13.01.1992

Sie hat nichts merken können

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Vera Wollenberger und ihren spitzelnden Ehemann Knud

Von Leinemann, Jürgen

Vera Wollenberger tritt hinaus in den kalten, graufeuchten Nachmittag der "Steinwüste Berlin", die sie schon als Kind gehaßt hat. Sie friert.

Stundenlang hat die frühere Bürgerrechtlerin und heutige Bundestagsabgeordnete vom Bündnis 90/Grüne im Lesezimmer der Gauck-Behörde in den Akten des Staatssicherheitsdienstes geblättert, die voll sind von Hinweisen auf ihr besonders liebevolles und harmonisches Eheleben. Daß ihr die Familie viel bedeute, vor allem ihre Kinder - Philipp, 20, Jacob, 9, und Jonas, 7 -, steht sogar in den Informationsberichten der Spitzel.

Besonders eindringlich bringt es der Inoffizielle Mitarbeiter "Donald" den Stasi-Überwachern nahe, in intimen Berichten von Spaziergängen und Urlaubsreisen. Vera Wollenberger weiß, daß "Donald" weiß, wovon er redet - denn das ist Knud Wollenberger, seit zehn Jahren ihr Ehemann.

Der sitzt derweil in ihrem Geburtshaus, dem Heim ihrer Großeltern am Waldrand des thüringischen Kleinstädtchens Sondershausen, starrt in das flackernde Feuer eines heimeligen Eisenofens, grübelt und dichtet: "Kein Ja, kein Nein. Kein Schwarz, kein Licht - verdeckt bleibst du, bleib'' ich."

Nicht ganz, natürlich. Daß er "Donald" gewesen ist, leugnet er nicht mehr, seit sein Führungsoffizier, der auf Wollenbergers dringlichen Wunsch die wichtigsten Akten vernichtete, ausgepackt hat. Leider kann er nicht mehr "anhand meiner Texte" nachweisen, was er in einem Brief an Philipp, den ältesten Sohn seiner Frau, der nicht sein eigenes Kind ist, behauptet hat: "Ich war nicht nur der Informant der Stasi in der Friedensbewegung, ich war auch der Informant der Friedensbewegung in der Stasi." _(* Mit einem Mitarbeiter Anfang Januar in ) _(der Berliner Gauck-Behörde. )

Man muß seinen Verrat politisch sehen, darauf besteht er. Als wenn er dann halb so schlimm wäre.

Vergeblich versucht Vera Wollenberger ihren Schock zu verdecken. Hektisch redet sie nach dem Aktenstudium die Bedeutung des Gelesenen bei einer Tasse Tee herunter. "Die Banalität des Bösen als Farce" habe sie in den Berichten entdeckt, ringt sie sich Spott ab. Im Hintergrund des Cafes schluchzt eine Geige Operettenmelodien: "Hab'' ich nur deine Liebe . . ."

Vera Wollenberger redet schnell mit monotoner Stimme. Die Oberlippe, in der sich alles Bemühen um Fassung zusammenzuziehen scheint, bleibt starr. Ihre Bestürzung flattert in den Mundwinkeln, zwingt ihr an unpassenden Stellen ein krampfiges Lächeln ins Gesicht, daß der Kollege vom SFB den Versuch abgebrochen hat, sie bei einer hastigen Stellungnahme zu filmen. Nur der Kameramann hat gesehen, wie ihr beim Lächeln die Tränen in die Augen schossen.

Nun, in einem Moment der Entspannung, brechen Verletzung und ratlose Verzweiflung ungehemmt aus ihr heraus: "Wie kann das funktionieren, daß einer so ein liebevoller Vater ist und dann solche Berichte schreibt? Wie kann ein Mensch das? Ich begreife es einfach nicht."

Kann er selbst es beschreiben? Zwei Tage später, am Sonntag vergangener Woche, blickt Knud Wollenberger lange ins Feuer, bevor er zu bedenken gibt, daß das "konkret schwer zu machen" sei.

