12.10.1992

ArchitekturPalast der Schrauben

Ein süddeutscher Unternehmer hat als Firmensitz ein Traumhaus gebaut - die Angestellten machen freiwillig Überstunden.
Manchmal kommt Susanne Menzel, 26, auch am Wochenende in die Firma. Sie bringt dann Freunde oder ihre Eltern mit und zeigt die Stätte ihres Wirkens - mit Erfolg: "Die sind immer ganz hin und weg."
Das Ausflugsziel ist wunderschön: ein monumentaler Palast, blendend weiß geklinkert. Die Einfahrt wird von einem 48 Tonnen schweren Stahlkunstwerk überspannt wie von einem Triumphbogen. Auf dem Vorplatz plätschern Wasserspiele. Im glasüberdachten Innenhof hängen Werke von Picasso und Dali.
Werktags sitzt Frau Menzel in Zimmer 105, mit Aussicht auf die Innenhof-Kunst, und geht einer profanen Beschäftigung nach: Sie sorgt als Sachbearbeiterin dafür, daß georderte Schrauben auch geliefert werden - von Taiwan nach Bremen etwa, 283 000 Stück im Format 4 mal 75 Millimeter.
Rund 58 Millionen Mark hat ihr Chef in den neuen Firmensitz investiert: Reinhold Würth, 57, der Welt größter Schraubenhändler. Im 12 000-Einwohner-Städtchen Künzelsau, zwischen Schwäbisch Hall und Bad Mergentheim, hat er vom Stuttgarter Architektenbüro Müller/Djordjevic-Müller einen Bau errichten lassen, der Modell sein soll für die Arbeitsgesellschaft der Zukunft: Arbeitsstätte und "Erlebnisraum" zugleich.
Der weiße Prachtbau wurde multifunktionell ausgestattet. Ein Kunstmuseum ist, einmalig bei einer Firmenzentrale, in den Bürotrakt integriert, desgleichen ein Museum für Schrauben und Gewinde sowie ein Konzertsaal. Menschenfreund Würth will seinen Leuten nicht nur Arbeit geben, sondern ihnen auch zu "Lebensqualität, ja zu einem Stück Lebenserfüllung verhelfen".
Von außen wirkt der Bau freilich wie ein neofeudaler Herrschaftsbau, ein Palast für den Schraubenkönig. Experten finden die postmodernen Wehrmauern, Türme und Fahnen entsetzlich: "Schießschartenarchitektur", spottet der Münchner Industriebau-Professor Kurt Ackermann, 63, über die blau befensterte Fassade.
Derlei Prunk, so Ackermann, passe nach Paris, nicht aber nach Künzelsau, und zu einem Monarchen, nicht zu modernem Management. "Das haben die Kaiser und Könige gemacht, das hat doch mit Schrauben nichts zu tun."
Doch gerade Gebäude wie in Künzelsau markieren einen neuen Trend im Firmenbauwesen: "Glanz und Glamour und Gloria" (Ackermann). Je popliger das Produkt, je provinzieller der Ort der Handlung, desto massiver wird Kunst eingesetzt, um einer Firma "das gewisse Etwas an Mystizität und Exklusivität" zu verschaffen, wie das Branchenblatt Der Architekt befand.
Die Glunz AG im westfälischen Hamm beispielsweise - nur der Fachwelt bekannt als Europas größter Hersteller von sogenannten mitteldichten Faserplatten - baute sich als neue Konzernzentrale ein "Glunz-Dorf" im Ferienhausstil, mit künstlichen Teichen und ebenerdigen, offen einsehbaren Chefbüros. Das Objekt, ein "Laufsteg mit Feuchtbiotop" (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt), wurde in der Fachwelt zur Industriebau-Novität erhoben.
Der Medizinkonzern Braun im nordhessischen Melsungen, Hersteller von Einwegkanülen und Urin-Drainagen, ließ sich vom britischen Baumeister James Stirling ein futuristisches Gehäuse entwerfen. Der Stuhlproduzent Wilkhahn wiederum renommiert mit originellen Pavillons, die Zelt-Architekt Frei Otto nach Art afrikanischer Hütten in die niedersächsische Steppe bei Bad Münder setzte.
Auch Schrauben-Champion Würth will seine Handelsware per Architektur aufwerten: Die Schraube als Kulturträger werde völlig unterschätzt, glaubt er, obwohl doch "ohne Schrauben und Gewinde die gesamte Welt innerhalb weniger Minuten kollabieren würde".
