11.07.2015

Global VillageSchieben, schleudern, werfen

Warum die Japaner sich für einen ägyptischen Sumo-Ringer begeistern
Im Reisfeld nebenan quaken die Frösche, der graue Himmel drückt wie ein nasses Laken auf die kleine Sumo-Arena. Es ist Regenzeit in Japan, jede Bewegung strengt an. Und für Abdelrahman Ahmed Shalan ist auch noch Ramadan, der Fastenmonat. Doch er muss weitertrainieren, und vorher soll er noch ein japanisches Baby in die Arme nehmen.
Und dabei lächeln, lächeln, lächeln. Das gehört zur Rolle eines Sumo-Stars, und das ist der 23-jährige Ägypter in Japan inzwischen.
Er muss nicht nur siegen, er muss auch seine Fans bei Laune halten, die ihm schon morgens hier am Rand der Stadt Nagoya auflauern und ihn noch immer bestaunen wie einen Außerirdischen: der erste Sumo-Ringer des Landes, der aus Afrika kommt. Der erste, der Muslim ist.
"Danke, Osunaarashi!", ruft die Mutter, nachdem sie ihr Baby und den beleibten Ringer mit dem Smartphone fotografiert hat. Osunaarashi – "Großer Sandsturm", so lautet der offizielle Kampfname, unter dem sie hier den Ägypter kennen, der mit 16 Jahren in seiner Heimat zum ersten Mal an einem Sumo-Amateurwettbewerb teilnahm und 2011 nach Japan kam.
Wieder muss Osunaarashi posieren, diesmal mit einem Pärchen, das geduldig in der Schlange gewartet hat. Die Frau und der Mann blicken zu ihm auf: Seine übergroße Nase, die üppige Behaarung auf dem 1,89 Meter großen und 154 Kilogramm schweren Körper – damit fällt er auch neben den massigen Körpern der heimischen Sumo-Ringer auf. Das Pärchen dankt mit einer Verbeugung für das Foto. Osunaarashi lässt das alles lächelnd mit sich geschehen.
"In Wahrheit fühle ich mich wie in einem Käfig", sagt er später im Gespräch. "Wo ich auch hingehe in Japan: Überall bin ich der Muslim, der Afrikaner." Dabei würde er gern wegen seiner sportlichen Leistungen als Sumo-Ringer bewundert werden, und nicht wegen seiner Herkunft.
Der ehemalige Bodybuilder aus Ägypten kann stolz sein auf das, was er in Japan erreicht hat. In nur dreieinhalb Jahren kämpfte er sich auf Spitzenränge der nationalen Sumo-Wettkämpfer, so schnell wie kein anderer Nichtjapaner vor ihm. Er besiegte sogar zwei Yokozuna, so werden die Großmeister des Sumo genannt. Und das ist ein Problem.
Denn alle drei aktiven Yokozuna kommen derzeit nicht aus Japan, sondern aus der Mongolei. Wenn jetzt auch noch Osunaarashi zum Yokozuna gekürt werden würde, begänne ein neues Kapitel der Sumo-Geschichte – und aus Sicht japanischer Traditionalisten wäre es kein glorreiches. Osunaarashis Aufstieg würde in ihren Augen den Niedergang besiegeln, unter dem Sumo seit Jahrzehnten leidet. Für sie ist das Ringen nicht nur ein Sport, sondern vor allem ein urjapanischer Nationalkult, eng verwoben mit dem Shintoismus, der heimischen Natur- und Fruchtbarkeitsreligion. Dicke Araber waren da bisher nicht vorgesehen.
Doch wie das alternde Land steckt auch Sumo in einer Identitätskrise – dem jahrhundertealten Nationalsport geht der Nachwuchs aus. Junge Japaner spielen lieber Baseball, Fußball oder auf ihrer Playstation. Und sie wollen sich nicht mehr den strengen Sumo-Ritualen unterwerfen, denen das Schieben, Schleudern, Werfen und Schlagen unterliegt.
Auch Osunaarashi, der Ägypter, musste sich erst an die harschen Sumo-Sitten gewöhnen. Inzwischen erklärt er als Ranghöchster den Nachwuchsringern in der Sumo-Arena geduldig, aber bestimmt, wie man dem Trainer korrekt mit "Hai" ("Ja") antwortet. Und zwar ausschließlich kräftig aus dem Bauch heraus: "Hai!" Nein, lauter: "Hai!", "Hai!!" Osunaarashi nickt zufrieden.
Während des Arabischen Frühlings hatte er auf dem Tahrir-Platz in Kairo für mehr Demokratie demonstriert. Und sich anschließend in Japan dem absoluten Gehorsam der Welt des Sumo unterworfen. Wie jeder Neuling musste er am Anfang Toiletten putzen und ranghöheren Ringern den Rücken massieren.
Zurzeit aber hat der Mann andere Sorgen: Der muslimische Ringer darf während des Ramadan zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang weder trinken noch essen. Ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den japanischen Konkurrenten. Denn er muss trotzdem trainieren, das große Sommerturnier beginnt. Schon an diesem Sonntag wird er antreten gegen Ringer, die ihr Kampfgewicht dank Chanko-Nabe, einer kräftigen, proteinhaltigen Nudelsuppe mit viel Schweinefleisch, gehalten haben. Osunaarashi hingegen ist jetzt oft schwindelig, auch das schwüle Wetter setzt ihm zu.
Ein Sumo-Ringer, der nicht essen darf – für die japanischen Medien klingt das absurd und ist ein großes Thema. Ständig gehen Interviewanfragen bei ihm ein.
Aber der Ägypter spricht nicht gern darüber, seine Religion gehe nur ihn und seinen Gott etwas an, sagt er. Auch wenn er beim Sumo traditionell ja anderen, japanischen Göttern die Ehre erweist.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 29/2015
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