"Im Grunde", sagt er zögernd, aber druckreif, "habe ich in der falschen Situation den Versuch unternommen, Dinge zu vermitteln, die nicht vermittelbar waren." Aus dem Radio rieselt leise Schmusemusik: "Tears on my pillow".

Also doch, "IM Donald", der geheime Friedenskämpfer an der Stasi-Front? Ja, wenn auch der Satz, den er Philipp geschrieben habe, "vielleicht etwas überspitzt" gewesen sei. Diese Stasi, sagt er jetzt, sei immerhin ein 100 000-Mann-Unternehmen gewesen. Er habe sich vielleicht etwas überschätzt mit seinem Dialog-Versuch.

Ein zages Lächeln bettelt um Vergebung. Fast kommt Mitleid auf mit dieser traurigen Don-Quichotte-Figur. Im Städtchen folgen ihm mitfühlende Blicke, wenn er sich, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, an den Hauswänden entlangdrückt - armes Schwein.

Knud Wollenberger ist ein sanfter, zerbrechlich wirkender Mann. Ein struppiger Vollbart verbirgt sein weiches, jungenhaftes Gesicht. Seine braunen Augen starren dem Frager stets gerade ins Gesicht. Aber wer dem Blick standhält, blickt in tote Knöpfe, gruselig.

Stand er unter Druck? "Nein, ein Befehlsempfänger war ich zu keiner Zeit." Hat er keine Schuldgefühle? Doch, natürlich, er lächelt milde. Nun ist es offenbar an ihm, zu verzeihen. Wollenbergers vernünftelnde Sanftheit befremdet und provoziert.

Steht er unter Schock? "Ich fühle mich wie einer, dessen Finger in die Kreissäge geraten sind und der sieht, daß was fehlt, aber er fühlt noch nichts." Glatt kommt das heraus, ein Satz, wie frisch gebügelt für besondere Gelegenheiten. Zwei Tage später kann man ihn exklusiv in dem Boulevard-Blatt BZ wiederfinden. Nur fehlt ihm jetzt schon die ganze Hand.

Auf einmal wird verständlich, warum Vera Wollenberger befürchtet, ihr Sohn Philipp werde ihren Mann niederschlagen, falls er ihm begegnet. Und warum Achim Schmillen, der 29jährige Assistent der Bundestagsabgeordneten, der zwei Nächte lang mit dem Stasi-Spitzel redete, immer mal wieder das Bedürfnis empfand, "dem einfach eins in die Fresse zu hauen".

Es ist nicht nur schwer, Knud Wollenberger abzunehmen, daß er sich auch als politisches Opfer betrachtet. Es nervt besonders die pathetische, fast herablassende Art, in der er sich und sein Verhalten wie eine - freilich schwächliche - Selbstverständlichkeit darstellt: "Gewiß, es hätte eines groben Schnitts bedurft. Dazu war ich zu schwach." Und dann, nach langem Blick in die Flammen: "Es ist ein langer Weg in Deutschland vom Denken zum Handeln."

Als wäre Knud Wollenberger kein Handelnder gewesen. Will er bestreiten, daß er schon seit 1972 für den Staatssicherheitsdienst arbeitete? Hat er gar im Auftrag des MfS Vera Wollenberger geheiratet? Nein, nein, nein. Plötzlich klingt die Stimme nicht mehr milde, sondern knapp und hart. Seine Augen stechen, daß die kleinen runden Brillenscheiben wie Brenngläser wirken.

Schnell lenkt er ein. Sicher, Anfang der Siebziger hat er sich zum ersten Mal verpflichtet, für die Staatssicherheit zu arbeiten; er muß damals etwa 20 Jahre alt gewesen sein. Warum? "Es war ''ne Drucksituation", mehr will er dazu nicht sagen. Es sei aber eine andere Abteilung gewesen, die "Aufklärung", also Auslandsspionage. Als Sohn einer Dänin, der damit selbst dänischer Staatsbürger ist, war er für den Stasi wohl von Interesse. Vera Wollenberger ist zugetragen worden, daß er den Auftrag hatte, Botschaften "abzuschöpfen", speziell die amerikanische.

