12.10.1992

ManagerMit großer Geduld

Sieben Monate pokerte Krupp-Chef Cromme um die ostdeutschen Eko-Stahlwerke. Jetzt will er sie nicht mehr - es fehlt das Geld.
Die deutschen Stahlbosse, die sich vergangene Woche mit Kollegen aus aller Welt in Tokio trafen, waren offensichtlich nicht nur an Vorträgen interessiert. Wann immer sie konnten, in der Bar oder auf den Fluren des Hotels Okura, nahmen sie Krupp-Chef Gerhard Cromme beiseite und redeten auf ihn ein.
Manager von Thyssen, Preussag und Klöckner wollten Cromme von einem heiklen Vorhaben abbringen. Den Konkurrenten mißfiel, daß Krupp nach Hoesch nun auch die ostdeutsche Eko-Stahl übernehmen wollte.
Im Februar hatte Krupp mit der Treuhandanstalt den Einstieg bei Eko vereinbart. In Eisenhüttenstadt, nahe der polnischen Grenze, sollten 2800 Arbeitsplätze dauerhaft gesichert werden. Offen war nur noch die Finanzierung von 350 Millionen Mark für den Bau einer neuartigen Stahlguß-Anlage.
Doch danach kippte die Konjunktur. Nach einem mehrjährigen Boom fielen die Stahlpreise auf den Stand von 1980. Die nachlassende Nachfrage aus der Autoindustrie und Billigstahl aus dem Ostblock sorgten für Verluste bei allen deutschen Hütten. Eindringlich warnte der Chef des Stahlverbandes, Ruprecht Vondran, in Tokio davor, neue Kapazitäten aufzubauen. Nach dem Totalausfall der Nachfrage aus den GUS-Staaten werde die eine Million Tonnen Stahl aus Eisenhüttenstadt den Druck auf die Preise verstärken.
Heinz Kriwet vom Branchen-Primus Thyssen drohte Cromme unverhohlen. Wenn Krupp für Eko Subventionen kassiere, würde er sofort bei der EG-Kommission Beschwerde einlegen. Die ostdeutschen Stahlwerke, warnte Kriwet, seien "so überflüssig wie ein Kropf".
Die Kritik der Konkurrenten kam Cromme nicht ungelegen. Dreistellige Millionenverluste bei Krupp Stahl und unvorhergesehene Finanzprobleme im Essener Stammhaus hatten ihm längst die Freude an Eko verdorben.
Eine Woche vor der entscheidenden Sitzung des Treuhand-Verwaltungsrats über die Eko-Privatisierung scheint nun klar: Krupp steigt aus dem Projekt aus. Die Treuhand ahnte nichts, als Cromme von Tokio aus den Bundeswirtschaftsminister informierte.
Der Manager präsentierte auch gleich einen Schuldigen für seinen abrupten Sinneswandel. Krupp habe das Vorgehen der Treuhand nur "mit großer Geduld mitgetragen".
Die Vorgänge um Eko geben Einblick in die Verhandlungsmethoden bundesdeutscher Manager. Die Unterhändler von Krupp und das zuständige Treuhand-Vorstandsmitglied Hans Krämer lieferten eine traurige Vorstellung. Auch Krämer kommt aus dem Westen. Er war früher Chef des Essener Energiekonzerns Steag. In den monatelangen Sitzungen ging es beiden Seiten um Eigeninteressen und persönliche Profilierung. Die Rettung einer vom Stahl abhängigen Armenregion war offensichtlich zweitrangig.
Durch ungeschicktes Taktieren vergab Krämer die Chance, den Ruhrkonzern nach dem Vertrag vom Februar in die Pflicht zu nehmen. Kenner der Stahlszene kritisieren, die Treuhand hätte den Eko-Pakt mit Krupp gleich bei den ersten Anzeichen einer Stahlflaute festzurren müssen.
Aber auch Cromme muß sich peinliche Vorwürfe gefallen lassen. Nach seinem Überraschungscoup bei Hoesch von vielen Seiten hoch gelobt, zeigte er im Eko-Fall wenig unternehmerische Weitsicht. Nach nur sieben Monaten verwirft er eine Entscheidung, die er vorher als eine "Investition in die Zukunft" gepriesen hatte.
