05.04.1993

SchauspielerApplaus für Mias Bluse

Der Prozeß um das Sorgerecht der Kinder Mia Farrows und Woody Allens geht in die dritte Woche. Vor Gericht zuletzt: die Gilde der Psychiater und ein Lebensstil.
Dezent geschminkt, in einem gedeckten Kostüm ließ sie sich auf einem der begehrten Plätze nieder. Erst jetzt hatte der Prozeß, der bis dahin einfach nur eine bösartige Posse war, die höheren Weihen einer politischen Auseinandersetzung, jenes Aroma aus Chanel No. 5 und Kämpfertum, das spezifisch für Manhattans linksintellektuelle Elite ist: Gloria Steinem, die Päpstin des amerikanischen Feminismus, begab sich in den schäbigen Verhandlungssaal des Supreme Court, um der Schlammschlacht Farrow gegen Allen beizuwohnen.
Natürlich saß sie dort, wo normalerweise die miesen Alimente-Schlachten der Unterklasse ausgefochten werden, nicht einfach nur als Neugierige. Sie sei erschienen, erklärte sie, um Mia Farrow in ihrem Kampf zu unterstützen, sie und "alle Frauen, die um das Sorgerecht für ihre Kinder streiten". Mia Farrow - eine leidende Lichtgestalt der Frauenbewegung? Immerhin: Schwesterlichen Beistand konnte sie gut gebrauchen.
Angeschlagen war sie in der letzten Märzwoche in die Kreuzverhöre des Allen-Anwalts Elkan Abramowitz hineingegangen, und die Wetten im Gerichtssaal standen schlecht. Zuvor hatte Woody Allen ihre Anschuldigung, er habe sich an der gemeinsamen Adoptivtochter Dylan sexuell vergangen, mit Hilfe eines Gutachterteams als Hirngespinst entlarven können. Ja, die böse Vermutung lag nun nahe, daß Mia Farrow die siebenjährige Tochter Dylan, der eine übergroße Phantasie attestiert worden war, zu ihrer ehrvernichtenden Aussage gegen den Vater manipuliert habe.
Woody Allen wirkte so sympathisch zappelig wie nur in seinen früheren Filmen, und nicht selten gab es Gelächter von der netten Stadtneurotiker-Art. Des weiteren kamen ihm die Aussagen der früher gemeinsamen Therapeutin zu Hilfe: Dr. Susan Coates, die es irgendwann für ihre Pflicht gehalten hatte, Woody Allen von Besuchen auf dem Farrow-Anwesen in Connecticut abzuraten, da Morddrohungen gegen den Regisseur gefallen seien. "Ich steche ihm die Augen aus", soll Mia Farrow gedroht haben, "ich bringe ihn um."
Wieder einmal war der bizarre Valentins-Gruß zur Sprache gekommen, den die Schauspielerin an Allen schickte - _(* Oben: beim Gerichtstermin vorletzte ) _(Woche; rechts: mit Sohn Satchel. ) ein Familienfoto, auf dem Schaschlikspieße die Kinder und ein Brotmesser ihr eigenes Herz durchbohrten. Auch ihre Äußerung, einer ihrer ehemaligen Ehemänner habe sich angeboten, "Woody Allen die Beine zu brechen", machte keinen sehr günstigen Eindruck auf die Öffentlichkeit.
Doch in der letzten Woche konnte Mia Farrow Punkte sammeln. In einem Prozeß, der von den Kolumnisten und Gerichtsreportern mittlerweile wie eine gelungene Broadway-Produktion besprochen wird, gibt es offenen Applaus etwa für die Garderobe der Farrow - schwarzes Samtjäckchen, weiße Bluse, Schottenrock. Sanft antwortet sie dem Allen-Anwalt, einem Hünen von nahezu zwei Metern Körpergröße, und sie wirkt unter seinen bohrenden Fragen sympathisch schwach.