Aber nachdem Knud Wollenberger 1980 Vera Lengsfeld kennengelernt hat, in einem Ferienlager der Berliner Akademie der Wissenschaften auf Rügen, da will er seine Spitzeltätigkeit eingestellt haben. Er wollte nun heiraten, ein neues Leben beginnen, und dafür hätten "die, mit denen ich hauptamtlich zu tun hatte", auch Verständnis gehabt. Einfach so? Ja, einfach so.

Nach der Heirat 1981 jedoch "sind die dann auf mich zugekommen, aber es waren andere". Das muß wohl, glaubt Vera Wollenberger heute, 1982 gewesen sein, nach der Geburt von Jacob, ihrem ersten gemeinsamen Sohn. Da habe sie in einer Pankower Kirche eine aufrüttelnde Rede gegen die Stationierung von Atomwaffen in der DDR gehalten. Erstmals habe ihr damals Verhaftung gedroht, erzählt er ihr jetzt.

Hat er deshalb mitgemacht? Haben die ihn erpreßt? Wollenberger bekommt wieder den milden, verzeihenden Blick: "So ging das doch nicht." Das könnte man "vielleicht im Verbrechermilieu" tun, aber doch nicht mit ihm: "Dazu waren die viel zu gute Menschenkenner."

Nein, er hatte schließlich ein Anliegen: Er, Knud Wollenberger, wollte dem Staat den "großen gesellschaftlichen Dialog" aufzwingen. Schließlich habe es auch im MfS den Kampf gegeben zwischen Reformern und Bewahrern der alten Strukturen. Als dann die Stasi-Menschen ihm das Gespräch vorschlugen, da habe er gedacht: "Wenn ihr den Dialog wollt, na bitte."

Dialog? "Ich wollte indirekt den Stasi-Leuten klarmachen: Ihr braucht keine Angst zu haben vor der Friedensbewegung." Und heute weiß er sogar: "Die mußten nur Angst vor sich selbst haben."

Die Ehe, so läßt Knud Wollenberger durchblicken, ist für "Donald" angesichts solcher Aufgaben eine vergleichsweise vernachlässigenswerte Größe. Sicher, es sei wohl falsch gewesen, den großen gesellschaftlichen Dialog im Privaten nicht zu offenbaren. Aber - und zum ersten und einzigen Male klingt er offen zynisch - "wenn man eine Frau geheiratet hat und entdeckt dann plötzlich seine Vorliebe für hübsche Knaben, dann ändert sich ja auch die Grundlage dieser Ehe". Es bleibt unklar, ob er das nur als Metapher meint für die veränderten Prioritäten.

Es ist ihm auch nicht so wichtig. Bedeutsam bleibt nur, daß "wir am Ende nicht erfolglos waren". Wir? Ja, "wir, die Friedensbewegung, etwa 3000 Leute, rund 100 IM mitgerechnet".

So abstoßend Wollenbergers selbstgerechter Ton klingt, so schwer ist zu erkennen, wo die Grenzen liegen zwischen nachträglicher Legende und ursprünglicher Überzeugung.

Wenn die Betrogene sich heute erinnert, wie er sie stets in ihrer Friedensarbeit bestärkt und unterstützt habe, dann, sagt er, habe sie sich nicht getäuscht: "Ich hielt diesen Staat für reformierbar und für reformwürdig." Das sei das Generalthema auch ihrer internen Diskussionen gewesen.

