12.10.1992

Robin Hood für Brandenburg

Die Diskussion um Manfred Stolpes umstrittene Kontakte zu dem ehemaligen Machtapparat der DDR steht seit Monaten unangefochten an der Spitze der medienwirksamen Erregungen und Verdächtigungen. Ein verwirrendes Hin und Her von immer wieder neuen verdächtigen Fakten, Zweifeln, nachgeschobenen Erklärungen und durchaus auch glaubhaften Begründungen schafft genau das Reizklima, das alle beschäftigt, aber nichts klärt und niemandem hilft.
"Verdrängungskultur" könnte man dafür sagen, eine Informationslage, die zur Schuldverschiebung nahezu einlädt.
Und schließlich geht es ja nicht nur um irgend jemanden oder irgend etwas, mit Manfred Stolpe steht nicht nur ein Ministerpräsident im vereinten Deutschland, sondern vor allem auch "der letzte Ostdeutsche" auf dem Prüfstand, der die Ehre der "Ossis" gegen die unaufhaltsame Dominanz westdeutscher Macht in allen gesellschaftlichen Bereichen zu bewahren weiß, der auch gegen den peinlichen CDU-Erfolg wenigstens noch eine Partei vertritt, die sich nicht durch die unkritische Übernahme von "Blockflöten" desavouiert hat und zeigen kann, daß in seinem Land sozialere Prioritäten gesetzt werden, und es wird mit ihm vor allem der sensibelste wie fragwürdigste Komplex der vergangenen DDR-Geschichte berührt: die Rolle der evangelischen "Kirche im Sozialismus".
Also Hintergründe genug, um Energien für ein Kesseltreiben in Gang zu bringen und zu halten, umfassende Schuldprobleme auf einen einzigen Mann zu konzentrieren, der in seiner machtverliebten Eitelkeit nicht die Größe hat, ja vermutlich mangelt es ihm bei allen herausragenden Eigenschaften gerade an dieser Erkenntnisfähigkeit, aus der Schußlinie zu gehen, um Schuldprojektionen vermeiden zu helfen _(y Argon Verlag, Berlin; 160 Seiten; ) _(19,80 Mark. ) und den so dringend gebotenen umfassenden Erkenntnisprozeß in Gang zu bringen.
Nein, er stürzt sich "heldenhaft" in den Kugelhagel, glaubt gerade darin Tapferkeit, Stärke und Redlichkeit beweisen zu können, was aber erst recht seine verwundbare Stelle anzeigt, wie bei Siegfried das Lindenblatt.
Stolpe, der Meister der diplomatischen Masken, des Versteckspiels, der zu sich selbst gern in der dritten Person spricht - soweit kann er zu sich selbst auf Distanz gehen -, dieser Mann bringt eine einmalige Nummer zustande: Er, der Verdächtige und Belastete, der Gejagte, der Sündenbock der mächtigen Medien, kann den Spieß sogar umdrehen und an seine Verfolger die Schuld zurückgeben.
Ich hörte Erich Loest in einem Interview sinngemäß zum Fall Stolpe sagen: Wenn ehemals in Österreich-Ungarn in der fernen Provinz ein Zug entgleiste, ist der Verkehrsminister in Wien zurückgetreten. Inzwischen haben wir tatsächlich eine völlig andere Welt. Die politische Moral wird an der Flexibilität der Anpassung an die jeweiligen Bedingungen der Macht gemessen. Wer sich am längsten hält, ist Sieger. Im Kampf um die Macht wird offenbar die Fähigkeit zur beliebigen Anbiederung "herausgemendelt" - die Kontinuität der Verstellung und die Funktionalität der Beliebigkeit als die Hohe Schule, die verlorene wirkliche Identität zu ersetzen.
Selbst der sonst so klare Denker Friedrich Schorlemmer verliert mit seinem Votum, daß Stolpe als "verlängerter Arm des Widerstandes" zu verstehen sei, die sichere Basis seines Urteils. Ist der Parteifreund oder die gemeinsame kirchliche Heimstatt in der Lage, solche Verwirrung zu stiften? Was für Kräfte sind da im Spiel, wenn eine riesige Last von Indizien nicht den Rückzug erzwingt, sondern den Angriff beflügelt?