Ja, gibt sie zu, sie habe Soon-Yi, ihre Adoptivtochter und gleichzeitig triumphierende Rivalin um die Gunst Allens, ins Gesicht geschlagen, doch sie fügt leise hinzu: "Ich bin nicht stolz darauf."
Und dann erzählt sie in merkwürdiger Unschuld von einem durch und durch verkorksten Psycho-Alltag, der vor allem von den Phobien eines reichlich rücksichtslosen Regisseurs beherrscht wurde, und den klammernden Manipulationsstrategien einer Schauspielerin-Mutter, die Adoptivkinder sammelt wie andere Porzellanvasen. Mias Geschichte erzählt von einem durchtherapierten Familienalltag als Horrortrip.
Wie selbstverständlich wird in diesem Alltag ein Psychiater auf den zweijährigen Sohn angesetzt, der unter "Beziehungsunfähigkeit" zu einem selten anwesenden Vater leide. Derselbe Vater wartet stundenlang vor der Klassentür seiner Lieblingstochter, weil sie Trennungsängste hat.
Auch daß dieser Vater wegen einer "Hirsch-Phobie" nicht bei der Familie auf dem Lande nächtigen möchte sowie wegen einer "Dusch-Phobie" - da habe er Angst, im Abfluß zu verschwinden - schweißtreibenden Sport mit seinem älteren Sohn ablehnen muß, gehört zu diesem Alltag; und plötzlich ist das alles gar nicht mehr komisch, sondern nur noch traurig und ermüdend.
Für manche Kolumnisten ist Woody Allen nun ein "Schmock", ein Egozentriker, ein übriggebliebener Psychofreak, und mit ihm und Mia steht der antiautoritäre liberale Lebensstil der siebziger Jahre vor Gericht. Ein Milieu, das in unzähligen Filmen liebevoll ausgepinselt wurde, wird als Lüge enttarnt.
Da strebt ein Vater das Sorgerecht über einen Sohn an, der ihm den Tod wünscht. Da ist eine Mutter, die mit bedenkenlosen Vorwürfen des sexuellen Mißbrauchs an die Öffentlichkeit geht. Da ist der verlogene Psychojargon, die Manipulation und die Verkrümmung eines Prominentenalltags, in dem auf Fingerschnippen mal kurz "eine Million über den Tisch geht" und Kinder, die Unterschriften fälschen, mit einer Doppelsitzung beim Therapeuten bestraft werden.
Überhaupt sind es die "shrinks", die gutachternden Psychiater, über die die Kolumnisten nur noch Hohn ausbreiten. "Frag einen Gehirnklempner, wie es ihm gehe, und er wird zurückfragen: Warum wollen Sie das wissen?" meinte die Kolumnistin des Boulevardblattes Newsday genervt nach der Befragung der Psychologin Dr. Coates.
Dr. Coates hatte sich im Kreuzverhör dafür ausgesprochen, daß Woody Allen zumindest Zugang zu seiner Tochter Dylan erhalten solle, worauf Mia Farrow in Tränen ausgebrochen war. Sodann war die Psychotherapeutin von dem Richter Elliott Wilk gefragt worden, welchem der beiden Elternteile sie das Sorgerecht über die Kinder zusprechen würde. "Ich glaube", antwortete Dr. Coates im allerschönsten Psychiater-Sprech, "es ist von entscheidender Bedeutung, daß darüber wirklich gründlich nachgedacht wird, und ich empfinde sehr deutlich, daß ich von meinem gegenwärtigen Erkenntnisstand her nicht wüßte, was ich tun würde."
Klarer äußert sich da schon Gloria Steinem. Für sie ist der Kampf Mia Farrows ein Kampf der Frauen gegen die Kinderschänder dieser Welt. Wie schön, daß es wenigstens eine gibt, die immer genau weiß, welche Seite die gute ist, und welche die böse.
* Oben: beim Gerichtstermin vorletzte Woche; rechts: mit Sohn Satchel.

DER SPIEGEL 14/1993
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