12.10.1992

„Der Traum ist aus“

SPIEGEL: Warum glauben Sie nicht mehr an eine Wolga-Republik?
GROTH: Weil wir uns nicht länger hinhalten und vertrösten lassen wollen. Weil wir erkannt haben, daß niemand wirklich für uns eintritt - weder die russische noch die deutsche Regierung. Jetzt haben die ihr Ziel erreicht. Der Traum von der Wolga-Republik ist aus.
SPIEGEL: Seit wann ist das klar?
GROTH: Spätestens seit Boris Jelzin im Januar in Saratow an der Wolga erklärt hat, es werde keine eigene Republik für die Deutschen geben. Er war damals, wie so oft, wahrscheinlich betrunken. Daher seine bemerkenswerte Offenheit. Seitdem wissen wir wenigstens, woran wir sind.
SPIEGEL: Mittlerweile hat sich Boris Jelzin eines anderen besonnen. Seine Regierung hat ein Protokoll unterzeichnet, das die schrittweise Errichtung der Wolga-Republik vorsieht.
GROTH: Ich kenne das Protokoll, ich habe selbst - erfolglos - daran mitgearbeitet. Es besteht nur aus geschwungenen Worten und sieht keine realistischen Schritte vor. Die Rußlanddeutschen werden gar nicht in konkrete Planungen miteinbezogen. Die deutsche und die russische Regierung bestimmen über unsere Köpfe hinweg. Soll das etwa ein Durchbruch sein? Nur Staatssekretär Waffenschmidt feiert noch stolz den angeblichen Fortschritt.
SPIEGEL: Immerhin haben Sie es jetzt schriftlich: Die Wolga-Republik soll Wirklichkeit werden.
GROTH: Sie vergessen, daß es die deutsche Volksgruppe bald nicht mehr geben wird. Wir können keine Jahrzehnte mehr warten. In fünf bis zehn Jahren haben wir unsere älteste Generation verloren. Das sind die letzten, die noch deutsches Volkstum und die Sprache pflegen. Genau dies wird mit der Etappenlösung erreicht.
SPIEGEL: Warum ist dann die Bundesregierung so optimistisch?
GROTH: Ich kann mir das nur mit Desinformation erklären. Schließlich sind bereits mehr als 100 Millionen Mark ausgegeben. So eine hohe Summe muß man irgendwie rechtfertigen.
SPIEGEL: Das Geld hilft nichts?
GROTH: Es hilft in erster Linie Rußland, nicht den Rußlanddeutschen. Die Zahlungen versickern in der Schattenwirtschaft. Wir haben uns auch immer gegen die humanitäre Hilfe ausgesprochen, um die Sie in Deutschland soviel Aufhebens machen. Sie geben den einen ein Konfekt und lassen die anderen zusehen. Sie stiften Neid und Mißgunst.
SPIEGEL: Können Sie beweisen, daß Geld aus Bonn in falsche Hände gerät?
GROTH: Ich muß erst mal feststellen, daß die Gelder an uns vorbeifließen - als ob es keine Selbstorganisation der Deutschen gäbe.
SPIEGEL: Sie sind verbittert, weil die "Wiedergeburt" keine Millionen aus Bonn erhält.
GROTH: Wir möchten zumindest gefragt werden. So wie zum Beispiel in der Ukraine. Dort gibt es einen deutschukrainischen Fonds, an dem wir beteiligt sind. In den anderen Staaten sucht Bonn sich aber selbst die Projekte aus. Das Geld landet dann häufig bei ehemaligen Funktionären.
SPIEGEL: Halten Sie die geplante Ansiedlung von bis zu 400 000 Deutschen in der Ukraine für realistisch?
GROTH: Ich halte die Zahl für zu hoch. Es sind ja bislang nur 1500 Menschen angekommen. Die Ukraine ist im Grunde zweite Wahl - vielleicht ein Ausweg für diejenigen, deren Aufnahmeantrag in Deutschland abgelehnt wurde.
SPIEGEL: Einige Tausend Rußlanddeutsche sind woanders hingezogen - ins ostpreußische Kaliningrad.
GROTH: Sie werden lachen: Auch ich bin seit einem Monat Bürger von Königsberg. Die "Wiedergeburt" ist dort stark vertreten.
