06.04.1992

Stabilität oder mehr Inflation?

SPIEGEL: Herr Köhler, Sie waren maßgeblich am Zustandekommen der Verträge von Maastricht beteiligt. Sind die Bedenken und Ängste, die gegen eine gemeinsame Währung vorgetragen werden, unbegründet? Haben Sie etwas falsch gemacht?
KÖHLER: Die Ängste sind angesichts der tiefgreifenden Veränderung, die mit dem Vertrag ausgelöst wird, und angesichts nicht ganz auszuschließender Risiken verständlich. Wir haben zwei Fehler gemacht. Erstens haben wir zu wenig und zu spät in der Öffentlichkeit darüber diskutiert. Die Menschen waren zu wenig vorbereitet. Und zweitens hätte ich mir auch für die politische Union eine stärkere konzeptionelle Präzisierung gewünscht, wie wir es für die Wirtschafts- und Währungsunion getan und durchgesetzt haben. Aber insgesamt haben wir ein Ergebnis erreicht, bei dem die Chancen weit größer sind als die Risiken.
SPIEGEL: Der gravierendste Vorwurf lautet: Man hat eine Währungsunion zusammengezwungen, ohne sie politisch abzusichern. Was haben denn die Deutschen Positives von Maastricht zu erwarten?
KÖHLER: Ich darf an das erinnern - und das mache ich besonders gern, weil ich _(* Mit Redakteuren Heiko Martens, Rudolf ) _(Augstein und Marion Schreiber in seinem ) _(Bonner Amtszimmer. ) den ersten Entwurf dieses Vertrages selber mitformuliert habe -, was in der Präambel zur deutschen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion steht: Die deutsche Vereinigung, so heißt es dort, ist auch ein Beitrag zur europäischen Einigung. Und ich finde, daß Deutschland im Kontext dieses Vertrages in jeder Hinsicht seine Perspektive verbessert, friedlich mit den Nachbarn zu leben. Man wird uns mit unserer wirtschaftlichen Stärke - die nach Überwindung der Integrationsprobleme Ostdeutschlands zunehmen wird - gelassen so nehmen können, wie wir sind. Wir werden davon ausgehen können, daß diese Stärke keine neuen Ängste hervorrufen wird.
SPIEGEL: Der wirtschaftlich Starke wird aus politischen Gründen geschwächt?
KÖHLER: Überhaupt nicht. Deutschland ist wie fast kein anderes Land sonst auf Exporte angewiesen. Unsere Exporte machen knapp ein Drittel des Sozialprodukts aus. Fast 60 Prozent davon werden in Europa abgesetzt. Das ist unser Zukunftsmarkt.
SPIEGEL: Bisher ist es gut gelaufen. Warum soll man daran etwas ändern?
KÖHLER: Das ist doch keine Gewähr für die Zukunft. Das weltwirtschaftliche und weltpolitische Umfeld verändert sich. Amerikanische Bürger schlagen japanische Importautos mit dem Vorschlaghammer kaputt. Protektionismus und Isolationismus drohen. In dieser Zeit der Unsicherheit ist es um so wichtiger, daß unsere Investoren Planungssicherheit bekommen. Sie müssen sich darauf verlassen können, daß auch morgen noch die Märkte offen sind. Sie müssen die Rechtsgrundlagen für ihre Investitionen kennen. Und diese Rechtsgrundlagen kennen sie jetzt in Deutschland und Europa ganz genau - so gut wie nirgendwo sonst.
SPIEGEL: Das leistet doch schon der Binnenmarkt, der im nächsten Jahr anläuft.
KÖHLER: Der Binnenmarkt allein bewahrt uns nicht vor dem Risiko des Rückfalls in Währungsturbulenzen und neue Handelshemmnisse.
SPIEGEL: Und die Währungsunion?
KÖHLER: Mit dem Maastrichter Ergebnis schreiben wir die soziale Marktwirtschaft als Ordnungsmodell für Europa fest. Das gibt uns die Möglichkeit, in Ruhe und Stabilität im Laufe der Zeit Entwicklungsunterschiede in Europa auszugleichen. Davon werden wir alle profitieren.