Da kämpft einer nachträglich um seine schon längst verlorene Ehre, da wird die elastische Gummi-Identität zur Überlebensstrategie eines schon längst entschiedenen Kampfes. Und den Leuten gefällt es, endlich einer, der bravourös vormacht, wie man Schuld lässig abschüttelt. Das möchten alle können, denn Schuld ist wahrlich genug.
Es ist die Eleganz des Toreros, das einstudierte Geschick der waghalsigen Abwendung tödlicher Gefahr, die das Volk jubeln läßt. Es wird die verführerische Dramaturgie für die inszenierte Illusion gefeiert, wir könnten unser Schicksal wenden. Stolpe ist die Inkarnation der Schuldabwehr - der extreme Gegensatz zu Jesus Christus.
Kein Wunder, daß er von allen Seiten mit Ehrenerklärungen geschützt werden soll, weil er in seiner Art verkörpert, was sich über Willy Brandt, Helmut Schmidt, Björn Engholm, Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher und viele andere, die Dank und Anerkennung aussprechen, Vertrauen bekunden und Integrität bescheinigen, in ähnlicher Weise aussagen ließe: Diese Männer haben auch die westliche "deutsche Ostpolitik" zu verantworten, und sie haben in ähnlicher Weise wie Stolpe mit der SED-Macht gekungelt, dabei diplomatisch geheuchelt und insofern fragwürdige Entscheidungen und Absprachen getroffen, weil sie nach pragmatischer Tagespolitik und weniger nach moralischen Kriterien, weil sie auch aus persönlichen und parteipolitischen Machtinteressen, ohne die unbewußten Motive ihres Handelns zu erkennen und zu offenbaren, gehandelt haben.
Einer wie Stolpe mußte gar nicht erst ein IM werden, um ein IM zu sein. Seine und damit auch der Kirche machterhaltende Interessenlage entspricht haargenau dem Hauptinteresse der Staatssicherheit: Ruhe und Ordnung im Land, Disziplin und Gehorsam, Anerkennung der Obrigkeit und schnelle Beruhigung von Spannungen und Konflikten. Unruhestifter müssen isoliert und unter Kontrolle gebracht werden, keine destabilisierende Macht von unten!
Der Streit um Manfred Stolpe ist zu einem narrenden Hin und Her, zu einem peinlichen Pro und Contra, zu einem bloßen Entweder-Oder verkommen. Für die in den Vordergrund gestellten Fragen, hat er mehr geholfen oder geschadet, war er mehr ein Mann der Kirche oder der Stasi, ein Opportunist und Verräter oder ein Mann des raffinierten und geschickten Widerstandes, werden sich immer wieder solche und solche Argumente finden lassen, das Zünglein an der Waage wird nicht zur Ruhe kommen.
Von einer bestimmten Perspektive her läßt sich natürlich sagen, daß durch Stolpes Wirken die Kirche geschützt und menschliche Erleichterungen erreicht worden seien, aber was bleibt dabei noch von dieser Kirche und den Menschen übrig? Es ist eine Hilfe, die entwürdigt und entehrt, die konspirativ ausbaldowert und ausgeschachert wird, die Menschen in Not zu Objekten "höherer" Interessen und unveräußerliche Ideale zu Strategien kurzlebigen politischen Kalküls herabwürdigt. Es ist die Moral des Judas, die da wirkt.
Im Grunde genommen hat das Zwielicht, in das Stolpe geraten ist, genau den Helligkeitsgrad, der für die Politik der DDR-Kirchen wie auch für die fragwürdige real existierende Demokratie kennzeichnend ist. Es verbirgt mehr, als es ehrlich und deutlich zu erkennen gibt, es verdunkelt und verschleiert und kommt damit allen düsteren Interessen entgegen: der seelischen Not eines Mannes, der schmutzigen Verstrickung einer Kirche, der Schuld vieler Menschen, ihrer Irreführung und dem Betrug an ihnen und natürlich den Interessen derer, die Macht zur Droge als Ersatz für lebendiges Leben gemacht haben.
So gesehen, kann es gar nicht genug Affären und Skandale geben, bis endlich deutlich wird, wie tief die "politische Klasse" herabgesunken ist, symptomatisch für eine "Endzeit" oder "Wendezeit". Wir tun gut daran, den Politikern nicht mehr zuviel zu vertrauen, um für die kommenden globalen Konflikte überhaupt noch eigene Verhaltensstrategien entwickeln zu können, die wir brauchen werden und die uns keine Regierung mehr anempfehlen kann.
Stolpe, bezeichnenderweise kein Theologe, aber wohl ehemals der mächtigste unter den Kirchenleuten in der DDR, sollte wissen, daß er durch sich eben auch die gültigen Kirchenstrukturen bloßlegt. Entweder ist die Kirche einem "Wolf im Schafspelz" aufgesessen und muß auf Distanz gehen, oder aber sie stellt sich selbst bloß, indem sie zu erkennen gibt, daß sie in "Drecksarbeit" verwickelt war, für die sie halt ihre geeigneten Leute brauchte.
Dann aber muß deutlich gemacht werden, daß IM in der Kirche nach dem kirchlichen Selbstverständnis gewollte und notwendige, zumindest aber still geduldete, auf jeden Fall aber eine normale Situation waren, die für die Aufteilung der Macht zwischen Staat und Kirche notwendig wurden.
Lassen wir uns nicht von Stolpe blenden, sondern schauen wir auf die Hintergründe und Zusammenhänge, die er immer weniger verdecken kann. Es bleibt in allem die beklemmende Erkenntnis, daß der ausgesprochen zwielichtige Hintergrund keine angemessenen politischen Konsequenzen zur Folge hat, sondern nahezu von allen Seiten Vertrauens- und Ehrenerklärungen provoziert.
Dadurch aber wird das Zweifelhafte nicht geklärt und das Befleckte nicht reingewaschen. Wir werden höchstens aufmerksam gemacht auf ein Interessengemenge, das in der Person Stolpes nur kulminiert. Wir können allmählich die dunklen Drähte der Machtinteressen von Kirchenpolitik, westdeutscher Ostpolitik und Parteienkampf erkennen und haben erneut einen umfassenden gesellschaftlichen Skandal vor Augen, wenn uns Wahrheit, Offenheit und Redlichkeit noch etwas gelten sollten.
Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß gerade diese Eigenschaften in den großen Parteien, bei den meisten Politikern und Kirchenfunktionären nicht mehr anzutreffen sind. Wir müssen auch erkennen, wie leichtfertig Metaphern angenommen werden, ohne nach der tiefen Dimension ihrer Bedeutung zu forschen, und daß wir uns meistens nicht mehr der mühevollen Überprüfung ganz persönlicher und konkreter Positionen unterziehen, sondern im blinden und schuldhaften Vertrauen die Geschäfte denen da oben überlassen.
Für sehr bedenklich halte ich, daß die konspirative "Drecksarbeit" praktisch kritiklos als notwendiger Einsatz für menschliche Erleichterungen und kirchliche Freiräume gepriesen wird. Wir sollten aber bedenken, daß es dabei auch um fragwürdigen Geldtransfer von West nach Ost, um zweifelhafte Immobiliengeschäfte, um Menschenhandel, Reiseprivilegien für kirchliche Mitarbeiter und intrigantes Abwiegeln von Konflikten geht. Das alles waren keine glänzenden Heldentaten, sondern dunkle Geschäfte auf dem moralischen Niveau des SED-Stasi-Machtsystems.
Daß mit Geld und Privilegien auch Abhängigkeiten erzeugt, Bestechungen ermöglicht und die Solidarität untereinander erschwert werden können, wird dabei ausgeblendet. Daß durch Ausreise und Freikauf wesentliche Energien für tiefere Erkenntnisse und Chancen für eine neue politische Kultur geschmälert werden und im Konfliktmanagement auch ganz wichtige Protestsignale vertuscht und die Formierung oppositionellen und alternativen Ideengutes erschwert werden, muß unbedingt mit bedacht sein, wenn vom "Helfer der Mühseligen und Beladenen" gesprochen wird.
Das Kirchengeschäft, in das das Diakonische Werk verwickelt war, im Zuge des Häftlingsfreikaufs durch die Bundesregierung Waren in die DDR zu liefern, läßt uns die Nähe der weltlichen und geistlichen Machtinteressen besonders deutlich werden. Menschenhandel als Geschäft war sowohl für westliche Firmen wie für kirchliche Hilfsorganisationen profitabel, ganz zu schweigen davon, daß mit großen Summen die DDR wirtschaftlich stabilisiert und ermutigt wurde, immer mehr politische Gefangene zu machen.