SPIEGEL: Von der Bundesregierung haben Sie dort aus Rücksicht auf Polen und Litauen keine Unterstützung zu erwarten. Die Variante Kaliningrad findet allein Beifall bei den Rechten, die sich über die Germanisierung der Stadt freuen.
GROTH: Wir suchen einen Ort, an dem wir das Deutschtum pflegen können, und jetzt, da der Traum von der Wolga-Republik tot ist, können wir uns um Königsberg kümmern. Ostpreußen ist ein Gebiet, das noch nach Deutschtum duftet.
SPIEGEL: Und die Russen dort?
GROTH: Wir stecken in einem Teufelskreis: An die Wolga dürfen wir nicht, nach Deutschland können wir nicht ohne weiteres, und nach Königsberg sollen wir jetzt auch nicht.
SPIEGEL: Absurd scheint uns Ihre Idee, massenhaft nach Argentinien auszuwandern. Was treibt Sie eigentlich in die Pampa?
GROTH: Ist es absurd, wenn man sich jede Möglichkeit offenläßt? Wir machen nur das, was schon in unserem Programm steht: Wenn wir hier nicht bleiben können, kümmern wir uns um Alternativen. In den letzten zwei Jahrhunderten sind immer wieder Rußlanddeutsche nach Südamerika ausgewandert.
SPIEGEL: Woher sollen denn die 20 000 Dollar Aufnahmegebühr kommen, die Argentinien pro einreisender Familie verlangt?
GROTH: Aus Deutschland.
SPIEGEL: Da werden Sie lange warten. Schon deshalb, weil der Rechtsanspruch, einen Antrag auf Aufnahme in der Bundesrepublik zu stellen, durch eine Übersiedlung nach Südamerika nicht verlorenginge.
GROTH: Auf diesen Anspruch würden wir verzichten. Allerdings sagen wir, daß Argentinien nur ein Notbehelf ist.
SPIEGEL: Ihr wichtigstes Ziel heißt Deutschland.
GROTH: Ja. Es gibt politisch und moralisch nur eine Lösung für uns. Wir brauchen ein Übersiedlungsprogramm, das es jedem Rußlanddeutschen erlaubt, innerhalb der nächsten fünf Jahre nach Deutschland auszuwandern.
SPIEGEL: Schon jetzt darf jeder seinen Antrag beim Bundesverwaltungsamt stellen und gegebenenfalls später übersiedeln.
GROTH: Das Bundesverwaltungsamt hält die Quote künstlich niedrig. Wenn jedes Jahr nur 150 000 Aussiedler nach Deutschland dürfen, brauchen wir noch 20 Jahre.
SPIEGEL: Sie übertreiben.
GROTH: 90 Prozent werden es schon sein.
SPIEGEL: Sie verbreiten Panik und rufen die Menschen zur massenhaften Ausreise auf.
GROTH: Jetzt singen Sie das Klagelied des Herrn Waffenschmidt. Wir rufen nicht dazu auf, wir sagen den Leuten, wie es ist: Wer hier bleibt, hat keine nationale Zukunft.
SPIEGEL: In Deutschland werden die Aussiedler oftmals als Ausländer angefeindet.
GROTH: An diesen Schwierigkeiten ist die Bundesregierung schuld. Bonn hat nie erklärt, daß wir keine Asylanten oder Wirtschaftsflüchtlinge sind. Wir sind Deutsche, und wir wollen entsprechend behandelt werden. Wir sind genauso deutsch wie die Leute in den Bonner Ministerien, die über uns entscheiden. Wir sind wegen unserer Nationalität sogar verfolgt worden.
SPIEGEL: Wer in Deutschland unterstützt Sie noch?
GROTH: Das wird sich zeigen. Wenn die Bundesregierung dazu nicht in der Lage ist, wenden wir uns an die Opposition.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie in der SPD mehr Freunde haben?
GROTH: Ich rede auch von den Republikanern. Da haben wir bereits Kontakt aufgenommen. Die Regierung wird sich etwas einfallen lassen müssen, falls wir Hunderttausende von Aussiedlern dazu aufrufen, die Republikaner zu wählen.
[Grafiktext]
__33_ Kasachstan:
_____ / Heutige Wohngebiete der zwangsumgesiedelten Wolgadeutschen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 42/1992
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