbt. Von Juan Moreno und Thomas Grabka (Fotos)
Der Held dieser Geschichte sieht älter aus, als er ist, 34, er hat kräftige Oberarme, ein sanftes Gemüt, und er weiß, was viele Leute hören, wenn einer Rumänien sagt. Es gibt in Europa Länder mit einem schlechten Ruf, es gibt welche mit einem sehr schlechten Ruf, und dann gibt es da noch Rumänien. Ein Land, klar, in dem der Leiter der Antikorruptionsbehörde wegen des Verdachts auf Korruption zurücktreten muss. In dem der Ministerpräsident als Geldwäscher beschuldigt wird. Letzter Platz beim Zahnpastaverbrauch in der EU. Weit vorn beim Alkoholverbrauch. Solche Sachen, unser Mann kennt sie alle, weil er herumkommt in Europa. Im Politiksprech könnte man sagen: Er ist ständig auf Achse für die Vertiefung der Europäischen Union.
1992 hatte Rumänien noch 23 Millionen Einwohner, heute sind es 4 Millionen weniger. Die Ausgereisten profitieren davon, dass es in Europa eine nicht erklärte Arbeitsteilung gibt, die ungefähr so geht: Überall, wo keine gebildeten Kräfte, sondern eher Ungebildete, Kräftige gebraucht werden, rufen die Arbeitgeber nach Rumänen. Auch die Deutschen.
Ohne Rumänen stünden Schlachthofbetreiber brusttief in ihren Schweinehälften. Den schönen deutschen Bau- und Ausbauboom könnten Immobilienentwickler vergessen ohne Rumänen. Den geliebten Spargel ernten sie auch und die Kartoffeln noch dazu. Aus ihrer Sicht ist alles besser, als in Rumänien zu bleiben. Und deshalb ist Abhauen von zu Hause so ziemlich das Rumänischste, was man machen kann. Und das ist gar nicht schwer.
Man steigt in einen dieser Minibusse und klappert gen Westen. Die Busse gibt es zu Hunderten, in jeder rumänischen Stadt. Deutschland, einfache Fahrt, 70 Euro. Holland 80 Euro, Belgien 80 Euro, Frankreich, Italien, Portugal 120 Euro. Eine riesige rumänische Kleinbusarmada fährt seit Jahren durch Europa. Und hier kommt der Held dieser Geschichte ins Spiel, ein Held der Freizügigkeit, ein Held der Marktwirtschaft, irgendwie, auf seine Weise: ein Held Europas. Er soll Viktor Talic heißen, sein Klarname stünde hier nicht gut, er geriete in Gefahr, verfolgt zu werden, wie das Helden oft geschieht.
Viktor Talic macht Portugal. Er fährt nicht nur den Bus, er ist auch Spediteur, Geldtransporter, Bote, Hehler, Fernmelder. Mit acht Landsleuten an Bord seines Mercedes-Sprinters bewegt er Menschen und Waren von A: Rumänien, nach B: Portugal, wohin es viele Rumänen verschlagen hat. Einige seiner Kunden versuchen zum ersten Mal ihr Glück im Ausland; andere gehen kurz zum Spargelstechen, zu Baustellen, in Tiefkühlkostfabriken, sonst wie auf Montage; wieder andere waren nur kurz in der Heimat, weil sie Papierkram in Bukarest erledigen mussten, sie hauen nicht ab, sondern fahren nach Hause, wenn sie nach Portugal fahren.
Talics Laderaum ist voll mit Paketen, immer. Er transportiert Geschenke an die Verwandten in der Fremde. Selbstgeschlachtetes, Selbstgenähtes, vor allem Selbstgebranntes. Alles, ganz gleich, ob Paket oder Mensch, wird an die Haustür gebracht. Ganz egal wo in Portugal. Es gibt keine Quittungen, keine Belege, aber auch nie Probleme. Auch nicht, wenn jemand Talic einen Halbjahresverdienst gibt, um ihn der Familie zu bringen.
