07.06.1999

AUTORENHeimweh nach Bagdad

Eli Amir, ein irakischer Jude, zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Israels. Sein Roman „Der Taubenzüchter von Bagdad“ ist die Autobiographie eines Orientalen, der arabisch denkt, hebräisch schreibt und für einen unabhängigen Palästinenserstaat eintritt.
Baruch haschem", gelobt sei der Herr, ruft Eli Amir und hebt Augen und Arme zum Himmel. Ehud Barak hat die Wahlen gewonnen, "Bibi" ist auf der Strecke geblieben. Doch weil auf den Allmächtigen nicht immer Verlaß ist, hat Amir ein wenig nachgeholfen und vor allem bei den Intellektuellen für den spröden Sozialdemokraten und Militär um Vertrauen geworben. Er war sich "ziemlich sicher", daß Barak es schaffen würde, doch eine leise Angst vor dem Restrisiko quälte ihn bis zur letzten Minute. "Vor drei Jahren sind wir mit Peres schlafen gegangen und mit Netanjahu aufgewacht, jetzt ist der Alptraum endlich vorbei." Baruch haschem, gelobt sei der Herr.
Eli Amir, 1937 in Bagdad geboren, lebt seit 50 Jahren in Israel. Seine Eltern zogen 1950 aus der irakischen Hauptstadt in das Land Zion, ohne Geld, mit sechs Kindern als Gepäck "und einem siebten im Bauch meiner Mutter".
Wie sie wanderten innerhalb weniger Monate rund 100 000 irakische Juden in Israel ein, "beinah die ganze jüdische Gemeinde"; der Irak wurde praktisch "judenrein", und Israel, gerade gegründet, hatte nicht die Ressourcen, um die Einwanderer aufzunehmen. Die Gründerväter waren zudem Sozialisten aus Osteuropa, die sich den Brüdern und Schwestern aus dem Orient überlegen fühlten. Diese hatten den Holocaust nicht erfahren, und nur die wenigsten waren Zionisten aus Überzeugung.
Sieben Jahre hausten die Amirs in Notunterkünften, erst in einem Zelt in Pardes Hanna, später in einer Holzbaracke in Gedera, dann endlich bekam die Familie eine Wohnung in Katamon, einem Jerusalemer Armenviertel, 46 Quadratmeter für neun Personen. "Es war nicht genug Platz da, um Betten für alle aufzustellen."
Eli kam schon drei Jahre vor seiner Familie zu einem Verwandten nach Jerusalem. Er schrieb sich auf einer Abendschule ein, bekam einen Job als Bote im Büro des Ministerpräsidenten, lernte so David Ben-Gurion, Teddy Kollek und Jizchak Navon kennen. Kollek wurde später Bürgermeister von Jerusalem, Navon Israels fünfter Staatspräsident. Und auch Eli Amir schaffte es weit nach oben, bis zum persönlichen Berater von Schimon Peres und "Director General" innerhalb der Jewish Agency, zuständig für die Integration jugendlicher Einwanderer.
Außerdem hat er arabische Literatur und Geschichte des Nahen Ostens an der Jerusalemer Universität studiert und seit 1983 drei Romane veröffentlicht. Die "Neue Zürcher Zeitung" lobte ihn als einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Israels, nannte ihn das "israelische Pendant" zu dem Ägypter Nagib Mahfus.
In Europa kennen ihn trotzdem nur wenige, in Israel ist er weltberühmt, wie Meir Shalev, Abraham B. Jehoschua, Amos Oz und David Grossmann, die alle im Land geboren wurden. "Ich bin der einzige Iraker in dieser Spitzengruppe", sagt er mit ungedämpftem Stolz und nennt gleich die Auflagen seiner Bücher hinterher.
"Nuris Vorstellung", 1984 erschienen, wurde inzwischen 130 000mal verkauft; "Der Taubenzüchter", 1992 in Israel und letztes Jahr auch in der Bundesrepublik unter dem Titel "Der Taubenzüchter von Bagdad" herausgekommen*, fand über 40 000 Käufer, und Amirs neuestes Buch, "Sauls Liebe", die Geschichte einer schwierigen Beziehung zwischen einer Holocaust-Überlebenden und einem sephardischen (orientalischen) Juden, brachte es in einem Jahr auf 45 000 Exemplare.
