07.06.1999

ZEITGESCHICHTE„Gegen Kritik immun“

Der Potsdamer Historiker Rolf-Dieter Müller über die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und die Thesen des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Müller, 50, ist Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam und Mitherausgeber des Werkes über "Die Wehrmacht. Mythos und Realität". Er übt Kritik an der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die das Hamburger Institut für Sozialforschung derzeit in Hamburg zeigt.
Müller, 50, ist Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam und Mitherausgeber des Werkes über "Die Wehrmacht. Mythos und Realität". Er übt Kritik an der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die das Hamburger Institut für Sozialforschung derzeit in Hamburg zeigt.
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SPIEGEL: Herr Müller, die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung war von Anfang an umstritten. Die Befürworter sagen, es handle sich um die wichtigste Ausstellung seit langem, die Kritiker nennen sie windig und unwissenschaftlich. Wozu zählen Sie sich?
Müller: Ich zähle mich zu den Kritikern. Die Schwäche der Ausstellung besteht darin, daß sie die Besucher mit einer Fülle schockierender Bilder von der Ostfront konfrontiert. Damit läßt sich zwar emotionale Wirkung erzielen, aber eine Erklärung für Greuel und Hinrichtungen in der Ukraine, Weißrußland oder Serbien liefern sie allein noch nicht.
SPIEGEL: Die Ausstellung will damit den Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten und im Südosten Europas dokumentieren.
Müller: Aber etliche Fotos zeigen Exekutionen oder Leichen, die der Wehrmacht nicht zuzuordnen sind.
SPIEGEL: Wem denn dann?
Müller: Ein ungarischer Kollege hat bei Bildern aus Stari Becej nachgewiesen, daß nicht die Wehrmacht dort Erschießungen vorgenommen hat, sondern die ungarische Armee. Die Wehrmacht war zum entsprechenden Zeitpunkt nicht in dieser Gegend stationiert. Und die Ausstellung zeigt auch Fotos aus Galizien, auf denen Opfer des sowjetischen NKWD, nicht aber Opfer der Wehrmacht zu sehen sind. Das hat mein polnischer Kollege Bogdan Musial herausgefunden.
SPIEGEL: Das sind doch nur wenige der weit über 1000 gezeigten Fotos und Bilder der Ausstellung.
Müller: Ja, schon, doch gibt es auch einen gravierenden inhaltlichen Einwand: Über drei Viertel der Bilder sind Aufnahmen aus dem Partisanenkrieg. Die Toten im Partisanenkrieg an der Ostfront sind nicht unbedingt zu den Opfern von Kriegsverbrechen zu rechnen.
SPIEGEL: Die deutsche Wehrmacht hat im Partisanenkrieg über eine Million Menschen getötet - keine Verbrechen der Wehrmacht?
Müller: So schwer es auch fallen mag, muß man doch differenzieren zwischen dem Holocaust und dem militärischen Partisanenkrieg. Die Bekämpfung von Partisanen und Aufständischen in einem besetzten Gebiet ist in vielen Kriegen des 20. Jahrhunderts militärische Normalität gewesen; das hat es zu allen Zeiten gegeben, bei den
* Undatiertes Foto aus der Wehrmachtsausstellung.
Franzosen in Algerien ebenso wie bei den Amerikanern in Vietnam.
SPIEGEL: Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten war keine militärische Normalität.
Müller: Die Partisanen haben zweifellos das Recht gehabt, ihre Heimat zu verteidigen. Andererseits durften Wehrmachtssoldaten nicht zu Freiwild werden, sie besaßen das Recht zur Selbstverteidigung. Sühnemaßnahmen wie Geiselerschießungen galten allgemein als Kriegsbrauch.
SPIEGEL: Die Maßnahmen der Wehrmacht gingen weit über den Kriegsbrauch hinaus.