Viktor Talic steht Mitte Mai im Stadtzentrum von Satu Mare, seiner Heimatstadt im Nordwesten Rumäniens. Er ist mit seinem Bus gekommen, die Kunden sind alle pünktlich, alle geduscht, alle etwas melancholisch, und alle haben mehr als den verabredeten einen Koffer dabei. Sieben Träume vom Westen.
Ein junges Ehepaar und ein altes, eine schwere Frau, die während der 50-stündigen Fahrt kein einziges Wort sagen wird, dazu ein hagerer, dünner Typ, wie er in Hollywood gern in der Rolle des terroristischen Schläfers eingesetzt wird, und ein hübsches Mädchen in einer weiß glänzenden, paillettenbesetzten Aufmachung, die eigentlich ein Trainingsanzug ist.
Von allen Fahrern in Satu Mare verkauft Talic die härteste Tour. Von hier nach Portugal sind es – auf seinem Weg – knapp 4000 Kilometer. Talic fährt eine ausgeklügelte, über Jahre optimierte Route, seit zehn Jahren ist er im Geschäft. Italien, obwohl es kürzer wäre, wird gemieden, weil die Carabinieri in der Vergangenheit rumänische Autos bei kleinsten Unstimmigkeiten konfiszierten. Die Fahrer bekamen einen Zettel mit der Information, dass ihr Auto erst mal weg sei und sie auf eine Gerichtsverhandlung warten müssten. Aber warten? Auf ein Gericht in Italien? Lieber fährt Talic 500 Kilometer mehr.
Endstation ist immer Portimão an der südwestlichen Spitze Europas, Talics Mutter ist dort mittlerweile hingezogen. Westlicher geht es in Europa kaum. Die Fahrt dauert 50 Stunden, und das erste rumänische Wort, das man lernen wird, ist "cinci", das heißt fünf. Genau so viele Minuten macht Viktor Talic Pause nach dem Tanken. Das zweite Wort ist "cincisprezece", das heißt fünfzehn, so lange dauern die Essenspausen. Schlafzeit? Ist nur einmal geplant. Drei Stunden irgendwo in Nordspanien. Übermorgen. Den Rest der Zeit ist er wach.
"Verrückt, was?", fragt Talic.
50 Stunden am Stück, 4000 Kilometer durch Europa. In einem alten grünen Mercedes-Sprinter, der 1,2 Millionen Kilometer auf der Uhr hat. Innen brettharte, abgewetzte Sitze, hinten ein zweiachsiger Anhänger, auch voll beladen. Dazu, als Extraballast, rumänischer Discopop in bestialischer Lautstärke, in Endlosschleife und pausenlos, damit Talic nicht einschläft, ehe Nordspanien erreicht ist.
In Frankreich keine Autobahn. Zu teuer. Durch das größte Flächenland der EU deshalb auf Landstraßen. Und dann, nach zehn Stunden Pause in Portugal, die Rückreise. Macht 8000 Kilometer Fahrt, 100 Stunden am Steuer in etwas mehr als fünf Tagen. Verrückt? Lebensmüde? Business?
Viktor Talic ist ein angenehmer Mann, den Millionen Kilometer hinter dem Lenkrad völlig gelassen gemacht haben. Er versteht die Kritik an seinem Lebensstil und erzählt, dass er nicht immer Busfahrer war. Ein ganz annehmbarer Schüler sei er gewesen, gut in Mathe. Aber eines Tages fiel seinem Vater beim Sägen eines Baums eine Eichenkrone auf den Hinterkopf und schlug ihm beide Augäpfel aus dem Schädel, er stürzte nach vorn, die rote Druschba – die sowjetische Motorsäge – lief noch, und sie schnitt sein Herz in Stücke.
Talic war damals 14 Jahre alt. Eine Woche nachdem sein Vater im Wald gestorben war, verließ er die Schule, nahm die Druschba, die für ein Kind viel zu schwer ist, und ernährte mit ihr vier Jahre lang die Familie. Dann ging er nach Portugal und arbeitete auf dem Bau.