Crommes Rückzug war jedoch nur möglich, weil Krämer sich gleich zu Beginn der Verhandlungen auf eine Mauschelei eingelassen hatte. Danach bestimmten die Kruppianer die Verhandlungen. Mit ständig neuen Wünschen auf höhere Staatsbeihilfen und Verlustübernahmen verschleppten sie den Abschluß.
Krupp forderte, für die noch fehlenden 350 Millionen Mark sollten Bonn und das Land Brandenburg aufkommen, obwohl dem Konzern vorher bereits 400 Millionen aus den Steuertöpfen für den Aufbau Ost zugesagt worden waren. Genausoviel wollte Krupp einbringen, nicht mehr.
Krämer ging auch schnell auf die Bedingungen ein. Doch sollte die verbotene Anschubfinanzierung mit Subventionen vor der Öffentlichkeit und der Konkurrenz verborgen werden.
Krämer und Jürgen Harnisch, Chef von Krupp Stahl, entwickelten Übernahmemodelle, bei denen das Problem durch bilanztechnische Tricks gelöst werden sollte. Überhöhte Rückstellungen für alle möglichen Risiken, wie Umweltbelastungen oder Schadensersatzforderungen, sollten die Eko-Bilanz aufblähen. Tatsächlich wären das getarnte Treuhandgelder gewesen, über die Krupp nach dem Einstieg hätte verfügen können.
Um alle Zweifel an der Seriosität der Berechnungen auszuschließen, konstruierten die Fusionsstrategen in einem zweiten Übernahmekonzept eine neue Beteiligungsform. Die Treuhand sollte sich an der neuen Stahlanlage beteiligen. Krupp war zur Unterschrift bereit, doch nun wollte Krämer nicht mehr. Der Treuhand-Manager hatte ein Gutachten über die rechtlichen Folgen von Bilanzkosmetik machen lassen. Als er das Ergebnis las, bat er Harnisch um ein Gespräch.
Die beiden Manager trafen sich am 26. September im Düsseldorfer Flughafen. Krämer rückte von dem Eko-Konzept ab und versprach, schnell ein neues vorzulegen. Das präsentierte die Treuhand Anfang Oktober. Krämer wollte die 350 Millionen Mark offen ausweisen, wenn Brüssel die Subvention genehmigte. "Wir würden uns freuen", schrieb er an Krupp, "wenn Sie unser Angebot annehmen."
Da war Cromme bereits in Tokio und auf dem Rückzug von seinem Eko-Trip. Denn Krupp ist derzeit kaum in der Lage, die 400 Millionen Mark Eigenmittel für Eko zu beschaffen. Cromme hat sich übernommen. Die Finanzierung des 1,2 Milliarden Mark teuren Hoesch-Kaufs läuft nicht wie geplant. Im Stile von US-Finanzjongleuren wollte der Krupp-Chef das Hoesch-Paket von 62 Prozent durch Ausschlachten der neuen Firma bezahlen. Allein der Verkauf einer Ruhrgas-Beteiligung sollte ihm rund 600 Millionen Mark einbringen.
Doch vorerst bleibt Cromme auf den Krediten sitzen, die er vor Jahresfrist aufnahm. Hoesch-Kleinaktionäre verhindern durch Anfechtungsklagen den Vollzug der Fusion. Der zuständige Richter stoppte die Eintragung des Zusammenschlusses in das Handelsregister.
Nun soll ein neuer Mann im Eko-Deal vermitteln. Der Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert kennt die Szene. Er ist Vize-Vorsitzender des Treuhand-Verwaltungsrates, leitet den Aufsichtsrat der Eko und berät die Krupp-Firma Hoesch.
Gellert hat auch schon ein Modell. Wenn Krupp hart bleibt, soll die Treuhand Eko als Staatsunternehmen führen. Die Geschäfte aber könnten wie geplant von Krupp geführt werden. Später könnten die Essener sich doch noch beteiligen.
Das Modell hätte für Krupp einigen Charme: Der Steuerzahler trägt die Verluste, und Krupp kassiert, wenn Eko Gewinne macht.
[Grafiktext]
_158b Rohstahlproduktion in Deutschland: Angaben in Tonnen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 42/1992
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