Müller: Das waren dann zweifelsohne Kriegsverbrechen. Die Ausstellungsmacher, vor allem Hannes Heer, setzen sich jedoch über eine notwendige Unterscheidung hinweg. 1941 und 1942, in der ersten Phase des Kriegs im Osten, nutzte die SS den Partisanenkrieg, um die Wehrmacht in die Ermordung der jüdischen Bevölkerung hineinzuziehen. Ab Sommer 1942 wurden die sowjetischen Partisanen zu einer echten militärischen Bedrohung. Der Holocaust war zu diesem Zeitpunkt bereits weit fortgeschritten, der Krieg gegen die Partisanen diente von da an primär militärischen Zielen und wurde hauptsächlich von SS- und Polizeiverbänden sowie mit Hilfe einheimischer Kollaborateure geführt.
SPIEGEL: Um Fotos aus dem Partisanenkrieg richtig einordnen zu können, müssen also die Umstände und Hintergründe des Geschehens bekannt sein?
Müller: Bei einem beträchtlichen Anteil der Fotos sind weder die Umstände noch die Vorgeschichte geklärt. Man weiß nicht, wo sie aufgenommen wurden und was zuvor geschehen ist.
SPIEGEL: Ausstellungsmacher Heer argumentiert, es sei "nicht so wichtig, ob auf Fotos der Ort, das Datum, das Geschehnis notiert" sei. Wichtiger sei die Mentalität der Wehrmachtssoldaten, die grinsend, lachend oder gelassen vor Gehenkten stünden - das seien Dokumente der Barbarei.
Müller: Da frage ich mich, woher Heer die Mentalität der Soldaten kennt. Eine Handvoll Feldpostbriefe oder Bilder von feixenden Soldaten vor Gehenkten genügen mir nicht als Beleg für barbarische Gesinnung. Ich bin überzeugt, daß Schaulustige bei einem schweren Unfall auf der Autobahn ähnlich aussehen, daß sich Fotos von ihnen ähnlich interpretieren lassen.
SPIEGEL: Können Fotos grundsätzlich nicht als Dokumente für historische Vorgänge herangezogen werden?
Müller: Fotos taugen zum Illustrieren zweifelsfreier Tatbestände. Aber wenn die Herkunft und die Umstände von Fotos derart umstritten sind, kann man nicht solche weitreichenden Schlußfolgerungen ziehen, wie es Hannes Heer oder auch Jan Philipp Reemtsma, der Chef des Hamburger Instituts, tut. Wir wissen einfach oft nicht, ob die Soldaten auf den Fotos Täter oder befohlene Zuschauer sind, ob sie sensationslüsterne Gaffer oder mordgierige Gesellen sind.
SPIEGEL: Die These der Ausstellung lautet, die Wehrmacht sei eine verbrecherische Organisation. Teilen Sie die These?
Müller: Nein, die Wehrmacht, das haben schon die Richter in den Nürnberger Prozessen festgestellt, ist im Gegensatz zur SS oder zur Gestapo keine verbrecherische Organisation.
SPIEGEL: Die Wehrmacht war militärisches Instrument in einem verbrecherischen Krieg. Sie ist für den Tod von 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mitverantwortlich, hat der SS beim Holocaust zugearbeitet und teilweise selbst gemordet.
* Foto aus der Wehrmachtsausstellung, aufgenommen im serbischen Pancevo im April 1941.
Müller: Das ist richtig. Die Wehrmacht war integraler Bestandteil eines verbrecherischen Systems. Es ist ja sicher nicht ungewöhnlich, daß eine Armee den Vorgaben der Staatsführung folgt, selbst wenn diese Staatsführung eine verbrecherische Politik betreibt. Dafür hat sich auch die Rote Armee hergegeben, ohne daß sie deshalb als verbrecherische Organisation bezeichnet würde.
SPIEGEL: Aber hat die Wehrmacht nicht besondere Schuld im Vernichtungskrieg auf sich geladen?
