20.07.1992

„Der dümmste aller Kriege“

Die faschistischen Eroberer Jugoslawiens fielen 1941 wie ausgehungerte Geier über ihre Beute her. Jeder fetzte sich fette Happen aus dem Kadaver des Südslawenstaates heraus.
Hitler gliederte den Großteil Sloweniens sowie Oberkrain dem Deutschen Reich ein. Die Unterkrain mit Laibach fiel an Italien, das auch große Teile der dalmatinischen Küste samt den Inseln an sich riß und so Mussolinis Traum von der Adria als Mare nostro erfüllte.
Ungarn annektierte die slowenischen Murgebiete und besetzte die Batschka, einen Großteil der Vojvodina. Westbanat, auf das Rumänien Anspruch erhob, das Hitler aber Ungarn versprochen hatte, blieb in Obhut des deutschen "Militärbefehlshabers Serbien". Dem unterstand auch Restserbien, das von einer Quislingsregierung verwaltet wurde.
Die Bulgaren bekamen fast ganz Mazedonien. Albanien vergrößerte unter italienischem Protektorat sein Gebiet um den Kosovo und das Land um den Skutari-See im Norden. Auch Montenegro verknüpfte sein "Schicksal mit dem Italiens", wofür es sein Territorium ebenfalls auch vergrößern durfte.
Die fatalste Schöpfung der Achsenmächte war der "Unabhängige Staat Kroatien" unter Frührung des Ustascha-Gründers Ante Pavelic. Zwar mußte dieses Kroatien die Küste an Italien abtreten und war dadurch von der Adria abgeschnitten. Es wurde auch in zwei Besatzungszonen aufgeteilt, in die deutsche und italienische Truppen einzogen. Als "König von Kroatien" sollte der italienische Herzog Aimone von Spoleto unter dem Namen Tomislav II. den Thron besteigen. Dem Italiener schien jedoch der Stuhl zu wackelig. Er weigerte sich nach Zagreb umzusiedeln und Pavelic blieb als "Poglavnik" (Führer) der Oberste seines Staates.
Als Ausgleich für die territorialen Verluste schlugen die Sieger serbische Gebiete bis kurz vor Belgrad und fast ganz Bosnien-Herzegowina dem Ustascha-Staat zu. Es war ein Danaergeschenk, da Kroatien damit ein Völker- und Religionskonglomerat erbte, dem es nicht gewachsen war. Die Kroaten stellten in ihrem neuen Staat nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung.
Das dachten sie zu ändern. Was dann im Ustascha-Staat von Hitlers und Mussolinis Gnaden begann, war "ein in der europäischen Geschichte einmaliger Vorgang von fürchterlicher Aberwitzigkeit", so der Zeithistoriker Michael Weithmann in seinem Buch "Krisenherd Balkan".
Die Kroaten beschlossen, sich der Serben in ihrem Staat, eines Drittels der Bevölkerung, zu entledigen: durch Vertreibung, Zwangsumtaufung und Massenmord. Das gleiche Schicksal dachten sie Juden und Zigeunern zu.
Sie machten von Anfang an aus ihren Absichten kein Hehl. "Dies muß ein Land der Kroaten sein und niemandes anderen", verkündete Minister Milovan Zanic schon am 2. Mai 1941: "Und es gibt keine Methode, die wir als Ustascha nicht anwenden werden, um dieses Land tatsächlich kroatisch zu machen und von den Serben zu säubern."
Der Ustascha-Kommandeur von Banja Luka, Dr. Gutic, dröhnte gleichfalls schon im Mai vor johlender Gefolgschaft: "Ich habe Anweisung gegeben zur völligen Ausrottung der Serben. Vernichtet sie, wo immer ihr ihnen begegnet, und der Segen des Poglavnik sowie meiner ist euch gewiß!"
Über den selbst, den Führer Pavelic, erzählt der italienische Autor Curzio Malaparte, der Kriegsberichterstatter in Kroatien war, in seinem Buch "Kaputt" eine so gruselige Episode, daß sie kaum glaubhaft schiene, würde die Tatsache nicht auch von anderen Zeugen, etwa einem italienischen Arzt, bestätigt:
Als Besucher des Poglavnik entdeckte Malaparte neben dessen Schreibtisch einen Korb, scheinbar voller glitschiger Muscheln. ",Dalmatinische Austern?'' fragte ich den Poglavnik. Mit einem müden Lächeln sagte er: ,Es ist ein Geschenk meiner getreuen Ustaschen, 20 Kilo Menschenaugen.''"
