04.10.1993

ZeitgeschichteProtokolle des Todes

Wie war der Massenmord an den Juden und den anderen NS-Opfern in den Konzentrationslagern technisch möglich? Neue Dokumente aus Moskau belegen die Tatbeteiligung deutscher Ingenieure in Auschwitz. Beim Bau der Gaskammern und Krematorien erwiesen sich die zivilen Helfer als willige Werkzeuge der SS.
Drei Tage nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee schrieb Generalleutnant Konstantin Krainjukow ganz sachlich auf: "Jedes Lager besteht aus einer riesigen, von mehreren Reihen Stacheldraht umzäunten Fläche."
"Oberhalb des Stacheldrahts", informierte er am 30. Januar 1945 in seinem Rapport des Grauens ZK-Sekretär Georgij Malenkow in Moskau, "laufen Hochspannungsleitungen. Hinter dieser Umzäunung liegt eine Unzahl von Holzbaracken. Endlos ist die Masse der Menschen, die . . . dieses Todeslager nun verlassen . . . Alle sehen äußerst gequält aus, die grauhaarigen Alten und die jugendlichen Männer, Mütter mit Säuglingen und Heranwachsende, fast alle halb nackt."
Andere, beobachtete Politkommissar Jaschetschkin, "trugen sackartige, gestreifte Kleidung, Holzpantinen statt Schuhen an den Füßen. An der linken Hand der Häftlinge war eine Nummer eingebrannt".
Auschwitz wurde zum Synonym für den aus ideologischem Rassenwahn geborenen und industriell betriebenen Massenmord der Nationalsozialisten. Auschwitz erinnert für alle Zeiten an den Holocaust, die systematische Ausrottung des europäischen Judentums. Etwa eine Million der insgesamt fast sechs Millionen jüdischen NS-Opfer starben in der 60 Kilometer westlich von Krakau gelegenen Todesfabrik.
Ort der Vernichtung war Auschwitz aber auch für zigtausend andere Menschen: Über 70 000 Polen, 21 000 Zigeuner und 15 000 sowjetische Kriegsgefangene gingen dort elend zugrunde.
Kaum zu überblicken ist die Masse wissenschaftlicher und autobiographischer Publikationen, die in den vergangenen Jahrzehnten über den Holocaust erschienen sind. Geschrieben wurde über die Motive der Täter, die Leiden der Opfer; gerätselt wurde, weshalb es geschehen konnte, daß eine zivilisierte Nation ein horrendes Potential barbarischer Energien freisetzte, und warum sich dagegen nicht mehr Widerstand regte.
Vernachlässigt wurde dabei die Frage, wie Hitler und seine Gefolgsleute ihr Vernichtungswerk in die Tat umsetzten. Daß zivile Helfer daran mitwirkten, lag von Anfang an nahe. Doch erst jetzt treten die Akteure aus dem Schatten, kann die Beteiligung der Ingenieure des Todes am Völkermord in Auschwitz ausführlich nachgewiesen und somit eine Lücke in der Holocaust-Forschung geschlossen werden.
Der Holocaust-Vollstrecker Reichsführer SS Heinrich Himmler setzte seit November 1944, als die russische Front immer näher rückte, alles daran, die Tötungsanlagen zu demontieren und zu zerstören, um die Spuren des einzigartigen Verbrechens auszulöschen. Vergebens: Zu erdrückend waren die Beweise, zu evident die Zeugenaussagen von überlebenden KZ-Insassen und NS-Tätern, die das grausige Geschehen schilderten.
Die deutschen Historiker hatten allerdings überwiegend ausländischen Fachleuten Beschreibungen dessen überlassen, wogegen sich bis heute die Vorstellung sperrt: die fabrikmäßig organisierte Massentötung von Menschen.
So ist wohl zu erklären, daß rechtslastige Vertuscher unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit bis heute ein eigenes Bild der Konzentrationslager malen - etwa in dem 1989 veröffentlichten pseudowissenschaftlichen "Report" des Amerikaners Fred A. Leuchter, der den Genozid in Auschwitz zu leugnen versuchte.
