05.10.1992

Staatssekretäre

Gut gemeint

Staatssekretär Riedl wollte mit Gesinnungsfreunden den 50. Jahrestag der Raketenwaffe V-2 feiern.

Als die Deutsche Demokratische Republik noch real existierte, galten die Flecken Peenemünde und Karlshagen auf dem Ostsee-Eiland Usedom als "Insel der Ahnungslosen". Im äußersten Nordosten der DDR, nahe der Grenze zu Polen, gab es kein Westfernsehen. Ringsum war militärisches Sperrgebiet.

Nur ausgewählte Geheimnisträger der DDR-Volksarmee im Flottenstützpunkt Peenemünde und beim Jagdfliegergeschwader "Heinrich Rau" in Karlshagen durften um die Geschichte der Gegend wissen: Hier hatte Adolf Hitler die V-2-Rakete entwickeln lassen, die in London, Paris, Antwerpen und Lüttich Tausende tötete und - nach dem Krieg - für Mondflüge der Amerikaner und Russen und zum Träger von Atomwaffen fortentwickelt wurde.

Die offizielle Wahrheit in der DDR sah die Raketentechnik in der ruhmreichen Sowjetunion erfunden. Alle West-Bücher anderen Inhalts wurden geheimgehalten.

Nach dem Fall der Mauer war alles anders - und Bekennermut angesagt, wo zuvor Schweigen verlangt wurde. Der 50. Jahrestag des ersten erfolgreichen Raketenstarts - am 3. Oktober 1942 in Peenemünde - sollte groß gefeiert werden.

Zu Ehren des von Raketentüftler Wernher von Braun mitkonzipierten "Aggregats 4" hatte sich neben Industrieprominenz und Militärs auch Erich Riedl, Koordinator für Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung und Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, angesagt.

Der CSU-Mann aus München wollte als Schirmherr die Festrede bei einer Jubelfeier der vom Rüstungskonzern Daimler-Benz angeführten Luft- und Raumfahrtindustrie halten. Ging es doch, so sein Text-Entwurf, "um den Eintritt in die Raumfahrtära des 20. Jahrhunderts".

Doch aus Riedls Raumfahrtfest wurde nichts. Nach einem Sturm der Entrüstung über die V-2-Feier - speziell bei den über Bonner Selbstherrlichkeit nach der Einheit ohnehin erzürnten Briten - legte der CSU-Mann die Schirmherrschaft vorigen Montag nieder. "Freiwillig", wie er sagt.

Riedl-Spezi Karl Dersch, Vorstandsmitglied bei der Münchner Daimler-Tochter Deutsche Aerospace und Präsident des Verbands der Luft- und Raumfahrtindustrie, blies die große Jubelveranstaltung deshalb ab. "Mißverständnisse", jammert der CSU-Staatssekretär, habe es allenthalben gegeben, "hysterische" Reaktion. Um Hitlers "Vergeltungswaffe" sei es doch "nie gegangen".

Erich Riedl - Robinson auf einer Insel der Ahnungslosen.

"Er hat es halt", attestiert der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Rudi Walther von der SPD, dem langjährigen CSU-Haushälter Riedl, "mal wieder gut gemeint." Aber das ist, wie Regierungssprecher Dieter Vogel ("The Chancellor was not amused") süffisant anmerkte, "im allgemeinen Sprachgebrauch das Gegenteil von ,gut'".

Die Peenemünder Pleite war nicht der erste Flop des "gelernten Postlers" (Riedl über Riedl) im Wirtschaftsministerium. Immer wieder hat er seine Dienstherren brüskiert.

Die Eskapaden haben Riedl allerdings noch nie geschadet. Denn er ist ein Ziehkind von Franz Josef Strauß - und da traut sich auch ein Helmut Kohl nicht so schnell ran. Er und sein Vize Jürgen Möllemann, Riedls Vorgesetzter, fürchteten, der Sturz des christsozialen Raum- und Luftfahrt-Lobbyisten könnte rechte Wähler erschrecken.

