07.06.1999

BEWÄSSERUNG

Die Wüste lebt

Von Schulz, Matthias

Künstliche Wälder, Heuernten, Gemüselawinen - die Vereinigten Arabischen Emirate forsten die Wüste auf.

Mit Wohlgefallen blickt Scheich Sajjid Ibn Sultan Al Nahajan, 82, morgens aus seinem Märchenschloß. Blütenduft steigt aus dem Palastgarten empor, livrierte Diener gießen die Rabatten. Und in der Ferne glitzern die Bürotürme von Abu Dhabi.

Noch vor 50 Jahren verdingte sich der Chef der Vereinigten Arabischen Emirate als Kameltreiber. Dann erfuhr der Beduine vom Stamme der Bani Jas, daß Allah ihn mit Öl beschenkt hatte. Unter Scheich Sajjids Wüstenreich liegen knapp zehn Prozent der Weltreserven an Erdöl.

Schwer lastet die Bürde des Reichtums auf den 700 000 Emiratis. Abertausende von Jagdfalken wollen gefüttert, goldene Wasserhähne geputzt, die teuren Speedboote repariert werden. Nur gut, daß "Baba", der Landesvater, 1,7 Millionen Fremdarbeiter ins Land geholt hat. Pakistani striegeln seither die Rennkamele, Thai-Mädchen servieren den Tee.

Nur die Hitze stört das Idyll: im Sommer bis zu 50 Grad Celsius. Die Emirate Adschman, Fudscheira, Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Ras el-Cheima und Umm el-Keiwein bestehen aus 78 000 Quadratkilometern Sand. Erst zum Jüngsten Gericht, glaubte manch Koran-Gelehrter, werde die landeseigene Ödnis, Teil der Riesenwüste Rub el-Chali, wieder ergrünen.

So lange mochte Seine Hoheit nicht warten. Durch einen beherzten Griff in den Staatssäckel (die Vereinigten Emirate sind mit insgesamt 150 Milliarden Dollar einer der größten Auslandsinvestoren der Welt) hat sich Baba zum Großgärtner aufgeschwungen. Der Sultan verfolgt eine bizarr anmutende Vision: Er will den vegetationsfeindlichen Golfstaat in ein Öko-Paradies verwandeln.

130 Millionen Bäume sind im Rahmen des Regierungsprogramms allein im Emirat Abu Dhabi gepflanzt worden. 22 Millionen Palmen - 20 Prozent des Weltbestandes - zieren die Föderation. An der zerklüfteten Küste wuchern künstlich angelegte Mangrovenzonen.

Für die Landwirtschaft wurde ein ehrgeiziges Ziel ausgerufen: Autarkie. Wo einst Wanderdünen staubten, ziehen nun Ex-Beduinen Kürbis und Kopfsalat. 21 700 Farmen hat der Staatschef im ariden Binnenland errichten lassen und an seine Untertanen verschenkt. Lange Schläuche führen tröpfchenweise Wasser an die Pflanzen.

Als Vorzeigeprojekt gilt die Großplantage Ad-schaban, 100 Kilometer von Abu Dhabi entfernt. 37 000 Obstbäume stehen dort, ihre Äste biegen sich unter der Last von Zitronen und Mangos. Lohnkulis aus Fernost arbeiten in Geflügelfarmen und jäten Erdbeerbeete. In einem Kunstgewässer, fast so groß wie der Königssee in Bayern, werden 20 Millionen Farmfische gemästet.

Über 7000 Quadratkilometer sind bereits in Wald und Ackerland verwandelt - eine Fläche so groß wie Kreta. Rosen und Chrysanthemen exportiert das Beduinenvolk nach Europa. Die Milchproduktion stieg seit 1970 von 17 Millionen auf 80 Millionen Liter. Der ägyptische Schauspieler Omar Sharif staunte über die wuchernde grüne Pracht: "Ich bin total verblüfft."

Doch die künstliche Bewässerung hat ihren Preis. Baba habe zwar "die Wüste gezähmt", meint der britische Gartenbauexperte Bernard Lavery, nun aber schlürft sein Land Wasser wie ein durstiger Büffel. 500 Liter verbraucht jeder Emirati pro Tag. Das ist Weltrekord.

Auf allen erdenklichen Wegen wird das Frischnaß gewonnen. Kläranlagen leiten industrielle Abwässer auf die Felder. Acht Staudämme fangen die winterlichen Sturzregen auf. Größter Lieferant ist die Entsalzungsanlage Tawila. Der monumentale Verdampfer, befeuert mit Erdgas, spuckt täglich 346 000 Kubikmeter Süßwasser aus.

Zugleich fahnden westliche Ingenieure nach unterirdischen Feuchtquellen. Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn hat 14 Spezialisten im Ölstaat stationiert. Unterstützt von Satelliten- und Luftbildern, spüren sie fossile Grundwasser-Reservoirs auf.

Doch die Deutschen bewerten ihre eigene Arbeit zunehmend skeptisch. "Im Norden des Landes ist der Grundwasserspiegel um bis zu 20 Meter gesunken", sagt GTZ-Mann Peter Menche. Meerwasser konnte in die geleerten Horizonte einsickern. Menches Fazit: "Es werden einfach zu viele Brunnen betrieben."

Von solchen Malaisen läßt sich Scheich Sajjid nicht beirren. Längst hat er neue Pläne: An der Universität von Abu Dhabi experimentieren Botaniker mit salztoleranten Kiwis und Dattelpalmen. Vor kurzem stellten die Forscher zehn Spezialzüchtungen vor, alles Gewächse, die der Hitze und dem Salz widerstehen.

Bei einigen Gemüsearten türmt sich im Wüstenstaat bereits die Überproduktion. Jüngst beobachtete ein deutsches Archäologenteam, wie sich eine Lkw-Kolonne, beladen mit Tomaten, über eine Autopiste in der Oase Liwa quälte. In einem Sperrgebiet wurde die Fracht abgekippt. "Die Arbeiter standen knietief im Tomatenmark", sagt der Forscher Heiko Kallweit.

Verschwendung ist der Sultan gewohnt. Seine Söhne gelten als Profis im Vergeuden von Staatsgeldern. Letztes Jahr lud der Kronprinz Österreichs Ski-Asse ins Land. Mit 40-Tonnen-Baggern wurde Platz für eine Zeltstadt geschaffen. Dann sausten die Abfahrtsläufer die heißen Sanddünen hinunter.

An seinem Kornkammer-Projekt, ähnlich absurd, duldet der Beduinenfürst keine Kritik. "Mit Gottes Hilfe und unserer Willenskraft", so der Meister im Pluralis majestatis, habe er dem Ödland die Stirn geboten. Nun gelte es, weitere Flächen zu kultivieren.

So sieht es auch das Volk. Einhellig lobpreist es den orientalischen Tomatenmehrer. Das Landwirtschaftsministerium spricht gar von einem "Wunder". MATTHIAS SCHULZ


DER SPIEGEL 23/1999
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