Dieser Gleichklang in der Sache ist wohl der Hauptgrund, weshalb Vera Wollenberger gegen ihren Mann nie Verdacht schöpfte. Er sagt: "Sie hat deswegen nichts merken können, weil ich nie ''ne andere Auffassung vertreten habe als die, für die ich wirklich stand." Ob im Friedenskreis Pankow, zu Hause oder beim Treff mit seinem Führungsoffizier im Wald: "Mein Auftreten nach außen war ein einheitliches."

Daß sie sich stets weigerte, aus Furcht vor Stasi-Spitzeln vorsichtig zu sein, fand natürlich seine volle Billigung. "Das bringt uns von der Arbeit ab", unterstützte er sie in ihrer frühen Grundsatzentscheidung, sich "nie in eine konspirative Ecke drängen zu lassen".

Die Rollenverteilung in der Ehe tat ein übriges. Bis heute ist Vera Wollenberger stolz darauf, daß sie - was sie auch als IM-Einschätzung in den Akten wiedergefunden hat - "der dominierende Teil" in dieser Partnerschaft war: "Er ordnet sich unter."

Gemeinsam ist beiden, daß die Stasi ihnen vergleichsweise wenig Furcht einflößte. Beide hielten "die Krake" für bemerkenswert berechenbar. "Stasi-Mythos"? Die anonyme Macht im Dunkel? Für Knud Wollenberger waren, wie er sagt, solche Dämonisierungen nach seiner _(* 1983 in Gotha bei der Gründung der ) _("Kirche von unten". ) Mitarbeiter-Tätigkeit in den siebziger Jahren erledigt. Aber auch Vera Wollenberger ließ sich von Erich Mielkes Bedrohungsapparat nicht einschüchtern: "Ich wußte immer sehr genau, was passiert, wenn man ausschert - Reiseverbot, Berufsverbot, das hatte ich alles überlegt."

Naiv? Leichtfertig? Kindervertrauen. Vera Wollenberger ist mit der Stasi aufgewachsen; ihr Vater gehörte zur "Firma", war Oberstleutnant, als sie mit 18 Jahren das Haus verließ. Auf schreckliche Weise sollte sich später in ihrer Ehe jene Unterscheidung rächen, die sie in ihrer Kindheit als Selbstschutz gelernt hatte.

"Ich weiß nichts von Donald, aber Knud war ein hinreißender Vater", bekennt sie trotzig nach der Enttarnung ihres Mannes. So muß es, wie sie vage andeutet, auch in ihrem Elternhaus gewesen sein: Sie nahm Franz Lengsfeld nur als Vater wahr; was er im Dienst tat, verdrängte sie. Erst ihren Akten habe sie entnommen, daß er wohl zum Schluß bei der Abteilung "Kader und Schulung" Dienst getan haben müsse, ziemlich weit oben.

Unter diesen Umständen erscheint es verwunderlich, daß sich Vera Wollenberger heute über ihren mangelnden Argwohn in der eigenen Ehe wundert. Die jeweiligen Vorprägungen sorgten für ein indirektes, aber reibungsloses Zusammenspiel mit unterschwelligen Delegationen.

"Was ich zu sagen hatte, konnte jeder mithören", war damals wie heute ihre Devise. Konnte ihr Mann das nicht als eine Art Freibrief betrachten?

Um moralische Einebnungen zwischen Täter und Opfer kann es bei den Hinweisen auf das enge Zusammenspiel im Familien-Drama der Wollenbergers nicht gehen. Aber beim Versuch, die Voraussetzungen des Verrats verstehen zu wollen und die Haltung der Betroffenen - die schamlos anmutende Unverfrorenheit des Täters ebenso wie den bestürzenden Mangel an Mißtrauen des Opfers -, stößt der DDR-Fremde zwangsläufig auf die Gemeinsamkeiten ihrer Sozialisation.

Beide sind 1952 geboren, beide betrachten sich als typische Kinder der DDR-Elite aus den Aufbaujahren - sie waren die Wunderkinder des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Aber ihr idealistischer Kinderglaube reibt sich schon bald an der Wirklichkeit.