So war denn auch für Möllemann die "Sache erledigt", als der wuselige Riedl beteuerte, er habe die Raketenfeier vorigen Montag nur als Luft- und Raumfahrt-Koordinator verteidigt, nicht in seiner "Eigenschaft" als Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium.

Beim Riedl Erich, wie ihn die Leute zu Hause im Wahlkreis München-Süd nennen, muß man schon genau hinhören, in welcher Eigenschaft er gerade redet.

Als simpler Abgeordneter darf Riedl für München schon mal eine "asylantenfreie Zone" fordern. Als Parlamentarischer Staatssekretär beantwortet er im Bundestag Fragen seiner Abgeordnetenkollegen.

Als Koordinator für die subventionsabhängige Flugzeugbranche hat er - nachgerade nibelungentreu - bis zuletzt für den Jäger 90 gekämpft: Noch kurz vor der parlamentarischen Sommerpause ließ er sich vom damaligen zweiten "Parlamentarischen" im Möllemann-Ressort, Klaus Beckmann, per Bundestagsdrucksache bescheinigen, seine Haltung entspreche "nicht der des Ministers".

Öffentlich aufgefallen war Riedl eigentlich nur durch seine Amtszeit als Präsident des Münchner Traditions-Fußballklubs TSV 1860, den er erfolgreich von der Bundes- in die Amateurliga geleitete.

Der als Exot im Wirtschaftsministerium geduldete FJS-Vollzugsgehilfe Riedl kämpfte allzeit brav für seine Freunde von der Industrie, etwa um Airbus-Subventionen. Und er verstand es, mit überschäumendem bajuwarisch-jovialem Getue selbst störrisch-rheinische Beamte für sich zu gewinnen: "Wenn der dich einmal umarmt", weiß ein früherer Spitzenbeamter des Möllemann-Ressorts, "bist du in drei Minuten von Kopf bis Fuß eingewickelt."

Während Riedls erster Chef Martin Bangemann noch meinte, die konservativ-liberale Koalition werde schon gefestigt, wenn Staatssekretäre der Union in FDP-Ministerien säßen und umgekehrt, stieß CSU-Riedl 1988 den Nachfolger Haussmann vor den Kopf. Noch ehe das Kartellamt Bedenken gegen die Fusion der Stuttgarter Rüstungsschmiede Daimler und der bayerischen MBB formuliert hatte, kündigte der Luftfahrt-Lobbyist im Solde der Bundesregierung an, sein Vorgesetzter werde in jedem Fall eine Ministererlaubnis erteilen.

Riedl: "Mit Haribo oder der Arbeiterwohlfahrt kann man so ein Projekt nicht machen."

Haussmann tobte. Aber Riedl blieb im Amt.

Trotz aller Widrigkeiten verharrte der Riedl Erich auf dem Posten: Mal scheiterte er mit dem Plädoyer, die kostspielige bemannte Raumfahrt mit Hilfe "zusätzlicher Kredite" zu finanzieren. Mal ignorierte er Vermerke des beamteten Staatssekretärs Johann Eekhoff auf seinen Vorlagen zum Jäger 90, die "industriepolitischen" Argumente - gemeint war der von Daimler angedrohte Verlust von Arbeitsplätzen - zählten nicht.

Erst jetzt, nach dem Peenemünde-Schuß, könnten die Tage des fülligen Bayern gezählt sein: Beim Kabinettsumbau Ende des Jahres, sagen Kanzlergehilfen voraus, werde die "Erblast des FJS" im Hause Möllemann getilgt.

Helmut Kohl will einige Ministerien zusammenlegen und überflüssige Staatssekretäre loswerden. Mindestens vier "Parlamentarische" soll es treffen - Riedl ist der erste.


DER SPIEGEL 41/1992
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