13.04.1992

Zukunft verfehlt

Der dritte Teil der TV-Komödie Schulz & Schulz hebt ab: Dallas auf deutsch-deutsch.
Als die deutsche Geschichte noch mit Vereinigungstempo rannte, konnte man sicher sein: Wenn das Fernsehen mit Komödien den Ereignissen nachsetzte, ging es ihm wie dem unglücklichen Hasen - der Igel Realität war all da oder schon längst weiter. _(* Martina Gedeck. )
Die TV-Lustspiel-Autoren Krystian Martinek und Neithardt Riedel, die an diesem Montag um 19.20 Uhr (ZDF) in "Schulz & Schulz" Götz George zum dritten Mal als doppelt deutsches Lottchen durch die Freuden und Nöte der Vereinigung schicken, haben diese Erfahrung schon zweimal gemacht.
1987 erfanden sie das Zwillingspaar Schulz, bestehend aus Wolfgang (West), einem flotten Werbefuzzi, und Walter (Ost), einer redlichen Familienvater-Haut mit Wartburg, die in einem VEB-Schlampladen für Propaganda-Mittel als Grafiker schaffte. Der Plot: Dank totaler Verwechselbarkeit konnten die eineiigen Zwillinge durch Tausch der Pässe ungehindert auf Zeit die Identität tauschen - der Ossi tappte, von DDR-Grenzern unbehindert, in und durch die schnieke Westwelt, der Wessi mischte den dösigen Osten auf. Doch kaum war die Produktion abgeschlossen, fiel die Mauer. Die gewagte Drehbuch-Idee vom Cherchez l''identite über den Todesstreifen hinweg war über Nacht zum Schnee von gestern geworden.
Zwillings-Spiel zwo mit dem Hoffnung verheißenden Titel "Aller Anfang ist schwer" konnte die Geschichte auch nicht einholen. Da sah man, 15 Monate nach dem Mauerfall, eine Komödie, die noch mit der Einheitsbegeisterung und der Goldgräber-Euphorie in der Ex-DDR milde Späße trieb, als längst Katzenjammer herrschte.
Beim dritten Mal wollte sich das Autoren-Doppel Martinek/Riedel erkennbar nicht noch einmal vom Leben bestrafen lassen. Doch diesmal hat das Drehbuch-Duo wieder die Gegenwart verfehlt - allerdings in Richtung Zukunft.
Sie ersannen eine Story so monströs und abenteuerlich, als läge Dallas in Vorpommern. Tief im wilden Osten lenken Alt-Genossen eine als "Medienforschungs GmbH" getarnte Schwarzgeld-Firma, residieren in prächtigen Büroräumen und tragen wie Mafiabosse millionenschwere Geldkoffer herum. Nur mit dem Wechsel vom Sächsischen ins Englische will es manchmal nicht klappen: "Thig Bink", sagt ein kahlköpfiger Ex-Parteigenosse, wenn er an ein großes Ding denkt.
Wird ein Drehbuch in Höhen geschrieben, gegen die möglichst keine Realität mehr ankommen soll, können auch die Hauptfiguren nicht mehr bleiben, was sie mal waren: Aus den deutsch-deutschen Schulzes werden nachgemachte Ewings, die sich noch raffiniertere Tricks ausdenken als die real reinkarnierte ostdeutsche Seilschafts-Oberschicht mit ihrer Schwarzgeld-Wirtschaft.
Dazu paßt, daß sich Westbruder Wolfgang so neurotisch und beziehungsgestört gebärdet wie der Dallas-Fiesling J.R. Vor der Prunkhochzeit in Stralsund mit seiner schönen Britta (Martina Gedeck) besäuft er sich so besinnungslos, daß ihn sein Ossi-Zwillingsbruder auf dem Standesamt doubeln muß - der Ost-West-Konflikt degeneriert zum Possenspiel.
Auf der Strecke bleibt, was die ersten beiden vom Sauseschritt der Geschichte abgehängten Sendungen ausgezeichnet hatte: die genaue Milieu-Schilderung, der witzige Scharfblick auf die Unterschiede zwischen Alltag Ost und Alltag West.
Bevor das Spiel ins Serien-Überall und -Nirgends abhebt, führt "Schulz & Schulz" immerhin einmal vor, wie das Stück gemeint ist: Da sieht man, wie die Nervosität des über Steuerunterlagen brütenden Stralsunder Schulz-Bruders und der neue Game-Boy-Fimmel seines Sohns ein besonders im Osten für unerschütterlich gehaltenes Ritual - Familie sitzt am Tisch und ißt gemeinsam Abendbrot - zur Verzweiflung der Mutter zersetzen.
Wo, weil es das Drehbuch so will, die Ost-West-Kontraste schwächer werden, bleibt auch für die famose Verwandlungskunst Georges immer weniger Bühne: Wenn der Ost-Bruder genauso tricky auftritt wie sein West-Ebenbild, mindert das die Lust am Bäumchenwechsle-dich-Spiel.
Ein dermaßen wiedervereinigter Götz George gerät dann nicht nur, wie es die Drehbuchautoren mit erhobenem Zeigefinger wollen, zur moralischen Negativ-Figur. Dem Komödianten widerfährt auch, was im deutschen Osten derzeit Alltag ist: Er scheitert.
* Martina Gedeck.

DER SPIEGEL 16/1992
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