06.01.1992

LeichtathletikHarte Waden

Kein Einzelfall: Auch im vereinten Deutschland will der Ex-DDR-Trainer Horst-Dieter Hille auf seine bewährten Dopingmethoden nicht verzichten.
Von seinen großen Taten in der DDR ist Horst-Dieter Hille, 58, immer noch fasziniert. Marlies Göhr zum Beispiel hat er 1975 "unter meine Fittiche bekommen". Damals sprintete sie die 100 Meter in 11,17 Sekunden. Schon zwei Sommer später, so erzählt der Trainer aus Jena, "lief sie mit 10,88 Sekunden Weltrekord".
Die Erinnerungen an seine Arbeit stellt Hille im Trainerraum des Leichtathletik-Zentrums im ostwestfälischen Bünde stolz zur Schau. In seinem neuen Büro hängen an der Wand Poster von Marlies Göhr und Bärbel Wöckel, den Sprint-Olympiasiegerinnen vom SC Motor Jena, hinter dem Schreibtisch ist ein übergroßes Porträt von Renate Stecher befestigt - mit der Doppel-Olympiasiegerin von München 1972 begann einst Hilles Aufstieg.
Das Erfolgsrezept indes, mit dem Hilles Athletinnen insgesamt zwölf olympische Medaillen holten, wurde nach dem Untergang der DDR enthüllt. Die Rekord- und Titelflut "des wohl erfolgreichsten Trainers der DDR überhaupt" (Frankfurter Allgemeine) war nur möglich, weil einige seiner Frauen mehr Anabolika schluckten als etwa der 1988 bei den Olympischen Spielen überführte Kanadier Ben Johnson.
Doch nicht nur die Fotos hat Hille ins vereinigte Deutschland hinübergerettet, auch bei den Trainingsmethoden will sich der Thüringer nicht von Altbewährtem trennen. Vier Trainer aus Bünde haben deshalb zuletzt die Zusammenarbeit mit ihrem einstigen Vorbild beendet. In einem Brief an den westfälischen Leichtathletik-Verband sprechen sie Hille "das nötige Verantwortungsbewußtsein" ab und fordern seine Absetzung als Stützpunkttrainer.
Weiter werfen sie Hille nicht nur seine "Dopingdosen" in der DDR vor, die die "kriminelle Praxis weit übertrafen". Vor allem monieren sie, wie sich der Meistermacher aus dem Osten "gar erdreistete, Dopingvorschläge an unsere eigenen Athleten zu richten". Mehrmals habe Hille seinen neuen Schützlingen geraten, zur "Effektivitätssteigerung" Anabolika zu schlucken.
So berichtet Jörg Klose, der Freund und Trainer der Wolfsburger Sprinterin Andrea Hagen, von einem Gespräch mit Hille am letzten Oktober-Wochenende 1990. Nach einer dreistündigen Debatte über "Trainingsstrukturen und Tempotabellen" habe Hille "plötzlich begonnen, über Dopingsachen zu reden".
Hille präsentierte seinem Kollegen aus dem Westen Trainingspläne, aufgeteilt jeweils in neun Wochenzyklen. Detailliert zeigte er, "zu welchem Zeitpunkt man Anabolika einsetzen muß" (Klose).
"Wenn Andrea unter elf Sekunden laufen will", versuchte der Sprinttrainer seinen skeptischen Zuhörer zu überzeugen, "muß sie das nehmen." Zu erwartende Nebenwirkungen spielte er herunter: "Harte Waden" seien normal, nach "vier bis fünf Wochen ist das vorbei".
Als Klose die Vorschläge strikt ablehnte, holte Hille eine braune Tüte aus seinem Schreibtisch hervor. Darin befanden sich verschiedene Schachteln mit "Oral-Turinabol" (Hille), die er aus Jena mitgebracht habe. Wenn Andrea Hagen das nehme, werde sie "schnell die beste Sprinterin in Westdeutschland". Nachdem der Inhalt des Gesprächs publik wurde, will sich Hille nun nicht mehr an seine Dopingratschläge erinnern.
Wie selbstverständlich bot Hille aber auch anderen Athletinnen seine anabole Hilfe an. Vor zwei Jahren war die damals 15jährige Anne Letsch über 800 Meter in die Spitzenklasse aufgerückt. Im Trainingslager habe der Coach anhand "irgendwelcher Tabellen vorgerechnet", so die Nachwuchsläuferin, "wie schnell ich bald laufen kann".