SPIEGEL: Das alles stimmte 1988, als es konzipiert wurde. Angesichts des Ansturms aus dem Osten, Südosten und Süden scheint uns das verwegen.
KÖHLER: Es stimmt jetzt um so mehr. Wir brauchen die politische Geschlossenheit Westeuropas, um zum Beispiel dem Osten auf die Beine zu helfen. Deutschland allein würde sich daran einen Bruch heben.
SPIEGEL: Und an der Währungsunion hebt Deutschland sich keinen Bruch?
KÖHLER: Länder wie Spanien und Portugal brauchen flankierende Unterstützung, um sich selber zu helfen. Aber das ist kein Riesenumverteilungsrad, das da gedreht wird. Da wird in der innenpolitischen Diskussion in Deutschland - in zum Teil sträflicher Art und Weise - Angstmache betrieben. Ich kann Ihnen jedes Element der finanziellen Leistung Deutschlands an die Gemeinschaft - auch in bezug auf den Süden - im einzelnen begründen.
SPIEGEL: Können Sie das auch noch, wenn die Währungsunion in Gang gekommen ist? Muß nicht das Transferrad notwendigerweise gedreht werden, wenn das Ventil der Wechselkursänderungen verstopft wird?
KÖHLER: Nein, schauen Sie doch mal in die Schweiz, nach Amerika oder nach Kanada. In den USA schwankt zum Beispiel das Pro-Kopf-Einkommen zwischen Connecticut und Mississippi um 100 Prozent. Gefährdet das etwa den Dollar-Währungsraum?
SPIEGEL: Kein Mensch aus Jackson käme auf die Idee, Subventionen von einem Mit-Amerikaner in Hartford zu fordern. Aber genau das wird in Europa der Fall sein.
KÖHLER: Nein, eben nicht. Und das müssen wir deutlich machen. Es wird nicht so sein, daß der Süden bei den sogenannten reichen Ländern abkassiert. Dann nämlich würde Europa auseinanderfallen.
SPIEGEL: Und wie soll das verhindert werden?
KÖHLER: Mit dem Vertrag von Maastricht und gegebenenfalls Weiterentwicklungen durch die bereits heute für 1996 vorgesehene Regierungskonferenz. Es gibt eine "no bail out rule". Das heißt, wenn sich ein Land durch eigenes Verhalten hohe Defizite zulegt, dann ist weder die Gemeinschaft noch ein Mitgliedstaat verpflichtet, diesem Land zu helfen.
SPIEGEL: Aber Sie können auch nicht zulassen, daß dieses Land pleite geht.
KÖHLER: Wieso denn nicht? Wenn irgendein Land durch eigenes Fehlverhalten völlig aus dem Ruder läuft und sagt, daß es x Milliarden von Brüssel braucht, dann müßte es für diese Zahlung ein Entscheidungsverfahren geben.
In Europa kann Geld nur im Rahmen eines genau spezifizierten Verfahrens bewilligt und ausgegeben werden. Und das bedeutet: Es kann Geld nur im Rahmen der Eigenmittelbeschlüsse geben. Und die müssen einstimmig gefaßt werden. Zur Zeit hat die Gemeinschaft 1,2 Prozent des gemeinschaftlichen Bruttosozialprodukts zur Verfügung. Man muß sich einfach mal die Größenordnung vor Augen führen. Damit können Sie nicht ganze Länder alimentieren.
SPIEGEL: Das kann und soll sich ändern, wenn Europa politisch weiter zusammenwächst. Kommissionspräsident Delors hat ja schon eine erste Rechnung für Maastricht präsentiert.
KÖHLER: Es bleibt in diesem Punkt bei der Einstimmigkeit. Nur wenn alle mitmachen, können die für die Gemeinschaft verfügbaren Mittel aufgestockt werden. Auch die deutschen Politiker haben ihre Wähler.
SPIEGEL: Und die murren hörbar über das, was Kanzler Kohl in Maastricht unterschrieben hat.
