20.07.1992

Havels Märchen

Von Wild, Dieter

Vieles an der ruhmreichen realsozialistischen Welt von gestern, manches aber auch an ihrer Bewältigung mutet kafkaesk an. Gigantische Opfer wurden gebracht, als ob sinnlose Selbstvernichtung das Ziel der Geschichte sei. "Kafka ist harmlos, verglichen mit uns", sagt der tschechische Philosoph Ladislav Hejdanek, von den Kommunisten als Nachtwächter und Heizer verwendet, "den wirklichen Kafkaismus haben erst wir erlebt."

Man könnte versucht sein, auch Vaclav Havel, den Noch-Präsidenten der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik, in diesen Kafkaismus einzubeziehen. Denn unter allen Akteuren, die in der verrückten Gemengelage der posttotalitären Welt Osteuropas auf die Bühne traten, ist er der exzentrischste: der Meister des absurden Theaters, der beim absurden Theater über das Ende der Tschechoslowakei Regie zu führen hat - das ist kaum zu überbieten.

Wer meint, daß es nicht schade sei um den Untergang des Kunstgebildes zwischen Böhmerwald und Tatra, wird das Scheitern Havels erst recht mit tiefer Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Befreit es doch den Westen von der peinlichen Frage, warum ein solcher Mann nirgendwo anders hochkommen konnte als auf dem unabsehbar weitläufigen Schrottplatz Osteuropa.

Man muß schon bis zum sächsisch-weimarischen Premier Goethe zurückgehen, um überhaupt ein Pendant zu finden für einen Dichter, der an die Staatsspitze kam. Und für die Gegenwart muß man mühselig suchen, um im weltweiten Kartell der Selbstbediener einen Selbstlosen auszumachen wie ihn, unter den Götzendienern der Anpassung einen Moralisten, der dennoch kein Ideologe ist. "Mit irgendeinem Gesamtprojekt für die bessere Weltordnung" mochte er sich nie identifizieren.

Weder der feinsinnige Helmut Kohl noch die sanftmütige Margaret Thatcher, noch gar die Geistesheroen amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe halten auch nur entfernt einen Vergleich mit Havel aus. Und auch nicht der Pilsudski-Verschnitt Lech Walesa oder das Irrlicht Michail Gorbatschow.

Unvorstellbar, daß ein einziger von ihnen die Distanz zu sich selbst aufbringen würde, die Havels Satz offenbart: "Ich bin mir im Grundsatz widerwärtig, und mir scheint, daß ich eigentlich nur allgemeines Gelächter verdiene." Kohl würde vermutlich eher sterben, als daß ihm solches über die Lippen käme. Und Gorbatschow?

Daß Gorbatschow politisch nicht überleben konnte, war logisch - trotz unbestreitbarer, wenn auch zum Teil unfreiwilliger Verdienste, die er sich um die Katastrophe des Kommunismus erworben hat. Das verrottete System hatte er nur sanieren wollen und erst unterwegs bemerkt, wie wirklichkeitsfremd sein im übrigen hoch respektables Unterfangen war.

Sich trotzig noch zum Sozialismus zu bekennen, als er den Putschversuch der schlaffen alten Garde gerade knapp überstanden hatte, beleidigte seine politische Intelligenz - er hat seinen Katechismus erst spät revidiert. Havel dagegen brauchte niemals zu revidieren.

Auch das mutet bizarr an: Die Helden seiner Stücke kämpfen fortwährend mit der Hydra, ihre Prinzipien zu verraten - den Autor hat diese Versuchung nie ereilt. "Er ist der einzige Mann im Land, der nie seine Überzeugung geändert hat", sagt der Prager Journalist Lubos Beniak über ihn.

Da er nicht Begünstigter, sondern Opfer des Systems war, Mitbegründer und Leitfigur der ältesten Protestbewegung Osteuropas, der Charta 77, hatte er in fast fünf Haftjahren Gelegenheit, über das kommunistische Welträtsel nachzudenken: Wie konnte es kommen, daß die Exponenten der Menschenfeindlichkeit, von den Menschen innerlich abgelehnt, äußerlich dermaßen untertänig akzeptiert wurden?

Weil den Gedemütigten Versklavung als Befreiung verkauft worden war, so daß sie die Kraft zum Erkennen der Wahrheit nicht mehr aufbrachten; weil die Ideologie "den Abgrund zwischen den Intentionen des Systems und den Intentionen des Lebens" verdeckte; weil moralischer Widerstand als Donquichotterie galt - ja, da werden sie dankbar lächeln, die Ex-Intellektuellen der Ex-DDR.

Auch noch, wenn sie bei Havel lesen, daß die Menschen der Willkür der Apparate keineswegs ohnmächtig ausgeliefert sind? Daß vielmehr die Macht des Wortes stärker sein kann als die Macht der Waffen? Daß man der Brutalität am besten beikommt, indem man sie ironisiert, und die Gefangenschaft am besten übersteht, indem man den Gefängniswärter als armes, groteskes Geschöpf begreift?