Dieser Ustascha-SS schämten sich selbst die Verbündeten. Italiens Außenminister, Duce-Schwiegersohn Graf Ciano, qualifizierte sie als "Banditen" ab und der deutsche Bevollmächtigte General in Agram, Glaise von Horstenau, zieh sie "ausschließlich der Befriedigung untermenschlicher Instinkte".
Die Mordbrennerbanden zogen in serbisch besiedelten Gebiete von Dorf zu Dorf, riefen die Bevölkerung auf den Markt und mähten sie entweder dort nieder oder trieben sie zur Erschießung in den nächsten Wald. Oft sperrten sie die Dörfler auch in ihre orthodoxen Kirchen und zündeten die dann an.
Die Ustaschen verfolgten das von ihrer Führung zur Staatsdoktrin erhobene Ziel, zwischen einem Drittel und der Hälfte der knapp zwei Millionen Serben in Kroatien umzubringen. Der Rest sollte vertrieben oder zwangsweise zum Katholizismus bekehrt werden, was schließlich, so meinten sie, "gute Kroaten" aus ihnen machen würde.
In den Städten, wo Massaker nicht so leicht von der Hand gingen wie draußen auf den Weilern, wurden Serben, Zigeuner und Juden zusammengetrieben und zur Liquidierung in Konzentrationslager gebracht. Das schlimmste KZ war Jasenovac südöstlich von Zagreb, in dem allein 7000 Kinder umgebracht, einmal in einer Nacht 1370 Gefangene mit Hackmessern geköpft wurden.
Der kroatische Holocaust entsprang nicht nur rassischem und ideologischem Hintergrund, obwohl die Ustaschen eifrig deutschem Beispiel nacheiferten. Sie ernannten sich selbst zu einer Art Ehrengermanen, von versprengten Goten oder gar Ariern aus Persien abstammend, im Gegensatz zu den breitschädeligen serboslawischen Untermenschen "langschädelig". Diese "kroatische Rasse" war per Ahnenpaß nachzuweisen.
Dazu verdunkelte als Zagreber Spezialität aber noch klerikaler Fanatismus die kroatische Abart des Faschismus. Der katholische Klerus erteilte dem völkermörderischen Wüten seiner kroatischen Glaubensverteidiger nicht nur seinen Segen. Bischöfe und die katholische Presse stellten sich offen hinter den Kreuzzug der Ustaschen gegen orthodoxe Serben und moslemische Bosnier. Doch die Kirche tat noch mehr: Priester, vor allem Mitglieder des Franziskanerordens, mordeten eigenhändig mit. Ein Kommandant des infernalen Jasenovac-KZ war der Franziskanerpater Miroslav Filipovic. Sein Nachfolger, der Pfarrer Ivica Brkljacic, stellte einen Beichtstuhl auf, in dem er Häftlingen vor ihrer Liquidierung noch Geständnisse und Informationen abpreßte.
Erzbischof Stepinac, nach dem Krieg von einem Volksgericht zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt, hielt Jasenovac zwar für einen "Schandfleck", fand gleichwohl viel Lobenswertes am Pavelic-Regime: Die Zahl der Abtreibungen, "vor allem von jüdischen und orthodoxen Ärzten praktiziert", sei um zwei Drittel gesunken. Auch die Pornographie, vor allem von Juden verbreitet, sei verschwunden. Nicht zuletzt habe die Regierung den Priesterlohn erhöht.
Papst Pius XII. empfing den Poglavnik in Privataudienz und schickte ihm später einen Rosenkranz, den der katholische Kriegsverbrecher bis zu seinem Tode stets bei sich trug.
So heizte die Kirche jene Haßkultur mit an, die damals bestialische Verbrechen zeitigte und unsägliches Leid verbreitete und die noch zwei Generationen danach hinter jenem Rachewüten steht, das heute die damalige Opferseite treibt, jegliches Menschenrecht zu mißachten.
Damals, 1941, wollten es viele serbische Dörfler einfach nicht glauben, daß der Staat selbst einen Teil seiner eigenen Bevölkerung ausrotten wollte, so Aleksa Djilas, Sohn des Tito-Gefährten Milovan Djilas in einem Buch über Jugoslawiens Nationalitätenstreit. Bauern, die an Untaten einzelner oder Mißverständnisse glaubten, suchten bei der Ustascha Schutz vor dem vermeintlichen Banditen - und lieferten sich so selbst gleich den Henkern ans Messer.