KÖHLER: Ich kritisiere an der Diskussion in Deutschland - ich bitte, das wirklich nicht als Überheblichkeit zu verstehen -, daß sie teilweise oberflächlich ist. Man geht so weit zu sagen, man wolle in Europa einen Einheitsbrei, wolle alles nivellieren. Das ist totaler Quatsch. Wir müssen Europa so definieren, gestalten und sich entwickeln lassen, daß die Vielfalt der verschiedenen Traditionen, Kulturen und nationalen Identitäten am Leben bleibt.
SPIEGEL: Und die der Währungen!
KÖHLER: Eine einheitliche Währung trägt zur Heranbildung einer europäischen Identität bei. Auf keinen Fall aber haben wir die Idee eines Zentralstaates.
SPIEGEL: Wieso nicht? Das sollte doch eigentlich das Endziel sein.
KÖHLER: Es kann ein Endziel im Sinne eines Bundesstaates sein. Aber ein Brüsseler Zentralismus kann nie und nimmer - aus meiner Sicht jedenfalls; das würde auch keinen Bestand haben - das Endziel sein. Eine politische Union funktioniert um so besser, je mehr wir darauf sehen, diese Vielfalt zu erhalten. Wir müssen soviel Subsidiarität wie möglich erhalten. Gleichzeitig gibt es aber Schnittstellen, wo wir eine zentrale Abstimmung der nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken brauchen.
SPIEGEL: Und den Zwang zum sozialen Ausgleich.
KÖHLER: Für eine Währungsunion kommt es vor allem darauf an, Haushaltsdisziplin durchzusetzen. Hierfür sind genaue Vorgaben bis zu Sanktionen vorgesehen.
SPIEGEL: Mit dem sogenannten Kohäsionsfonds ist ein Anfang gemacht.
KÖHLER: Der hat den Sinn, in den besonders strukturschwachen Ländern Umweltschutz und Infrastrukturmaßnahmen zu fördern. Nach meinem Dafürhalten sind das zwei sehr begründete Aufgabenfelder. Infrastruktur ist eine Basis für private Investitionen. Dieses Programm umfaßt nach dem Vorschlag der Kommission im ersten Jahr 1,5 Milliarden Ecu, also etwa drei Milliarden Mark. Wenn wir helfen können, daß Spanien, Portugal, Irland und Griechenland auf diesem Wege die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung privater Investoren verbessern, dann kann das eine gute Anlage sein.
Wenn dieser Kohäsionsfonds sich so entwickeln würde, daß er als eine Möglichkeit genutzt wird, der Haushaltsdisziplin auszuweichen, dann wäre er natürlich genau das Gegenteil von dem, was in Maastricht beschlossen wurde. Wir werden darauf achten, daß dies nicht passiert.
SPIEGEL: Sie wollen Vielfalt in Europa erhalten. Die D-Mark . . .
KÖHLER: . . . ist ein Stück unserer Identität. Nur frage ich Sie jetzt mal: Darf es uns ausreichen, daß wir die deutsche Identität, die wir in Europa einbringen, nur auf die D-Mark beziehen? Es ist uns mit den Verträgen von Maastricht gelungen, unser Währungskonzept zur Währungsverfassung für Europa zu machen. Was kann es Besseres geben, als dieses gute Stück deutscher Identität _(* Mit Präsident Helmut Schlesinger (vorn ) _(links), dahinter Vize Hans Tietmeyer. ) - es ist wirklich gut - nach Europa zu exportieren?
SPIEGEL: Kann man so etwas nach Griechenland exportieren?
KÖHLER: Da müssen wir aber ganz sauber und präzise sein. Wir haben in Maastricht ganz klar gesagt: Wir gehen in die dritte Stufe der Währungsunion mit denen, die bestimmte, im Protokoll zum Vertrag niedergelegte Stabilitätskriterien erfüllen.
SPIEGEL: Die werden für einige Länder ohne Hilfe wohl nie zu erreichen sein.