Talic erzählt das in warmen Worten. Er ist kein Aufschneider, und seine Mutter wird 50 Stunden später am Südwestzipfel Europas jede Zeile seiner Geschichte mit Tränen in den Augen bestätigen. Wer als Kind jahrelang mit der Motorsäge eine Familie ernährt hat, findet 4000-Kilometer-Touren durch Europa nicht mehr verrückt. Eher ein angenehmer Job.
Talic startet den Bus. Der überladene Mercedes quietscht und ruckelt, aber er fährt. "Das Wasser, hinten im Laderaum, das meinte ich", sagt Talic, "das finde ich nicht normal." Hinten, unter Dutzenden Paketen, liegen 50 Flaschen rumänischen Mineralwassers. Irgendein Typ in Lissabon bestellt sie jeden Monat. Der Mann trinke kein portugiesisches Wasser, sagt Talic, er lasse sich das rumänische kommen. "Jedes Kilo, das ich transportiere, kostet zwei Euro. Das ist ziemlich teures Wasser."
Bald ist Ungarn erreicht.
An der Grenze geht nichts. Dutzende Mercedes-Sprinter stehen hintereinander, die meisten mit Anhängern, rumänisches Im- und Exportgeschäft. Es ist ein warmer Tag, die ungarischen Zollbeamten schwitzen in ihrer blauen Uniform und führen vor, wie unendlich langsam man in einem Pass blättern kann.
Viktor Talics Chef, der Besitzer des Mercedes-Transporters, steht mit einem VW Passat direkt vor dem Bus in der Schlange, er kommt immer bis zur Grenze mit, weil er die Zöllner am besten kennt. Talic und er, sie hatten gestritten bei der Abfahrt, der Chef schimpfte auf das ewige Übergepäck. "Drei verfickte Koffer jeder", hatte er gekeift, "was glauben die denn – dass sie beschissene Businessklasse fliegen?"
Statt für das Übergewicht Geld zu verlangen, drückte Talic jedem Fahrgast zwei Stangen Zigaretten in die Hand, so viel, wie jeder innerhalb der EU zollfrei mitführen darf, sie schmuggeln jetzt sozusagen legal Zigaretten. In Rumänien kostet eine Packung rund zwei Euro, in der Ukraine, wo der Chef sie gekauft hat, etwas mehr als einen Euro. Irgendwo in Südfrankreich wird Talic sie einem Mann an einer Autobahnraststätte übergeben. Die 16 legalen Stangen von sich und seinen Kunden und die gut 20 nicht legalen, die irgendwo im Laderaum versteckt sind. In Frankreich kostet eine Packung Zigaretten zwischen sechs und sieben Euro. Ein schöner Beifang.
Als Talic am ungarischen Schlagbaum nicht weiterkommt, steigt sein Chef vorn aus und begrüßt einen der Zollbeamten. Man umarmt sich. Man kennt sich. Ein kleiner Schwatz, ein schneller Blick in den Pass, in dem etwas liegt, was der Zöllner nimmt mit geübten Fingern, zwei Minuten später darf Talic aus der Schlange ausscheren, und beim Vorbeifahren wünscht der Ungar in Uniform dem Rumänen im Mercedes gut gelaunt eine gute Fahrt.
Wie viel war das? "Etwas mehr, als wir dem hier geben müssen", sagt Talic. Etwa einen Kilometer nach der Grenze steht der nächste Wegelagerer. Diesmal ist es ein dicker Verkehrspolizist in einer roten Warnweste. Er steht am Straßenrand und streckt die Hand aus. Jeder Kleinbus, der mit Rumänen beladen passieren will, muss stoppen. Die Fahrer kurbeln die Scheibe runter und drücken dem Kerl in Polizeiuniform Geld in die Hand. Geredet wird nicht, man versteht sich wortlos. Es ist eine Art Eintrittsgeld, das nur Rumänen zahlen.
Und wenn man nicht zahlt? "Pakete offen und auf der Straße", sagt Talic. "Innenverkleidung ab, Motorraum durchsucht. Drei Stunden, mindestens." Talic dreht sich nach hinten. "Wer von euch hat Palinka dabei?" Palinka heißt der selbst gebrannte Obstler. Jeder weiß, dass es verboten ist, ihn mitzuführen. Alle heben den Arm. "Also dann sind 10 000 Forint in Ordnung." 10 000 Forint, umgerechnet 30 Euro, hat der Polizist eingesteckt.
