18.01.1993

Die blonde Eminenz

Die erstklassige Juristin hat in Washington eine Traumposition erlangt, die Chancen bietet, Amerikas Gesellschaft zu verändern. Die berufstätige Mutter mit den hellen Augen und dem energischen Kinn will Impulse und Ideale ihrer Jugend an den Schalthebeln der Macht in die Tat umsetzen. Seite an Seite mit Bill Clinton wird diese Frau, die unter ihrem Mädchennamen Karriere gemacht hat, amerikanische Politik gestalten.
Die Rede ist von Zoe Eliot Baird, verehelichte Gewirtz, 40.
Sobald William Jefferson Clinton am Mittwoch als 42. Präsident der Vereinigten Staaten seinen Amtseid geleistet hat, wird die im Volk weithin unbekannte Rechtsanwältin Zoe Baird zur Chefin des mächtigen Justizministeriums avancieren. Wenn der Senat die Ernennung bestätigt, woran niemand zweifelt, wird die aparte Frau der erste weibliche Attorney General in der amerikanischen Geschichte sein.
"Generalstaatsanwalt" lautet in den USA der Titel des Justizministers; somit erhält Zoe Baird von Bill Clinton jenen klangvollen Rang zugesprochen, den eigentlich eine andere erstklassige Juristin, eine andere berufstätige Mutter heißen Herzens begehrt hatte.
Hillary Rodham Clinton ist es, die mit ihrer Berufserfahrung, ihrem politischen und sozialen Engagement und ihren 45 Lebensjahren den richtigen Reifegrad für die Position des Attorney General erlangt hatte - nicht zu reden von ihrem besonderen Vertrauensverhältnis zum neuen Mann im Weißen Haus.
Am Beginn des Wahljahres hatte Hillary Clinton den Aussagen ihrer Freunde nicht öffentlich widersprechen wollen, wonach ihr in einem Kabinett Clinton am meisten das Justizressort behagen würde. Dieses Schlüsselministerium, das wie kein anderes in das Leben und Zusammenleben der Amerikaner einzugreifen vermag, war in den letzten zwölf Jahren - unter dem republikanischen Sonnenkönig Ronald Reagan und dessen ungeliebtem Surrogat George Bush - zu einem Hauptquartier der konservativen Gesellschaftsrevolution geworden.
Doch sosehr es die linksliberale Juristin Hillary Clinton reizen mochte, diese Brutstätte legislativer Rückentwicklung auszuräuchern und mit der eigenen Weltanschauung zu durchdringen: Schon früh im Wahlkampf wurde entdeckt, daß Amerikas künftiger First Lady so viel direkte Machtausübung versagt bleiben muß. Seit 1967 darf kein Washingtoner Regierungsbeamter ein Familienmitglied als unmittelbaren Untergebenen beschäftigen - auch der Präsident nicht.
Lyndon Johnsons späte Rache am Kennedy-Clan ist es, was (gar nicht so paradox) der Frau des Kennedy-Bewunderers Bill Clinton ein Vierteljahrhundert später den Zugang zu legitimer Machtausübung versperrt.
Johnson litt als Vize zwar unter sämtlichen Kennedys, am grausamsten aber unter Bobby, dem Justizminister. Es war Robert Francis Kennedy, der jüngere Bruder und engste Vertraute von JFK, der Johnson im Weißen Haus jahrelang Amt und Leben verleidete, ihn vom Oval Office und vom inneren Machtkreis fernhielt; das texanische Armeleutekind wurde vom Familienclan aus Neuengland als Emporkömmling behandelt.
Bill und Hillary Clinton machen 25 Jahre später das von Johnson durchgepaukte Gesetz gegen personalpolitischen Nepotismus beinah begreiflich - und führen gleichzeitig vor, warum diese Regelung das Gegenteil ihres Zweckes bewirkt, wenn eine Präsidenten-Gattin mit politischem Ehrgeiz die Betroffene ist.
Der von Time frisch gekürte "Mann des Jahres" wurde an die einst vom Präsidenten Kennedy aufgeworfene Frage erinnert, wen er wohl im selben Raum haben möchte, wenn er eine dramatische Entscheidung zu treffen hätte. Für JFK war das Bruder Robert. Bill Clintons Antwort auf die gleiche Frage von Time lautete, nicht weniger lapidar: "Hillary."
Letztere saß da gerade, nicht ganz zufällig, an der Seite des gewählten Präsidenten. Es handelte sich - neuer Stil - um ein Interview "a deux".