KÖHLER: Diese Hilfe ist - zum Beispiel im Kohäsionsfonds - genau definiert, spezifiziert und begrenzt. Und wir werden darauf achten, daß daraus nicht etwas anderes gemacht wird.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das machen? Wer sagt Ihnen, wer 1999 in Europa regiert und in Brüssel bestimmt? Was gibt Ihnen die Sicherheit, daß mit Ihren schönen Verträgen nicht Schindluder getrieben wird?
KÖHLER: Wissen Sie, absolute Sicherheit gibt es nie. Aber es müssen doch heute Entscheidungen getroffen werden. Und dann habe ich zu fragen: Welche Grundlagen habe ich für eine gestaltende Politik? Da muß ich doch zur Kenntnis nehmen, daß zum Beispiel die Franzosen seit zehn Jahren eine sehr mutige und konsequente Stabilitätspolitik betreiben. Sie machen, wenn Sie so wollen, in bezug auf Haushaltsdefizite und Inflationsraten eine deutsche Stabilitätspolitik. Soll ich denn jetzt als Deutscher diese zehn Jahre geringschätzen und für die Zukunft unterstellen, daß die Franzosen etwas ganz anderes im Schilde führen?
Ein anderes Beispiel. Nehmen Sie ein strukturschwaches Land wie Irland. Die Iren haben es fertiggebracht, ihr Haushaltsdefizit von elf Prozent in 1986 auf inzwischen unter vier Prozent zurückzuführen. Meinen Sie denn, daß dieses Land, wenn es in die Währungsunion kommen würde, wieder alles vergäße, nach dem Motto: Jetzt sollen die fleißigen, dummen Deutschen für uns arbeiten, damit wir es bequem haben? Es ist in Europa schon mehr geschehen, als manche wahrhaben wollen. Und deshalb ist die Währungsunion auch nicht in die Luft gebaut und damit in den Sand gesetzt.
SPIEGEL: Aber es fehlen Mindestvoraussetzungen für das Funktionieren, zum Beispiel eine gemeinsame Haushaltspolitik. Wenn Bonn weiterhin die Ausgaben schießen läßt, dann kann die Bundesbank noch so sehr an der Zinsschraube drehen. Sie wird dann nicht verhindern, daß eine Inflationierung eintritt.
KÖHLER: Bonn wird seine Hausaufgaben machen. Aber in einem haben Sie recht. Es ist wichtig, daß wir uns jetzt darum kümmern, die Haushaltsdisziplin auch in einer künftigen europäischen Verfassung zu verankern.
SPIEGEL: Was wiegt eigentlich schwerer bei Ihrer Begeisterung für die Währungsunion: Sind es die ökonomischen Vorteile, oder ist es die Vorstellung, daß die Währungsunion das politische Zusammenwachsen der Gemeinschaft fördern soll?
KÖHLER: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es gibt Leute, die sagen, man dürfe die Währung nicht zum Instrument der politischen Integration machen. Ich bin sicher, daß die Wirtschafts- und Währungsunion funktionieren wird, auch ohne bereits weitergehende Ausbuchstabierung staatlicher Strukturen Europas. Die Wirtschafts- und Währungsunion hat ihre eigenen eingebauten Sicherheitssysteme. Dieser Weg wird uns dann aber auch zur politischen Union führen.
SPIEGEL: Gesetzt den Fall, Deutschland selber erfüllt die Beitrittskriterien nicht. Was passiert dann?
KÖHLER: Wenn Frankreich, die Niederlande, Dänemark und andere prima qualifiziert wären, dann ist theoretisch ein Start ohne Deutschland denkbar.
SPIEGEL: Das wäre dann ein Währungsverbund, der weiter von der D-Mark abhängig ist. Die Situation gegenüber heute würde sich kaum ändern.
KÖHLER: Ich widerspreche Ihnen nicht. Es ist nicht wünschbar, eine Währungsunion ohne Deutschland zu machen. Ich habe einen ganz anderen Ansatz. Diejenigen, die das so kritisieren und Angst haben, daß die Deutsche Mark verraten wird, sollten uns sagen: Sorgt doch als Bundesregierung dafür, daß ihr die entsprechenden Konvergenz-Kriterien erfüllt. Je besser eure Daten beim Beitritt sind, desto besser ist die Qualität der gesamten Währungsunion.
