19.10.1992

Der Schimanski von Dresden

Ganz kribbelig ist Heinz Eggert an diesem Donnerstag morgen. Den Imbiß an Bord der Frühmaschine von Dresden nach Bonn schiebt er beiseite, auch der Kaffee schmeckt Sachsens Innenminister nicht.
Unablässig faßt er in die Brusttasche seiner Anzugjacke, zieht die Lesebrille halb hervor und steckt sie wieder zurück. Unglücklich zappelt der Mann in seinem Sitzgurt.
Für zwölf Uhr ist Eggert ins Gästehaus der Bundesregierung auf dem Bonner Petersberg zu einer Feierstunde geladen. Der Minister, seit Oktober 1990 Christdemokrat, soll für seine langjährige Opposition gegen das SED-Regime als Pfarrer in der DDR das Bundesverdienstkreuz erhalten.
Es ist nicht freudige Erwartung, die ihm jetzt die Ruhe raubt, sondern Unbehagen, ja Widerwillen gegen die Auszeichnung. "Ich mag mir meine Vergangenheit nicht vergolden lassen", sagt Eggert, 46. "Man sollte für Selbstverständlichkeiten keine Belohnung annehmen."
Ein schöner Satz, der offensichtlich folgenlos bleibt und dadurch Zweifel weckt: Wer traut einem Politiker schon so viel Demut zu? Wer soll ihm glauben, daß er sich an diesem Ehrentag am liebsten zu Hause in Oybin im südöstlichsten Zipfel Deutschlands verkrochen hätte, für niemanden erreichbar? Jeder weiß ja, er wird am Abend hochdekoriert nach Dresden zurückkehren.
Die rechte Hand fährt wieder zur Anzugtasche und bearbeitet die Brille. Er habe den Bundespräsidenten, für den er große Achtung empfinde, nicht brüskieren wollen. Eine Ablehnung des Ordens hätte "enormen Erklärungsbedarf" geweckt. "Ich mußte ja sagen."
Die Beschwichtigungen helfen wenig, am wenigsten ihm selbst. "Diese Reise ist ein Fehler", fährt Eggert seinen Referenten unvermittelt an. "Sag mal ehrlich, das meinst du doch auch?"
Auf dem Bonner Petersberg scheinen plötzlich alle Zweifel verflogen. Ganz zufrieden sieht er aus, der Herr Innenminister, wie er da zwischen einigen prominenten und vielen unbekannten Bürgern steht und der Rede des Bundespräsidenten lauscht.
Auf Zuruf treten die Geehrten vor, mit vor Stolz leicht gerötetem Kopf, um ihre Orden in Empfang zu nehmen. Nummer elf fällt aus der Reihe: Mit großen Schritten eilt der Polit-Neuling aus Sachsen auf Richard von Weizsäcker zu, die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln verzogen, als gehe er in diesem Augenblick auf Distanz zu sich selbst. "Sie wissen", sagt er dem Staatsoberhaupt, "daß es nicht leicht für mich war, diese Ehrung anzunehmen."
Das klingt anmaßend, fast hochmütig. Und jedem anderen, zumal wenn er aus dem Osten Deutschlands stammt, würde ein solcher Satz übelgenommen. _(* 1980 mit Bekannten in Oybin. ) Heinz Eggert hingegen verkauft das Unkonventionelle als Tugend - und kommt damit blendend an.
Sein forsches Auftreten wird ihm als erfrischende Unbekümmertheit ausgelegt, seine mitunter undiplomatische Vorliebe für das direkte Wort bringt ihm Sympathie ein. Er gilt als aufrichtig, dynamisch, unverbogen - als Glücksfall für seine Partei.
Der Mann aus Sachsen verkörpere "etwas von der Energie und Unverbrauchtheit", urteilt die Süddeutsche Zeitung, die der Union fehle. Eine "rare Gestalt in der politischen Szenerie", lobt die Zeit, "ein politischer Charakter".
