12.10.1992

BüroarbeitKonisch vermüllt

Wer findet ein gesuchtes Schriftstück schneller, der Chaos- oder der Klarsichthüllentyp? Bei einem Vergleichstest siegte klar das Chaos.
In der Luft ein zooischer Gestank, Abteilung Raubtierhaus, auf dem Boden handspannenhoch ein Morast aus Büchern, Manuskriptblättern, Kleidungsstücken und angeranzten Nahrungsresten, dazwischen halbvolle Flaschen, die wie Wegzeichen eines Pygmäenvolkes aus dem Unrat herausragten: Wie eine Versuchsstation für den Weltuntergang mutete das Zimmer an, in dem Dagofil ("Jimmy") Vrba seinem Beruf als Sportberichterstatter und Romanlektor des Prager Tagblattes nachging.
Legendär wurden Vrba und sein Saustall an einem Novembernachmittag des Jahres 1918. Damals stürmten tschechische Nationalisten in Ausübung ihres Volkszornes auch das Gebäude des deutschsprachigen Tagblattes, wobei sie als erstes in Vrbas Katakombe gerieten: "Hier waren schon welche von uns", rief einer, und der ganze Zug trampelte treppab, aus dem Hause hinaus.
Seitdem gilt dem Redaktor Jimmy Vrba, den der Prager Schriftsteller Max Brod in seinem "Roman einer Redaktion" porträtiert hat, das ehrende Angedenken all jener, deren Verhältnis zu jedweder Ordnung ein ausgeprägt lethargisches ist.
Jetzt aber wird den Hardcore-Schlampern dieser Welt noch weiter gehende Bestätigung zuteil: Sie sind, so das Fazit neuester wissenschaftlicher Forschung, besser organisiert und damit im Grunde ordentlicher als die Akribier an ihren keimfrei geräumten Schreibtischen.
Zu dieser längst überfälligen Erkenntnis gelangte der britische Ergonom Mark Landsdale von der Loughborough University, als er die Sucharbeit von Büro-Chaotikern studierte: Sie waren, wie sich zeigte, die Feldherren auf dem Schlachtfeld, in das sie ihre Umgebung verwandelt hatten - von souveräner Übersicht und in ihrer Verfolgungsstrategie so beeindruckend, daß der Wissenschaftler damit begonnen hat, die Wühl- und Wiederfindungsprozesse der Tohuwabohuisten zur Grundlage eines Computerprogramms zu machen.
Trotz teilweise geradezu pandämonischer Unordnung mit Höchstwerten auf der nach oben offenen Vrba-Skala fanden Landsdales Test-Anarchen in der Regel, was sie auf Geheiß des Wissenschaftlers aufzuspüren hatten. Wundersamer noch: Wenn die Schlampomanen nach mehreren unterschiedlichen, aber zusammenhangsbezogenen Papieren fahnden mußten, waren sie im Suchergebnis vollständiger und dabei auch noch geschwinder als die wandelnden Klarsichthüllen mit ihren durchalphabetisierten Ablagen und Aktenhängern - kein Zweifel mehr, Goethe hat sich geirrt.
"Welchen Überblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen", hatte der Pedantenfürst aus Weimar angemerkt. Aber, so fragte sich der Dichter, "was nur bestimmt einen Menschen zum Ordnungstier?"
Es ist, antwortete ein Jahrhundert später der Doktor Freud aus Wien, die "anale Fixierung" des Patienten infolge einer verlängerten "infantilen incontinentia alvi" - zu deutsch: Zum Saubermann und Ordnungswesen wird, sofern sich seine Psyche freudgemäß verhält, wer als Kind zu lange in die Windeln geschissen und daran auch noch ordentlich Spaß ("überdeutlich erogene Betonung der Afterzone") gehabt hat.
Im Extremfall spricht der Psychoanalytiker dann von einer "anankastischen Persönlichkeit", der Übergang zum Zwangsneurotiker ist fließend - Konzernherren zählten oft zu diesem Typ. Als gleichermaßen therapieresistent fürchtet der Fachmann aber auch den Gegentypus, den sogenannten Konfusanten: Es bedarf mitunter einer robusteren Nächstenliebe als der christlichen, um solch einen Menschen im Alltag zu ertragen.
Rastlos und mit einer Geduld, die ihnen sicher die Gnade ihres Heilands erworben hat, räumten zum Beispiel die Nonnen des Vatikans hinter Papst Johannes XXIII. her, der das einschlägige Apostelwort aus der Bibel ("Gott ist nicht ein Gott der Unordnung") nicht über Gebühr ernst nahm.
Ähnlich konfusant waren so wesensverschiedene Prominenzen wie etwa Winston Churchill, Marilyn Monroe und Albert Einstein, dessen vergeblicher Versuch, auf seinem Schreibtisch Ordnung zu halten, der beste Beweis für die Richtigkeit der Thermodynamik war. Deren Kernaussage: Die Grundlage jeder Ordnung ist Chaos, und jede Ordnung ist der erste Schritt auf dem Weg in neuerliches Chaos - bekennende Schlamper sehen darin die naturgesetzliche Bestätigung, daß alles Aufräumen sinnlos ist.
Daß sie sich dennoch in ihrer zuweilen hirnsträubenden Lotterwirtschaft zurechtfinden, liegt an dem von ihnen praktizierten "Vulkan-Modell".
So bezeichnet Ergonom Landsdale die Topographie, die nach seinen Recherchen für den Chaos-Schreibtisch typisch ist: in der Mitte eine kraterartige, mehr oder minder freigeschaufelte Arbeitsfläche, _(* Von SPIEGEL-Redakteur Henry Glass, dem ) _(Autor der Geschichte. ) drumherum konisch ansteigend Wände aus Papier, Büchern, den Zeitungen der letzten Wochen, noch älteren Keksen sowie einem Kunterbunt aus anderen Dingen, die mit der vorliegenden Arbeit noch weniger zu tun haben. Mit einiger Übung kann auch ein Zimmer, sogar eine ganze Wohnung nach dem Vulkan-Prinzip vermüllt werden.
Beim Suchen bedienen sich die Liederlinge der von Landsdale so genannten Kontext-Technik; sie besteht im wesentlichen in dem von tumultuarischem Wühlen und Scharren begleiteten Nachsinnen des Chaotikers darüber, in welchem Zusammenhang und unter welchen Umständen das aufzuspürende Objekt in seine Einflußsphäre gelangt ist.
In Augenblicksschnelle rekonstruiert er dann den wahrscheinlichen Weg, den der gesuchte Gegenstand durch das Wirrsal genommen haben mag - wobei ihm nicht nur Farbe und Form, sondern auch sachfremde Begebenheiten wie etwa der Gang zur Toilette als Gedächtnisstütze dienen.
Bei Exzeßtätern allerdings bleibt auch das scharfsinnigste Kombinieren des öfteren ergebnislos, weshalb Schlamper vom hohen Range eines Vrba häufig gar nicht erst zu suchen beginnen.
"Kann''s nicht finden", pflegte der Prager Sammelsuriant seinen Autoren entgegenzumurren, wenn sie ihr Manuskript zurückbegehrten. Dann griff er wahllos um sich und drückte ihnen irgendein in Fetzen wehendes Konvolut in die Hände: "Da, nehmen''s doch ein anderes, iss eh besser."
* Von SPIEGEL-Redakteur Henry Glass, dem Autor der Geschichte.

DER SPIEGEL 42/1992
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