Schnell lernte das Volk, daß in dem Schlachthof, zu dem Jugoslawien unter der Achsenmächte-Besatzung verkam, jede noch so perverse Barbarei möglich war. Bald messerten auch die Kroaten nicht mehr allein: Unter den Untaten serbischer Rächer zählte eine kroatische Dokumentation, die 54 verschiedene Torturen registrierte, folgende auf: "Frauen lebendig die Brüste durchstoßen und die Hände durchgezogen."
Aus versprengten Gruppen der geschlagenen Armee hatte schon bald nach der Kapitulation der monarchistische Generalstabsoberst Draza Mihajlovic eine Widerstandsorganisation gebildet, die er Tschetniks nannte. Die Freischärler, die dem König im Exil Treue schworen und für ein Großserbien kämpften, überfielen Polizeistationen und Außenposten der Wehrmacht - was sie jedoch einstellten, als laut einem Führerbefehl für jeden getöteten deutschen _(* Mitte: Erzbischof Stepinac. ) Soldaten 50 bis 100 jugoslawische Geiseln erschossen werden sollten.
So wandten sich die Tschetniks, die ihre Kämpfer fast ausschließlich unter Serben und Montenegrinern rekrutierten, den Feinden der Serben zu: Kroaten und Moslems. Sie mordeten nicht weniger grausam als die Ustascha.
In der bosnischen Stadt Foca, in der zuvor schon Kroaten gegen die dortigen Serben gewütet hatten, massakrierten Tschetnik-Kommandos im Juli 1941 Tausende Moslems und warfen ihre Leichen in die Drina, die sich hinter den Kadavermassen staute. Foca zählte auch jetzt wieder zu den zwischen neuen Tschetniks und Moslems umkämpften Orten in Bosnien - Balkanschicksal.
Im Frühsommer 1941 tauchte eine neue Kraft auf, geführt von einem Mann, der zur bedeutendsten Gestalt der jugoslawischen Geschichte werden sollte und dem es als bislang einzigem gelang, den Nationalitätenhaß der Südserben zumindest zu seinen Lebzeiten zu bändigen: Josip Broz aus Kumrovec in Kroatien, der sich Tito nannte.
Broz, Sohn kroatisch-slowenischer Eltern, wurde als Korporal der k. u. k. Armee in Rußland gefangengenommen. Dort schloß er sich den Kommunisten an. Mit einer russischen Frau kehrte er 1920 in das südslawische Königreich zurück und baute die illegale KP mit auf. Fünf Jahre saß er im Gefängnis, bevor er 1934 zur Komintern nach Moskau kam. Er überlebte die Stalinschen Säuberungen, kehrte nach Jugoslawien zurück, wo er 1939 zum Generalsekretär der kommunistischen Partei aufstieg.
Als die Deutschen im April 1941 einmarschierten, verbarg sich Tito mit seiner zweiten volksdeutschen Ehefrau, Herta Haas, in Zagreb. Die Kommunisten entschlossen sich erst zum Widerstand, nachdem Hitler am 22. Juni die Sowjetunion überfallen hatte - bis dahin galt ja für Genossen in aller Welt noch der Hitler-Stalin-Pakt.
Anfang Juli beschloß das Politbüro die Gründung der Partisanenbewegung. Titos Führungsgruppe war im Gegensatz zu den kroatischen Ustaschen und den serbischen Tschetniks national durchmischt. Zum Politbüro gehörten der Slowene Kardelj, der Serbe Rankovic, der Montenegriner Djilas, der Jude Pijade und der Kroate Koncar.
Im September eroberten die Partisanen die südserbische Stadt Uzice mit seiner Gewehrfabrik, die 400 Karabiner am Tag samt dazugehöriger Munition produzierte, und einer Bank, in der 55 Millionen Dinar lagen. Tito versuchte, den Tschetnik-Führer Mihajlovic für einen Pakt zu gewinnen. Doch der königstreue Oberst mißtraute dem Kommunisten zutiefst, hielt ihn, da Tito Serbokroatisch mit russischem Akzent sprach, für einen Russen und Agenten Stalins.