Der Körper von Anne Letsch hielt sich nicht an das Plansoll. Weil die Heranwachsende an Gewicht zunahm, konnte sie ihre Leistungen nicht wie erwartet steigern. "Dieses hormonelle Problem", erklärte Frauen-Fachmann Hille mehrfach gegenüber Anne Letschs Betreuern, "hätten wir in der DDR in vier bis fünf Wochen gelöst." Mit relativ wenig Tabletten könne man bereits "deutlich helfen". Doch die Läuferin widersetzte sich den aufdringlichen Manipulationsplänen: "So'n Anabolika-Scheiß mache ich nicht."
Wie unbekümmert Hille früher in Jena mit Anabolika hantierte, fiel sogar Charlie Francis auf, dem ehemaligen Trainer und Doper von Ben Johnson. "Nie zuvor", schwärmte der Kanadier über die muskulöse Renate Stecher, "hatte ich eine solche Frau gesehen. Hier sah ich den Beweis der Wirkung von Anabolika."
Auch die stämmige Figur der Weltmeisterin Marlies Göhr, die täglich mit 10 Milligramm Oral-Turinabol schnell gemacht worden war, fand Francis "beeindruckend". Deren Kollegin, die viermalige Olympiasiegerin Bärbel Wöckel, konnte mit Jahresdosen von 1670 Milligramm anabolen Steroiden sowie der Verabreichung von Testosteronestern mit den Dopingweltmeistern aus den Wurfdisziplinen mithalten. Selbst die sonst nicht zimperlichen DDR-Sportmediziner urteilten, daß Hille mit seinen "auffällig hohen Dosierungen" zu weit ginge.
Weil die Manipulationen lange Zeit geheim blieben, fand Hille nach der Wende Arbeit im Westen. Der Medaillenproduzent aus Jena war kurz nach dem Fall der Mauer bei seinem Darmstädter Freund Wolfgang Thiele untergekommen. Im Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hatte Hille einen Verbündeten, den er schon zu DDR-Zeiten über seine Arbeitsmethoden mit den schnellen Mädchen aufgeklärt und mit kollegialen Tips versorgt hatte.
Ein lukratives Angebot lockte Hille in die Provinzstadt Bünde. Mit Unterstützung einflußreicher Stadtgrößen bekam der renommierte Coach beim Stadtsportbund einen Alibiposten als "Sportlehrer für Breitensport" - eine ABM-Stelle. Der Leichtathletik-Verband gab ihm zudem einen Vertrag als Stützpunkttrainer.
Erst die Enthüllungen im vorigen Herbst (SPIEGEL 37/1991), so der Bünder Trainer Hartwig Rohr, "haben uns die Augen geöffnet". Zunächst zogen sich einige Athletinnen zurück, weil sie Hilles autoritären Kommandoton nicht länger ertragen wollten. Als Rohr und seine Kollegen die ungebrochene Dopingmentalität Hilles ("Laß das hier sein") erkannten, schalteten sie den westfälischen Leichtathletik-Verband ein. Ungerührt, wie Hille schon die Dopingbeweise seiner DDR-Vergangenheit abgestritten hatte, leugnet er auch die neuen Anschuldigungen ("völlig unhaltbar"). Der westfälische Verband eröffnete ein Ermittlungsverfahren.
Der DLV, obwohl sofort über den Fall Hille informiert, schweigt - wie immer, wenn einer seiner potentiellen Medaillenmacher des Dopens beschuldigt wird. So durfte der Potsdamer Hans-Joachim Pathus, DLV-Koordinator für Gehen, noch bei der Weltmeisterschaft im August in Tokio "die Kampfzielstellung für unsere Geher" aufstellen, obwohl bereits Monate zuvor ehemalige Athleten detailliert Pathus' Dopingpraxis geschildert hatten.
Auch DLV-Cheftrainer Bernd Schubert ist weiter im Amt, wenngleich er laut Gerichtsurteil "ausgewiesener Fach-Doper" genannt werden darf. Zwei Dutzend ehemalige DDR-Trainer, darunter mehrere, die Minderjährige gedopt hatten, sollen Anstellungsverträge erhalten: Eine vom DLV handverlesene Juristengruppe bescheinigte ihnen eine "gute Sozialprognose".
Daß Politiker und Verbände den sauberen Sport proklamieren, ist den Praktikern gleichgültig. Vor allem ehemalige DDR-Trainer wie Hille scheinen methodisch unfähig, auf Dopingmittel zu verzichten. "Überrascht" kam ein bayerischer Trainer von einer DLV-Fortbildung in Kienbaum bei Berlin zurück. "Völlig offen", so stellte der Anabolika-Gegner fest, empören sich Ex-DDR-Trainer schon wieder über die "idiotischen Dopingkontrollen". o

DER SPIEGEL 2/1992
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