"Nie wieder einen Bobby im Kabinett!" fordert der Geist des Gesetzes. Wäre Clintons engster Vertrauter ein politisch ambitionierter Bruder oder Vetter, so würde Lyndon Johnsons fortwirkende Rache den Mann fernhalten vom Zauberkreis der Macht. Bei Hillary Clinton aber ist die Lage anders: Das Gesetz macht es ihr zwar unmöglich, ein Regierungsamt im Kabinettsrang zu bekleiden - doch nichts versperrt ihr den Zugang zum Allerheiligsten, nichts verwehrt ihr die Teilhabe an der Macht.
Künftig also zwei Schreibtische im Oval Office, "His" und "Her's"?
An dieser Spottvision eines Karikaturisten sind unbedachte Äußerungen Hillarys zumindest mitschuldig. Hatte sie nicht am Anfang des Wahlkampfs neckisch verkündet, wer einen Clinton wähle, der bekomme ohne Aufpreis deren zwei? Sie mußte das alsbald zurücknehmen, wie ja auch Bill Clinton schleunigst Bedauern zeigte nach der verfrühten Erklärung, seine Frau verdiene einen Job mit Kabinettsrang.
Das Befremden über diese frühen "Ausrutscher" wich erst vergangenen August, nach dem Parteikonvent der Gegenseite, als die Republikaner unfreiwillig eine Lawine der Sympathie für Clintons Frau lostraten. Der politische Kretinismus des rechten Parteiflügels, mit seinen Tiefschlägen gegen die berufstätige Mutter, Karrierefrau und Feministin, schreckte auch manche konservativen Wähler ab, trieb selbst Republikanerinnen in die Solidarität mit der "Lady Macbeth aus Little Rock" (wie das Rechtsblatt The American Spectator sie apostrophierte).
Seither ist sie als Zielscheibe geradezu tabu. Und seit dem großen Sieg vom November kann Bill Clinton zur künftigen Rolle seiner Frau Perspektiven eröffnen, die noch im Wahlkampf viele Demokraten verstört hätten. Zum Beispiel mit seiner Antwort auf die Frage, ob die neue First Lady an Kabinettssitzungen teilnehmen werde: "Das hoffe ich sehr. Sie weiß über viele Dinge besser Bescheid als die meisten von uns."
Wenn der Präsident von General Motors oder der Vorstandssprecher der Deutschen Bank darauf bestünde, die meinungsfreudige Ehegattin in den Aufsichtsrat mitzubringen, so würden dort wohl manche Zigarren einfrieren. Im Weißen Haus aber hat es das schon gegeben, vor mehr als zwölf Jahren: Es wurde Rosalynn Carter schwer verübelt, obwohl die Präsidentenfrau sich angeblich zurückhielt.
Im Kabinett Clinton allerdings würde die Anwesenheit von Frau Clinton - zumindest am Beginn der neuen Ära - kein Befremden auslösen. Nicht etwa deshalb, weil unter den 16 Mitgliedern schon 5 Frauen sind, sondern weil Hillary Clinton beim langwierigen Verfahren der Kabinettsbildung stets anwesend war und ins Spiel mit dem Personalkarussell mitbestimmend eingriff.
Im inneren Kreis der Macht würde die Partnerin des Präsidenten mit vielen Freunden und alten Bekannten zusammensitzen; manche, wie etwa die Gesundheitsministerin Donna Shalala, verdanken ihr sogar den Ministersessel.
Nur, eine Regierung der politischen Schwergewichte ist es nicht, was die Klausurtagung von Little Rock der Nation beschert hat. Das Team wurde tüftelig austariert wie eine römische Fünfparteienkoalition, beseelt vom Rechenschieber der ethnischen und geschlechtlichen Vertretungsansprüche. Zu sagen, wo es langgeht, fällt ganz in die Zuständigkeit der Firma Clinton & Clinton.
Um Hillarys volle Lippen ist ein strenger, manchmal fast herrischer Zug. Das gern getragene Stirnband, das die dunklen Haarwurzeln verdecken soll, wirkt mädchenhaft und kämpferisch zugleich. In sportlichen Kostümen und mit flachen Schuhen bewegt sich ihre kurze, an eine Sprungfeder erinnernde Gestalt mit der größten Selbstsicherheit.
Erst bei Betrachtung älterer Fotos wird deutlich, wie intensiv Hillary Clinton an der eigenen Erscheinung gemeißelt hat. Hüftabwärts schon immer etwas zur Fülle neigend, erreichte sie vor einem knappen Jahrzehnt, als junge Gouverneursfrau, das dem Selbstwertgefühl wohl abträglichste Format: überschwere Beine, ausladendes Hinterteil, Mondgesicht. Erst in jüngster Zeit wurde, mit dem Weißen Haus im Visier, beinah jenes Idealgewicht zurückgewonnen, das den aggressiv Rasenhockey spielenden Teenager Hillary Rodham (Traumberuf: Astronautin) ausgezeichnet hatte.