Bald kam es zu Zusammenstößen zwischen Tschetniks und den Partisanen, die eine "Republik Uzice" ausgerufen hatten. Tschetniks ermordeten 30 Mädchen, die sich den Partisanen anschließen wollten und sich in befreitem Gebiet wähnten.
Als die Partisanen zum Gegenangriff antraten, rief Mihajlovic die Deutschen zu Hilfe und übergab ihnen gefangene Tito-Kämpfer. Fortan herrschte Krieg zwischen dem königlichen und dem kommunistischen Widerstand.
Da die Partisanen ihre Angriffe auf die Besatzer konzentrierten, reagierten die Deutschen mit "bis dahin unvorstellbaren Maßnahmen", so Milovan Djilas in seinem Buch "Krieg der Partisanen". Sie machten Ernst mit ihrer Drohung, für jeden getöteten Wehrmachtsangehörigen 100 Zivilisten umzubringen. Im Oktober 1941 ermordeten Erschießungskommandos der Wehrmacht im serbischen Kragujevac 3000 Männer zwischen 16 und 60 Jahren, wenig später wurden in Kraljevo 1700 Zivilisten erschossen.
Der Terror der Ustascha, das Wüten der Tschetniks und die Kriegsverbrechen der Deutschen trieben Titos "Volksbefreiungsarmee" immer mehr Kämpfer aus allen Teilen der Bevölkerung und allen Nationalitäten zu. Die Partisanen hatten ihre Uzice-Republik unter dem Ansturm der Deutschen aufgeben müssen, setzten sich aber in weiten Gebieten Bosnien-Herzegowinas und Montenegros fest. Überall versuchten sie sofort eine neue Verwaltung aufzubauen, richteten Schulen und Krankenhäuser ein - rechneten aber mit "Volksfeinden" auf landesübliche Weise ebenso ab wie ihre Widersacher.
Aus den Schilderungen des Partisanenführers Djilas: "Was diese Erschießungen noch schauderhafter machte, war das Töten eigener Verwandter . . . In der Herzegowina suchten Söhne ihre Loyalität dadurch nachzuweisen, daß sie ihre Väter töteten; dort wurde um die Erschossenen herumgetanzt und gesungen."
Gemessen an seiner Bevölkerungszahl, bezahlte Jugoslawien mit dem außer Polen höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg. Fast zwei Millionen Menschen, zehn Prozent der Einwohner, kamen um. Mehr als die Hälfte davon starb im Bruderkampf der jugoslawischen Völker untereinander.
Je länger der Krieg dauerte, um so mächtiger wurde die Partisanenbewegung. Titos Armee wuchs auf fast 400 000 Mann an, die sich mit Deutschen und Italienern große Schlachten lieferte: so Anfang 1943 an der Neretva, wo die Tschetniks, die auf deutscher Seite kämpften, aufgerieben wurden.
Ein Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht nannte den vormaligen "Partisanenhäuptling" Tito nunmehr "den stärksten Mann auf dem Balkan". Die Alliierten hatten zunächst auf Mihajlovic gesetzt, dessen Oberbefehlshaber, König Peter II., in London saß. Dann bauten sie zunehmend auf den Kommunisten, der den Deutschen auf dem Balkan soviel Kummer machte.
Zum endgültigen Durchbruch verhalf Tito die Kapitulation der Italiener im September 1943. Seine Partisanen konnten damals zehn italienische Divisionen entwaffnen. Tausende Soldaten des Duce schlossen sich Tito an, der nun eine auch mit schwerem Gerät ausgerüstete Armee kommandierte.
Im November 1943 berief er eine Sitzung des Antifaschistischen Volksbefreiungsrates in das bosnische Städtchen Jajce ein, das zum Gebiet Kroatiens gehörte, aber sich seit Monaten in Partisanenhand befand.
Die Versammlung in Jajce setzte eine Regierung für ein bundesstaatlich organisiertes neues Jugoslawien ein und erklärte die Rechte des Königs und der Regierung im Exil für null und nichtig. Tito selbst wurde Präsident (er blieb es bis zu seinem Tod 1980) und ließ sich auch zum Verteidigungsminister und Marschall ernennen.
Die Deutschen, die den Partisanen trotz aller nach Jugoslawien verlegten Truppenverstärkungen und Repressionen - insgesamt brachte die Wehrmacht etwa 80 000 Geiseln um - nicht mehr den Garaus machen konnten, suchten nun Tito selbst zu eliminieren.