Talic beugt sich nach vorn und dreht die Musik auf. Er hat einen USB-Stick mit hundert Stunden rumänischem Folklorepop ans Radio angeschlossen. Für westliche Ohren sind das hundert Stunden immer derselbe Song. Talic scheint ihn zu mögen, die anderen schauen zufrieden in die ereignislose ungarische Puszta. Es ist eine ruhige Fahrt.
Zwar hält ein ungarisches Polizeiauto den Wagen kurz vor Budapest erneut an und verlangt 200 Euro, aber Talic will sich deswegen nicht aufregen. Eigentlich mag er Ungarn. Er weiß, dass die meisten hier die Rumänen nicht ausstehen können, aber wenigstens geben sie es zu.
So geht es hinüber nach Österreich.
Das ältere Ehepaar ist eingenickt, das jüngere hält Händchen, der hagere Typ versucht, mit dem hübschen Mädchen ganz in Weiß ins Gespräch zu kommen. Talic macht Kilometer.
Die Beats aus dem Radio mischen sich unter den Fahrtwind, der durch das offene Fenster strömt, längst hat die Rückenmuskulatur ihren Widerstand gegen die viel zu harten Sitze aufgegeben.
Auf dem Armaturenbrett liegen Talics Handys, acht Stück: zwei rumänische, ein deutsches, ein französisches, ein spanisches, drei portugiesische. Möchte ein Kunde irgendwo in Portugal ein Paket aufgegeben, ruft er Talic an. Das geht auch, wenn er schon unterwegs ist. Dann fährt er einen kleinen Umweg. Kurz sind die Gespräche nie. Rumänen plaudern gern, womöglich noch lieber als die Italiener. Eigentlich bimmelt es im Auto ständig.
Talic ist für viele Rumänen das einzige Stück Heimat, das sie in der Fremde haben. Ja, es gibt jetzt Facebook, WhatsApp, Handyflatrates, aber die stillen das Heimweh nicht, sie feuern es an. Zu Talics Kundschaft zählen Saisonarbeiter, die 15 Stunden täglich auf irgendeinem Feld im Alentejo schuften, sieben Tage die Woche. Die geben bei ihm nur deswegen ein Paket auf, damit sie sich wenigstens kurz einmal in ihrer Muttersprache unterhalten können.
Hinter Österreich liegt Deutschland.
"Warum fahren eigentlich alle immer am Freitag los?", fragt das hübsche Mädchen vor sich hin. Es ist seine dritte Reise. Es hat schon mal in Deutschland gearbeitet, im Süden, in einer Konservenfabrik. Es kann genau vier Wörter auf Deutsch sagen: Gurke, Rote Bete und Gewerbeschein.
Die junge Frau hat damals 8,50 Euro die Stunde am Band verdient und galt offiziell als selbstständig. Allerdings musste sie vom Lohn 400 Euro Miete für ein winziges Zimmer in einem Wohncontainer neben der Fabrik zahlen. Das Zehn-Quadratmeter-Zimmer musste sie sich mit einer anderen Rumänin teilen. Sie hat gelernt, dass 8,50 Euro Mindestlohn nicht heißt, dass man 8,50 Euro verdient. Es heißt, dass einige Firmen nur mehr Scherereien haben, um trotzdem nur 6 Euro zu zahlen.
Die komplette rumänische Kleinbusarmada richtet sich nach Deutschland aus, besser gesagt, nach seinen Polizisten. Anders als die Ungarn kann man die Deutschen nicht bestechen. Klar, es gibt Bußgelder, 50 Euro, selten mehr. Das Problem sind die korrekten Beamten.
Nur in Deutschland macht sich die Polizei so viel Mühe, einen Transporter mit Rumänen von der Autobahn runterzuführen, um zu überprüfen, ob Wagen oder Anhänger überladen ist. In kaum einem Land will ein Polizist die Aids-Handschuhe im rumänischen Verbandskasten sehen.