Spätestens hier hört der Kafka in Havel auf. Denn die Verfallenheit an das Sinnlose, das Opfer an das Nichts - Havel akzeptiert sie nicht. Seine Menschen bleiben nicht in der Fremde, ringen nicht um befreiende Gnade, verzweifeln mithin nicht, wenn diese ihnen verweigert wird.

Statt Kafkas mystischer Düsternis vermittelt Havel skurrile Heiterkeit und einen glaubensstarken Optimismus. Sein bester politischer Essay, "Versuch, in der Wahrheit zu leben", droht den Herrschern unverhohlen: "Das ,Leben in Wahrheit', falls es ein solches bleibt, muß das System bedrohen. Ein dauerndes Nebeneinander mit dem ,Leben in Lüge' . . . ist einfach undenkbar."

Der Idealist der Wahrhaftigkeit erteilt seine schwergewichtigen Belehrungen so unpathetisch und unprätentiös, daß man ihn für einen großen Naiven halten könnte, doch weit gefehlt. Der meist verschlafen blickende, meist gehetzt trippelnde Mann ist auch nicht, wie viele denken, ein als Politiker verkleideter Schriftsteller - eher ließe sich das Gegenteil sagen, spräche nicht die gehaltvolle Leichtigkeit seiner Stücke dagegen.

Das ist der eigentliche Coup des Dramatikers Havel und der Schlüssel zum Verständnis des Politikers Havel: Die Absurdität erfüllt eine politische Funktion - so hatte Plato die Rolle des Philosophen in seiner "Politeia" nicht gesehen.

Und einer solch abgefeimten Kombination war der totalitäre Beton der alten Tschechoslowakei nicht gewachsen. Gleichsam im Alleingang handelte Havel den Prager Spätzeitkommunisten am Runden Tisch den Machtverzicht ab. Das hatte Anklänge an sein Erstlingsstück "Das Gartenfest": Die Verbürokratisierung war dermaßen überwältigend geworden, daß der Funktionär nicht mehr wußte - wissen konnte -, in wessen Auftrag er da eigentlich so hingebungsvoll tätig war. Da schließlich niemand das System mehr versteht, loben sie es allesamt. Der Mensch benutzt die Phrase nicht mehr, sondern die Phrase den Menschen - ironischer hat niemand den Totalitarismus seziert.

Der Mann, der dieses auch gründlicher besorgte als jeder andere osteuropäische Dissident, Andrej Sacharow ausgenommen, der dabei so gar nicht imponieren wollte und sich auch in der Stunde seines Sieges keinerlei Triumphalismus leistete, war für die Tschechoslowaken des Jahres 1989 eine Identifikationsfigur wie aus dem Märchenbuch: Er machte sie den eigenen Opportunismus und das eigene Versagen vergessen. Hatte er nicht selbst bekannt, die Präsidentschaft sei für ihn "wie ein Märchen"?

Doch bald mußten sie sehen, daß dieser Präsident sich keineswegs als Vollstrecker einer wie immer gearteten Mehrheitsmeinung oder -empfindung verstand, sondern seine Rolle als Praeceptor Bohemiae unverdrossen fortzusetzen gedachte. Wie aber sollte das gehen? Menschen, die über 40 Jahre lang Erfahrungen nur mit der Lüge gemacht hatten, sahen sich nun plötzlich einem Matador der Aufrichtigkeit ausgesetzt.

Seine Zumutungen waren unbequem, zuweilen schockierend. Die Sudetendeutschen um Verzeihung zu bitten, laut Peter Glotz "eine maßlos-mutige Stellungnahme", und seinen ersten Staatsbesuch nach Deutschland zu machen warf frühe Schatten auf das Einverständnis zwischen dem Dichterpräsidenten und seiner Gefolgschaft.

Millionen Tschechen und Slowaken - das ganze Volk praktisch, allein die Dissidenten ausgenommen - mußten sich angeklagt und verurteilt sehen von einem Mann, der so Verwegenes sagte wie: "Irgendwie ist es einfacher für mich, im Gefängnis zu sein, als nicht im Gefängnis zu sein und mir deswegen Vorwürfe machen zu müssen." Aha, möchte man da sagen, also ist er doch nicht von dieser Welt und jedenfalls nicht für sie geschaffen.

Gewiß überforderte ein solcher Präsident ein Volk, das Untertänigkeit von der Pike auf gelernt, das gerade erst begonnen hatte, die Verheerungen der kommunistischen Herrschaft zu besichtigen und, siehe Ostdeutschland, sich wehrt, die eigene Vergangenheit fortwährend zu verbrennen.