Der französische Amateurhistoriker Jean-Claude Pressac, ursprünglich selbst Auschwitz-Zweifler, war es dann, der im selben Jahr alte und neue Legenden über die Gaskammern widerlegte. Penibel trug Pressac in einer jahrelangen detektivischen Spurensicherung 39 Beweise zusammen - von der Bestellung gasdichter Türen bis zur Analyse der Installationsarbeiten in den Krematorien - und ergänzte sie durch Archivstudien in Moskau, deren Ergebnisse jetzt als Buch vorliegen*. Der akribischen Indiziensammlung fehlte bislang nur noch eines: die Geständnisse der Ingenieure, die Auschwitz technisch erst möglich machten.
Zwischen Tod und Befreiung hatten für die Gefangenen des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 nur wenige Stunden gelegen. Während sich Rotarmisten ins Zentrum von Oswiecim (Auschwitz) vorkämpften, verübten die SS-Schergen weiter Greueltaten. Im Nebenlager Fürstengrube massakrierte ein SS-Trupp über 100 Opfer und steckte die Krankenbaracke an.
Erst am Nachmittag, als Sowjetsoldaten der 60. Armee den letzten deutschen Widerstand brachen und Auschwitz einnahmen, waren die 7650 überlebenden KZ-Insassen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine endgültig entronnen.
Noch in letzter Minute hatten SS-Mannschaften mehr als 600 Leidensgefährten umgebracht. Generalleutnant Krainjukow notierte: "In Auschwitz wurden, nach vorläufigen Aussagen der Häftlinge, Hunderttausende von Menschen zu Tode gequält, verbrannt, erschossen."
Tatsächlich waren es weit mehr, die im größten NS-Vernichtungslager umkamen. Wie viele genau, wird wohl nie exakt zu ermitteln sein; die Zahl der Opfer kann nur geschätzt werden. Die KZ-Verwaltung hatte Häftlingslisten verbrannt und etliche Todestransporte namentlich nicht registriert. Daß es nachweislich 800 000, wahrscheinlich aber weit über eine Million waren, kann nach neuesten Untersuchungen nicht mehr bezweifelt werden.
Der millionenfache Genozid kann nun genauer beschrieben werden. Zu verdanken sind die neuen Erkenntnisse einem Fund des britischen Historikers Gerald Fleming, Autor des vielbeachteten Buches "Hitler und die Endlösung". Bei Recherchen im Zentralen Staatsarchiv in Moskau stieß Fleming vor einigen Monaten auf ein sowjetisches Aktenbündel aus den frühen Nachkriegsjahren, darin eine Mappe mit der Signatur 17/9: die Verhöre der Auschwitz-Ingenieure Kurt Prüfer, Fritz Sander und Karl Schultze, Mitarbeiter der Erfurter Brennofenfirma J. A. Topf & Söhne, durch Offiziere der Roten Armee.
Das Traditionsunternehmen, das sich in den zwanziger Jahren auf den Bau hochmoderner Verbrennungsöfen für Krematorien spezialisiert hatte, belieferte seit November 1939 auch die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Mauthausen. Zu Technikern der Massenvernichtung wurden die Topf-Ingenieure Prüfer, Sander und Schultze drei Jahre später.
Im Dezember 1941 wurden in Auschwitz zum erstenmal 850 Häftlinge, darunter 600 sowjetische Kriegsgefangene, mit Zyklon B, einem Blausäuregift, vergast - Auftakt des monströsen Tötungsprogramms der NS-Führung.
In einer Mischung aus kalter Planung und primitiver Improvisation gingen die Täter vor. "Das Töten", so Lagerkommandant Rudolf Höß, "war leicht, größere Schwierigkeiten bereitete jedoch das Verbrennen."
