18.07.2015

EssaySeid endlich still

Ein Brief an die Menschen in Freital, die keine Flüchtlinge aufnehmen möchten Von Stefan Berg
Liebe vergessliche Menschen aus Freital, es ist unangenehm, daran erinnern zu müssen. Aber es scheint wohl nötig zu sein, jetzt, da ihr schreit und andere Menschen, die in Not sind und bei euch in Sachsen Zuflucht suchen, als Pack bezeichnet, sie beschimpft und euch ganz ungeniert fotografieren lasst mit dem Transparent: KEIN ORT ZUM FLÜCHTEN.
Es ist unangenehm, aber es muss sein.
Wie sah Freital eigentlich 1989 aus, wie eure Nachbarorte Meißen und Dresden? Es waren Städte zum Davonlaufen. Sie waren grau, kaputt und scheinbar ohne Zukunft. Es gibt noch Bilder davon. Wenn ich sie mir ansehe, dann weiß ich wieder, wie es gerochen hat damals. Meine Zunge ist wieder belegt, meine Stimmung getrübt. Es ist nicht verkehrt, diese Bilder ab und zu einmal herauszuholen, aus der Schublade oder dem Gedächtnis. Viele Menschen sind damals davongelaufen, aus diesen Städten. In den Schaufenstern der Läden standen manchmal Schilder: Heute keine Ware. Das war kein Witz.
Einige haben ihr Leben riskiert, um abzuhauen. Sie sind rüber über die Mauer gen Westen oder haben Anträge gestellt, Ausreiseanträge, und endlos gewartet. Andere sind gen Osten, nach Prag, auf das Botschaftsgelände der Bundesrepublik Deutschland. Es war eine Abstimmung mit den Füßen. Die Menschen riefen: Freiheit. Und sie wollten auch Freiheit. Aber es ging, glaube ich, auch ein bisschen um Wohlstand. Oder?
Sie hatten Glück, sie wurden nicht zurückgeschickt, nicht abgeschoben, sie mussten keine Anträge zur Einreise stellen und keine Asylanträge. Sie wurden nicht nur geduldet. Sie wurden von Menschen als Menschen, von Deutschen als Deutsche aufgenommen, und ihnen wurde geholfen. Ich erinnere mich nicht, dass Leute aus Städten, in denen DDR-Flüchtlinge aufgenommen wurden, auf die Straße gingen und schrien: KEIN PLATZ FÜR OSSIS.
Und es ging nicht allen Westdeutschen glänzend, und manch einer wird gedacht haben: Die kriegen jetzt alles hinterhergeworfen. Aber ich habe keinen das in die Kamera rufen hören.
Es ist unangenehm, daran erinnern zu müssen, aber ich darf das, ich stamme auch aus diesem Staat, der zusammenbrach, so wie heute Staaten zusammenbrechen, aus denen Menschen davonlaufen oder davonschwimmen. Reisefreiheit haben die Menschen sich 1989 gewünscht, in Freital bestimmt auch. Gemeint war die Freiheit zur Ausreise. Aber Ausreisefreiheit ohne die Freiheit, woanders einreisen zu dürfen, ist nicht viel wert. Ihr wolltet die Mauer weghaben. Und jetzt? Wollt ihr sie wieder zurück?
Als die Mauer aufgerissen wurde, 1989, da gab es Begrüßungsgeld für jeden. Es gab keine Prüfung, keinen Test. Vielleicht wäre es besser gewesen, jeder hätte wenigstens einen Satz zur Probe sagen oder auswendig lernen müssen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es in unserer Verfassung. Musstet ihr nicht, mussten wir nicht. Und bestimmt haben damals Leute im Westen gedacht. Begrüßungsgeld? Na, was denn noch alles für die Ossis. Aber ich habe keinen blöken hören, so wie ihr jetzt blökt, in eurem Freital, das nun nicht mehr grau ist und in dem nicht mehr der Putz von den Wänden fällt und wo kein Schild mehr steht: Heute keine Ware. Habt ihr, die ihr jetzt rumschreit, einmal nachgedacht, wieso es in eurer Stadt heute so schön ist und in Meißen und in Dresden, so schön, dass ihr denkt, ihr müsstet da etwas verteidigen?
Uns wurde geholfen. Anderswo haben Leute für uns verzichtet, waren bereit, Geld zu geben. Gut, sie wurden auch ein wenig überrumpelt, gezwungen, sie haben den Solidaritätszuschlag nicht mit Begeisterung gezahlt, aber sie haben. Und den Länderfinanzausgleich und den Solidarpakt. Einige im Westen und im Südwesten mosern deshalb, ihnen reicht es jetzt, aber das Geld fließt weiter. Ich bin immer dagegen, das alles vorzurechnen oder sich vorrechnen zu lassen. Denn das ist eben Solidarität, dass einer, der mehr hat, dem abgibt, der weniger hat. Man macht kein Gewese darum. Niemand konnte etwas dafür, hinter der Mauer eingesperrt gewesen zu sein. Die Hilfe heute ist auch eine Entschädigung für das, was gestern war.
Man muss dafür nicht jeden Tag Danke sagen. Aber kann man es vergessen?
Euch, die ihr nicht einmal danach fragt, wieso andere Menschen ihr Land verlassen, ihr Leben riskieren, die ihr so ohne jedes Gefühl zu sein scheint – euch muss man daran erinnern, was ihr, was wir für ein verdammtes Glück hatten und haben. Wenn ihr in die Augen der Flüchtlinge seht, dann müsstet ihr ein wenig wiedererkennen von eurem Leben. Wenn ihr ihre Geschichten hört, müsste euch einiges wenigstens etwas bekannt vorkommen. Dabei war das Land, aus dem damals viele wegliefen, die DDR, ein Paradies gegen Somalia oder Syrien.
Ihr Bürger von Freital, die ihr das nicht vergessen habt, redet euren Nachbarn ins Gewissen. Zeigt ihnen noch einmal die Bilder, Freital 1989 oder Dresden oder Leipzig 1989. "Kommt die D-Mark nicht hierher, gehen wir zu ihr", haben viele damals gerufen. Es war eine Drohung. Die D-Mark kam.
Und ihr, die ihr alles vergessen habt, schaut euch um, in eurer Stadt, in unserem Land. Und schaut euch an, wie es in Damaskus aussieht oder in Bagdad. Ruinenstädte, in die der Wohlstand nicht kommen wird und aus denen die Menschen nun in Richtung Wohlstand fliehen, in der Hoffnung auf ein Leben ohne das Gedröhn von Panzern, Raketen, Bomben. Seht euch diese Bilder des Jahres 2015 an, und seid endlich einmal still. Und dann überlegt, wie es gewesen wäre, hätte man uns und euch so behandelt, wie ihr jetzt jene behandelt, die nicht mehr wollen als eine kleine Chance, ihrem beschissenen Elend zu entkommen. ■
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 30/2015
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