04.10.1993

SchachScheck matt

Die Preisgeldpleite bei der Weltmeisterschaft verunsichert die Großmeister.
In Ungarn, in einem kleinen Landhaus 40 Kilometer vor Budapest, wird die Revolution des Brettspiels vorbereitet.
In England, auf der Bühne des ehrwürdigen Savoy-Theaters in London, wird der Eintritt in "eine neue Ära des Schach" zelebriert, wie der weltbeste Profi Garri Kasparow meint.
In den Niederlanden, erst in der Provinz von Zwolle und Arnheim und dann im Ratssaal des Amsterdamer Stadhuis, wurde um die offizielle Weltmeisterschaft gekämpft.
Was auf den ersten Blick wie eine Hausse um Dame und König anmutet, ist das womöglich letzte Gefecht. Beflügelt von den Millionengagen anderer Profisportler, grübeln die führenden Köpfe der Branche seit Monaten, wie die Preisgeldschecks auch im Schach höher ausfallen könnten. Doch die Vermarktungshysterie der letzten Wochen hat die Großmeister erkennbar geschwächt - die Schachgeschäfte laufen matt wie nie.
Eine Zellteilung sollte den Profit erhöhen. Weil ihnen das vom Weltschachbund Fide ausgelobte Preisgeld nicht reichte, gründeten der amtierende Weltmeister Kasparow und sein englischer Herausforderer Nigel Short die Profivereinigung PCA und vermarkteten ihren Titelkampf in London selbst.
Die Fide strich ihrerseits das aufständische Duo aus der Weltrangliste und organisierte mit den unterlegenen Kandidaten Anatolij Karpow und Jan Timman die offizielle WM in den Niederlanden. Und Ex-Weltmeister Bobby Fischer, seit der Aberkennung des Titels 1975 eine Art Fantomas, sucht im ungarischen Exil im Alleingang nach einem völlig neuen Spielsystem.
Am deutlichsten griff die Fide daneben. Was in Zwolle zwischen Handarbeitskursen und in Arnheim inmitten einer Ausstellung sicherheitsgeprüfter Toaster und Staubsauger des niederländischen TÜV schon armselig begann, endete vorzeitig mit einer beispiellosen Pleite.
Die holländischen Veranstalter hatten lediglich die 1,3 Millionen Gulden Organisationskosten zusammenbekommen. Im Preisgeldtopf, gestand WM-Chef Hendrik van Buren, "ist nicht ein einziger Gulden".
Und auch der Sultan von Oman, der die zweite WM-Hälfte ausrichten und sponsern wollte, zog mit seiner Einladung auch die versprochenen zwei Millionen Schweizer Franken Preisgeld zurück.
Daß Fide-Präsident Florencio Campomanes den Abbruch noch mit Hilfe "schachliebender Millionäre" verhindern kann, mochten selbst die vorher so vertrauensseligen Karpow und Timman nicht mehr glauben.
Ein "armseliges Werk von Anfängern" sieht der New Yorker Wirtschaftsanwalt Robert Rice im holländischen Debakel. Der PCA-Präsident blickt bei der Urteilsfindung mit verhaltenem Stolz aus seiner mit rotem Samt ausgeschlagenen Loge auf die eigene Veranstaltung. Zwischen zwei mannshohen Rössern aus Gips brüten Short und Kasparow über dem Brett.
Die Zuschauer verfolgen die Kommentare von Großmeistern über Kopfhörer, fünf Kameras fangen jede Regung der Spieler für die Live-Übertragung des Privatsenders Channel Four ein. "Wie Tennis und Golf", murmelt Rice, "hier wird das Schach der Zukunft gespielt."
Für ein "Match der Verlierer", höhnte Kasparow über den Ärmelkanal, zahle eben kein Sponsor. Doch auch der Weltmeister wird wohl kaum noch einmal jemanden finden wie den amerikanischen Pressezaren Rupert Murdoch, dessen Times eine Börse von 4,3 Millionen Mark garantiert.