Die Bürgerstochter aus einer nördlichen Villenvorstadt Chicagos kam nach Wellesley, auf das feine Mädchencollege in Neuengland. Dort wurden Bücher - und politischer Protest - ihr bald wichtiger als Sport. Bei der Schlußfeier durfte Hillary 1969 als Jahrgangsbeste eine Rede halten; sie nutzte die Chance, um ihren prominenten Vorredner (den schwarzen Senator Brooke aus Massachusetts) wegen dessen kritikloser Haltung zum Vietnamkrieg zu attackieren. Das machte Wirbel; die Zeitschrift Life brachte die Story - mit Hillarys Bild.
Nonne hätte sie werden sollen, "Schwester Frigidaire", hatten Kommilitonen in einem Studentenblättchen gehöhnt. Sie war unangenehm überrascht; so schnell konnte man den Ruf des Frigidchens angehängt bekommen? Beim Jurastudium in Yale hat sie trotzdem die unförmigen Klamotten nicht abgelegt, mit denen man damals - als echte Achtundsechzigerin - der Konsumgesellschaft verachtungsvoll den Rücken zukehrte. Dazu trug sie große, runde, dicke Brillen, die erst ein Jahrzehnt später von Kontaktlinsen abgelöst wurden.
Gleichwohl blieb im Herbst 1971 ein schweifender Männerblick an ihr hängen. Der wuschelhaarige Kerl mit dem gewinnenden Grinsen und dem Tonfall des Südstaatlers starrte sie in der Bibliothek der Rechtswissenschaften so lange an, bis sie selber auf ihn zuging und die historischen Sätze sprach: "Hören Sie, wenn Sie mich weiter anglotzen wollen, dann sollten wir uns vielleicht einander vorstellen. Ich bin Hillary Rodham. Wie heißen Sie?" (In Wahrheit hatte sie den Namen längst in Erfahrung gebracht.)
Ein Shakehands, und nie mehr ließ sie locker. Gemeinsam fuhren die beiden im Frühjahr 1972 nach Texas, um dem Demokraten George McGovern im vergeblichen Kampf gegen Präsident Nixon als Wahlhelfer zu dienen. Um ihren Bill nicht aus den Augen zu verlieren, ist Hillary sogar länger als eigentlich nötig in Yale geblieben, wo sie ihrem Boyfriend bei den juristischen Hausaufgaben unter die Arme griff. Doch nach dem Staatsexamen wollte Clinton nach Arkansas zurück, in seinen unbedeutenden Heimatstaat, der auch noch als rassistisch verschrien war.
Noch konnte Hillary ihm nicht folgen. Die Prädikatsjuristin bekam auf dem Kapitolshügel in Washington eine ungemein aufregende und prestigeträchtige Arbeit: im Watergate-Ausschuß. Zwischen Januar und August 1974 durfte sie, mit 26, an der Entlarvung und dem Untergang Richard Nixons mitwirken. Danach lockten Blitzkarriere und Fabelgehälter; Hillary Rodham standen die renommiertesten Kanzleien in New York, Chicago oder Boston offen.
Doch sie folgte ihrem Bill nach Arkansas, ins Universitätsstädtchen Fayetteville, wo Clinton einen Lehrauftrag bekommen hatte und wo nun auch seine angereiste Freundin Vorlesungen hielt. Die Landesbräuche erforderten getrenntes Wohnen. Geheiratet wurde im Oktober 1975. Hillary übernahm die Organisation von Clintons politischer Karriere: 1977, gerade 30, wurde er Justizminister von Arkansas; zwei Jahre später war Bill Clinton der jüngste Gouverneur der USA.
First Lady in der Provinz war "so ziemlich das letzte, das ich mir als Lebensziel ausgemalt hatte", gab die Gouverneursgattin so ehrlich wie taktlos zu. Denn Hillary Clinton gehörte zum - in Amerika schon damals gar nicht mehr so seltenen - Frauentyp, der "alles" will, und zwar möglichst gleichzeitig. "To have it all" bedeutet die ganze Palette: Beruf und Ehe, Kinder und Karriere, Sozialarbeit, Kirche, Umwelt, politisches Engagement, Feminismus.