Die Erwartungen, die ihm aus dem Lob erwachsen, erfüllt Eggert aufs vortrefflichste. Ob bei Staatsempfängen oder bei Ortsterminen im Lande: Immer kommt er ganz locker daher, die Hand in der Hosentasche vergraben, den obersten Hemdknopf offen, die Krawatte auf Halbmast. Wo Politikerkollegen ihr Publikum mit staatstragenden Reden langweilen, haut Heinz ein paar Kalauer dazwischen und zieht die Lacher prompt auf seine Seite.
Eggert ist das Bemühen anzumerken, sein Publikum für sich einzunehmen. Er kokettiert mit der Rolle des Volkstribunen, sein Verlangen nach Zustimmung verleitet ihn, seiner Popularität mit Populismus nachzuhelfen. Er verhält sich so, wie es die Leute gern hätten, und spricht aus, was sie von ihm hören wollen. Darin ähnelt er Manfred Stolpe, dem anderen bekannten Kirchenmann in der Politik. Vom glatten Pragmatiker unterscheiden Eggert Prinzipientreue und Nachdenklichkeit.
Die Fettnäpfchen, in die der gebürtige Rostocker tritt, sind gut ausgesucht. Deshalb schlug die Irritation über den Exoten bislang noch nicht in Ablehnung um.
Darum auch darf der Christdemokrat ungestraft das Bonner Kabinett der "Aufgeregtheit eines Hühnerhaufens" bezichtigen oder den Haushalt des Finanzministers als "schlicht nicht tragfähig" kritisieren. Sein Bekenntnis in einer Journalistenrunde, daß ihm, dem obersten sächsischen Polizeichef, beim "Anblick von Uniformen eigentlich ganz unbehaglich" werde, löste erst Befremden und dann Entzücken aus.
Rücksichtnahme auf die Parteidisziplin ist eh nicht Eggerts Sache. Das beinahe kindliche Vergnügen, Rituale zu durchbrechen, die "gehörige Portion Unbeherrschtheit", die Sachsens Regierungschef Kurt Biedenkopf an seinem Minister schätzt, treiben ihn zu immer neuen Volten. Sein jüngster Streich ist die Kandidatur zum Vizechef von Helmut Kohl im Parteivorsitz der CDU auf dem Bundesparteitag am kommenden Sonntag in Düsseldorf.
Eine Nickveranstaltung sollte die Delegiertenversammlung nach dem Willen der Unionsführung werden: Für die vier Stellvertreterposten standen vier Kandidaten bereit, das Parteivolk hätte nur noch brav die Hand heben müssen. Jetzt hat Eggert das Personalkonzept in Unordnung gebracht, und die Genugtuung darüber ist ihm deutlich anzumerken.
"Mich hat einfach gereizt", sagt er, "den Knoten der Kungelei zu zerschlagen." Und damit auch jeder begreift, wie sehr er sich über die Mauscheleien in der CDU-Spitze geärgert hat, zieht er den garstigen Vergleich zum letzten SED-Parteitag - "den haben wir ja noch in guter Erinnerung".
Die Empörung klingt ehrlich, medienwirksam ist sie allemal. Wohl kein anderer deutscher Landesminister hat in den letzten drei Wochen so viele Interview-Wünsche erhalten wie der Shooting-Star aus Dresden. Aber Eggert ist mittlerweile auch Polit-Profi genug, um zu registrieren, daß er in diesen Tagen beides ist: Spielmacher und Spielball.
Sächsische Kabinettskollegen berichten, daß Biedenkopf längst seine Entscheidung bereue, Eggert zur Kandidatur ermuntert zu haben. Parteifreunden in Hessen habe der Dresdner Regierungschef geraten, seinen Minister zwar in den 43köpfigen Bundesvorstand zu wählen, aber doch, bitte schön, nicht in den exklusiven Parteivorsitz. Vielleicht ist es ja Biedenkopf von Anfang an nur darum gegangen, ein bißchen Wirbel in Bonn zu veranstalten, indem er seinen Heimatstar präsentierte - in der Erwartung, daß dem Unternehmen kein Erfolg beschieden sein werde.
