05.07.1993

Tötung wie eine Exekution

Durch unglaubliche Pannen bei der Terroristenfahndung sind aus Jägern Gejagte geworden. Nach der blutigen Aktion in Bad Kleinen und dem Tod des mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams muß Generalbundesanwalt Alexander von Stahl um sein Amt bangen. Auch Innenminister Rudolf Seiters steht unter Druck.

Die Truppe war ein Mythos: Als die Grenzschutz-Sondereinheit GSG 9 vor 16 Jahren die von Terroristen entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" im somalischen Mogadischu stürmte, wurde sie weltberühmt, ein Synonym für deutsche Präzision, für Erfolg, für Blitzkrieg in Polizeiuniformen.

Ein Mythos waren auch die Terroristen der dritten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Schattenhafte Gestalten, die nie zu packen waren. Sie töteten Wirtschaftsführer, wie und wo sie wollten. Nie hinterließen sie eine brauchbare Spur.

Beide Mythen verblichen am Sonntag vor einer Woche auf dem Bahnsteig 3 und 4 im Bahnhof des mecklenburgischen Provinznests Bad Kleinen. Die Terroristen tappten in eine Falle, und die GSG-9-Profis ballerten, inmitten von Reisenden und Bahnbeamten, wild durch die Gegend.

Das bittere Ende: Der GSG-9-Mann Michael Newrzella, 25, bleibt tödlich getroffen auf dem Bahnsteig liegen. Ihn soll der RAF-Aktivist Wolfgang Grams, 40, mit einer Neun-Millimeter-Pistole erschossen haben.

Grams kommt ebenfalls zu Tode. Mit vier Einschußwunden, darunter einem Kopfschuß, bleibt er auf den Gleisen zurück.

Ein weiterer Polizist überlebt trotz drei Verletzungen. Eine Kugel, die sein Herz getroffen hätte, bleibt in einem Magazin in einer Uniformtasche stecken.

Auch Unbeteiligte kommen zu Schaden. Schaffnerin Siegrid Helberg, 36, spürt plötzlich einen Schmerz, "als hätte ich einen Stromschlag bekommen"; ein Geschoßsplitter hat ihren linken Oberarm durchschlagen. Eine junge Frau aus Bad Oldesloe, die in den Kugelhagel gerät, sackt auf dem Bahnsteig mit einem Schock zusammen.

Der blutige Shoot-out auf dem Bahnhof ist dramatischer Höhepunkt einer Fahndungsaktion, die Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) wenig später als "wichtigen Erfolg" feiert. Erstmals seit der Festnahme von Eva Haule-Frimpong, 38, vor sieben Jahren ist den Fahndern ein Schlag gegen den harten Kern der RAF geglückt.

Noch auf dem Bahnhof festgenommen wurde die als Top-Terroristin gesuchte Birgit Hogefeld, 36. Sie war ein Novum bei der seit über zwei Jahrzehnten andauernden RAF-Verfolgung, durch einen V-Mann im aktiven Kern der Terrortruppe den Ermittlern zugeführt worden.

Doch der vermeintliche Erfolg geriet den Politikern und Fahndern vorige Woche Stück für Stück zum Desaster. Die Terroristenjagd in der norddeutschen Provinz mündet in eine Polizei-Affäre, die ihresgleichen sucht in der ohnehin pannenreichen Geschichte der RAF-Fahndung.

"Aus Seelennot" offenbarte sich vorige Woche einer der beteiligten Spezialisten dem SPIEGEL. Der Beamte, der bis Ende voriger Woche noch nicht vom Staatsanwalt vernommen worden ist, berichtet: "Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution."

Eine weitere Zeugin versicherte vorige Woche an Eides Statt, der bereits wehrlos und reglos am Boden liegende Grams sei "aus nächster Nähe" regelrecht hingerichtet worden.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe, im Rechtsstaat Bundesrepublik sei ein mutmaßlicher Terrorist von Spezialisten einer Polizei-Sondereinheit vorsätzlich aus Rache oder im Affekt ermordet worden, fanden in einem ersten Obduktionsbericht für die Schweriner Staatsanwaltschaft neue Nahrung: Danach war Grams durch einen an der Schläfe aufgesetzten Schuß getötet worden. Auch ein zweites Gutachten, von den Grams-Eltern in Berlin bestellt, spricht von einem Nahschuß, wovon "Schmauchspuren auf dem Schläfenbein" zeugten.