Talic glaubt nicht, dass die Deutschen besonders böse sind. Oder schikanieren wollen. Sie sind nur, sagt er, korrekt. Korrekt und nervtötend. Franzosen, Spanier und Portugiesen sind meistens einfach froh, wenn sie mit den Rumänen nichts zu tun und keine Arbeit mit ihnen haben. Für sie ist jeder Kleinbus ein Berg Papierkram, weil natürlich immer irgendetwas nicht stimmt. Zu viele Zigaretten, zu wenig Reifenprofil, schwarzer Schnaps, kein TÜV. Deutsche, glaubt Talic, sind anders. Die mögen Papierkram. Sie suchen ihn.
Darum der Freitag, die Rechnung ist einfach: Für die 900 Kilometer von der ungarischen Grenze nach Passau braucht man rund zehn Stunden. Fährt man am frühen Freitagnachmittag in Rumänien los, erreicht man Deutschland nach Einbruch der Dunkelheit. Das rumänische Kennzeichen ist nachts deutlich schwerer zu erkennen, die deutschen Beamten sind reihenweise im Wochenende, die schöne deutsche Autobahn ist leer, die Wahrscheinlichkeit, nicht angehalten zu werden, groß. Und Samstagmorgen, vor Sonnenaufgang, sind die Rumänen durch. Wenn alles gut läuft, hat kein Mensch bemerkt, dass sie Deutschland in der Nacht durchquert haben.
Talic findet es richtig, was die Deutschen machen, auch wenn er selbst alle ihre Regeln bricht, wenn sein Minitransporter an den Samstagen bei Sonnenaufgang aufgrund Talics Übermüdung und trotz kreischender Popmusik zu einem rollenden Todeskommando wird. Es ändere nichts daran, dass die Deutschen recht hätten, sagt Talic, im Prinzip. Aber er, Talic, müsse gegen ihre Gesetze verstoßen, damit sich das alles halbwegs lohne.
Ihr Land, ihre Regeln, sagt er über die Deutschen, nichts falsch daran, nur muss er dagegenhalten: "mein Leben und mein Risiko". Er sieht es sportlich. Er möchte, dass seine Töchter in Rumänien gut aufwachsen, dass sie später einmal auf die Universität gehen können und in einem schönen Haus wohnen. Wenn er sich an die deutschen Regeln hielte, ginge das nicht. Also tut er, was er tun muss. Und Deutschland tut, was es tun muss. Und Europa ebenso. Eigentlich ganz einfach.
Man wird, so gesehen, nur wenige Menschen treffen, die überzeugtere Europäer sind als Viktor Talic. Die Europäische Union ist für ihn kein Monster, das in Brüssel wohnt, sondern ein Meer der Möglichkeiten. Es werde einem nichts geschenkt, sagt er, natürlich nicht, aber wenn man sich anstrenge, werde man belohnt.
Einige, die mit ihm losgefahren sind, kommen ein paar Jahre später vielleicht mit einem großen Auto zurück und ziehen in ein Haus, das sie sich in Rumänien nie hätten verdienen können. Sie haben dann vielleicht Rückenschmerzen und kaputte Bandscheiben und zerschundene Hände, aber das Auto, das Haus nimmt ihnen keiner mehr. Wer sagt also, dass der europäische Traum nicht funktioniert?
Viktor Talic versteht nicht, was in Europa gerade passiert, gar nicht. Diese Ablehnung, dieses Griechenlandproblem, die Diskussionen über Sparen oder nicht, über Staatsschulden, lägen alle neben der Sache, findet er. Europa heißt für ihn: Man kann arbeiten und gar nicht so schlecht davon leben. Also wo ist das Problem?