Bis zum Schulalter ist Vera Wollenberger im Haus ihres Großvaters Ernst Gerster in Sondershausen aufgewachsen, eines Bergmanns, der es nach 1945 in der DDR schnell zum Bergwerksdirektor bringt. Dessen Tochter - Vera Wollenbergers Mutter - ist immer sicher gewesen, daß sie als Kind eines Bergarbeiters nie hätte studieren dürfen; die DDR aber braucht sie als Neulehrerin.

Der Mann, den sie heiratet, Veras Vater Franz Lengsfeld, teilt diese Hochschätzung des sozialistischen Experiments. Auch er macht, was die Tochter heute eine "typische DDR-Bilderbuchkarriere" nennt. Als Vollwaise im Heim aufgewachsen, findet er Heimat und Karriere bei der bewaffneten Staatsmacht - Grenztruppen, Vopo, so genau will Vera Wollenberger das alles nicht wissen, schließlich Stasi.

Die Bindung von Eltern und Großeltern an diesen Staat jedenfalls, so die Tochter, war eng und echt. Für alle in der Familie war die DDR die moralisch bessere deutsche Republik. In dieser idealistischen Überzeugung ist sie groß geworden. In einer Prominenten-Schule mit besonders intensiven Russisch-Kursen wird sie darin bestärkt.

Knud Wollenberger entstammt dem anderen Zweig des neuen Republik-Adels: der antifaschistischen Widerstandselite. Sein Vater, der Pharmakologie-Professor Albert Wollenberger, 79, ehedem Direktor des Instituts für Kreislaufforschung der Akademie der Wissenschaften und hoch dekoriert, ist Kommunist seit 1932 und kämpft gegen die Nazis im Untergrund, bis er 1937 in die USA emigriert.

Nach dem Krieg heiratet Albert Wollenberger in Dänemark seine Frau Gertrud; Sohn Knud ist in Frederiksborg geboren. 1954, so Wollenberger junior, muß der Vater "wegen der McCarthy-Hetze" Dänemark verlassen und lebt seither in Berlin. Auch er dankt der DDR für seinen Aufstieg, bei öffentlichen Auftritten verspricht er, "das Leben der Menschen nicht nur gegen die Krankheit des Körpers, sondern auch gegen die Krankheit des aggressiven Imperialismus zu schützen".

An Bildungschancen für die Kinder kann es bei solchen Eltern nicht fehlen. Wie im Gleichtakt steigen Vera Lengsfeld und Knud Wollenberger auf: Abitur, Studium an der Humboldt-Universität mit Diplom-Abschluß - sie Philosophie, er Mathematik -, schließlich Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiter bei der Akademie der Wissenschaften.

Während sie sich mit 19 Jahren freiwillig um die Aufnahme in die SED bemüht - "um viel für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft tun zu können", wie sie noch 1988 in West-Berlin sagt - und 1975 zum Mitglied wird, wird er mit 20 Jahren von der Stasi als Spion angeheuert.

Ungeachtet der systemkonformen Karriere, erzählen beide, seien ihnen früh Zweifel an den Verhältnissen gekommen. Knud Wollenberger - "Ich habe nie in völlig affirmativer Weise zum Staat gestanden" - will schon 1967 die Haltung der DDR zu Israel im Sechstagekrieg "irrwitzig" gefunden, die Niederschlagung des Prager Frühlings ein Jahr später als Schüler abgelehnt haben.

Auch für Vera Wollenberger ist 1968 ein Schlüsseldatum. Sie verurteilt zwar nicht den Einmarsch der DDR-Truppen in Prag, mißbilligt aber, daß protestierende Mitschüler von der Schule fliegen. Mit den Eltern freilich kann sie darüber sowenig reden wie über Begegnungen mit Altkommunisten, die in Stalins Lagern gesessen haben. Kontakte zu einem jugoslawischen Freund werden ihr verboten. Die Auseinandersetzungen zu Hause nehmen zu. Mit 18 Jahren verläßt sie die elterliche Wohnung.