Politiker und Ermittler, die für das Verhalten und Versagen der Fahnder tagelang nur verworrene Erklärungen ablieferten, gerieten schwer unter Druck. Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU), verantwortlich für BKA und GSG 9, konnte bis Freitag voriger Woche keine plausible Version bieten, wie und von wem Grams tatsächlich getötet wurde oder ob er vielleicht Selbstmord verübte.

Auch Generalbundesanwalt Alexander von Stahl agierte von Tag zu Tag ungeschickter, verwickelte sich von Anfang an in Widersprüche über den Verlauf der Bahnhofsballerei. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses Hans Gottfried Bernrath (SPD) rügte eine "Menge Mängel und Unerklärlichkeiten" und forderte von Stahls Rücktritt. Willfried Penner, Innenexperte der SPD, meinte, von Stahl sei überfordert, sein unsicheres Handeln könne ein "Risiko für die innere Sicherheit in der Bundesrepublik Deutschland werden".

Der politische Beamte Stahl, für den ein Rücktritt "überhaupt nicht in Frage" kommt, fühlt sich zu Unrecht attackiert. Die Festnahmeaktion sei vom BKA zu verantworten - oberste Dienstherren: Amtschef Hans-Ludwig Zachert und Bundesinnenminister Seiters.

Vorbei ist es nach den Toten von Bad Kleinen wohl auch mit der Hoffnung, der bewaffnete Kampf der RAF, die das Scheitern ihrer bisherigen Strategie eingeräumt hatte, könne bald zu Ende sein. Die Terroristen hatten im April letzten Jahres überraschend in einer schriftlichen Erklärung eine "Rücknahme der Eskalation" angekündigt und zugesichert, keine Anschläge mehr auf "führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat" zu verüben.

Jetzt wird sich die Gewaltspirale, die schon über 50 Menschen das Leben gekostet hat, womöglich weiter drehen. Zum Schluß ihrer Erklärung, in der unter anderem die vorzeitige Freilassung von Langzeithäftlingen der RAF gefordert wurde, drohten die Verfasser:
" Wenn sie uns, also alle, die für eine menschliche "
" Gesellschaft kämpfen, nicht leben lassen, dann müssen sie "
" wissen, daß ihre Eliten auch nicht leben können. "
" Auch wenn es nicht unser Interesse ist: Krieg kann nur "
" mit Krieg beantwortet werden. "

Experten des Bundeskriminalamtes rechnen deshalb mit Vergeltungsanschlägen "schon in nächster Zeit". Für Einrichtungen und Personen des "Repressionsapparates" (RAF-Jargon) - Justiz, Polizei, Geheimdienste - besteht höchste Alarmbereitschaft.

Auf die Spur von Frau Hogefeld waren die Terrorismusfahnder durch "akribische _(* Im Oktober 1977 bei der Erstürmung der ) _(gekaperten "Landshut". ) kriminalistische Feinarbeit" gekommen, sagt von Stahl. Erstmals gelang es, einen verdeckten Ermittler bis zur Spitze der RAF zu schleusen.

Geheimdienstler vom rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz schafften es offenbar, einen freien Mitarbeiter an Birgit Hogefeld, eine ehemalige Jurastudentin und Orgellehrerin, heranzuführen. Der V-Mann, der sich "Klaus" nannte, diente sich der Szene als sogenannter Unterstützer an.

Es handelt sich dabei um Personen, die selber unauffällig leben, über Wohnung, Arbeitsplatz und Einkommen verfügen, jedoch Kontakte zu untergetauchten RAF-Kadern unterhalten. Sie mieten für die Untergrundkämpfer Wohnungen oder Autos und übernehmen Botengänge.

"Klaus aus Wiesbaden", ein kleiner Angestellter, hatte sich über längere Zeit nützlich gemacht, das Vertrauen von Birgit Hogefeld erworben. Er besaß auch das Vertrauen des BKA, das den Zuträger des Verfassungsschutzes überprüfte.

