Datenbanken ermöglichen den Profis eine lukrative Hetze von Turnier zu Turnier. Der Computer informiert in Sekundenschnelle über die Schwächen der Gegner.
In manchen Nächten findet Frederic Friedel kaum Schlaf. Wenn das Telefon wieder einmal morgens um vier Uhr schrillt, weiß der Computerexperte aus dem Heidedörfchen Hollenstedt bei Hamburg schon, warum: Irgendwo auf der Welt sitzt ein Schachprofi hilflos vor seinem Rechner.
Die Schachelite telefoniert oft mit Friedel. Denn der einstige Philosophieassistent bietet einen einzigartigen Service. _(* Am 16. Januar in einem Hotelzimmer in ) _(Baden-Baden. ) Per Knopfdruck läßt sich aus der Datenbank "Chessbase" abrufen, was je an interessanten Matches gespielt wurde - insgesamt über 200 000 Partien. Und wenn ein Spieler mit den Programmen nicht zurechtkommt, hilft Friedel auch schon mal per Ferndiagnose.
Chessbase bündelt das in vielen tausend Büchern verstreute Wissen auf einen Schuhkarton mit Disketten, die weniger als 10 000 Mark kosten. Datenbanken, glaubt sogar Weltmeister Garri Kasparow, bedeuten inzwischen für das Schach "die wichtigste Neuerung seit Erfindung des Buchdrucks".
Die Vorzüge der elektronischen Sekundanten überzeugten auch erklärte Computermuffel wie den Hamburger Matthias Wahls. "Ohne Datenbank", weiß der Nationalspieler, "geht gar nichts mehr." Selbst einstige Verweigerer wollen mittlerweile umschulen. Wiktor Kortschnoi, 60, Weltmeisterschaftsfinalist von 1978 und 1981, der nur widerwillig mit dem Computer arbeitet, klagt immer wieder telefonisch bei Friedel: "Die Maschine mag mich nicht."
Nur 3 der 20 weltbesten Spieler arbeiten noch nicht mit Chessbase. "Aber die", weiß Friedel, "kommen auch bald."
Datenbanken kommen den Bedürfnissen der stetig wachsenden Zahl von Berufsspielern entgegen. Profis wie Kasparow jetten im Stile von Tennisstars zu hochdotierten Turnieren um die Welt und verlangen nach gezielter Information über ihre Gegner. Hatten Sekundanten früher nach tagelanger Suche nur Unvollständiges, etwa über die Finessen des Wolgagambits, gefunden, erscheint heute alles Wissenswerte in Sekunden auf dem Monitor.
Weltmeister Kasparow erkannte als erster den Wert der Informationen via Bytes und Chips. Beim Titelkampf 1990 gegen Anatolij Karpow flog Friedel eigens nach Lyon, um Kasparow mit Disketten der jüngsten Turniere zu versorgen, Karpow waren Aufzeichnungen dieser Partien in der Eile nicht zugänglich.
Auch das Wunderkind der Schachszene, Viswanathan Anand, 22, der Kasparow beim Neujahrsturnier in Reggio Emilia zum zweitenmal innerhalb weniger Wochen schlug, profitierte von Friedels Daten: Der Inder, seit 1989 regelmäßig in Hollenstedt zu Besuch, kletterte in der Weltrangliste auf Rang fünf.
Auf einen Schaukampf wie am letzten Sonntag abend in Baden-Baden gegen die deutsche Nationalmannschaft hätte sich Kasparow ohne Computerhilfe gar nicht erst eingelassen. Dort trat der Weltmeister, der bei ähnlichen Schachshows gegen Nationalteams aus der Schweiz und aus Frankreich deutlich gewonnen hatte, simultan gegen vier Großmeister an. Als Siegprämie lockte ein BMW 730i.
"Selbstverständlich", so Bundestrainer Klaus Darga, übten auch die deutschen Spitzenkräfte mit Chessbase. Aus der Hamburger Firmenzentrale forderte Darga neben Kasparows gesamten Partien zusätzlich Informationen über die vom Weltmeister derzeit favorisierte königsindische Eröffnung an. Zur Motivation verschickte der Bundestrainer zudem eine Diskette mit 40 Niederlagen Kasparows, "damit meine Spieler die Angst verlieren".
Dennoch zog Kasparow, da ist sich Darga sicher, aus dem Computertraining den größeren Nutzen. Ohne Datenbank hätten die international weniger bekannten Deutschen auf Überraschungszüge setzen können. Mit der Hilfe von Chessbase jedoch, befürchtete Wahls, "kennt Kasparow uns so gut, daß einem mulmig wird".
Tatsächlich forschte der Mann aus Aserbeidschan akribisch in den Partien seiner Kontrahenten. Isoliert verbrachte Kasparow die drei Tage vor dem Turnier gemeinsam mit Friedel in einem Baden-Badener Hotelzimmer. Gebannt wie ein Quintaner vor seinem ersten Computerspiel hockte der Weltmeister in Socken vor einem eigens angemieteten Rechner.
Die Firma mußte das Programm noch tunen, ehe die Maschine der unglaublichen Lesegeschwindigkeit Kasparows überhaupt folgen konnte: Bis zu 120 Partien pro Stunde speichert der Champion im Kopf. Zuweilen starrt er dabei auf acht Stellungen zugleich, um nach Sekundenbruchteilen acht andere Diagramme zu betrachten. Wahls ist derlei Tempo unheimlich. Er liest lieber Monographien über Spitzenspieler, "weil da einfach mehr hängenbleibt".
Kasparow hingegen tippt automatisch im Halbsekundentakt auf die Tasten, um immer neue Stellungen auf den Schirm zu rufen. Mal blickt er unverwandt auf die Figuren, als erzähle ihm jemand einen alten Witz. Zuweilen murmelt er, runzelt die Stirn, lacht, schließt die Augen und kritzelt ein paar Zeilen auf einen Block. Der Großmeister Wahls ist ihm immerhin zwei DIN-A5-Seiten wert. Kasparow genießt es, "in der Schachvergangenheit meiner Gegner" zu stöbern: "Die Deutschen kenne ich inzwischen besser als sie sich selbst."
Am Brett, das bei dieser Art des Trainings auf einem Tisch hinter ihm steht, baut Kasparow nur noch besonders knifflige Stellungen auf. Der Weltmeister ("I love computer") vertraut vor allem der Diskette. Besonderen Gefallen fand er an einem neuen Programm, das ermittelt, welcher Spieler welchen Zug wie oft mit welcher Erfolgsquote spielte. Wie bei einer Rasterfahndung, werden die Schwächen der Gegner lückenlos und prozentgenau ausgeforscht. "Früher", staunte Kasparow, "hat so was Wochen gedauert."
Eine Garantie für den Gewinn des nächsten WM-Titels 1993 in Los Angeles bietet jedoch selbst das neue Superprogramm nicht. Kasparows Intimfeind Anatolij Karpow hat mit Moskauer Wissenschaftlern das Konkurrenzsystem "Chessassistant" entwickelt. Und das, weiß Bundestrainer Darga, ist Kasparows Lieblingsprogramm Chessbase "in einigen Teilen sogar noch überlegen". o