Den Kandidaten läßt die Geheimdiplomatie, die sich in seinem Umfeld entspinnt, seltsam unberührt. Sie offenbart aus seiner Sicht nur das Denken in "Strukturen des Machterhalts", dem er sich, das ist seine Art, verweigern will. "Scheitern ist nicht so schlimm", sagt er mit Blick auf die Abstimmung, "schlimm ist, nichts versucht zu haben."
Der Mann weiß natürlich, was er der Union wert ist, und er weiß auch, daß seine Geschichte als DDR-Bürger die hehre Lebensmaxime beispielhaft legitimiert.
Im Gegensatz zu vielen Ost-Abgeordneten, die willfährige Claqueure der SED-Politik waren, steht Heinz Eggert mit einem makellosen Image da. Seine Vergangenheit als furchtloser Prediger wider das Honecker-Regime ist mittlerweile Legende.
Fast 20 Jahre lang verfolgte die Stasi den streitbaren Theologen. Sie durchsetzte seinen Freundeskreis mit Spitzeln, belauschte das Telefon und las die Post mit. Späher protokollierten seine Predigten, ließen sich in Scharen seelsorgerisch beraten, um den Pastor auszuhorchen, und überwachten seine Kinder.
In den 2800 Seiten Akten, die den Fall minuziös dokumentieren, fand Eggert sogar Hinweise darauf, daß ihn die Stasi nach einem Klinikaufenthalt zum psychiatrischen Pflegefall machen wollte, Ärzte ihn im Auftrag des Geheimdienstes womöglich gezielt fehlbehandelten. Für seine Überzeugungen, das belegen die Papiere, hat sich der Theologe systematischer Grausamkeit ausgesetzt. "Über eine solche Herkunft wie Eggert", sagt sein aus dem Westen importierter Staatssekretär Hubert Wicker bewundernd, "verfügt doch kein anderer deutscher Politiker."
Das Bewußtsein, eine Ausnahmeerscheinung zu sein, ermöglicht Eggert seine aufreizende Lässigkeit. In Sachsen ist er mittlerweile der populärste Minister, in den eigenen Reihen gilt er bereits als Nachfolgekandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Er verkörpert den seltenen Typ des selbstbewußten Ostdeutschen, der sich von nichts und niemandem unterkriegen läßt.
Den Aufstieg vom Dorfpfarrer zum Spitzenpolitiker scheint Eggert im Vorbeigehen erledigt zu haben. Auf Anhieb gelang ihm im Frühjahr 1990 die Wahl zum Landrat in Zittau, wo er sogleich mit den alten Bonzen aufräumte und sich den Spitznamen "Pfarrer Gnadenlos" erwarb. Ohne daß er sich danach gedrängelt hätte, wurde ihm im Herbst letzten Jahres der Posten des Innenministers angeboten, sein Vorgänger hatte das Amt wegen Stasi-Belastung abgeben müssen. Kurz danach folgte die Kür zum Vizechef der sächsischen CDU.
Das Kürzel CDU kommt bei dem Christdemokraten kaum vor, die Vokabel "Parteifreunde" zählt nicht zu seinem Wortschatz. Gern erzählt Eggert die Anekdote, wie er in die Politik hineingestolpert ist. Er habe sich kurz nach der Wende von einem Bekannten breitschlagen lassen, bei der Kreistagswahl in Zittau für die Union zu kandidieren, dies aber anderntags schon wieder vergessen. "Erst in der Wahlkabine entdeckte ich plötzlich meinen Namen auf dem Stimmzettel."
An seiner inneren Distanz zu Amt und Würden will Heinz Eggert anderen keine Zweifel gestatten. Richtig fuchsig kann er werden, wenn er den Vorwurf der Eitelkeit wittert. Ihm seien die Tage am wichtigsten, sagt er dann hochfahrend, "an denen mir nicht zu Bewußtsein kommt, daß ich Innenminister bin". Mitunter vergleicht er sein Ministerium mit einem Gefängnis, in das er sich freiwillig begeben habe, nachdem er gerade aus einem herausgelangt sei.