Würths Erfolg (Jahresumsatz: 2,8 Milliarden Mark) basiert auf einer fast sektenhaft anmutenden Firmenideologie: Kaum jemand hat den Mythos der Firmenfamilie (12 000 Mitarbeiter) ähnlich perfekt inszeniert wie der Schraubenhändler aus Künzelsau: Ein ausgeklügeltes Belohnungssystem dient als Ansporn: mit Prämienreisen in die Karibik, mit Geschenken für "Mitarbeiter des Monats" und einem eigenen Firmenorden, der in der Höchststufe brillantbesetzten "Goldenen Würth-Ehrennadel".
Ein differenziertes Betriebsstrafensystem regelt zudem Benimmfragen wie etwa das Ablegen der Krawatten - gestattet nur "bei Schattentagestemperaturen von über 25 Grad".
Bisweilen tritt der Chef, seit dem 19. Lebensjahr Schraubenverkäufer und späterhin Hobbyphilosoph, auch schon mal wie der Guru von Poona per Video-Großbildschirm vor seine Verkäufer. Heutzutage, da höhere Werte fehlten, habe der Betrieb auch "die Frage nach dem Sinn des Lebens" zu beantworten.
Die Arbeitnehmer sollten daher "durch Freude am gemeinsam erzielten Erfolg ein Zusammengehörigkeitsgefühl im Unternehmen erleben". Das Firmengebäude muß folgerichtig Heimat und Geborgenheit bieten und den "Ansprüchen der Mitarbeiter auf Lebensqualität und emotionale Bereicherung dienen" (Würth).
Das ist geglückt: Vom Büro aus blickt die Import-Sachbearbeiterin Menzel auf buntbebilderte Museumswände, über ihrem Schreibtisch hängt eine Grafik aus dem Firmenfundus. Zwischendurch kann sie, über eine Freitreppe im Firmen-Rot, zum Plausch in die Museums-Cafeteria gehen und abends in den Konzertsaal, um dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch zuzuhören oder einer Jazz-Combo.
Sie bleibt denn auch gern mal ein, zwei Stunden länger im Büro zwecks Bestellabwicklung, zusammen mit ihrer Kollegin Elke Hofmann, 21, die gern gesteht: "Wir machen mehr, als wir müßten - weil's halt Spaß macht."
Überstundenbezahlung gibt es nicht, ebensowenig Tarifverträge oder eine Gewinnbeteiligung. Würth, der in einem nahen Jagdschloß aus dem 16. Jahrhundert wohnt, gehört nicht dem Arbeitgeberverband an, zahlt lieber mal ein paar Mark Lohn mehr als üblich und verteilt den Gewinn (1991: 84 Millionen Mark) über Stiftungen und eine Schweizer Holding an seine weitverzweigte Familie.
Die Mitarbeiter mit Geld zu locken, das sei heute auch gar nicht mehr zeitgemäß, sagt Visionär Würth. Der "Megatrend" gehe, postmateriell, in Richtung "Erlebnis-/Freizeitgesellschaft": Da stehe nicht der Verdienst im Vordergrund, sondern der "Spaß an der Arbeit", das "Hobby-Erlebnis".
Und wenn er die Menschen so sieht in seiner neuerbauten "Erlebniswelt", dann findet er sich bestätigt. Das Domizil, das so "eine gewisse Fröhlichkeit, eine gewisse Luftigkeit" ausstrahle, lasse auch die Menschen erstrahlen.
Viele hätten, wenn sie das Gebäude verließen, diesen "Smiley" im Gesicht, jenes Lächeln, das der Konzernherr bei seiner Gefolgschaft so gern sieht: "Die gehen fröhlich hier weg."

DER SPIEGEL 42/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 01:22

Amateurvideo von der "Viking Sky" Als der Sturm zuschlägt

  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg" Video 02:54
    Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg
  • Video "London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit" Video 01:57
    London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Video "Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick" Video 01:31
    Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Video "Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert" Video 00:30
    Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert
  • Video "Filmstarts: Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!" Video 08:24
    Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"
  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt