20.01.1992

Jeder achte Deutsche ein Antisemit

Es geht nur um wenige: Die Zahl der deutschen Juden, die einst im Reich bei 500 000 lag, ist durch Emigration und Holocaust auf 28 700 in der Bundesrepublik reduziert worden.
Diese Juden sind weder in Deutschland noch in Israel sonderlich populär.
In beiden Ländern ermittelten die Institute, die mit der SPIEGEL-Umfrage über die Einstellung der Deutschen und der Juden zueinander beauftragt waren, einen Wert von +0.5 Punkten auf der Skala von +5 bis -5.
Hier wie dort sind die Sympathien für die Russen größer, für die US-Amerikaner weit größer.
Für diese Geringschätzung gibt es Gründe, die so verschieden sind wie das Schicksal der beiden Völker.
In Israel gilt "das Judentum in der Diaspora als ein Judentum zweiter Klasse" - so der Jerusalemer Historiker Mosche Zimmermann, der an der SPIEGEL-Umfrage mitarbeitete. Und die Diaspora in Deutschland sei die unpopulärste: "Es ist für viele die Diaspora im Lande der Mörder. Die deutsche Vergangenheit und nicht die gegenwärtige deutsche Realität prägt die Einstellung zu den Juden in der Bundesrepublik."
Hierzulande hingegen wirkt sich gegenüber den Juden die Grundeinstellung der meisten Deutschen aus: Fremde sind ihnen dann am sympathischsten, wenn sie ihnen fernbleiben.
Vor allem aus diesem Grund sind "Juden in Israel" (mit +1.0 Punkten) populärer als "Juden in Deutschland", "Türken in der Türkei" populärer als "Türken in Deutschland" (+1.4 gegenüber +0.2 Punkten).
Daß es in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Juden und Türken gibt, macht deutlich: Die hiesigen Juden sind für die meisten Bundesbürger nicht Landsleute, sondern Fremde.
Sind jemandem die Türken unsympathisch, so gilt dies in der Regel auch für die Juden. Und es gibt noch einen anderen, schwerwiegenden Zusammenhang.
Emnid hatte nach dem NS-Regime gefragt und zwischen vier Antworten wählen lassen: ob das Regime "nur schlechte Seiten", "mehr schlechte", "gute und schlechte" oder "mehr gute Seiten" gehabt habe. Teilt man die Befragten entsprechend ihren Antworten in vier Gruppen und vergleicht man ihre Einstellung zu Juden und Türken, so zeigen sich die gleichen Reihen - von relativ hohen positiven bis zu relativ hohen negativen Werten: *___Für Türken in Deutschland liegen die Werte bei +0.8, ____+0.3, -0.1 und -1.0 Punkten, *___für Juden in Deutschland bei +1.2, +0.5, +0.2 und -0.9 ____Punkten.
Mithin: Je positiver jemand über das NS-Regime denkt, desto negativer denkt er über Juden und Türken.
Um den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gründlich zu erforschen, war die Umfrage nicht auf Themen beschränkt, die unmittelbar das deutsch-jüdische Verhältnis betrafen.
Für weitaus die meisten Israelis gehört beides ohnehin zusammen. 77 Prozent haben "die Berichte über Auseinandersetzungen und Krawalle um die Ausländer und Asylanten" wahrgenommen, während sich gemeinhin nur 31 Prozent "sehr stark" oder "stark" für das heutige Deutschland interessieren. Und 79 Prozent sehen wegen dieser Ereignisse die Demokratie in Deutschland gefährdet.
Dazu Klaus-Peter Schöppner (Emnid), der die SPIEGEL-Umfrage in der Bundesrepublik leitete und in Israel vorbereiten half: "Es genügen Fotos von Hakenkreuzen und Gewalttätern auf den Bildschirmen und in den Zeitungen, um bei sehr vielen Juden alte Ängste hellwach werden zu lassen."
Die Ängste sind, so scheint es, unbegründet. Die Gewalt auf den Straßen und in Asylantenheimen hat die Bundesbürger zwar nicht wie ein Schock ernüchtert, aber immerhin einen Trend der Vernunft ausgelöst.
Von 34 auf 24 Prozent ist binnen drei Monaten die Zahl derjenigen zurückgegangen, die "Verständnis für Rechtsradikale" haben.