Was seine Bestsellerqualitäten angeht, wäre Amir am besten mit Johannes Mario Simmel zu vergleichen, denn eine Auflage von 40 000 in Israel entspräche etwa einer halben Million in Deutschland. Als Erzähler residiert er woanders, zwischen Hans Fallada und Stefan Heym, ein solider Handwerker mit dem Hang zu großen historischen Gemälden, die er ohne Furcht vor Banalitäten mit niedlichen Details anreichert, zum Beispiel Brüsten, die ihn je nach Größe mal an "Granatäpfel" und mal an "Wassermelonen" erinnern.
Ein Avantgardist ist Amir gewiß nicht, und wer seinen "Taubenzüchter von Bagdad" liest, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Metropole in den vierziger Jahren, der ahnt nicht nur, daß Amir seine eigene Biographie erzählt, der fragt sich auch, worin der Unterschied zur Literatur der Ostjuden liegt, die im polnischen Schtetl oder im russischen Ghetto spielt.
"Der Taubenzüchter von Bagdad könnte auch in Warschau oder Riga gelebt haben, aber das ist mir erst bewußt geworden, als ich das Buch beendet hatte", sagt Amir. Auch in Bagdad gab es ein "jüdisches Viertel", kam es zu Pogromen, waren die Juden ihres Lebens nicht immer sicher. Beim großen Pogrom von 1941, erinnert sich Amir, kamen auch "ein paar muslimische Nachbarn in unser Haus, um uns zu beschützen". Er könnte es sich nicht vorstellen, "jemals wieder in Bagdad zu leben",
* Eli Amir: "Der Taubenzüchter von Bagdad". Aus dem Englischen von Karin Of, Petra Post und Andrea von Struve. Europa Verlag, München; 544 Seiten; 46 Mark.
aber Heimweh nach dem Ort, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbracht hat, habe er schon, "ein schreckliches Heimweh, wann immer ich an Bagdad erinnert werde".
Ausgerechnet in Deutschland, während einer Lesetour, kam die Erinnerung wieder. In Dresden saß "eine wunderschöne Frau, so um die 50, in der ersten Reihe". Eli Amir sagte hallo auf englisch, "und sie antwortete mir auf arabisch". Nach der Lesung kaufte sie den "Taubenzüchter" und bat um eine Widmung "in unserer Muttersprache". Und da war Amir so gerührt, daß er auf der Stelle "Ich schwebe über den Bäumen" sang, ein altes arabisches Lied. "Sie hatte Tränen in den Augen."
In Dessau waren etwa 30 Iraker im Saal, "alle Flüchtlinge vor Saddam Hussein", sie nahmen Amir mit zum Essen in ein türkisches Restaurant. Nachdem einige Flaschen "Black Label"-Whisky geleert waren, klagten sie, nur dank den USA und Israel wäre Saddam Hussein noch an der Macht, könnten sie nicht in ihre Heimat zurück. Aber sonst war es "ein wunderbarer Abend", der bis zum frühen Morgen dauerte, "ein arabisches Fest mit einem Juden in der Mitte".
Überhaupt gebe es kein besseres Publikum als die Deutschen. "Sie kommen zu einer Lesung, zahlen Eintritt, hören ein, zwei Stunden zu, stellen kluge Fragen, kaufen ein Buch und gehen zufrieden nach Hause." In Israel dagegen hätten die Besucher von Lesungen oft schon nach einer Viertelstunde genug. "Sie können nicht zuhören, haben keine Geduld und sind immer nervös." Die meisten kämen nur zu einer Lesung, um dem Autor zu sagen, worüber er hätte schreiben sollen. Ständige Besserwisserei, das wäre es, was die Israelis auszeichnete.
Vor ein paar Wochen sei er in eine Massenkundgebung der Schas-Partei geraten, nachdem der Schas-Vorsitzende und ehemalige Innenminister Arje Deri wegen Korruption und Veruntreuung öffentlicher Mittel von einem Gericht schuldig gesprochen worden war. Für Deris Anhänger war das Urteil am Ende eines Verfahrens, das sich länger als neun Jahre hinzog, nicht nur eine krasse Ungerechtigkeit und ein Skandal, es war vor allem ein weiterer Beweis für die Unterdrückung der sephardischen Juden durch die herrschende aschkenasische (europäische) Elite, obwohl zwei der drei Richter, die Deri verurteilt hatten, Sephardim waren. "Irakische Juden", sagt Amir, "und darauf bin ich stolz."
