20.07.1992

WettbewerbRache der Schweden

Eine Brandenburger Firma muß ihre Produkte auf Druck der Konkurrenz mit dem Kürzel DDR versehen.
Die Werktätigen der Firma Kjellberg in Finsterwalde haben eine Menge zu tun. Aber sie machen ihre Arbeit nur widerwillig.
Jede Maschine und jeden Karton müssen sie mit dem Signet DDR versehen. Viele tausendmal haben sie das verhaßte Kürzel bereits aufgestempelt, geklebt oder gedruckt.
Die Posse beim brandenburgischen Elektroden- und Schweißmaschinen-Hersteller Kjellberg ist der bisherige Höhepunkt eines bizarren Streits. Die schwedische Maschinenfabrik Esab, bis 1986 Mutterfirma des DDR-Betriebs, setzt die Finsterwalder Firma mächtig unter Druck.
Die Schweden beharren darauf, daß ein 1969 geschlossenes Abkommen eingehalten wird. Darin verpflichten sich die Brandenburger, den Namen Kjellberg "stets direkt verbunden" mit "der Andeutung DDR (ev. voll ausgeschrieben)" zu benutzen.
Den Einwand, die DDR sei in der Bundesrepublik aufgegangen, mochten die Schweden nicht akzeptieren. "Der Zusammenschluß der beiden Teilstaaten Deutschlands bei gleichzeitigem Untergang der ehemaligen DDR als Völkerrechtssubjekt", so die Anwälte der Esab, habe keinen Einfluß auf die alten vertraglichen Regelungen.
Die Finsterwalder sehen in den juristischen Winkelzügen einen Racheakt der Schweden. Die Esab bemühte sich von Januar 1990 bis zum Frühjahr 1991 halbherzig um eine Kjellberg-Übernahme, nun will sie, vermuten die Arbeiter, den unliebsamen Konkurrenten ausschalten. Die drei Buchstaben sollen den Mitbewerber in Verruf bringen.
Die Firma hat durch ihre Lichtbogenschweißtechnik weltweit einen guten Ruf. Und sie verfügt über eine Reihe einmaliger Patente. Ihre Stabelektroden, Schweißautomaten und Plasmaschneider verkauft sie seit Jahren schon erfolgreich auf dem Weltmarkt.
Den Erfolg der Firma konnte bislang auch ihre komplizierte Rechtslage nicht bremsen. Die Tochterfirma eines schwedischen Konzerns wurde weder von den Russen noch von der DDR-Regierung enteignet, was zu dem eigenartigen Namen "Kjellberg Elektroden & Maschinen GmbH i.V. (in Verwaltung)" führte. Erst 1986 kaufte die DDR-Regierung den Betrieb. Am Tag der Einheit kam die Firma in den Besitz des deutschen Finanzministers.
Erster Kaufinteressent war die Esab. Sie bot eine Kooperation mit dem Ziel einer späteren Übernahme an.
Die Schweden hatten allerdings, wie viele West-Konzerne, eine etwas eigenwillige Auffassung von Kooperation. Zuerst griffen sie sich die Kundenkartei, dann reduzierten sie das Produktspektrum des Betriebs auf die Güter, die im eigenen Sortiment noch fehlten. Geld steckten sie nicht in das Unternehmen.
Als die Geschäftsführer und die Treuhand-Direktoren 1991 drängten, die Firma endlich zu kaufen, winkten die Schweden ab.
Es fiel nicht schwer, für das moderne und erfolgreiche Werk einen anderen Käufer zu finden. Im Mai 1991 griff der Belgier Antoon De Pape zu.
Seither versuchen die Schweden, die lästige Konkurrenz juristisch zu stoppen. Sie wollen den Brandenburgern den Gebrauch des traditionellen Markennamens Kjellberg untersagen - obwohl die Esab selbst ihn gar nicht verwendet.
Bis die Juristen geklärt haben, ob mit der Vermögensübertragung 1986 auf die DDR nicht auch das Recht am Namen von den Schweden an die Finsterwalder überging, will das Kjellberg-Management vorsichtshalber der Esab-Forderung nachkommen. Geschäftsführer Erich Wilde fürchtet angedrohte Schadensersatzforderungen.
Die Verkaufs- und Werbeabteilung von Kjellberg hat sich mit dem Zusatz DDR inzwischen angefreundet. "Wir haben enorm viel Sympathie bei unserer Kundschaft gewonnen", sagt Verkaufsleiter Hugo Simler, "seit wir denen die ganze Geschichte erzählt haben."
Und noch ein Vorteil, so Simler, zeichne sich ab: "Mit dem Logo werden unsere Produkte garantiert unverwechselbar."

DER SPIEGEL 30/1992
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