Zunächst wurden die Leichen vergraben und in offenen Gruben verbrannt. Himmler, der die Mordaktion im Sommer 1942 mit eigenen Augen verfolgte, sei mit den "Auschwitzer Vernichtungsmethoden" unzufrieden gewesen, berichtete der SS-Rottenführer Perry Broad: "Es ging in erster Linie viel zu langsam. Auf der anderen Seite verbreiteten die großen Scheiterhaufen einen solchen Gestank, daß die Gegend im Umkreis von vielen Kilometern verpestet wurde. Nachts sah man meilenweit den über Auschwitz rot gefärbten Himmel."
Auf Befehl Himmlers begann der Ausbau des Vernichtungslagers. Die SS-Führung gab - ein Krematorium war bereits vorhanden - vier weitere Einäscherungsanlagen in Auftrag. Im Frühsommer 1943 waren die neuen Todesfabriken mit Gaskammern in Auschwitz-Birkenau einsatzbereit. In den insgesamt 46 "Muffeln" (Brennkammern) konnten nach Angaben der Zentralbauleitung Auschwitz im Dauerbetrieb über 24 Stunden mehr als 4700 Leichen verbrannt werden.
Tatsächlich mußten aber auch die Gruben weiter zur Hilfe genommen werden, denn die Kapazität der bald schon überlasteten Krematorien - das älteste im Stammlager Auschwitz wurde 1943 stillgelegt - war nicht so hoch, wie die KZ-Verwalter erwartet hatten.
Für das Unternehmen Topf & Söhne wurde Auschwitz zum Millionengeschäft. Kurt Prüfer, technischer Berater beim Krematoriumsbau, konstruierte die Hochleistungsöfen, die bis zu acht Kammern hatten. Seit 1911 in der Firma, hatte der ehrgeizige Aufsteiger in den zwanziger Jahren rasch Karriere gemacht. Nach der Machtübernahme der Nazis Anfang 1933 sah Prüfer, seit 1934 NSDAP-Mitglied, seine große Chance gekommen.
Auch Prüfers Kollege Fritz Sander war besessen von der Idee, den Vernichtungsprozeß zu perfektionieren. Seine Vorschläge für ein Krematorium nach dem Fließbandprinzip blieben allerdings in den Schubladen des Reichspatentamtes liegen.
Doch auch so verrichtete die Mordmaschine ihr Werk Tag und Nacht. Gasabsaugende Lüftungssysteme, für die Topf-Mitarbeiter Karl Schultze verantwortlich war, sorgten dafür, daß unablässig Scharen neuer Opfer in die zum Teil mit Duschattrappen getarnten Todeskammern getrieben werden konnten.
Mehrmals fuhren die Erfüllungsgehilfen des Genozids nach Auschwitz, um die Effizienz ihrer Anlagen zu begutachten und zu verbessern. Prüfer, nach der Vergasung von 60 Häftlingen im Frühjahr 1943: "Ich habe beobachtet, wie sechs Leichen verbrannt wurden, und schloß daraus, daß die Öfen gut arbeiteten."
Das Schicksal der drei Auschwitz-Ingenieure nach dem Krieg blieb - wie das vieler anderer ziviler SS-Helfer - lange im dunkeln. Erst jetzt geben die in Moskau gefundenen Unterlagen Aufschluß.
Prüfer wurde am 30. Mai 1945 in Erfurt von amerikanischen Geheimdienstoffizieren verhaftet. Einen Tag später beging Geschäftsführer Ludwig Topf Selbstmord.
Prüfer gab sich arglos und verharmloste seine Rolle. Die Amerikaner wußten nur, daß Topf & Söhne Krematorien zahlreicher KZs ausgerüstet hatte, aber nicht, mit welchen Ofentypen. Nachdem er am 13. Juni wieder auf freien Fuß gesetzt worden war, säuberte Prüfer einen Tag später seine Personalakte, übersah dabei aber die Konstruktionspläne für die Drei- und Acht-Muffel-Öfen.