SPIEGEL: Im Moment ist es nicht weit her mit der Stabilitätsinsel Deutschland.
KÖHLER: Sie werden noch im Laufe dieses Jahres erleben, daß wir wieder deutlich unter vier Prozent Teuerungsrate kommen.
SPIEGEL: Zur Zeit zeigt der Trend nach oben.
KÖHLER: Die Zahlen lassen sich durch Sonderfaktoren erklären. Aber ich bin zuversichtlich, daß das am Ende des Jahres wieder viel besser aussehen wird. Ich möchte aber noch mal deutlich machen: Wenn Länder wie Frankreich im _(* Am 7. Februar in Maastricht nach ) _(Unterzeichnung der Europa-Verträge. ) Augenblick eher unter drei Prozent liegen und wir das gleiche Ergebnis wieder erreichen, dann habe ich in bezug auf den Inflationssockel in der Währungsunion keine Angst.
SPIEGEL: Hätte man sich in Deutschland nicht viel ersparen können, wenn man zunächst darauf verzichtet hätte, eine einheitliche Währung einzuführen? Statt dessen hätte man die Währungen einfach in festen Paritäten aneinanderbinden können. Die D-Mark wäre erhalten geblieben.
KÖHLER: Da mache ich aus meinem Herzen keine Mördergrube. Ich bin davon überzeugt, daß Europa mit dem Vertrag über die Europäische Union eine große Chance hat, eine wirtschaftsstarke und friedfertige Region zu werden.
SPIEGEL: Und Sie meinen, dazu braucht man den einheitlichen Geldschein?
KÖHLER: Er kann zu einer gemeinsamen europäischen Identität beitragen, ohne daß Vielfalt und Wettbewerb in Europa dadurch beeinträchtigt werden.
SPIEGEL: So positiv sieht kaum jemand den Verlust der D-Mark.
KÖHLER: Das hat mit unserer eigenen Befindlichkeit, mit unserer vielleicht zu sehr nur auf die D-Mark reduzierten Identität zu tun. Ich denke, daß wir uns in Deutschland wirklich überlegen müssen, wie wir unsere künftige Rolle finden. Wir finden sie nicht dadurch, daß wir uns kleiner machen, als wir sind. Wir sollten uns auch nicht größer machen, als wir sind. Wir sind 80 Millionen. Wir müssen ein breiteres Selbstbewußtsein entwickeln. Wir sollten nicht zuviel Angst haben, daß uns die anderen sozusagen mit der D-Mark gegen unseren Willen Stabilität entreißen können.
SPIEGEL: Hängen die Engländer eigentlich an ihrem Pfund und die Franzosen an ihrem Franc?
KÖHLER: Unheimlich. Das ist auch nachvollziehbar. Aber warum sollten wir deshalb die Perspektive aufgeben, auch über eine einheitliche Währung eine gemeinsame europäische Identität zu schaffen?
SPIEGEL: Das Pfund hat eine bei weitem längere Tradition als die D-Mark.
KÖHLER: Schauen Sie mal in die Währungsgeschichte. In Deutschland gibt es eine einheitliche Währung erst seit gut 100 Jahren. Noch im Deutschen Bund 1815 gab es zwischen 30 und 40 verschiedene Währungen. Die D-Mark gibt es erst seit 1948. Zum Glück hat sie ihre derzeitige Stärke. Aber Deutschland erlebte schon andere Zeiten. Zum Beispiel gab es zwei Hyperinflationen. Das geschah in Deutschland - nicht in Frankreich.
SPIEGEL: Soll das die Deutschen im Hinblick auf das Jahr 2000 trösten?
KÖHLER: Nein. Aber dadurch sollen wir in die Lage versetzt werden, unser Bewußtsein nicht nur auf die schöne Phase der Erfolgsgeschichte der Deutschen Mark zu reduzieren.
SPIEGEL: Haben Sie eine Lieblingsbezeichnung für die neue europäische Währung?