In einer "Aktion Rösselsprung" unternahmen sie am 25. Mai 1944 einen Überraschungsangriff auf das Hauptquartier des jugoslawischen Führers im bosnischen Drvar.
Kurz nach sechs Uhr morgens sprangen über 300 Fallschirmjäger aus 40 Ju-52-Maschinen über dem Städtchen ab, nochmals 340 landeten mit Gleitseglern. Eine SS-Division rückte unter Führung geländekundiger Ustaschen und Tschetniks durch die Wälder konzentrisch gegen Drvar vor.
Doch die Überraschung mißlang. Tito, der an diesem Tag seinen 52. Geburtstag feierte, saß nicht, wie Späher gemeldet hatten, in der sogenannten Zitadelle. Er schlief in einer Wohnhöhle am Felsufer des Flüßchens Unac.
Von dort aus konnte er den deutschen Angriff beobachten. Als die Partisanen der Übermacht weichen mußten, seilte Tito sich mit seinen Sekretärinnen Zdenka und Olga - erstere war seine Lebensgefährtin - einem Leibwächter und seinem Schäferhund Tiger zum Flußufer ab und entkam durch die Auen. Die Angreifer erbeuteten nur seine prächtige Marschallsuniform.
Das Blutvergießen auf dem Balkan, in dessen Bergen und Wäldern noch die Knochen der Opfer der Kriegsjahre bleichten, erreichte nach dem Sieg der Partisanen einen neuen grausigen Höhepunkt. So wie die Greuel der Ustascha wurden auch die Rachemassaker der siegreichen Partisanen im Nachkriegsjugoslawien zum Tabu. Erst ausländische Autoren wie der in London lebende Nikolai Tolstoj in seinem Buch "The Minister and the Massacres" schilderten die Abrechnung im Detail.
Damals, im April und Mai 1945, wälzte sich im Gefolge der vom Balkan abziehenden deutschen Heeresgruppe E eine wahre Völkerwanderung gen Norden. Alle jene Verbände, die den Deutschen als Hiwis gedient und jahrelang ihre eigenen Landsleute abgeschlachtet hatten, strömten samt Anhang der vermeintlich rettenden Grenze in Italien oder Kärnten entgegen, wo die Briten einmarschiert waren:
Serbische Freiwillige in deutschen Diensten, Tschetniks mit langen Haaren und wallenden Bärten - sie hatten geschworen, sie erst wieder zu scheren, wenn König Peter in Belgrad residierte - Ustaschen und slowenische Domobrancen, eine Heimwehr, die seit 1943 gegen die Partisanen gekämpft hatte. Insgesamt schwoll der Elendszug verzweifelter Flüchtlinge auf über eine halbe Million Menschen an.
Die Briten lieferten die Fliehenden allesamt aus. Dabei kam es zu Szenen wie in Dantes Inferno, zu Fluchtversuchen, die im MG-Feuer endeten, Massenselbstmorden und grausiger Rache der Sieger vor den Augen entsetzter Briten.
In Bleiburg kapitulierte der kroatische General Herencic unter Druck des britischen Befehlshabers vor dem Partisanenkommissar Milan Basta, 24. Dabei kam es zwischen einem Ustascha-Obersten und dem Kommissar zur folgendem Wortwechsel, der den abgrundtiefen Graben zwischen beider Weltanschauungen zeigte:
"Sind Sie Serbe oder vielleicht Kroate?" - "Das ist nicht wichtig. Ich bin Partisan und Jugoslawe." Basta sagte zu, die Kapitulanten würden als Kriegsgefangene behandelt.
Aber als die auf Wiesen und Feldern bei Bleiburg zusammengepferchten Kroaten ihre Waffen niedergelegt hatten und weiße Fahnen hißten, begannen in den umliegenden Wäldern verborgene Partisanen mit Maschinengewehren in die Menschenmassen zu schießen.
Zwei Tage lang, den 15. und 16. Mai, dauerte die Schlächterei. Sie forderte Zehntausende Tote, nie hat sie jemand gezählt. Noch heute pflügen Bauern bei Bleiburg Knochen, Gürtelkoppel und andere Relikte des Holocaust an den Kroaten aus den Feldern.
Die Überlebenden wurden zusammengetrieben und nach Jugoslawien verfrachtet. Ebenso erging es jenen Tschetniks und Domobrancen, die sich bereits in Lagern fern der Grenze befanden, von den Engländern aber unter dem Vorwand, nach Italien weitertransportiert zu werden, an die Partisanen übergeben wurden.