Müller: Man muß unterscheiden zwischen der Wehrmachtsführung, die zur Machtergreifung Hitlers beitrug, Generälen wie Keitel und Manstein, die seinen Krieg führten, die verbrecherische Befehle mit dem Anspruch auf bedingungslosen Gehorsam gaben, und den blutjungen Soldaten, die nicht wußten, was außerhalb ihres Gebietskreises geschah.
SPIEGEL: Wie viele einfache Wehrmachtssoldaten, die an der Ostfront gekämpft haben, waren an Kriegsverbrechen schuldig ?
Müller: Auf diese Frage können die Historiker noch keine definitive Antwort geben. Über Italien wissen wir, daß schätzungsweise 5 von 100 deutschen Soldaten in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen sind. An der Ostfront ist der prozentuale Anteil eher noch geringer.
SPIEGEL: Also kein Generalverdacht gegen Wehrmachtssoldaten?
Müller: Nein, vor allem nicht gegen diejenigen, die jetzt noch leben. Die meisten waren Anfang zwanzig, als sie aus dem Krieg kamen. Die Ausstellungsmacher erwarten offenbar von ihnen, daß sie sich jetzt als Generation schuldig bekennen. Das ist unfair und auch anmaßend, wenn man bedenkt, daß diese Generation die Bundesrepublik aufgebaut hat.
SPIEGEL: Weshalb haben deutsche Fachhistoriker wie Sie die Kritik an der Ausstellung nicht früher geäußert?
Müller: Am Anfang hatte die Ausstellung so geringe Resonanz, daß kritische Stellungnahmen nicht beachtet wurden. Außerdem bestand und besteht immer die Gefahr, Beifall von der falschen Seite zu erhalten - wer gegen die Ausstellung war, wurde ja von den Rechten einverleibt. Schließlich haben viele der Kollegen, vor allem im Militärgeschichtlichen Forschungsamt, jahrelang die Wehrmachtsgeschichte kritisch aufgearbeitet; ich habe ganze Ordner voller Zuschriften und Hetzartikel, in denen wir als Wehrkraftzersetzer und fünfte Kolonne Moskaus beschimpft wurden. Und wir Historiker unterscheiden uns im Umgang mit der Geschichte von den Populisten, die Botschaften verbreiten wollen.
SPIEGEL: Der Erfolg der Ausstellung wuchs mit der Kontroverse über ihre Thesen.
Müller: Der Eklat in München, als Peter Gauweiler 1997 gegen die Entscheidung des Stadtparlaments agitierte, die Ausstellung im Rathaus zu zeigen, weckte den antifaschistischen Grundreflex in dieser Gesellschaft; die Ausstellung wurde deshalb gegen jede Kritik immunisiert. Die Bundestagsdebatte im März 1997, übrigens eine Sternstunde des Parlaments, sprach die Ausstellung endgültig heilig. Jeder Kritiker riskierte danach, an den rechtsradikalen Rand gedrückt zu werden. Zudem verklagen die Ausstellungsmacher gern ihre Kritiker.
SPIEGEL: Äußert sich da der Neid des Fachhistorikers über den Erfolg der Außenseiter aus dem Hamburger Institut? Es gibt ja viele Wissenschaftler, die dicke, differenzierte Bücher schreiben, und es gibt die populären Vereinfacher wie Daniel Goldhagen oder eben die Wehrmachtsausstellung, die ein breites Publikum finden.
Müller: Diese Arbeitsteilung kann ich nicht akzeptieren. Die Ausstellung suggeriert ein Gesamtbild über die Wehrmacht, das undifferenziert und schief ist. Es wird Jahre an Arbeit kosten, dies wieder zurechtzurücken. INTERVIEW: GERHARD SPÖRL,
KLAUS WIEGREFE
* Undatiertes Foto aus der Wehrmachtsausstellung. * Foto aus der Wehrmachtsausstellung, aufgenommen im serbischen Pancevo im April 1941.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 23/1999
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DER SPIEGEL 23/1999
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