Grams und Hogefeld stammen beide aus Wiesbaden, beide gerieten - wie viele Terroristen - aus Empörung über die Stammheimer Haftbedingungen der RAF-Gründer Ulrike Meinhof und Andreas Baader in die linksextremistische Szene.

Seit ihrem Abtauchen in die Illegalität 1984 werden Hogefeld und Grams der Kommandoebene der RAF zugerechnet, jener auf zehn bis zwölf Männer und Frauen geschätzten Gruppe, die nach Überzeugung von Fahndern die Terroranschläge der letzten Jahre vorbereitet und durchgeführt hat.

Aus Hinweisen des V-Mannes "Klaus" wußten die Kriminalisten, daß sich die Untergrundkämpferin in dem mecklenburgischen Nest Bad Kleinen zu einem konspirativen Treff verabredet hatte. Der entlegene Ort am Schweriner See, ein Eisenbahnknotenpunkt zwischen Rostock, Lübeck und Schwerin, ist für geheime Zusammenkünfte wie geschaffen.

Auf dem Bahnhof des verschlafenen Ortes fallen an jenem Sonntag nachmittag ein paar unbekannte Gestalten auf. Sie sind mit Jeans, Turnschuhen oder Mokassins bekleidet, tragen einfache Shirts. "Seid ihr von uns?" fragt die Reichsbahnerin Ingrid Fasnacht, seit 33 Jahren hier im Dienst. Die Burschen lachen. Ingrid Fasnacht alarmiert die Polizei. Niemand kommt - die jungen Männer, die ihr nicht geheuer erscheinen, sind selber Polizisten.

Ein Fahnder des Bundeskriminalamts steigt behende auf die Aussichtsplattform des Stellwerks. Er braucht die Übersicht: Unter sich muß er Dutzende Kollegen eines Mobilen Einsatzkommandos und von der Terrorismusabteilung, der Spezialtruppe GSG 9, einer weiteren Grenzschutzeinheit und der örtlichen Polizei dirigieren.

Kurz vor 13 Uhr trifft Birgit Hogefeld, wie erwartet, mit dem Zug in Bad Kleinen ein. Sie kommt aus Wismar, wo sie in einem Schließfach des Bahnhofs einen Rucksack mit ein paar Büchern und einer Schreibmaschine deponiert hatte. Ihr sei, sagt sie später, "nichts Merkwürdiges aufgefallen".

Der Mann, der eine Stunde nach ihr ankommt, ist der ebenfalls gesuchte Grams. Daß er sich mit Birgit Hogefeld treffen wollte, war den Ermittlern jedoch nicht vollständig klar - ein folgenschweres Versäumnis bei der Vorbereitung der Aktion.

Grams und Hogefeld, seit elf Jahren ein Paar, schlendern ins Billard-Cafe, die ehemalige Mitropa-Gaststätte zwischen den Gleisen 2 und 3 (siehe Grafik Seite 28). Auf eine Bestellung muß die Kellnerin zunächst warten: "Es kommt noch jemand."

Etwa um 14.30 Uhr erscheint der dritte Mann, nämlich V-Mann "Klaus". Gemeinsam nehmen die Observierten eine verspätete Mittagsmahlzeit zu sich: überbackenen Camembert, Würzfleisch, Wiener Würstchen.

Daß der Dritte im Bunde ein V-Mann war, mochten die Spitzen des Verfassungsschutzes, des BKA und der Bundesanwaltschaft später selbst den Mitgliedern des Bonner Innenausschusses nicht klar bestätigen. Generalbundesanwalt von Stahl wollte allerdings, wie er sagt, von Anfang an die Vorgeschichte der Fahndung erzählen. Er sei jedoch von den anderen Sicherheitschefs um Schweigen gebeten worden.

Als Hogefeld, Grams und "Klaus" um 15.15 Uhr das Lokal verlassen und im Abstand von jeweils zehn Metern Richtung Ausgang schlendern, kommt der Befehl zur Festnahme. Die Stimmung unter den Beamten ist gereizt, im Vorfeld hat es reichlich Kompetenzgerangel zwischen BKA und GSG 9 gegeben.