Knud und Vera sind sehr wortkarg, wenn es um die Beziehungen zu ihren Eltern geht. Doch ist sie sichtlich stolz, in den Akten einen tadelnden Stasi-Vermerk gefunden zu haben, aus dem hervorgeht, daß Vater Lengsfeld gegen alle offiziellen Verbote mit seiner Tochter nicht nur nicht gebrochen, sondern sie "sogar noch finanziell unterstützt" habe. Knud Wollenberger beschränkt seine Auskunft über das Verhältnis zum Vater auf einen Satz: "Er läßt mich nicht fallen."

Viel deutet darauf hin, daß Vera und Knud Wollenberger die Loyalität der Eltern zu ihnen mit einer unbewußten Loyalität gegenüber deren Wunschstaat erwidern - sie klagen in der Friedensbewegung von der DDR die Versprechungen des Anfangs ein. Wie echt oder vorgeschoben dabei Knud Wollenbergers politische Reformbekundungen gewesen sein mögen - sie decken sich mit dem hohen moralischen Ton, in dem seine Frau die DDR an die propagierten Ziele erinnert. Daß sie in den Stasi-Akten als "feindselig" gegenüber dem Staat beschrieben wird, erbittert sie auch heute noch heftig.

Trotz Parteiausschluß 1983, Berufs- und Reiseverbot und anderer Schikanen beharrt sie bis 1988 auf ihrer Hoffnung, dieser Staat sei liberalisierbar. In einem Fernsehinterview sagt sie, als sie wegen "versuchter Zusammenrottung" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und für ein Jahr nach England abgeschoben wird: "Ich möchte davon ausgehen, daß alles, was gesagt wird, auch gemacht wird."

Gleichwohl sind diese Ereignisse 1988 für beide von einschneidender Bedeutung - so unterschiedlich ihre Rollen dabei auch gewesen sein mögen. Erschrocken müssen sie erleben, daß die Staatsmacht keineswegs so berechenbar ist, wie sie bis dahin geglaubt haben. Bei beiden wirkt der Schock darüber in ihren Erzählungen nach. Und für sie wie für ihn bedeutet er den Bruch mit alten Loyalitäten.

Vera Wollenberger entscheidet sich für ihre Kinder und ein Leben in Freiheit. Sie nimmt dafür in Kauf, daß ihr Ruf als Revolutionärin bei den rigorosen Mitstreitern in der Bürgerrechtsbewegung dahin ist, von Bärbel Bohley bis zu den ökologischen Romantikern um die "Umweltbibliothek".

Knud Wollenberger, der ebenfalls leidenschaftlich gegen die Ausreise argumentierte - und zwar "mit ethischen Argumenten, weil ich denen von der Staatssicherheit politisch nicht in die Hände spielen wollte" -, muß spätestens jetzt erkennen, daß seine "Dialog"-Rolle ausgespielt ist. Wenn es sie denn überhaupt gegeben hat. _(* Vor dem Stasi-Gefängnis in ) _(Berlin-Hohenschönhausen 1990. )

Vera läßt sich von ihrem Anwalt Wolfgang Schnur überzeugen, dem Stasi-Agenten "Torsten", wie sie jetzt weiß. Bis heute kann Knud sich das nur mit Psychopharmaka erklären: "Irgend etwas haben die ihr gegeben." Er selbst sei regelrecht zusammengebrochen nach ihrem Entschluß.

Noch immer liegt Knud Wollenberger offenbar viel daran, glaubhaft zu machen, daß bei dieser Aktion "andere" eingegriffen hätten, "die ministerielle Ebene", sehr zu seinem Entsetzen. Sein eigener Führungsoffizier sei von da an kein verständnisvoller Diskussionspartner mehr gewesen, sondern habe ihm klargemacht, daß er jetzt Befehle auszuführen habe.