Er wiegte sich auch noch in Sicherheit, als die sowjetischen Streitkräfte im Sommer 1945 für die Amerikaner in Erfurt nachrückten. Mit der neuen Besatzungsmacht kam der anpassungsfähige Ingenieur bald ins Geschäft: In ihrem Auftrag baute er eine Müllverbrennungsanlage in Arnstadt.
Am Nachmittag des 11. Oktober, Prüfer nahm den neuen Müllofen gerade ab, erschien ein sowjetischer Unteroffizier vom militärischen Geheimdienst in der Firma Topf & Söhne und fragte nach dem Auschwitz-Ingenieur. Der technische Leiter des Unternehmens, Gustav Braun, hielt den Unteroffizier hin. Vermutlich informierte er den zweiten Firmenchef, Ernst-Wolfgang Topf, der gerade geschäftlich in Stuttgart und Frankfurt unterwegs war, um ihn zu warnen. Jedenfalls kehrte Topf nicht nach Erfurt zurück.
Am 4. März 1946 wurden Prüfer, Braun, Schultze und Sander festgenommen. In den anschließenden Verhören, die der SPIEGEL in Auszügen veröffentlicht, gaben alle vier zu, daß sie an der organisierten Massenvernichtung in Auschwitz mitgewirkt hatten. Nach diesen Protokollen des Todes, welche die erschütternde Kälte der "Endlösungs"-Technokraten bezeugen, steht fest: Die Täter, die ihr "Spezialwissen" (Sander) einem verbrecherischen Regime anboten, wußten genau, was sie taten.
Skrupellos machten sie mit - "für den Sieg Hitler-Deutschlands", bekundete Sander, "so wie jeder Flugzeugbauingenieur in Kriegszeiten Flugzeuge entwirft, die auch Menschenleben vernichten können".
Daß die Bekenntnisse unter Druck zustande gekommen sind, ist unwahrscheinlich. Womöglich hofften die durch schriftliche Belege ohnehin Überführten, sie könnten mit ihren freimütigen Geständnissen das Urteil beeinflussen.
Sander starb am 26. März 1946 an Herzversagen. Seine drei Kollegen entgingen der Todesstrafe, die in der Sowjetunion vorübergehend abgeschafft war. Sie wurden zu 25 Jahren Straflager verurteilt.
Im Herbst 1955, Prüfer hatte die Haft nicht überlebt, kamen Braun und Schultze wieder frei - elf Jahre nach Auschwitz.
"Hunderttausende zu Tode gequält, verbrannt, erschossen"
"So wie jeder Ingenieur, der im Krieg Flugzeuge entwirft"

DER SPIEGEL 40/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
Protokolle des Todes

Video 01:26

Video aus der Schweiz Wanderer filmen massiven Felssturz

  • Video "Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter" Video 00:32
    Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter
  • Video "Videoanalyse zu Ralph Brinkhaus: Ein brutaler Schlag" Video 03:47
    Videoanalyse zu Ralph Brinkhaus: "Ein brutaler Schlag"
  • Video "Uno-Vollversammlung: Deutsche Delegation lauscht Trump amüsiert" Video 00:36
    Uno-Vollversammlung: Deutsche Delegation lauscht Trump amüsiert
  • Video "Besuch aus der Arktis: Beluga in der Themse gesichtet" Video 01:21
    Besuch aus der Arktis: Beluga in der Themse gesichtet
  • Video "Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien" Video 01:50
    Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien
  • Video "Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand" Video 01:07
    Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand
  • Video "Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator" Video 03:34
    Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator
  • Video "Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser" Video 00:58
    Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser
  • Video "Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?" Video 03:13
    Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?
  • Video "Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen" Video 00:52
    Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen
  • Video "Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet" Video 00:50
    Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet
  • Video "Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss" Video 00:39
    Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss
  • Video "Sturm Ali über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten" Video 01:07
    Sturm "Ali" über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten
  • Video "Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen" Video 03:54
    Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen
  • Video "Video aus der Schweiz: Wanderer filmen massiven Felssturz" Video 01:26
    Video aus der Schweiz: Wanderer filmen massiven Felssturz