Rund 48 Stunden schon haben 54 Beamte, darunter ein 11 Mann starkes Greifkommando der GSG 9, des BKA und der Grenzschutz-Sicherungsgruppe Bonn, auf ihren Einsatz gewartet. Doch als die Aktion beginnt, neue Panne, sind nicht genug schußsichere Westen parat. Die Leiter der Einheiten entscheiden sich, auf den Schutz völlig zu verzichten. "Wegen einer solchen Geschichte", sagt ein Beamter, "sollte es keinen Kinderstreit geben."

Hogefeld und Grams schauen sich immer wieder um, langsam gehen sie die 29 Meter vom Cafe bis zur Bahnhofstreppe. 10 Stufen steigen sie herunter, dann einen Absatz, ein Meter breit, und dann wieder 13 Treppenstufen.

Für die Beamten steht fest, daß sie es mit zwei mutmaßlichen Terroristen aufnehmen müssen. Vor der Treppe im Tunnel wird Birgit Hogefeld gefaßt, sie schreit noch: "Polizei, Polizei!"

Wolfgang Grams, der einige Meter vor ihr geht, hastet die Treppe hoch, dreht sich um, so die Darstellung von BKA-Beamten, stürzt dann 20 Stufen bis zum Gleis 4 vor und feuert ohne Vorwarnung auf seine Verfolger.

Zwei GSG-9-Beamte stürmen die Treppenstufen hinauf hinter Grams her. Drei Kollegen, die auf einem anderen Bahngleis gewartet hatten, eilen unter Geschrei herbei.

"Halt, stehenbleiben, Polizei", brüllen sie aus allen Ecken, "lassen Sie die Waffe fallen, geben Sie auf." Solches Kriegsgeheul wird im Training immer und immer wieder geübt. "Phonetische Verwirrung" heißt das im Sprachgebrauch der Greif-Spezialisten.

Das Ziel, so scheint es, wird erreicht. "Grams hatte Koordinationsschwierigkeiten", sagt einer der beteiligten Beamten, "er schoß nach unten und zielte linksseitig auf das Bahngleis."

In dem Höllenlärm geht fast unter, daß der Hamburger GSG-9-Mann Newrzella tödlich getroffen auf dem Bahnsteig liegenbleibt. Mit einer Pistole der Marke Bruenner, Modell 75 Standard, 9 Millimeter Parabellum, soll ihn Grams erschossen haben. Aber fest steht das noch nicht. Ende letzter Woche waren Experten immer noch mit der Auswertung der sichergestellten Waffen beschäftigt.

Die Lage ist verwirrend genug. Zunächst teilte das BKA mit, die mutmaßliche Terroristin Hogefeld habe eine Pistole Marke Browning Silber, Kaliber 9 Millimeter, Registriernummer 245 PY Y 2142, mitgeführt. Dann korrigieren die Ermittler, bei Hogefeld sei vielmehr eine Pistole der Marke FN, Modell HP, 9 Millimeter, mit der Nummer 245 PY 42842 gefunden worden. Die Waffen der beiden Terroristen stammten aus einem RAF-Überfall auf das Fachgeschäft Manfred Walla im rheinland-pfälzischen Maxdorf vor neun Jahren.

Wer in Bad Kleinen am Ende womit schoß, werden vermutlich Gerichte klären müssen. Ein Beamter, der an der Aktion beteiligt war, sagte vorige Woche gegenüber dem SPIEGEL aus: "Die Aktion lief ab wie eine Szene in einem Horrorfilm."

Der Bericht des Beamten, der sich in wesentlichen Teilen mit der eidesstattlichen Versicherung einer weiteren Augenzeugin deckt, anderen Versionen aber widerspricht, kann die Republik erschüttern, Politiker und Sicherheitschefs ihre Ämter kosten: Danach ist Grams von einem GSG-9-Beamten, noch nicht einmal im Affekt, regelrecht liquidiert worden. Und die Behörden, die in zwei Sondersitzungen des Bundestagsinnenausschusses keine klare Auskunft gaben, setzen offenbar alles daran, den Tathergang zu verschleiern.