Jenseits der Grenze begann das große Schlachten von neuem. Die grausigste Mordstätte war eine tiefe, nach oben geöffnete Karsthöhle im Bergwald von Kocevski Rog in Slowenien. Dort mähten Hinrichtungskommandos der Partisanen binnen zwei Wochen im Juni 1945 mehr als 15 000 Menschen nieder, meist gefangene Domobrancen.
Vor der Hinrichtung wurden viele Opfer mißhandelt, halbtot geschlagen. Die Henker brachen ihnen noch lebend die Goldzähne aus, rissen Ringe von den Fingern oder schnitten die gleich ab. Dann banden sie die Delinquenten mit Draht aneinander und stellten sie vor den Höhlenschlund. Oft brauchten sie so nur die ersten beiden einer Gruppe zu erschießen. Die Getroffenen rissen die noch Lebenden mit in die Höhle.
Die Henkerbrigaden, die in jenen Wochen im Norden Jugoslawiens insgesamt etwa 40 000 Menschen umbrachten, wurden mit Orden, goldenen Uhren, Kameras und zwei Wochen Urlaub in Bled belohnt.
Der Rest der Ausgelieferten und andere gefangene Feinde der Partisanen, die der sofortigen Hinrichtung entgingen, quälten sich in Todesmärschen quer durchs Land an die ungarische und rumänische Grenze, wo sie das Land anderer Opfer bearbeiten sollten: die Gebiete der Donauschwaben. Die jugoslawischen Deutschen, vor dem Krieg etwa eine halbe Million, wurden allesamt vertrieben oder ermordet. Etwa 200 000 von ihnen sind umgekommen.
Djilas zufolge gab es keinen zentralen Befehl für den Rachefeldzug im Frühjahr und Sommer 1945. Tito äußerte einmal, das "Aufräumen" sei nötig gewesen. Ende 1945 aber soll er befohlen haben, mit dem Töten aufzuhören: "Es fürchtet sich ja keiner mehr vor dem Tod." Hingerichtet wurden später noch Tschetnik-Führer Mihajlovic sowie überführte Ustaschen-Mörder und KZ-Schergen.
Als unumschränkter Herrscher des neuen Jugoslawien umgab sich Tito mit Macht und Pracht, die ihm den Ruf eines "letzten Habsburgers" eintrug.
Das Problem des Nationalismus, für den kommunistischen Internationalisten Tito "ein Krebsgeschwür", löste er nach dem Beispiel des Königs Alexander, indem er es verbot. Jugoslawien wurde per Dekret zum "fortschrittlichsten Gesellschaftssystem der Welt" erklärt.
Fünf Jahre nach dem Krieg beschloß die jugoslawische KP hochmütig: "Die nationale Frage in Jugoslawien ist völlig gelöst." 1953 wurde sogar der Nationalitätenrat, die zweite Kammer des Parlaments, als überflüssig aufgelöst.
Gelöst war in Wahrheit gar nichts, obwohl ein Bannfluch Stalins gegen die unbotmäßigen Genossen in Belgrad im Jahr 1948 die Südslawen sicher gegen die erneute äußere Bedrohung enger zusammenrücken ließ. Die Nationalitäten waren nach dem Aderlaß ihrer Ausrottungsfeldzüge gegeneinander schlicht erschöpft.
Den nationalen Republiken, die unter dem Belgrader Dach wiederhergestellt wurden, räumte die föderalistische Verfassung begrenzte Rechte ein. Um die serbische Übermacht, Erbübel des ersten Jugoslawien, zu beschneiden, gab Tito Mazedonien einen eigenen Republikstatus und amputierte Serbien im Norden wie im Süden: Die Vojvodina und der Kosovo wurden autonome Gebiete.
Der innere Widerspruch des neuen Jugoslawien, der sich schon zu Titos Lebzeiten rührte, aber erst nach seinem Tod gewaltsam aufbrach, lag im unüberbrückbaren Gegensatz zwischen einer auf dem Papier föderalistischen Verfassung und einer zentralistischen Einparteienherrschaft.
Belgrad bestimmte über das ganze Land - und Belgrad war überwiegend serbisch, seine Beamten, seine Polizisten und seine Offiziere. In der Armee hatten serbische Offiziere die Übermacht und der allmächtige Geheimdienst UDBA wurde von dem Serben Aleksandar Rankovic geführt.