Erstmals gab es einige positive Zahlen, als Emnid nach den Sympathien für Fremde fragte: nicht nur für Türken, sondern auch für deutschstämmige Aussiedler aus dem Osten (+0.2) und für "als politische Flüchtlinge anerkannte Ausländer" (+0.6).
Und neu ist auch, daß nicht mehr alle Ausländer gleichermaßen unerwünscht sind, sondern daß differenziert wird. Eine Mehrheit sprach sich dafür aus, Kroaten "nach Prüfung des Einzelfalls als politische Flüchtlinge anzuerkennen". Über Kurden aus der Türkei waren die Ansichten geteilt, und nach Meinung der Mehrheit sollten Serben, Albaner und Zigeuner "grundsätzlich abgelehnt werden".
Anders als vor zwei Jahren, als Ausländerhaß sich schon mal wie ein Flächenbrand ausbreitete, haben die Republikaner keine politische Chance. Nicht 6 Prozent wie damals, sondern 3 Prozent würden sie derzeit wählen. Damals 13, jetzt 8 Prozent halten die Republikaner für die Partei, die "am besten geeignet ist, das Ausländerproblem vernünftig zu lösen". Da irren so wenige, daß kein Schaden droht.
Aber der neue Trend ist noch schwach. Geblieben ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die pauschal allen Ausländern vorwirft, das soziale System in der Bundesrepublik zu mißbrauchen. Und geblieben ist die Feindseligkeit gegenüber vielen Ausländern, die sich in negativen Werten zeigt: in -0.5 Punkten für Asylsuchende aus Osteuropa, -0.9 Punkten für Asylsuchende aus Afrika und -1.3 Punkten für Zigeuner.
Eine Minderheit, so groß wie seit Jahren, bejaht die Gewalt als Mittel in der politischen Auseinandersetzung: 14 Prozent "nur gegen Sachen", 8 Prozent "auch gegen Personen".
Und auch eine nationalistische Minderheit ist etwa gleich groß geblieben. 27 Prozent glauben, die Deutschen seien "den anderen Völkern überlegen".
Bei einem anderen einschlägigen Thema gesellen sich noch weitere Bundesbürger zu dieser Minderheit. 40 Prozent wollen "darauf achten, daß wir das deutsche Volk rein erhalten".
Wie viele Antisemiten es unter den Deutschen gibt, läßt sich an den negativen Sympathiewerten für Juden allein nicht feststellen. Jene 58 Prozent, denen "Juden in Deutschland" nicht sympathisch sind, sind keinesfalls allesamt Antisemiten.
Und verschieden groß waren die Minderheiten, die sich auf eine Reihe von Fragen antisemitisch äußerten. Emnid zog deshalb die Antworten auf 16 Fragen zu einer Analyse heran.
Bei einigen Fragen wurden wegen der sensiblen Thematik mehrere Antworten zur Wahl gestellt, um den Befragten zu ermöglichen, sich abgestuft positiv oder negativ zu äußern*.
Beispiel: "Die Juden sind mitschuldig, wenn sie gehaßt und verfolgt werden." Insgesamt 32 Prozent wählten eine der drei zustimmenden Antworten. Als judenfeindlich wurde nur die entschiedene Bejahung gewertet (die 14 Prozent wählten).
Ergebnis der Analyse: Jeder achte Deutsche - 13 Prozent - hat eine antisemitische Einstellung (siehe Grafik Seite 44). Der Anteil ist in den alten Bundesländern höher, in den neuen weit geringer (16 gegenüber 4 Prozent).
Seit vier Jahren hat sich die Zahl der Antisemiten kaum verändert. Damals ermittelte das Allensbacher Institut für Demoskopie 15 Prozent für die seinerzeit noch von der DDR getrennte Bundesrepublik.