Wer gegen wen? Wer mit wem? Das Mißtrauen über die zwielichtige Situation vor vier Jahren vergiftet bis heute das Verhältnis zwischen den ehemaligen Kampfgefährten. Gab es Absprachen, Versprechungen? Welche Rolle spielte Rechtsanwalt Gregor Gysi, den Knud Wollenberger zu seiner Unterstützung einbezog, der dann aber - zu seiner Enttäuschung - auch für die Ausreise seiner Frau plädierte? Der ihm aber dann ein Dauervisum für Ein- und Ausreisen zu seiner Familie in Cambridge beschaffte?

"Die Wahrheit, wie sie wirklich war", will Vera Wollenberger erfahren. Als sie die ersten Gerüchte über die wahre Identität des Informanten "Donald" hört, auch als dann seine Enttarnung unmittelbar bevorsteht, da glaubt sie zunächst nur an eine politische Kampagne gegen sich selbst. Sie werde "als Opfer demontiert", beschwert sie sich.

Die Enthüller dagegen, jener Flügel der Ex-Friedensbewegung, der sich heute um die Zeitung Die andere sammelt, fühlen sich als "Denunzianten" abgestempelt, nur weil sie Denunzianten von einst namhaft machten.

Im Kampf um die unterschiedlichen Wahrheiten drohen die letzten Klarheiten über die Ereignisse vom Winter 1988 zu verschwimmen. Es verwischen sich auch für die befremdete Öffentlichkeit alle scheinbar klaren Konturen von Freund und Feind, Opfer und Täter, privat und politisch.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft laufen ineinander. Alte Verletzungen und neue Empfindlichkeiten, Haß und Ängste lösen kaum noch vermittelbare Aktionen und Bewertungen aus. Unter den Opfern des alten Systems, die jetzt neben Vera Wollenberger ihre Stasi-Akten durchforsten, sitzen im Lesesaal der Gauck-Behörde auch solche, die nach Hinweisen suchen, die ihre einstige Kampfgefährtin als "Donalds" Komplizin entlarven würden.

"Der Fall Donald ist vor allem meine persönliche Tragödie", beharrt sie noch in ihrer ersten Erklärung nach seinem Geständnis.

Wer wollte das bestreiten, der erlebt, wie sie sich damit quält, ihren gemeinsamen Kindern die Wahrheit über ihren Vater beizubringen? Kaum eine Spur findet sich mehr von der gretchenhaften Jugendlichkeit, die sie als Friedenskämpferin noch bis über die Wende hinaus ausstrahlte. Sie wirkt um Jahrzehnte gealtert.

Natürlich wird sie sich scheiden lassen. Natürlich muß Knud Wollenberger das Haus ihres Großvaters räumen. Natürlich muß sie selbst umziehen, für sich und die Kinder in Bonn eine kleine Wohnung suchen. Aber ob sie sich auch Zeit nimmt, ihren eigenen Anteil an der Tragödie zu bedenken - jenseits aller von ihr empört zurückgewiesenen direkten Verstrickungen -, das erscheint noch keineswegs ausgemacht.

"Sprich du", dichtet ihr Mann, der Spitzel, und fährt fort: "Du sprichst, mich wäscht nichts rein."

Wen wäscht nichts rein? Ihn? Sie? Knud Wollenberger, der Meister der konspirativen Täuschung, läßt sich nicht festlegen.

Kann er das überhaupt, "in affirmativer Weise" zu etwas stehen, zu sich selbst zum Beispiel? Lange starren seine leeren Augen in den Wald, bevor er sagt: "Ich glaube nicht, daß ich fürderhin so schizophren zu leben habe wie bisher." Die Antwort klingt wie eine Frage.

* Mit einem Mitarbeiter Anfang Januar in der Berliner Gauck-Behörde. * 1983 in Gotha bei der Gründung der "Kirche von unten". * Vor dem Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen 1990.

DER SPIEGEL 3/1992
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