07.06.1999

ZEITGESCHICHTEBei Kaffee und Gebäck

Der legendäre DDR-Romanist Werner Krauss, NS-Widerständler und Kollege Victor Klemperers, war kurze Zeit Informant der Stasi - allerdings ein unbequemer.
Beim ersten richtigen Gespräch zeigte sich der Professor "höflich und zuvorkommend". Er nannte, worauf die beiden Herren von der Stasi gehofft hatten: Details und Zusammenhänge.
Werner Krauss (1900 bis 1976), Romanist an der Universität Leipzig, war ein Mann mit großem Renommee. Der Spezialist für spanische Literatur und die französische Aufklärung galt auch der DDR-Spitzeltruppe, wie jetzt Akten belegen, als einer "der bekanntesten Wissenschaftler" seines Faches. Krauss unterhalte Kontakte in alle Welt und sei klar "gegen das Bürgertum und gegen den Kapitalismus" eingestellt. So jemand konnte den Ideologie-Wächtern von Nutzen sein.
Erste Sondierungen ergaben, daß Krauss die Gastvorträge mancher West-Gelehrten zuweilen "von einem exakten marxistischen Standpunkt" aus zerpflückte. Den seit einiger Zeit mißliebigen Fakultätskollegen "Prof. Bloch mit seiner pseudo-marxistischen Philosophie" habe er offen als "Spinner" bezeichnet.
Beste Referenzen also für einen Mann, der lückenlos eine "politisch einwandfreie Haltung" zeigte: In seiner Zunft bewundert, von der NS-Studentenschaft wegen "Unzuverlässigkeit" abserviert, war der Schwabe Krauss 1942 wegen seiner Aktivität in der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" inhaftiert worden; in der Todeszelle, mit gefesselten Händen, hatte er den Widerstandsroman "PLN" und seine bis heute unter Romanisten gerühmte Studie über einen Moralphilosophen des spanischen Barock, "Graciáns Lebenslehre", verfaßt.
Mit Glück - und dank der Gutachten von Wissenschaftler-Freunden, die seine Unzurechnungsfähigkeit bezeugten - der Hinrichtung entwischt, war Krauss nach Kriegsende erst in Marburg tätig, aber bereits 1947 aus eigenem Entschluß nach Leipzig gewechselt. Dort glänzte er als Forscher. Für Victor Klemperer, seinen Konkurrenten um den Leipziger Lehrstuhl, war der Feuerkopf zwar "mehr Künstler- als Gelehrtentyp". Aber neben dessen linientreuer Ideenakrobatik kam sich Klemperer doch oft "innerlich wie ein Nichts" vor.
Obgleich Krauss als "Eigenbrötler" galt und bei schlechter Gesundheit war: Der "Ermittlungsbericht", den die Stasi im Juni 1956 zu den Akten nahm, klang hymnisch. "Politisch negativ eingestellte Leute hat er entlassen", notierte Unterleutnant Meyer befriedigt über das Uni-Institut. So kam laut den Akten nach einem Hinweis des Assistenten Winfried S., dem "Liebling Werner K.'s" (so Victor Klemperer), der Stasi-Kontakt des Professors zustande.
Bedenken darüber, daß er sich kurz zuvor mit Ernst Bloch auszusöhnen versucht hatte, wußte Krauss zu zerstreuen. Andererseits sei Bloch jemand, "der subjektiv gesehen das Beste will", er würde "niemals die DDR verraten", verteidigte er den beargwöhnten Kollegen, als die Stasi-Leute am 20. April 1957 bei "Kaffee und Gebäck" wieder in Krauss' Wohnung saßen.
Der Professor gab auch zu Protokoll, unter den Studenten gebe es "vor allem im Verhalten der letzten Studienjahre" eine "ablehnende Einstellung" zum offiziellen Marxismus. "Sammelbecken aller oppositionellen Elemente" sei die Evangelische Studentengemeinde, deren Pfarrer eben verhaftet worden war. Namen nannte Krauss nicht.
Sollte die Anschwärzung vom Fall Bloch ablenken? Selbst wenn, es nützte nichts. Bloch wurde weiter bedrängt und ging 1961 in den Westen. Als dann am 10. September 1957 ausgerechnet Winfried S. verhaftet wurde, konnte ihm sein Professor bei einer eigens erbetenen Aussprache nicht helfen. Die Staatsschützer blieben hart, selbst als Krauss erklärte, sofern seinem Assistenten West-Kontakte nachgewiesen würden, lasse er ihn "fallen". Drei Jahre Zuchthaus wegen "Beihilfe zum Staatsverrat" mußte Winfried S. absitzen. Anfang 1961 stellte Krauss ihn wieder an - in Berlin, wo er seit 1958 an der Akademie der Wissenschaften arbeitete.
Schon 1959 hatte die Berliner Stasi Krauss angesprochen. Als Geheimer Informator (GI) unter dem Decknamen "Roland" geführt, belastete Krauss, der sich "sehr aufgeschlossen" gab, nun sogar zwei Akademie-Kollegen: Sie stünden der DDR negativ gegenüber. Doch bereits 1960 stellten die Staatsorgane den Kontakt zu "Roland" offiziell ein. Die "Zuverlässigkeit des GI", mit dem Treffen im Zwei-Wochen-Rhythmus vereinbart waren, sei einfach "nicht ausreichend" gewesen.
Selbst die mächtige Stasi also konnte den verschlossenen Gelehrten, der im Fach heute als "Kronzeuge des Jahrhunderts" gilt, nicht dauerhaft gefügig machen. Wie klar er sah, daß das neue, bessere Deutschland Theorie geblieben war, zeigt eine private Notiz des Pensionärs Krauss von 1966: "Der Sozialismus bleibt einzige Lösung, trotz seiner Diskreditierung durch eine Praxis, die manche Ansprüche erfüllt, aber den Anspruch, der der Mensch ist, geflissentlich überhört und verleugnet." JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 23/1999
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