Die berufstätige Mutter als Energiebündel und Multitalent, Tausendsassa und Rennaissancemensch: wer könnte sie überzeugender verkörpern als Hillary Clinton Superstar? Sie ist ja nicht bloß die erste "Karrierefrau", die im Weißen Haus einzieht - eine solche könnte Washington schon verkraften -, sondern das erste beunruhigende Exemplar der kompletten, um nicht zu sagen der totalen Frau.
Sogar zum Teekränzchen konnte sie sich hergeben in Little Rock - und in der Amtsvilla wundermild die "Erste Dame" markieren, wenn es für Bill (und das heißt in diesem Jointventure: für beide) einen Vorteil brachte. Dabei war sie als Sozia der teuersten Kanzlei von Arkansas nicht gerade unterbeschäftigt, verdiente das Fünffache des (allerdings kargen) Gouverneursgehalts, wurde zweimal in den Kreis der "100 erfolgreichsten Anwälte Amerikas" gewählt.
Ihr politischer und sozialer Aktivismus kennt keine Pause. In juristischen Fachzeitschriften kämpft sie dafür, Minderjährigen und auch Kindern wenigstens begrenzte Mündigkeit als Rechtspersonen zuzuerkennen, damit sie die Möglichkeit haben, gegen Mißhandlung und Mißbrauch aller Art die Gerichte anzurufen. Seit zwei Jahrzehnten spielt Hillary Clinton eine führende Rolle im Children's Defense Fund, der gegenüber den Behörden und dem Kongreß als äußerst energische Lobby zum Schutz der Kinder auftritt.
Als wortmächtige Feministin hat sie bis 1991 auch dem Frauenausschuß der US-Anwaltskammer präsidiert. Letzten August trat sie auf der Jahresversammlung der Anwälte gemeinsam mit Anita Hill auf - jener Juristin, deren Vernehmung durch den Justizausschuß des US-Senats weltweit Aufsehen erregte: Anita Hill hatte dort ausgesagt, Richter Clarence Thomas, von Präsident Bush für den Obersten Gerichtshof nominiert, habe sie als ihr Vorgesetzter mit sexueller Zudringlichkeit gequält. (Thomas stritt dies theatralisch ab und wurde von den Senatoren prompt im hohen Amt bestätigt.)
In ihrer Rede vor der Anwaltskammer rühmte Hillary Clinton das "couragierte Zeugnis" der Anita Hill, das mit seiner Signalwirkung für Amerikas Frauen "den Lauf der Geschichte verändert" habe. Weshalb Oberrichter Thomas ab dem 20. Januar davon ausgehen darf, daß er im Weißen Haus nicht nur als Sexualprotz, sondern auch als Lügner gilt.
Ein politisch-juristisches Engagement, das Gesetze vornehmlich als Werkzeuge der sozialen Veränderung ansieht - das ist wohl der Hauptgrund dafür, daß Hillary Clinton so hartnäckig als Ideologin, als "linke Hälfte" im Machtgespann Clinton gesehen wird. Doch preisen nicht alle, die in den letzten Wochen in Verhandlungen mit Clintons Übergangsmannschaft die Frau an seiner Seite kennenlernten, vor allem ihren Pragmatismus?
Die Kongreßführer der Demokraten, die Clinton zu einer baldigen Aktion gegen Amerikas skandalträchtige Sparbanken (Stichwort: "S & L") anzutreiben suchten, wurden durch kundigen Widerspruch der blonden Eminenz ernüchtert; Hillary Clinton erklärte den Senatoren und Abgeordneten im Detail, warum ein solcher Schritt rechtlich fragwürdig und obendrein politisch ein Bumerang wäre. Die Herren waren ebenso beeindruckt wie Bill Clinton.
Pragmatismus gilt unter Clintokraten nicht als Sünde. Noch heute ist die Mannschaft stolz auf die Verwandlungskunst der beiden Hauptdarsteller: wie schnell sie sich im Wahlkampf den wechselnden Stimmungen anzupassen wußten, wie professionell Hillary auf die Angriffe der Antifeministen reagierte, wie sie in kluger Selbstverleugnung ihre Talente im Handtäschchen versteckte und mit devotem Augenaufschlag die ergebene Gattin spielte.
Welche Selbstbeherrschung erst, als es galt, die Qualität der eigenen Ehe zu verteidigen! Wie so oft war es Hillary, die letztes Jahr den Anstoß dazu gab, auf die peinlichen Geständnisse der Lebedame Gennifer Flowers gemeinsam zu antworten - händchenhaltend vor der fernsehenden Nation. Es war ein Riesenerfolg: Das scheue Bekenntnis zu einer längst überwundenen "Ehekrise" und Bill Clintons abstraktes Eingeständnis vergangenen "Fehlverhaltens" genügten den Amerikanern, und die Reporter ließen es dann auch gut sein.