Der verfolgte angebliche oder wirkliche Staatsfeinde nicht nur, weil sie Antikommunisten waren. Ein besonderes Auge hatte er auf Nationalisten - vor allem, wenn serbische Interessen betroffen waren. Den albanisch besiedelten Kosovo überzog er mit einem Terror, der Hunderttausende Albaner zur Emigration in die Türkei trieb. Er stürzte 1966, als er allzuweit ging und Wanzen selbst unter Titos Bett pflanzen ließ. Heute gilt der 1983 Gestorbene wieder als serbischer Held.
Die Gegensätze zwischen den Republiken des Bundesstaates eskalierten an wirtschaftlichen Problemen. Die entwickelten, hart arbeitenden und dank des Tourismus devisenreichen Nordländer Slowenien und Kroatien muckten gegen die von Belgrad befohlene Umverteilung auf, die sie zwang, einen großen Teil ihrer Steuern und bis zu 90 Prozent ihrer Deviseneinnahmen an die Zentrale oder an die unterentwickelten Republiken Bosnien, Montenegro, Mazedonien und den von Serbien vernachlässigten Kosovo abzuführen.
1971 kam es in Kroatien zu einer Erhebung gegen den Belgrader "Unitarismus". Der "Kroatische Frühling", zu dessen Galionsfigur die Parteisekretärin Savka Dabcevic-Kucar aufstieg, erfaßte bald die ganze kroatische KP.
Tito, der schon eine "Zerstörung Jugoslawiens", gar einen neuen Bürgerkrieg fürchtete, erstickte den Aufruhr - ohne daß er die von Breschnew eilfertig angebotene "brüderliche Hilfe" Moskaus in Anspruch nehmen mußte.
Auch Slowenien, traditionell als Titos "Musterländle" gerühmt und in der Belgrader Führung so zahlreich vertreten, daß die Serben gehässig über eine "Krainer Mafia" lästerten, muckte auf. Anlaß war ein Streit um Autobahnen. Die Slowenen wollten mit ihrem Geld lieber Anschlußstrecken nach Italien und Österreich bauen als innerjugoslawische Verbindungen zu finanzieren. Doch auch Slowenien wurde geduckt, Tito duldete keine Eigenbröteleien.
Eine neue Verfassung, 1974 verabschiedet und das umfangreichste Grundgesetz der Welt, verstärkte die föderalen Elemente, ging aber den unzufriedenen Republiken längst nicht weit genug. Dafür fühlten sich zunehmend die Serben in dem Staat benachteiligt, den sie lange nicht mehr als den ihren sahen.
Als Tito im Mai 1980 nach monatelangem Siechtum 87jährig starb, ging eine ganze Ära und mit ihr auch der jugoslawische Vielvölkerstaat zu Ende. Und das Haus war bei weitem nicht so gut bestellt, wie sein Erbauer es wohl gehofft hatte. "Nicht das System hat funktioniert, nur Tito hat funktioniert", sagten viele Jugoslawen nach seinem Tod.
Schon knapp ein Jahr danach kam es im Kosovo zum Aufstand. Aus Studentendemonstrationen gegen das schlechte Essen in der Mensa der Uni von Pristina wurden nationalistische Demonstrationen der Albaner, die für ihr Gebiet Republikstatus forderten.
Die serbisch geführte Polizei schlug brutal zurück, schließlich mußte sogar die Bundesarmee eingreifen. Es gab Tote, und die Demonstranten wurden zu drakonischen Strafen verurteilt.
Auch anderswo gärte es wieder: bei den Slowenen, wo sich die Opposition rund um ein aufmüpfiges Jugendblatt scharte. In Kroatien wurde der einstige Partisanengeneral und langjährige Tito-Weggefährte Franjo Tudjman wegen "Nationalismus" zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Heute ist er Präsident eines sich immer offener als faschistoid darstellenden unabhängigen Kroatien.
