05.04.1993

FernsehenHerren der Schere

Luchino Viscontis Bayernkönig-Epos „Ludwig II.“ kam verstümmelt ins Kino. Jetzt präsentiert das ZDF das Werk in voller Schönheit.
Einem Märchenkönig, zumal wenn er Ludwig heißt und Schlösser gebaut hat, die mehr nach Disneyland als nach Bayern aussehen, traut man ja einiges zu. Aber so was?
Da feiert der Kini (wie ihn die Bayern nennen) in einer altgermanischen Hundingshütte mit seinen Lakaien, die einen merkwürdig gedehnten Schuhplattler tanzen. In den Zweigen der Weltesche sitzen nackte Männer, ein stattliches Gemächte gar wird erkennbar, und seine Majestät hält einen träumenden Eleven im Arm.
Daß die Szene aus Luchino Viscontis "Ludwig II." keine Karikatur einer Königsschwuchtel darstellt, sondern elegisch und würdevoll einen müden Menschen im Gefängnis seiner pervertierten Träume von Schönheit und Glück zeigt, wollten an jenem Januarabend des Jahres 1973 bei der Gala-Premiere im Bonner Kino "Metropol" so manche nicht zur Kenntnis nehmen.
Die Filmexperten der Heimatvereine entdeckten "perverse Stellen" und "Herabwürdigungen" ihres Idols. Franz Josef Strauß, auch er ein Bayern-Kini, aber anders als Ludwig aus dem Geschlecht der Krachledernen, ließ wissen, er wolle keine einzelne Passage benennen, halte den Film aber für zu lang.
Die Herrenworte der Premierengäste waren den deutschen Kinoverwertern Befehl. Der inzwischen in Konkurs gegangene Gloria-Verleih, welcher die Kinogeschichte um so bedeutende Werke wie den "Lehrmädchen-Report" bereichert hat, schnitt eigenmächtig aus der in Bonn gezeigten Drei-Stunden-Fassung 55 Minuten heraus.
Schnipp - schon war es um die Hundingshütte geschehen. Schnapp - da flogen entscheidende Szenen zwischen Helmut Berger als Ludwig und Romy Schneider als Ludwigs Seelenverwandte, Kaiserin Sisi, auf den Müll. Und was schließlich scherten die deutschen Herren der Schere die ästhetischen Erörterungen zwischen dem König und dem von ihm vergötterten Richard Wagner (Trevor Howard) - den Sissi-Kitsch gewöhnten Filmbesuchern wären derlei Finessen eh zu hoch, dachten sich wohl die Kinokrämer.
Vergebens fragte der Filmemacher Hans Jürgen Syberberg: "Wessen Ludwig II. ist das eigentlich?" Umsonst beklagte die Frankfurter Rundschau "übelste Filmbarbarei". Auch Visconti, der später mit juristischen Schritten gegen die Gloria-Pfuscherei anging, konnte zunächst nicht verhindern, daß der zwölf Millionen Mark teure Film verstümmelt in den deutschen Kinos lief.
Was nur wenige wußten: Die in Bonn gezeigte Version war ihrerseits nur ein Torso. Auf noch eine Stunde mehr hatte der italienische Meisterregisseur ursprünglich sein Ludwig-Stück angelegt; von einer kurzen Pause unterbrochen, sollte es nach Viscontis ursprünglicher Intention vier Stunden lang im Kino laufen. Doch die Produzenten, vertraglich am längeren Hebel, ließen eine solche Länge nicht zu.
Resigniert stimmte der von einem Schlaganfall gezeichnete Visconti einer Drei-Stunden-Fassung zu. Aus der Tatsache aber, daß sich der Meisterregisseur ein Jahr vor seinem Tod im Jahre 1976 eine Kassette mit der ungeschnittenen Fassung des Ludwig-Epos zum privaten Gebrauch beschaffte, schlossen seine Freunde und Mitarbeiter, daß er die Kürzung nie akzeptiert hatte. Ende der siebziger Jahre sicherten sich Ruggero Mastroianni, der Cutter des Meisters, und Suso Cecchi d'Amico, seine wichtigste Drehbuch-Mitarbeiterin, mit Geldern des italienischen Fernsehens ein ungeschnittenes Ludwig-Negativ und rekonstruierten anhand einer im Pariser Film-Museum vorhandenen Kopie des Visconti-Scripts die ursprünglich intendierte Fassung.
Der Visconti-Fan und ZDF-Redakteur Josef Nagel brachte seinen Sender in verdienstvoller Überzeugungsarbeit dazu, die deutschen Fernsehrechte an der Rekonstruktion zu erwerben. Doch was tun, wenn es nur die in Bonn gezeigte dreistündige deutsche Synchronfassung gibt und die Stimmen von Romy Schneider und Gert Fröbe nicht mehr verfügbar sind?
Nagel entschied sich für eine Nachsynchronisation. Die mit der Arbeit betrauten "Alster Studios" in Hamburg setzten sogar den Computer ein, um Tonhöhe und Geschwindigkeit der Stimmen von Romy Schneider und ihrer neuen Synchronsprecherin einander anzupegeln. Den Neuszenen mischte man das leichte Rauschen der alten Synchronfassung bei. Schließlich eliminierten die Restaurateure noch eine Kultursünde der deutschen Bearbeiter: Die hatten in einigen Szenen eigenmächtig Wagners Weiheklang, den Visconti unterlegt hatte, durch flache Unterhaltungsmusik ersetzt.
Die cinematographische Ausgrabungsarbeit, deren erster Teil am Ostersonntag, 22.15 Uhr, und am folgenden Tage um 21.50 Uhr zu sehen ist, hat sich gelohnt. Freigelegt ist nun der Blick auf die dramaturgische Konzeption Viscontis: Er zeigt, wie die jetzt wieder vollständigen Zeitzeugenaussagen belegen, einzelne Aspekte der nie zu enträtselnden, hinter dem Kini-Weihrauch verschwundenen Kultfigur Ludwig. Erst in den beiden langen Teilen wird deutlich, wie eindrucksvoll sich Berger vom romantischen Idealisten in eine gebrochene Figur verwandelt.
Als voreilig erweist sich nun im neuen Glanz der Langfassung die Kritikerschelte, Visconti sei nur ein zähes Alterswerk gelungen, bei dem der Erzählfluß versiegt sei und er das Interesse am Helden und seiner Biographie über der Lust an Prunk, Dekor und Kostümen verloren habe.
Visconti wollte, so zeigt sich jetzt, kein Leben nacherzählen, sondern im Rätsel Ludwig auch jenes Problem spiegeln, das seine eigene Existenz bestimmte: wie sich das Leben einer Illusion von Schönheit unterwirft und welchen Fluch das mit sich bringt.
So ist erst jetzt, mehr als 20 Jahre nach seiner Entstehung, die Syberberg-Frage zu beantworten, wessen Film "Ludwig II." eigentlich ist.

DER SPIEGEL 14/1993
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