Feministinnen haben es schwerer, den über viele Jahre sich hinziehenden "Seitensprung" im Hause Clinton zu verarbeiten. Hillary muß doch Bescheid gewußt haben über die Blondine mit dem Schlafzimmerblick. War sie also, sich selbst erniedrigend, eine stille Dulderin? Oder wurde im Sinne der Gleichberechtigung beiderseits Großzügigkeit geübt? Quälende Fragen. Eine naheliegende Vermutung wäre, daß Hillary erträglich unter der Präsenz einer Grande horizontale litt, die nichts als Libido im Angebot hatte.
Wie einst des Eisernen Kanzlers umtriebiger Sohn Herbert von Bismarck ist Amerikas First Lady "in der Verfassung nicht vorgesehen". Barbara Bush beschäftigte ad personam im Weißen Haus einen Stab von 25 Mitarbeitern, aber ihr Amt existierte nicht. Der traditionellen "Rollendefinition" entsprechend hatte sie sich ein soziales Arbeitsfeld ausgesucht - Analphabetismus unter erwachsenen Amerikanern: keine Kleinigkeit - und war auch sonst in der Wohltätigkeit aktiv. Macht aber übte sie keine aus.
Bei Hillary Clinton ist klar, daß sie Macht besitzen und ausüben wird. Wenn von der künftigen Regierung ihres Mannes die Rede ist, spricht sie ungeniert von "wir". Das ist sicher kein überheblicher Plural der Majestät, sondern Ausdruck der Zugehörigkeit zu einem Team. Doch Hillary wird Seite an Seite mit Bill an der Spitze dieses Teams stehen; sie wird durch ihr Können und ihren Einfluß, durch eigene und durch übertragene Autorität Macht ausüben. Aber Macht ohne Amt, ohne festgeschriebenen Verantwortungsbereich sollte es in einem Rechtsstaat nicht geben. Insofern ist das Mißtrauen gegen eine starke oder aktivistische Präsidentenfrau nicht ausschließlich reaktionär.
Als Eleanor Roosevelt bewußt wurde, daß ihr Mann, damals noch nicht Präsident, ein festes Liebesverhältnis zu einer jüngeren Frau unterhielt, war das der Wendepunkt in ihrem Leben. Als First Lady kehrte sie der parasitären Existenz im Weißen Haus den Rücken zu, reiste durchs Land, wurde zu einer politischen Aktivistin, die für "sozialdemokratische" Ideale eintrat und gegen den Rassismus in den Südstaaten zu Feld zog. Auf der Grundlage ihrer neuen Identität fand Eleanor auch ein neues (platonisches) Verhältnis zu Franklin Delano Roosevelt: Sie wurde zur politischen Vertrauten, die dem Präsidenten frische Ideen lieferte und seiner Arbeit propagandistisch vorauseilte.
Über ein halbes Jahrhundert also muß Hillary Clinton zurückgreifen, um an eine Tradition anknüpfen zu können. Nur weiß sie natürlich auch, mit welcher Häme Eleanor Roosevelt angefeindet wurde und wieviel von ihrem Aktivismus wirkungslos verpuffte. Woraus sich für Hillary das Dilemma ergibt, ob sie im Scheinwerferlicht agieren will oder ihre Macht unauffällig und effektiv im inneren Kreis gebrauchen soll.
Doch gerade letzteres, das ihren Anwaltsgewohnheiten und wohl auch ihrem Temperament entsprechen würde, ist besonders gefährlich. Richard Nixon warnte vor einer allzu stark wirkenden Präsidentengattin, denn die würde ihren Mann vor seinen engsten Mitarbeitern als Waschlappen erscheinen lassen.
Die Geschichte liebt den Sarkasmus: Ausgerechnet Hillary Clinton, selbstbewußte und effiziente Verwalterin, die ohne weiteres ein Schlüsselministerium hätte führen können, soll Macht nicht anders ausüben dürfen, als Frauen dies schon seit Jahrtausenden getan haben - indem sie archaisch, vorsintflutlich, klammheimlich Einfluß nehmen auf den Mann?
Die Schriftstellerin Sally Quinn, eine in der amerikanischen Hauptstadt lebende Feministin, hat der Ehefrau Clintons einen hinterhältigen Ratschlag zu bieten: Sollte es tatsächlich so kommen, daß Hillary in Washington die Geschäfte führt, dann muß das ein Staatsgeheimnis bleiben; außer Bill Clinton darf es niemand erfahren.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 3/1993
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