05.07.1993

FernsehenÜber Gräber nach vorn

Heldentod eines Bundeswehrsoldaten in Somalia - mit aktuellen Fernsehspielen bringt die ARD Schwung ins Programm.
Ich hatt'' einen Kameraden" - die Trompete spielt, die Träne quillt, es ist passiert: Der erste deutsche Soldat, gefallen für Uno und Vaterland im fernen Somalia, heimgekehrt im Zinksarg, wird mit allem Pomp betrauert.
Es ist - zum Glück - noch nicht passiert, aber schon am Mittwoch dieser Woche im Fernsehen zu sehen: Ein TV-Stück des Westdeutschen Rundfunks (WDR) mit dem Titel "Auch Engel können sterben" (Autor: Fred Breinersdorfer) versucht, die Problematik des Blauhelm-Einsatzes der Bundeswehr am Horn von Afrika klarzumachen*.
"Brandheiß" heißt die WDR-Reihe, mit der sich Fernsehmacher in die Politik einmischen. Konzept ist, dicht an der Realität Fiktion mit Tatsachen zu spannenden, aktualitätsbezogenen Stücken zu verbinden - die öffentlich-rechtliche Antwort auf Reality-TV.
Ja, so könnte es sein: Da tritt ein General zur patriotischen Durchhalterede vor dem Katafalk an, und seine Worte klingen so stereotyp wie immer, wenn ein Soldat den außenpolitischen Geltungsdrang seiner Regierung mit dem Leben bezahlt hat. Der Tod des Fähnrichs Holger von Lucius markiere "den letzten Schritt Deutschlands in die Gemeinschaft der freien Völker dieser Welt" - über Gräber nach vorn.
Die Großmutter von Lucius, Adel verpflichtet nicht immer, macht deutlich, was sie von solch markigen Trauerworten hält und spuckt dem Militär vor die Füße, als dieser kondoliert: Das Wort "Mörder" ist deutlich zu vernehmen.
Breinersdorfer läßt eine konservative deutsche Offiziersfamilie zum dramatischen Konflikt antreten. Der Vater Konrad von Lucius (Edgar Boehlke) plant als Oberst die Logistik für den Somalia-Einsatz, während Sohn Holger (Johannes Hitzblech) zunächst zögert, sich aber pflichtbewußt freiwillig zum Vorauskommando ans Horn von Afrika meldet.
Es könne ja nichts passieren, versichert die Heeresführung - genau wie der Papa. Nur die pazifistische Großmutter Friederike (Grete Wurm) traut dem faulen Helferfrieden nicht und sucht vergebens, den geliebten Enkel vom Heldentod abzuhalten.
Breinersdorfer - Jurist, Leutnant der Reserve und als SPD-Bundestagskandidat im Gespräch - weiß aus eigener Anschauung, wie Politiker lügen und schönfärben können. Seine Familie von Lucius fällt zunächst auf die rhetorischen Tricks der Hardthöhe herein.
Anfangs glauben noch alle an die humanitäre Aufgabe, an den Bau von Wasserleitungen und Schulen "für arme Negerkinder". Da ändert sich unter der _(* ORB: 21.45 Uhr; West III: 22.00 Uhr; ) _(Hessen III: 22.15 Uhr; Nord III: 22.30 ) _(Uhr. ) Hand der militärische Auftrag und wird zum tödlichen Job.
Aber das Fernsehen kennt noch Helden. So aufrecht wie sein Gang erweist sich auch die Gesinnung des Konrad von Lucius. Als ihn eine geheime Denkschrift über die wahre Absicht der Bundeswehrplaner aufklärt, verfällt er ins Grübeln, verweigert den Marschbefehl nach Mogadischu und quittiert den Dienst. Sein Vorgesetzter, der General Degen (Jürgen Reuter), verkörpert hingegen den neuen alten Korpsgeist: "Der Spuk mit der Identitäts-Krise muß beendet werden!"
Das TV-Stück ist nicht nur bissig, es ist auch schnell. Normalerweise brauchen Fernsehspielabteilungen Jahre, bis ein aktueller Stoff verarbeitet ist. Drehbuchentwürfe werden hin- und hergeschoben, Anstaltsgewaltige wiegen die Köpfe. Hier ging alles ruck, zuck.
Kaum waren die 240 Soldaten des Bundeswehr-Vorauskommandos nach Somalia abgeflogen, machten sich die WDR-Leute an die Arbeit. In vier Wochen wurde produziert, vom Drehbuch bis zur Sendung. Regisseur Peter Ristau brachte dieses Tempo zwar Streß ein, aber auch ungeahnte Freiheiten: "Ich mußte auf keine technische Konvention achten und konnte drehen, was ich wollte" - mit der Handkamera und in langen Einstellungen, sehr zur Freude der Schauspieler.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. In früheren Versuchen wurde die Stahlkrise zu einer Ruhrpott-Schnulze eingeschmolzen, die Abtreibungsproblematik geriet zum zähen Melodram oder das Thema Stau und Autobahn-Vignette ("Verkehr macht frei") zur matten Persiflage. Diesmal gelang ein freches und provozierendes Stück, das nicht mehr die Betulichkeit des gefürchteten Schulfunks hat.
Im vergreisten Apparat der ARD-Anstalten wirkte "Brandheiß" wie eine Frischzellenkur. Techniker und Ausstatter, sonst unterfordert und zwischen Studiokulissen verschlissen, fühlten sich auf einmal gefragt und zum Teamgeist fähig.
Gedreht wurde die Eigenproduktion ausschließlich mit Personal des Senders. Sogar der Haushaltsansatz, mit 1,2 Millionen Mark für vier einstündige Fernsehspiele recht knapp bemessen, wurde eingehalten.
"Ich spüre richtig", resümiert WDR-Redakteur und Produzent Martin Wiebel, "daß wir eine Lücke im Fernsehspielangebot besetzt haben. Die Ausrede, man könne keine politischen Stoffe mehr machen, gilt nicht mehr. Wir haben jetzt einen Fuß in der Tür."
Wenn im Herbst die Programmkonferenz der Dritten zusammenkommt, steht die Frage an, ob das WDR-Experiment, das jetzt nach vier "Brandheiß"-Stücken endet, reihum zwölfmal im Jahr weiterproduziert werden kann. Dann kämen nicht nur Sender zum Zuge, die ihr Geld sonst in Koproduktionen stecken, sondern auch Autoren und Regisseure, die in ihrem Leben noch mehr vorhaben, als auf die Rente zuzuwachsen.
* ORB: 21.45 Uhr; West III: 22.00 Uhr; Hessen III: 22.15 Uhr; Nord III: 22.30 Uhr.

DER SPIEGEL 27/1993
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