Hier arbeiteten Geldinteressen und Machtinteressen des politischen Unterdrückungsapparats mit einer zweifelhaften Auslegung des kirchlichen Auftrags Hand in Hand. Es lohnte sich für den sozialistischen Machtapparat, Menschen zu verfolgen, zu ängstigen, Lebenswege von Menschen zu zerstören, ihre Moral zu brechen und sie zu inhaftieren, um sie dann schließlich gewinnbringend verkaufen zu können.
Wer diesen anderen Aspekt, die indirekte Aufforderung zu immer mehr Repression und ihre direkte Honorierung, nicht sehen will, macht dadurch auf eine tiefe Seelenverwandtschaft zwischen vermeintlicher Caritas und brutalen Machtinteressen aufmerksam - die Überzeugung, im Dienste des Guten zu handeln, ist irrig.
Und zur Entschuldigung werden dann die großen Begriffe benutzt, wie "Freiheit" von den Ausreisewilligen, "Menschenrechte" von den Geldgebern, "Caritas" von der Kirche, "Feinde des Sozialismus" von der Politbürokratie. Alle fühlen sich damit im Recht und können ihr Handeln glaubhaft und "schuldfrei" begründen und sind doch auch Opfer der eigenen abgewehrten Probleme: Flucht vor sich selbst, Geld statt Beziehung, Geschäft statt Glauben, Repression statt Sozialismus.
Daß sich aber solche unkritischen und einseitigen Einschätzungen so hartnäckig halten können, möchte ich ein "Robin-Hood-Syndrom" nennen. Die schöne Illusion vom gerechten Rächer der Armen und Frustrierten ist nicht aufzulösen, solange es Anlaß genug für enttäuschte Hoffnungen und ohnmächtigen Zorn gibt. Für die Ostdeutschen ist dies eine tiefsitzende alte wie neue Erfahrung.
In diesem Zusammenhang ist für mich gerade die ungebrochene Zustimmung für Manfred Stolpe von "seinen Brandenburgern", worauf er sich auch gern beruft, ein sehr auffälliger Befund. Ich halte das für ein Zeichen bedenklicher politischer Schwäche der sozialen Gemeinschaft, weil nahezu trotzig an einem äußerst zweifelhaften und vor allem ungeklärten Verhältnis festgehalten wird, das aber Macht über das Leben der Menschen ausübt.
Wenn ich alle pragmatischen Erklärungen weglasse (wenigstens noch ein originärer Ostdeutscher als Ministerpräsident, wenigstens ein SPD-regiertes Bundesland im Osten, wenigstens ein Ossi mit vorzeigbarer Kompetenz), die für manchen aber die wesentliche Grundlage seiner ungetrübten Stolpe-Gefolgschaft darstellen mögen - da greifen keine moralischen Kategorien mehr -, dann bleibt als psychologischer Hintergrund das Robin-Hood-Syndrom. Die ungetrübte Erlösungssehnsucht, die Hoffnung auf den großen Helden - also das fortgeschriebene autoritäre Prinzip, das Macht, Kraft und Verantwortung ewig nach oben delegiert und projiziert und sich selbst da unten als hilflos, machtlos und ausgeliefert phantasiert.
Es ist dann derselbe Geist, der früher die Kirche benutzte, um sich zu politisch-oppositionellen Zwecken zu versammeln, den vermeintlichen "Schutzraum" gern annehmend, ohne sich Gedanken zu machen, um welchen Preis die kleine "Freiheit" nur zu haben war. Dafür mußten andere (Stolpe & Co.) die Kirche immer mehr in Staatsnähe bringen ("Kirche im Sozialismus"), eine von der politischen Führung der DDR gewollte Ablösung der ostdeutschen Kirchen von der EKD durchsetzen, die "progressiv-politischen" Kräfte in der Kirche stärken und fördern und zugleich die "feindlich-negativen" Kräfte schwächen, in den synodalen Beschlüssen den Wünschen des Staates entgegenkommen und vor allem für Ruhe und Ordnung innerhalb der Gruppierungen sorgen, die sich in den Räumen der Kirche versammelten.