Am liebsten würde Eggert aller Welt beweisen, daß er der Pfarrer aus Oybin geblieben ist: unkompliziert, den Menschen zugewandt und ohne falschen Stolz. Schnell greift er zum kumpelhaften Du; Leibwächter, Journalisten und Ministeriumsangestellte dürfen ihn beim Vornamen nennen. Halbe Nächte schlägt er sich in Kneipen der Dresdner Neustadt um die Ohren und trinkt mit Autonomen und Skinheads sein Bier, die Leibwächter hat er zuvor ins Bett geschickt. Am Tresen will Heinz, der Innenminister, ganz privat sein.
Doch gerade dort, wo er seinem Amt zu entkommen sucht, holt es ihn wieder ein. Seine Gesprächspartner begegnen ihm mit Ehrerbietung, sobald sie ihn identifiziert haben, mindestens aber mit gehörigem Respekt.
So nährt der Politiker den Verdacht, daß die hemdsärmeligen Auftritte eher Kalkül entspringen als der Emotion, daß sie Inszenierungen seiner selbst sind. Ein paar Stunden unter Bewunderern kitzeln die Eigenliebe stärker als ein Abend im Kreis von Gleichgestellten.
Daß er das Dilemma sehr wohl erkannt hat, zeigt die Beharrlichkeit, mit der er das Thema umkreist. "Die Journalisten fragen mich immer nach meinem Verhältnis zur Macht", mokiert sich Eggert bei einem Revierbesuch in Hoyerswerda vor Polizeibeamten. "Ich kann nur sagen, von Macht habe ich noch nicht viel gemerkt."
Den Bauarbeitern, die sein Wohnhaus zum Hochsicherheitstrakt umgerüstet haben, gibt er beim Abschied den Rat, sie sollten sich "Ihre Antwort gut überlegen, wenn man Sie fragt, ob Sie Innenminister werden wollen". In einem solchen Augenblick wirkt Eggert wie der Musterschüler, der nach glänzend bestandener Prüfung sagt: Es war doch alles ganz einfach.
Weil er auf Nähe angewiesen ist, versucht der Minister mitunter, die Distanz _(* Mit Autonomen im Dresdner Cafe Tivoli. ) zu seinem Publikum geradezu verzweifelt zu zerreden. Seine Arbeitsgrundlage ist das Gespräch, kaum das Aktenstudium. Der Stammtisch liegt ihm näher als der Schreibtisch.
Eggert betreibt Politik auf Zuruf, darin liegt seine Stärke. "Eine gute Idee greift er sofort auf und verkündet sie anderthalb Stunden später dem ersten Journalisten, den er trifft", beschreibt der aus Baden-Württemberg stammende Staatssekretär Wicker den Stil seines Chefs. "Jeder Politiker in Stuttgart würde erst einmal seine Berater fragen, dann drei Tage in Klausur gehen und anschließend eine sorgfältig abgestimmte Erklärung abgeben."
Immer wieder bemüht der Sachsenminister das eigene Erleben und Empfinden, um Entscheidungen und politische Positionen zu begründen. "Das hat mir weh getan", sagt er dann. Oder: "Das hat mir zu schaffen gemacht." Oder: "Das hat mir wirklich zugesetzt."
Öffentliche Kritik hat der Schimanski von Dresden bislang nicht aushalten müssen. Die Landespresse beklatscht alle Kapriolen. Die Opposition im Landtag scheut sich, den Minister frontal anzugehen, zu groß ist der Respekt vor dem Stasi-Opfer.
Doch daß es mit der Herrlichkeit schnell vorbei sein könnte, seine Glaubwürdigkeit im Tagesgeschäft Schaden nimmt, weiß auch Eggert. Immer wieder verordnet er sich die Einsicht, "daß nur drei Idioten am selben Tag Dienst haben müssen, damit ich meinen Posten verliere".
Eine Katastrophe, sagt er, wäre das nicht.
* 1980 mit Bekannten in Oybin. * Mit Autonomen im Dresdner Cafe Tivoli.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 43/1992
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