Natürlich, es gibt Unterschiede, aber die haben ja nichts mit Ungerechtigkeit zu tun. Deutschland zum Beispiel, ein großartiges Land, ein schwarz-rot-goldener Traum. In Deutschland, sagt Talic, müsse sich ja eigentlich niemand anstrengen. Arbeiten reicht, und das ist der Hauptunterschied zwischen Rumänien und Deutschland. In Rumänien reicht arbeiten nicht, auch nicht hart arbeiten. Der aktuelle Mindestlohn beträgt 217,50 Euro. Ärzte arbeiten für 450 Euro. Und woher kommen die meisten ausländischen Ärzte in Deutschland? Aus Rumänien, logisch.
Es ist ja nicht so, dass dort alles viel billiger wäre, Lebensmittel oder Mieten. Also bleibt eine Frage: Wie bringt man eine Familie mit nur einem Gehalt durch?
"Gar nicht", sagt Talic.
Unter den Rädern liegt jetzt Frankreich.
Das Funkgerät springt an. Ein Fernfahrer bietet Talic eine Tankfüllung Diesel an. Früher hat er das häufiger gemacht. Lastwagenfahrer verdienen sich etwas dazu, indem sie Diesel auf dem Weg an Rumänen verkaufen. Aber mittlerweile wird das von den Speditionen genauer kontrolliert. Und außerdem hat Talic gerade billig in der Nähe von Montluçon in der Auvergne getankt. Statt zu duschen, ist er in der kurzen Mittagspause in die Drogerieabteilung eines Supermarktes gegangen und hat sich Parfum auf die Oberarme gesprüht. Leider haben das einige andere Mitfahrer auch gemacht. Der Bus riecht wie eine Douglas-Filiale im Hochsommer.
In Frankreich hatte Talic noch nie Probleme. Sobald er den Polizisten glaubhaft versichert, dass er nur auf der Durchreise sei und in ein paar Stunden in Spanien sein werde, lässt man ihn fahren. Nur einmal hätte er fast Schwierigkeiten bekommen. "Das war das mit den Schweinen."
Es hat sich herumgesprochen, dass Talic alles mitnimmt. Zwei Euro je Kilo, das ist die einzige Regel. Letztes Jahr um diese Zeit erhielt er also einen Anruf von einem Rumänen, der in einem Schlachtbetrieb bei Lissabon arbeitete. Der Chef dort weigerte sich, den rumänischen Arbeitern ihren Lohn zu zahlen. Sie sollten doch vor Gericht gehen, sagte der Chef. Die Rumänen hatten eine andere Idee, sie nahmen sich ihren Lohn in Form von Naturalien.
Sie zimmerten eine sehr große Holzkiste zusammen, steckten 14 lebende Schweine hinein und gaben alles Talic, der die Hehlerware auf den Anhänger zurrte. Da allen Beteiligten die 4000 Kilometer von Portugal nach Rumänien für die Schweine dann doch zu weit erschienen, entschlossen sie sich, die Schweine einem Bekannten nach Frankreich zu schicken, nach Paris.
Talic und die Schweine gerieten in eine Polizeikontrolle. Ein Gendarm hielt sie an und fragte nach Veterinärdokumenten. Talic, der ihn verstanden hatte, zeigte ihm den Fahrzeugschein und erklärte ihm, die Lieferung gehe nach Paris. Weiß der Himmel, was in diesem Polizisten vorging, vielleicht mochte er Paris nicht, vielleicht wollte er nicht auf den Amtsveterinär warten. Er ließ Talic mit seinen Schweinen jedenfalls kopfschüttelnd weiterfahren.
"Haben alle überlebt", sagt Talic. Jedenfalls den Transport. "Frag mich nicht, was die damit gemacht haben. Die haben in einem Hochhaus gewohnt, in der Stadt."
So geht es weiter nach Spanien.
Von der 35. Stunde an wird die Zeit zu einem dicken Klumpen. Bilbao, Valladolid, Salamanca, die Städte ziehen vorbei. Wenigstens wird wieder Autobahn gefahren. Niemand schaut mehr auf die Uhr, niemanden scheint es noch zu kümmern, ob diese Fahrt jemals endet. Das flache Land im Nordwesten Madrids, das alte Kastilien, besteht aus weitläufiger Steppe, das macht es nicht einfacher. Talic hat exakt drei Stunden in der Nähe von Burgos geschlafen und sah danach müder aus als zuvor. Er sagt, dass es ihm gut gehe, aber immer wieder knattern die rechten Räder über die Fahrbahnmarkierungen, der Lärm der Rillen schreckt alle paar Minuten alle auf.