Auch ein Stolpe wird die Robin-Hood-Projektionen "seines" Volkes nicht einlösen können, er am allerwenigsten, in ihm wird ja gerade die Verwandtschaft der alten und der neuen Macht vor dem psychologischen Hintergrund am deutlichsten. Und genau das wird so heftig abgewehrt, die eigene Täuschung täte so weh, daß lieber stur an einem Phantom festgehalten wird, als sich den beschämenden und enttäuschenden Fakten zu stellen. Dies ist kein hoffnungsvolles Zeichen für unsere Zukunft, weil die Irrationalität offenbar unerschrocken triumphiert.
Solange Stolpe unbeschadet an der Macht bleibt, können sich alle Täter und Mitläufer beruhigt zurücklehnen. Schuld ist dann nicht mehr von moralischer Bedeutung, unsere Vergangenheit ist dann nicht mehr sonderlich belastet, und ein Übergang in die neue Ordnung ist ohne wesentliche Einsicht und Veränderung möglich.
Er macht es uns vor, daß ein "pathologisches Harmoniebedürfnis", eine "erfolgsorientierte Pragmatik", daß "gutgläubiger" und "blauäugiger" Umgang mit einer verdorbenen Macht völlig in Ordnung und ganz normal sind. Er zeigt uns, daß man selbst als Verhandlungspartner, der "über den Tisch gezogen wird", als Ordensträger dieser menschenfeindlichen und repressiven Interessen beste Führungseigenschaften für die neuen Machtverhältnisse mitbringt. Wir Ostdeutschen können uns wirklich freuen und erleichtert aufatmen. Wir hatten gar keine schlimmen Verhältnisse, es war alles nur ein böser Traum!
Wenn die Herren Bischöfe und die namhaften Politiker eilfertig das ganze Geschehen um IM "Sekretär" mit Ehrenerklärungen herunterspielen wollen, sollten sie sich nicht wundern, daß sie ihre eigene Ehre schneller verspielen, als ihnen lieb sein kann. Die Last der Fakten und die vielen Frag- und Merkwürdigkeiten in der Stasi-Kirche-Connection reichen aus, um zumindest feststellen zu müssen, daß die Unterwanderung der Kirchenleitungen auf allen Ebenen durch Stasi-Leute so umfassend war (und noch ist), daß vor allem diese Leitungsstrukturen angefragt sind, die solches möglich machen, dulden oder nicht verhindern können.
Bei "Unterwanderung" kann man ja noch davon ausgehen, daß die Stasi ihre Leute eingeschleust und langfristig aufgebaut hat, also daß die vermeintlichen Kirchenleute wirkliche Agenten sind. Wir werden abwarten müssen, wieviel Prozent zu dieser Kategorie zu zählen sind.
Die andere Gruppe aber, die ich als die wesentlich größere vermute, sind angeworbene und erpreßte "Christenmenschen". Das kann keinem ehrlichen Christen gleichgültig sein. Entweder man muß aus dieser Kirche austreten, oder es finden umfassende Klärungsprozesse statt, die vor allem zu neuen Strukturen des kirchlichen Zusammenlebens finden müssen.
Bisher sieht es so aus, daß christliche Kirchen Verhaltensweisen fördern und stärken, die den Verrat leichtmachen und offenbar Charaktereigenschaften für den Aufstieg in der Amtskirche brauchen, die mit moralischen Mängeln direkt korrelieren. Solange ein kirchliches Disziplinarrecht zum Beispiel einen Ehebruch schlimmer bewertet als eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, hat die Institution Kirche keinen Anspruch auf eine glaubwürdige Orientierungsfunktion in unserer Gesellschaft. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Hans-Joachim Maaz *
versucht seit der Wende, die psychologische Dimension der deutschen Vereinigung zu ergründen. In bislang zwei Büchern analysierte der Hallenser Enttäuschung, Wut und Schuld der Ostdeutschen ("Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR" und "Das gestürzte Volk. Die unglückliche Einheit"; beide im Argon Verlag). Den Menschen im Osten attestierte er verbogenes Rückgrat, denen im Westen "hysterische Charakterformen". Seit 1980 ist Maaz, 49, Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle. Der abgedruckte Text entstammt dem neuen Maaz-Buch "Die Entrüstung. Deutschland, Deutschland, Stasi, Schuld und Sündenbock".
Viel schmutzige Wäsche
Süddeutsche Zeitung
Die Tageszeitung
y Argon Verlag, Berlin; 160 Seiten; 19,80 Mark.
Von Hans-Joachim Maaz

DER SPIEGEL 42/1992
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