Zwei GSG-9-Männer, so die Angaben des Antiterror-Spezialisten gegenüber dem SPIEGEL, hätten den schon verletzten Grams auf dem Bahngleis erreicht. Grams sei zu Boden gerannt worden, er habe "keinen großartigen Fluchtversuch mehr gemacht". Die Aussage:
" Er lag da auf der linken Körperseite. Ein Kollege "
" kniete auf ihm. Er hatte keine Bewegungsmöglichkeit mehr. "
" Die Arme waren gespreizt. Die Waffe lag etwa zwei Meter "
" von ihm entfernt 20 Grad nach oben links. Grams hat keine "
" Möglichkeit mehr gehabt, das Schießgerät zu erreichen. "
" Auch hatte er keine Sekundärwaffe bei sich. "

Im Augenblick der Festnahme, sagt der Zeuge, der seinen Namen vorerst nicht veröffentlicht sehen will, "hat Grams keinerlei Gegenwehr mehr geleistet". Er ging erkennbar davon aus, daß alles vorbei ist. Über den Augenblick des Todesschusses berichtet der Beamte:
" Nach etwa ewig langen 20 Sekunden ist dann der "
" tödliche Schuß gefallen. Ein Kollege von der GSG 9 hat "
" aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern "
" gefeuert. "

Die Beamten waren mit Pistolen der Marke Sig-Sauer und Heckler & Koch hochgerüstet, Kaliber 9 Millimeter.

Ihm sei "unerklärlich, warum das passiert" sei, sagt der Beamte weiter, "eine Reflexhandlung" scheide jedenfalls aus: "In dem Augenblick, wo die Waffe am Boden liegt, gibt es keinen Grund mehr zu schießen."

Die harten Jungs von der GSG 9 seien "fix und fertig gewesen". Bei der Elitetruppe gebe es "höchst unterschiedliche Charaktere", das sei "keine Gruppe von dummen Killern". Die Beamten dürften aber über den Einsatz nicht sprechen. Sie hätten "von ganz oben" einen Maulkorb bekommen - eine richtige Nachrichtensperre.

Kioskverkäuferin Joanna Baron will von einer Würstchenbude aus das Schockierende genau gesehen haben:
" Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden "
" Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und schoß aus "
" nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei sah der schon "
" wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoß, "
" aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams "
" entfernt. Dann schoß auch der zweite Beamte auf Grams, "
" aber mehr auf den Bauch oder die Beine. Auch der Beamte "
" schoß mehrmals. "

Bei dem Kopfschuß, behauptet die Frau, habe sie sogar das Mündungsfeuer der Pistole blitzen sehen. Vor Schreck sei sie anschließend in den einen Quadratmeter großen Wandschrank ihres Kiosks gekrochen und von Bekannten erst nach einer Stunde befreit worden.

Lok-Führer Uwe Tannert hat den Vorgang dagegen ganz anders in Erinnerung. Ein Polizeibeamter habe den auf dem Gleis liegenden Grams mit vorgehaltener Waffe aus nächster Nähe in Schach gehalten, aber nicht geschossen. Dann seien Ärzte gekommen, die sich um den niedergeschossenen Terroristen gekümmert hätten.

Ein anderer Zeuge gar erklärte am Freitag vor einer Schweriner Sonderkommission, Beamte seien lediglich auf den am Boden liegenden Grams zugegangen und hätten ihm die Waffe aus der Hand genommen. Kein Schuß, gar nichts.

Vorige Woche ließ sich, nach immerhin sechs Tagen fieberhafter Ermittlungen, noch nicht einmal mit Sicherheit klären, aus welcher Waffe der Todesschuß abgegeben wurde. Nach dem Einsatz, so mußten die Sicherheitschefs vor dem Bonner Innenausschuß eine weitere schwere Panne einräumen, wurden bei den insgesamt 54 eingesetzten Beamten entgegen der Dienstvorschrift weder die Waffen aller Beteiligten überprüft noch die Patronen nachgezählt.

Das Projektil, das den Tod von Grams verursacht hat, wurde bis Ende voriger Woche nicht gefunden oder nicht eindeutig identifiziert. Schlampereien auch bei der Kriminaltechnik: Noch Tage nach der Schießerei sammelten Unbeteiligte Patronen und Hülsen der bisher gezählten 33 Schüsse.