Die Schas-Wähler sind zum größten Teil marokkanische Juden und deren Nachkommen, und das sei, so Amir, "ein Stamm für sich"; inzwischen rund eine Million Menschen, die sich benachteiligt fühlen, die freilich eine mächtige politische Vertretung namens "Sephardische Wächter der Tora" haben, abgekürzt Schas, die allerdings mehr ein Verein zur Verteilung von Spenden und Schmiergeldern ist als eine politische Partei, obwohl sie mit 17 Abgeordneten die drittstärkste Fraktion in der Knesset bildet. "Die Marokkaner kennen die Wahrheit, sie haben Gott auf ihrer Seite und auf jede Frage eine Antwort. Sie geben sich so überlegen, weil sie sich so unterlegen fühlen."
Die gebildeten und vermögenden marokkanischen Juden sind nicht nach Israel, sondern nach Frankreich und Kanada ausgewandert, während mit den irakischen Juden auch ihre "Rabbiner, Ärzte und Schriftsteller" nach Israel kamen. So hätten es die "Iraker" leichter gehabt, aus der Rolle der armen Verwandten auszusteigen, während die "Marokkaner" noch immer der Meinung sind, die israelische Gesellschaft sei ihnen etwas schuldig geblieben, das sie sich mit Gewalt holen müßten.
"Wir sind noch immer eine Gesellschaft von Opfern, Opfer zu sein ist ein wichtiger Teil unserer Mentalität; früher waren wir die Opfer der Nichtjuden, heute sind wir unsere eigenen Opfer. Wir können gar nicht damit aufhören, Opfer zu sein." Das mache die Gespräche mit den Palästinensern so schwierig, denn auch die würden sich als Opfer verstehen. "Und wenn zwei Opfer miteinander reden, geht es nur darum, wer mehr leiden mußte, wer mehr Schmerzensgeld verlangen kann."
Er habe sich, sagt Eli Amir, an dem Opferspiel nie beteiligt, obwohl auch die irakischen Juden nach ihrer Ankunft in Israel wie "Bürger zweiter und dritter Klasse" behandelt wurden.
Deswegen habe er seine Bücher geschrieben: um zu zeigen, "daß wir nicht aus der Wüste gekommen und nicht von den Bäumen gefallen sind". Und wo immer er eingeladen wird, um vor Schülern, Politikern, Hausfrauen oder Besuchern aus dem Ausland zu sprechen, die sich vor Ort informieren möchten, wie der Judenstaat funktioniert, sagt er immer das gleiche: daß Israel aufhören muß, um Sicherheit und Anerkennung zu betteln. "Leider steckt in jedem stolzen Israeli ein Ghetto-Jude, der um sein Leben fürchtet. Ganz Israel ist ein großes Ghetto."
Genaugenommen, legt Amir nach, sei Israel noch gar nicht gegründet worden. "Wir sind noch immer ein unfertiger Staat, eine unfertige Nation, eine unfertige Gesellschaft. Israel wird an dem Tag gegründet werden, an dem wir Frieden mit den Palästinensern schließen. Das wird unsere Stunde Null sein." Dafür müßten die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen, was nur "historisch gerecht" und ebenso gut für die Israelis wie für die Palästinenser wäre. "Sie werden mit sich selbst beschäftigt sein und keine Zeit für Terror haben. Wer etwas zu verlieren hat, der spielt nicht mit seinem Leben."
Die Frage sei nicht mehr, ob, sondern nur noch, wann. Und dann werde es immer noch eine bis zwei Generationen dauern, "bis Israel normal wird". Um den Prozeß zu beschleunigen, hat Amir nicht nur Ehud Barak im Wahlkampf unterstützt, sondern sich auch zweimal mit Jassir Arafat getroffen. Seitdem betet er täglich "für das Leben und die Gesundheit" des Palästinenserführers. "Schaden kann es nicht, und wenn es nutzt, haben alle etwas davon", sagt Amir, ein Jude aus Bagdad, der arabisch denkt, hebräisch schreibt, morgens im Radio Beethoven, Vivaldi und Schubert hört, abends CDs mit arabischer Musik auflegt, sich einen Whisky gönnt und vor Glück erfüllt ausruft: "O Allmächtiger, wie schön kann das Leben sein!" HENRYK M. BRODER
* Eli Amir: "Der Taubenzüchter von Bagdad". Aus dem Englischen von Karin Of, Petra Post und Andrea von Struve. Europa Verlag, München; 544 Seiten; 46 Mark.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 23/1999
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