Talic sagt, dass er sich eigentlich nur an einen Unfall erinnern könne. Ein Freund von ihm, der mit einem Sprinter nach Frankreich machte, sei in der Nähe von Rastatt von der Spur abgekommen und in einen Lastwagen geknallt. Ein Fahrgast war sofort tot. Zehn Minuten nach dem Unfall landete ein Hubschrauber auf der A 5, und heute hat der Freund eine handtellergroße Metallplatte im Kopf und arbeitet in der Nähe von Mailand. Talic sagt, der Mann wäre in jedem anderen Land tot gewesen. Seit dieser Geschichte können deutsche Polizisten so oft nach den Aids-Handschuhen fragen, wie sie wollen. Talic lässt nichts mehr auf sie kommen, nichts mehr auf Deutschland.
Spanien ist der schlimmste Teil der Reise. Die Fahrgäste liegen wie sediert auf ihren Sitzen. Der Stoff für Plaudereien ist spätestens seit Basel verbraucht. Es ist der Moment, in dem man sich fragt, warum man sich das für 120 Euro antut. Für etwas mehr als das Doppelte könnte man fliegen. Aber vermutlich muss man zwei bis vier Euro die Stunde verdienen, um diese Frage beantworten zu können.
Und nie war eine Ankunft in Portugal schöner.
Der Irrsinn beginnt. Von nun an bleibt keines der acht Telefone Talics mehr still. Alle wissen, dass er Sonntagmittag in Portugal ankommt. Alle wollen nun absprechen, wann ihr Paket, ihr Verwandter, ihr Freund ankommt. Teilweise telefoniert Talic mit drei Leuten gleichzeitig. Wenn er nicht rangeht, machen sich die Leute Sorgen und rufen noch häufiger an.
Nachdem er das ältere Ehepaar und den hageren Typen in einem Dorf unweit von Lissabon abgesetzt hat, fährt Talic hinein in die portugiesische Hauptstadt. Dort warten, an einem Verkehrskreisel, bereits einige Kunden mit ihren Autos und nehmen Pakete entgegen. 30, 40 Rumänen belagern Talics Mercedes. Er gibt ein Paket nach dem anderen heraus und nimmt neue entgegen. Für den Außenstehenden sieht alles wie ein einziger großer Streit aus, aber Talic versichert, dass alles völlig in Ordnung sei.
Die Müdigkeit ist weg. Jede Minute klingelt das Telefon. Talic fährt kleine Dörfer an, sammelt Päckchen ein, springt irgendwo nur kurz hinaus und hat einen Umschlag mit Geld dabei, er setzt die verbliebenen Reisenden vor ihrer Haustür ab. Die letzten Stunden vergehen schnell.
Am frühen Sonntagabend ist die Hinreise vorbei: Portimão. Ein Touristenort an der Algarve, dem der portugiesische Bauboom ein paar sehr hässliche Hochhaussiedlungen beschert hat. In einem dieser Häuser wohnt Talics Mutter. Unter ihr leben die Schwester und der Schwager.
Die Mutter putzt für fünf Euro die Stunde in einem Hotel. Der Neubaublock, in dem sie wohnt, ist noch nicht fertig, aber sie will auf keinen Fall nach Rumänien zurück, so glücklich ist sie hier.
Talic setzt sich zu ihr an den Küchentisch und ist zu müde zum Erzählen. Morgen um acht geht es zurück nach Rumänien. Er sagt, dass ihm noch etwas eingefallen sei. Zu dieser Frage, wie das sei, als Rumäne in Europa. Er habe die Antwort. Rumäne in Europa, das ist keine Nationalität. Rumäne ist ein Beruf.
Von Moreno, Juan, (Fotos), Thomas Grabka

DER SPIEGEL 29/2015
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