Geradezu mit Urgewalt aber brach der lange unterdrückte Chauvinismus bei den Serben aus. Die Serbische Akademie der Wissenschaften erarbeitete (unter maßgeblicher Mitwirkung des neuen jugoslawischen Präsidenten Cosic) 1986 ein geheimes Memorandum, in dem bitter über das tragische Serben-Schicksal geklagt wird. Einige Proben aus dem umfangreichen Pamphlet: _____" Im Jugoslawien Titos wurde der serbischen Nation die " _____" Gleichberechtigung vorenthalten, obwohl sie Jugoslawien " _____" die größten Opfer gebracht hat: 2,5 Millionen Tote in " _____" zwei Weltkriegen. Keinem anderen jugoslawischen Volk ist " _____" so systematisch seine geistige und kulturelle Integrität " _____" bestritten worden wie dem serbischen. Bedroht wie nie " _____" zuvor in der Geschichte, mit Ausnahme der Zeit des " _____" Ustascha-Staates im Zweiten Weltkrieg, sind auch die " _____" Serben in Kroatien. Um die Interessen Serbiens zu " _____" sichern, und die Frage seiner Staatlichkeit zu lösen, ist " _____" es notwendig, die Verfassung zu revidieren . . . Das " _____" serbische Volk kann nicht in der Ungewißheit seiner " _____" Zukunft leben. "
Was akademische Schreibtischtäter da an autistischem Unrat ausgeheckt hatten, der jeglichen anderen Standpunkt als indiskutabel abschmettert, fand alsbald seinen Exekutor.
Slobodan Milosevic, Sohn eines Popen, aber von Jugend an überzeugter Kommunist, boxte sich in der Belgrader KP-Hierarchie 1986 mit großserbischen Visionen nach oben.
Vor allem versprach er das Kosovoproblem, diese "Lebensfrage des serbischen Volkes" (Akademie-Memorandum) im Belgrader Sinn zu lösen, den "Schiptaren" (etwa "Niggern" entsprechend) zu zeigen, wer Herr auf dem Amselfeld ist.
Anfang 1989 hob das serbische Parlament alle wichtigen Autonomierechte der Kosovo-Albaner auf. Einen Streik und Demonstrationen der Albaner knüppelten serbische Sonderpolizeieinheiten nieder, als der Widerstand sich ausweitete, fuhren Panzer auf.
Den ganzen März über dauern die Unruhen an, 24 Menschen werden laut offiziellen Angaben getötet, die Albaner sprechen von mindestens 200 Toten. Seither herrscht im Kosovo gefährliche Friedhofsruhe.
Milosevic feiert seinen Triumph wie ein Feldherr. Am 28. Juni 1989 ließ er Hunderttausende Serben auf das Amselfeld karren und kündigte zum 600. Jahrestag der serbischen Schicksalsschlacht eine Zeit neuer Kämpfe an. Wenig später munterte er seine unter tiefer Wirtschaftsdepression leidenden Serben auf: "Wenn wir auch nicht gut zu arbeiten und zu wirtschaften verstehen, werden wir uns wenigstens gut zu schlagen wissen."
Knapp zwei Jahre später ist es dann soweit. Slowenien und Kroatien, die sahen, was Milosevic mit dem Kosovo und mit der Vojvodina machte - die gleichfalls wieder unter die serbische Fuchtel gepreßt wurde -, wollten mit einem solchen "Serboslawien" unseligen Angedenkens nicht mehr in einem Staate leben. Um so mehr, als eine der Forderungen des Belgrader Memorandums auch besagte, daß "alle Gebiete, die von Serben bewohnt werden, zu Serbien gehören" - mithin auch ein Drittel Kroatiens.
Jede Erörterung eines lockeren Staatenbundes scheiterte am großserbischen Zentralismus. Also bereiteten die beiden Nordrepubliken ihren Abgang aus Jugoslawien vor.
Dagegen begann schon 1990 der Aufstand der Serben an der ehemals k. u. k. Militärgrenze, die nach den Erfahrungen ihrer Väter nicht noch einmal zur rechtlosen Minderheit in einem unabhängigen Kroatien werden wollten, das wieder allein die Kroaten als Staatsvolk betrachtete und erst unter Druck der EG Minderheitenrechte akzeptierte.
Die ersten Schüsse im neuen Bürgerkrieg fielen im März 1991 in Pakrac, einem Ort im kroatischen Serbengürtel. Am 28. Juni begann die Bundesarmee in Slowenien zu schießen.
In dem Jahr seither sind Zehntausende Menschen gestorben, Hunderttausende verkrüppelt worden, Millionen geflüchtet. Auf dem Balkan tobt sich wieder Völkerhaß aus. Und der Balkan ist untrennbarer Teil Europas, auch wenn allzu viele das nicht wahrhaben wollen. *HINWEIS: Ende
* Mitte: Erzbischof Stepinac.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 30/1992
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