Unstrittig ist, daß Grams von vier Kugeln getroffen wurde. Die Gerichtsmediziner der Universität zu Lübeck stellten zwei Steckschüsse sowie einen Streifschuß am Bauch fest. Tödlich war ein Schuß in den Kopf.

Genau 4,5 Zentimeter oberhalb des rechten Schläfenansatzes drang die Kugel ein, das Loch war 1,8 Zentimeter groß. Am Schädelknochen stellten die Gerichtsmediziner Schmauchspuren und einen sogenannten Schürfrand fest - untrügliche Zeichen für einen aufgesetzten Schuß. Die Kopfhaut beulte sich zwischen Schädeldecke und Kopfschwarte aus, ein Stanzring blieb zurück. Das Gutachten des gerichtsmedizinischen Instituts der Uni Lübeck:
" Aufgrund der Untersuchung kann festgestellt werden, "
" daß der Bleigehalt in der Verletzung . . . um das 103- "
" bis 105-fache größer ist als in der zum Vergleich "
" herangezogenen zweiten Einschußlücke in der Höhe der "
" Lende. Damit ist bewiesen, daß Blei in das "
" Unterhautgewebe der Kopfschwarte geraten ist. Da Blei vor "
" allem im Dinoxid-Zündsatz enthalten ist, ist davon "
" auszugehen, daß das Blei durch einen absoluten Nahschuß "
" in das Zwischengewebe von bedeckender Haut und "
" Schädelknochen geraten ist. "

In dem Gutachten gibt es keine weiteren Hinweise auf Schlag- oder Schleifspuren, weder am Kiefer noch sonstwo. Der ermittelnde Schweriner Staatsanwalt Ernst Jäger hat zudem keinerlei Hinweis dafür, daß Grams womöglich Selbstmord verübt hat.

Hogefeld kannte Grams seit 18 bis 19 Jahren und hatte zu ihm "seit elf Jahren eine Liebesbeziehung", so Hogefeld vorige Woche in einem Brief, den die Tageszeitung veröffentlichte. Grams soll sich als Stefan Cramer oder Jean-Jacques Pierre Roland ausgegeben haben; Hogefeld besaß falsche Pässe, unter anderem auf die Namen Maria Mall, Marita Kleeberg, Margarete Bayer geb. Busomhoff.

Zur Kommandoebene zählen laut BKA mindestens fünf weitere mutmaßliche Terroristen, die ebenfalls 1984 untergetaucht sind und steckbrieflich gesucht werden: Sabine Callsen, 32, Andrea Klump, 36, Barbara Meyer, 37, Horst Ludwig Meyer, 37, und Christoph Eduard Seidler, 35.

Sie alle gelten als Mitglieder der sogenannten dritten Generation der RAF. Die erste Generation um die RAF-Gründer Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin hatten sie kaum gekannt.

Die Terroristen der zweiten Generation, heute alle inhaftiert, schockten die Republik 1977 mit einer Terrorwelle. Höhepunkt war die Entführung des Industriellen Hanns Martin Schleyer und ihr dramatisches Ende, als die GSG 9, die jetzt offenkundig versagte, 90 Geiseln aus der gekidnappten Lufthansa-Maschine "Landshut" befreite.

Die dritte Generation kommt nach Einschätzung von Ermittlern als Täter für alle seit 1985 begangenen Gewaltakte in Frage - eine lange Liste:
* Im Februar 1985 erschossen Terroristen den
Rüstungsmanager Ernst Zimmermann;
* im Juli 1986 starben Siemens-Manager Karl Heinz
Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler durch einen
Bombenanschlag;
* im Oktober 1986 wurde Außenamts-Ministerialdirektor
Gerold von Braunmühl mit Revolverschüssen ermordet;
* im September 1988 mißglückte ein Anschlag auf den
Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer;
* im November 1989 tötete die RAF den Deutsche-Bank-Chef
Alfred Herrhausen mit einer Sprengfalle;
* im April 1991 wurde Treuhand-Chef Detlev Karsten
Rohwedder erschossen;
* im März 1993 zerstörten Sprengsätze der RAF ein
neugebautes Gefängnis in Weiterstadt bei Darmstadt.

Weil die Terroristen der dritten Generation keinerlei verwertbaren Spuren hinterließen, gelang es der Polizei nicht, die Verbrechen einzelnen Personen zuzuordnen.