Wie "die Amateure irgendwo in Holland" (Kasparow) mußten auch die Profis in London einsehen, daß sich das zähe Brettspiel nicht von allein verkauft, nur weil mehr Tradition, größere Suiten und aufgeregtere Reklame im Spiel sind.
Die Times und Murdochs Boulevardblatt Sun hätten schon Wochen zuvor die "Schlacht des Jahrhunderts" gepriesen und die Spieler abwechselnd zu Supermännern und "Kriegshelden" stilisiert. Short sollte sogar zu Englands neuem Popstar aufgebaut werden. In Lederkluft, die brave Frisur mit Spray auf wild getrimmt, schwang der biedere Brite zwischen lebensgroßen Schachfiguren die Gitarre. Und wie ein Preisboxer beschimpfte er Kasparow als KGB-Zuträger, als "Gorilla, der haarig ist wie eine Fußmatte".
Dennoch scheiterte Murdochs Plan, die 8 Millionen Mark für Preisgeld und Organisation über Eintrittskarten und VIP-Angebote wieder hereinzuholen. Obwohl die Ticketpreise noch kurz vor Beginn von 100 auf 25 Mark gesenkt wurden, blieb die Nachfrage gering. Auf der Hälfte der 1100 Plätze im Savoy-Theater schlummern Journalisten oder Inhaber von Freikarten.
Schachfans, mußten die Veranstalter lernen, sind kleinlicher als das stilbewußte Tennispublikum. Kein Zuschauer wollte 850 Mark für das Königs-Programm (Hotelzimmer, Ticket und Dinner mit Blumen und einer halben Flasche Wein) ausgeben. Schließlich schenkte die Times jedem, der ein 45-Pfund-Ticket erwarb, einen 30-Pfund-Lunch dazu.
Die eindeutige Überlegenheit des Titelverteidigers ließ zudem auch die schlimmsten Befürchtungen von Langeweile wahr werden. Das "absurd aufgeblasene" Spektakel der Times, notierte genüßlich die Konkurrenz vom Daily Telegraph, sei so spannend, als verfolge man "die Kontinentaldrift oder einen Stalagmiten beim Wachsen".
Den Beweis, daß Schach ein Fernsehsport werden könnte, blieb die PCA ebenfalls schuldig. Die Einschaltquoten der Live-Übertragungen, von einer ehemaligen Spielshow-Assistentin moderiert ("Nigel sieht sehr angespannt aus"), waren derart katastrophal, daß sie vom Sender unter Verschluß gehalten wurden.
Ratlos blicken nun die Großmeister auf den Doppelflop von Fide und PCA. Die Stars hatten sich, so der indische Weltranglistenzweite Viswanathan Anand, hinter dem Verband versammeln wollen, der "mehr Geld und Medieninteresse bekommt".
Jetzt sollen ein neuer WM-Modus, Turniere nach Art des Tennis-Grand-Slam und vor allem mehr Tempo doch noch Fernsehen und Sponsoren locken. Selbst der konservative Anatolij Karpow, der den Scheitel heute wie vor 20 Jahren mit Brillantine fixiert, ist inzwischen überzeugt, daß "Turniere mit kurzer Bedenkzeit immer populärer werden".
Doch was sind schon die Erkenntnisse aus zwei verkorksten Weltmeisterschaften gegen eine Revolution?
Im Landhaus der ungarischen Großmeisterin Judit Polgar, 17, bricht Bobby Fischer gerade endgültig mit der Tradition. Er will das Losverfahren über die Aufstellung der Grundlinien-Figuren entscheiden lassen - sämtliche Theorien zur Eröffnung wären dann ohne Wert.
Für die Premiere des neuen Blitzkrieges gegen Judit Polgar will Fischer fünf Millionen Dollar verlangen. Y

DER SPIEGEL 40/1993
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