Vergleicht man die Ansichten der 13 Prozent Antisemiten und der 48 Prozent Bundesbürger, denen antisemitische Gedanken fremd sind, so zeigt sich: Eine Mehrheit der einen, nur eine Minderheit der anderen verweigert eine Verantwortung gegenüber den Juden und gewinnt dem NS-Regime gute Seiten ab (siehe Grafik auf dieser Seite). Vielfältig _(* Das Auswertungsschema nebst ) _(Ergebnistabellen wird Interessenten auf ) _(Wunsch übersandt: SPIEGEL-Dokumentation, ) _(Postfach 110420, 2000 Hamburg 11. ) sind andere Zusammenhänge, die mit dieser Umfrage nachgewiesen werden. Zwei Beispiele:
35 Prozent derjenigen, die "Verständnis für Rechtsradikale" haben, bejahen Gewalt in der politischen Auseinandersetzung. Aus dieser Gruppe kommen diejenigen, die Überfällen auf Ausländer zuschauen und applaudieren oder sogar selbst gewalttätig werden.
33 Prozent derjenigen, die am NS-Regime "mehr gute Seiten" sehen, halten die Republikaner für kompetent, das Ausländerproblem zu lösen. Da schwindet der Unterschied zwischen Neonazis und Rechtsradikalen, der auch sonst in den Tabellen dieser Umfrage kaum auszumachen ist (weitere Zusammenhänge siehe Grafik auf dieser Seite).
Weil reaktionäre Ansichten sich in vielen Wirrköpfen schier unauflöslich verheddert haben, ist die Hoffnung vorerst gering, daß die antisemitische und zugleich ausländerfeindliche, überdies rechtslastige Minderheit zu einem politisch nicht mehr relevanten Rest schrumpft.
Die Minderheit setzt sich auch nicht in so hohem Maße aus Älteren zusammen, daß Aussicht bestünde, sie würde allmählich kleiner werden, ohne daß es politischer Einwirkung bedürfte.
Zwar sind die meisten vorgestrigen Ansichten unter Älteren weit stärker verbreitet als unter Jüngeren; aber antisemitisch eingestellt sind zum Beispiel auch 12 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 29 Jahren.
Daß unter den Ostdeutschen weit weniger Antisemiten zu finden sind als unter den Westdeutschen, ist ein für die gesamte Umfrage typisches Ergebnis. Durchgängig äußern sich Ostdeutsche weniger antisemitisch, rechtsradikal und ausländerfeindlich als die Westdeutschen.
Während die jahrzehntelange antiisraelische SED-Politik keine Spuren hinterlassen hat, haben sich die meisten früheren DDR-Bürger eine Aversion gegen das NS-Regime bewahrt. Dazu die mit dieser Thematik seit Jahren befaßten Berliner Soziologen Werner Bergmann und Rainer Erb: "Auch der Antifaschismus war in der DDR verordnet, aber er entsprach bei vielen der eigenen Überzeugung."
In der Bundesrepublik wie in Israel gibt es auf Jahre hinaus das Problem einer Minderheit - einer relativ großen deutschfeindlichen in Israel und einer relativ kleinen antisemitischen in Deutschland.
Fatal wäre es, der deutschen Neigung nachzugeben und die eine Minderheit gegen die andere aufzurechnen, der eigenen Rechtfertigung und Selbstzufriedenheit zuliebe.
Denn die Minderheit in Israel gibt es wegen, die Minderheit in Deutschland trotz Auschwitz. o
[Grafiktext]
__41_ SPIEGEL-Umfrage: Einstellung zum NS-Regime
_____ SPIEGEL-Umfrage: Extremistische Gruppen in Deutschland:
_____ / Ist die Demokratie in Gefahr?
_____ SPIEGEL-Umfrage: Verständnis f. rechtsradikale Tendenzen
_____ / bezüglich Ausländerproblems
__44_ SPIEGEL-Umfrage: Haben Juden zuviel Einfluß?
__47_ SPIEGEL-Umfrage: Antisemitische Bundesbürger:
_____ / Deutsch-jüdisches Verhältnis; Ausländer und Rechtsradikale
_____ SPIEGEL-Umfrage: 13% der Bundesbürger sind antisemitisch
_____ eingestellt
__50_ SPIEGEL-Umfrage: Deutsche den anderen überlegen?
_____ SPIEGEL-Umfrage: Mißbrauchen Ausländer unser soziales System?
[GrafiktextEnde]
* Das Auswertungsschema nebst Ergebnistabellen wird Interessenten auf Wunsch übersandt: SPIEGEL-Dokumentation, Postfach 110420, 2000 Hamburg 11.

DER SPIEGEL 4/1992
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