Der Haftbefehl, der Birgit Hogefeld nach ihrer Festnahme präsentiert wurde, basiert auf einem Schriftgutachten, wonach die Wiesbadenerin das Auto für den Anschlag auf Tietmeyer angemietet haben soll. Grams wurde nur wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gesucht.

Der Tod des RAF-Aktivisten kann das Klima in der Republik verändern. Vorsorglich warnte das BKA am Donnerstag voriger Woche um 19.27 Uhr die Landeskriminalämter, "die Festnahmeaktion und insbesondere der Tod von Wolfgang Grams" könnten als "Kill-Fahndung interpretiert werden". Vor dem Hintergrund der "daraus resultierenden Emotionalisierung" sei mit Aktionen der linksextremistischen Szene zu rechnen.

In einem Bericht sollen Bonner Innen- und Justizministerium nun alle Umstände der Aktion darlegen. Seiters hat den Präsidenten des Bundesverwaltungsamts, Christoph Grünig, beauftragt, die Ermittlungen zu begleiten.

Weder Seiters noch von Stahl, die am Freitag letzter Woche in Hamburg an der Beerdigung des getöteten Polizisten teilnahmen, konnten die Bundestagsabgeordneten zufriedenstellen. _(* Am Freitag voriger Woche bei der ) _(Beerdigung des getöteten Beamten ) _(Newrzella in Hamburg. ) Der SPD-Abgeordnete Gerd Wartenberg: "Ab Sonntag hat der Stahl den großen Zampano gespielt, da kann er sich jetzt nicht einfach rauswinden."

Nicht zum erstenmal agierte von Stahl unglücklich. Eine Schlappe erlitt er etwa im Sommer 1991. Damals präsentierte er als Kronzeugen zum Fall Herrhausen den psychisch labilen Informanten Siegfried Nonne, der seine Aussagen aber wenig später spektakulär widerrief.

Die jetzt von der SPD erhobene Forderung nach von Stahls Rücktritt geht, trotz aller Pannen, jedoch formal ins Leere. Der Generalbundesanwalt ist ein politischer Beamter, er kann von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gefeuert werden, nicht aber zurücktreten.

Vor allem aber ist er für den verpatzten Einsatz selber kaum verantwortlich zu machen. Die Spezialtruppe GSG 9 gehört zum Bundesgrenzschutz, und der untersteht Bundesinnenminister Seiters.

Nach der Sitzung des Innenausschusses am Freitag voriger Woche sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Burkhard Hirsch: "Wenn hier auch nur der Eindruck entsteht, es werde etwas vertuscht, dann wird auch einer lückenlosen Aufklärung nicht mehr geglaubt. Und dann haben wir die gleiche Diskussion wie bei Stammheim" - nach den Suiziden von Baader und anderen in der Zelle, die in der Szene seit 1977 als Legende vom staatlich verordneten Mord herhalten müssen. Wenn Grams tatsächlich mit einem aufgesetzten Schuß aus der Waffe eines BGS-Mannes getötet worden sei, sieht Hirsch "mindestens das Ende der GSG 9".

Und sein Fraktionskollege Wolfgang Lüder kritisierte nach der dreieinviertel Stunden dauernden Anhörung des Generalbundesanwalts von Stahl und des Innenministers Seiters: "Es bleiben größte Lücken."

Die Leiche von Grams befindet sich nach Angaben der Schweriner Staatsanwaltschaft inzwischen "in der Obhut der Hinterbliebenen". Die aber weigern sich, den Toten zu bestatten.

Die Staatsanwaltschaft nämlich hat von Grams bislang "das Gehirn und ein Stück Kopfschwarte" für weitere Untersuchungen zurückbehalten. Die Hinterbliebenen wollen ihn aber, so ein Ermittler, "nur in toto begraben".

[Grafiktext]


28_ Bahnhof Bad Kleinen

[GrafiktextEnde]

* Im Oktober 1977 bei der Erstürmung der gekaperten "Landshut". * Am Freitag voriger Woche bei der Beerdigung des getöteten Beamten Newrzella in Hamburg.

DER SPIEGEL 27/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 27/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Tötung wie eine Exekution