KÖHLER: Das ist ein schwieriges Thema. Herr Waigel hat "Europa-Mark" vorgeschlagen. Andere haben "Franken" ins Gespräch gebracht. Die Franzosen, die Belgier und die Schweizer haben ja eine Währung mit diesem Namen.
SPIEGEL: Aber für die Engländer wäre es nicht gut.
KÖHLER: Für die wären das eben "Fränks".
SPIEGEL: Wo wird die europäische Zentralbank ihren Sitz haben?
KÖHLER: Ich denke, daß der Bundeskanzler gar nicht anders kann, als hier sein ganzes Prestige und politisches Gewicht für Frankfurt einzusetzen. Wir brauchen offensichtlich auch Symbole. Der Sitz Frankfurt wird unsere Bürger vielleicht ein bißchen beruhigen. Diese Bank wäre das Stabilitätskonzept zum Anschauen.
SPIEGEL: Josef Joffe, ein guter Europäer, hat in der Süddeutschen Zeitung einen prominenten Sozialdemokraten - dessen Namen wir kennen - mit der Einschätzung zitiert: "Deutschland zahlt heute die Schulden für die Schuld am Zweiten Weltkrieg."
KÖHLER: Wir Deutschen haben jetzt - aus der guten Erfahrung mit der D-Mark heraus - die Chance, ein Stück europäische Geschichte für die Zukunft zu definieren und zu gestalten. Wenn man den Vorgang Währungsunion so interpretiert, als ob wir jetzt zur Kasse gebeten werden, ist das aus meiner Sicht eine erschreckende Diagnose. Deutschland hat seit dem Zweiten Weltkrieg eine gute Performance, Herr Augstein, von der SPIEGEL-Krise bis hin zu Bundeskanzler Helmut Kohl.
SPIEGEL: Das bestreiten wir ja nicht.
KÖHLER: Wir können doch jetzt nicht in Angst verfallen und uns im Rahmen eines Besitzstandsdenkens an das krallen, was wir haben, ohne zu sehen, daß die Welt ringsum nicht so stabil ist, wie wir uns das erhoffen. Meiner Ansicht nach befinden wir uns in Deutschland nicht auf einer Insel der Glückseligen. Wir leben auch davon, daß es den anderen Ländern möglich ist, sich friedlich und fortschrittlich weiterzuentwickeln. Der Export unserer Geldverfassung ist ein glücklicher Weg, die Aussichten für ganz Europa zu verbessern.
SPIEGEL: Für Italien und Griechenland gewiß . . .
KÖHLER: Auch nur, wenn diese Länder die vertraglich genau festgelegten Stabilitätsvoraussetzungen erfüllen. Wir würden eine historische Chance vertun, wenn wir die vor den Kopf stoßen würden, die sich deutsche Stabilitätsvorstellungen zu eigen machen.
SPIEGEL: Herr Köhler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Horst Köhler *
ist beamteter Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und gilt als wichtiger Berater von Kanzler Helmut Kohl. Der promovierte Diplom-Volkswirt, 49, arbeitete mit am Vertrag zur deutschen Währungsunion, handelte die finanziellen Bedingungen für den Abzug der GUS-Streitkräfte ebenso aus wie den Kostenanteil der Deutschen am Golfkrieg. Köhler beeinflußte maßgeblich auch die Beschlüsse der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht. Dort ebneten die Staats- und Regierungschefs der EG Anfang Dezember 1991 den Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion. Geplant ist die Einführung der einheitlichen europäischen Währung (Ecu) bis spätestens 1999 - für Länder, die genau definierte Stabilitätskriterien erfüllen.
[Grafiktext]
__47_ Markt Europa: Verteilung der deutschen Exporte auf die EG-Länder
[GrafiktextEnde]
* Mit Redakteuren Heiko Martens, Rudolf Augstein und Marion Schreiber in seinem Bonner Amtszimmer. * Mit Präsident Helmut Schlesinger (vorn links), dahinter Vize Hans Tietmeyer. * Am 7. Februar in Maastricht nach Unterzeichnung der Europa-Verträge.
Von Martens, Augstein und Schreiber

DER SPIEGEL 15/1992
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