Havels Rolle wurde noch schwieriger, da er sich gar nicht bemühte zu verheimlichen, daß ihm das Regieren auf dem Prager Schloß Spaß machte, und freimütig zugab, er könne jetzt verstehen, "warum so viele Leute die Macht lieben".

Das war nicht nur kokett dahergesagt. Der vorgebliche Politiker wider Willen baute das Präsidentenamt zu einer machtvollen Nebenregierung aus, deren Aktivismus jeden Verdacht widerlegte, daß der Chef nur ein Tagträumer sei. Als er auch noch forderte, notfalls Gesetze per Dekret erlassen zu dürfen, sagte das Parlament nein.

Seine Aphorismen trafen die Lage zwar immer noch, etwa wenn er die Mängelrüge an alle erteilte: "Wir haben die Freiheit, aber die Reflexe sind noch auf die Unfreiheit ausgerichtet." Doch zu dem Machtmenschen Havel schien das nicht mehr so recht zu passen. Seine Selbstkritik, verbunden mit dem Versprechen, das Präsidentenbüro zu verkleinern und bescheidener agieren zu lassen, schlug nicht durch.

Seine politische Tragik war schließlich, daß der Kenner des alten Systems die Sprengkraft des Nationalismus unterschätzt hatte - hierin ist er Gorbatschow ähnlich -, wohl in der Annahme, das Ende der Diktatur werde zwangsläufig auch die Nationalitätenbombe entschärfen. Doch für die Slowaken blieb auch der grundsatztreueste und ausdauerndste tschechische Dissident ein Tscheche - nur in der Euphorie der Befreiung war das alte Stereotyp zeitweilig in Vergessenheit geraten.

Dabei hatte Havel noch in seinem jüngsten politischen Essay, den "Sommermeditationen", den Tschechen ihre Erbsünde vorgehalten: Sie hätten die Tschechoslowakei "so egoistisch, so verächtlich und so rücksichtslos" als ihren Staat angesehen, daß die Slowaken dahin getrieben wurden, genau dieses nicht zu tun. Unfaßlich, daß ausgerechnet die Slowaken glauben, einen solchen Mann entbehren zu können.

Daß er gegen eine Koalition aus slowakischen Nostalgikern eines eigenen Nationalstaates und tschechischen Nostalgikern der alten Ordnung, deren Zerstörer er war, keine Chance hatte, sah der Präsident früh. Nicht einmal "eine Mischung aus Jesus Christus und Churchill" sei diesem Ansturm der verbündeten Gestrigen gewachsen, sagte er dieses Frühjahr - vorzeitige Verklärung der unausweichlich gewordenen Niederlage?

Jedenfalls scheint die politische Realität den Homme de lettres eingeholt zu haben. Er wird wohl, obschon er das weder wollte noch verdient hat, dem Ende der tschechoslowakischen Föderation präsidieren, die zu keinem Zeitpunkt so zerrissen war wie das gleichfalls 1918 entstandene Jugoslawien. Daß die eine Gründung in Blut und Feuer untergeht, während Tschechoslowaken immerhin eine "zivilisierte Trennung" bewerkstelligen, ist schon nicht mehr Havels Verdienst. Der Geburtsfehler beider, daß aus dem habsburgischen Vielvölkerstaat wiederum Vielvölkerstaaten gemacht wurden, erweist sich als irreparabel. Aber zuweilen bedient sich die Revolution beim Verzehr eines Kindes auch Messer und Gabel.

Vaclav Havel, der Präsident von Böhmen und Mähren, sofern nicht ein politisches Wunder die Föderation noch rettet, das ist ein verwirrender Widerspruch. Man wünschte sich den Mann an der Spitze Deutschlands, Frankreichs, der USA etc. So unerbittlich rächt sich die Profanität der Politik am politischen Ideal, auch wenn sein Diener zu den Bescheidensten und Lautersten zählt.

Als der SPIEGEL ihm 1990 die Frage stellte, ob nach dem aufregenden Drama nun schon das Satyrspiel beginne, zeigte sich der Präsident erstaunlich unsicher: "Ich habe Angst, diese Zeit zu benennen." Spätestens wenn er fällt, kann man die Zeit benennen. Dann ist nämlich die Welt endlich wieder in Ordnung.

Und wie würde der Schriftsteller den Fall des Politikers Havel beschreiben? Vermutlich nicht mit Kafka, sondern mit den Worten des Doktor Stenek Kunz, der als "Ptydomet" in Havels Schauspiel "Die Benachrichtigung" die synthetische Bürosprache "Ptydepe" vertritt und sagt: "Onga fyk hajbam? Parde gul axajores va dyt rohago kabrazol!"

Das könnte alles heißen, aber auch: Ich verzage nicht. Oder, wie er kürzlich einem Freund sagte, das Gegenteil: Im Gefängnis sei doch alles einfacher als im Schloß.

"Die Macht des Wortes ist stärker als die Macht der Waffen"


DER SPIEGEL 30/1992
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