19.10.1992

„Kein Doppelhaus“

SPIEGEL: Sie waren lange Zeit ein hartnäckiger Verfechter des gemeinsamen Staates. Jetzt scheint es fast, als könnte es Ihnen gar nicht rasch genug gehen mit der Auflösung der Föderation.
KLAUS: Das ist Unsinn. Es ist fast eine Beleidigung für mich, wenn man so etwas von mir behauptet. Ich war, ich bin und ich werde stets für einen gemeinsamen Staat sein, für die Tschechoslowakei. Doch diese Option existiert leider nicht mehr. Da wir uns nun einmal in dieser Lage befinden, ist es meine Pflicht, so rasch wie möglich eine Trennung zu vollziehen.
SPIEGEL: Ist die Idee einer Union oder Konföderation damit endgültig tot?
KLAUS: Eine Union hat keine Chance. Wir wollen kein Doppelhaus, wie man das nennt. Das hat keine Zukunft, das ist eine instabile Lösung, und instabile Lösungen können wir uns nicht leisten.
SPIEGEL: Viele Ihrer Landsleute haben Angst davor, daß die tschechischen Länder nach der Trennung von der Slowakei unter den stärkeren Einfluß Deutschlands geraten.
KLAUS: Diese Angst ist mir fremd. Wir sind im Herzen Europas und waren immer schon hier. Ich kann auch keine Veränderung oder gar Verschlechterung unserer Situation erkennen.
SPIEGEL: Auch wirtschaftlich fürchten Sie Deutschland nicht?
KLAUS: Ich spreche nie von Deutschland. Ich kann keine Anzeichen dafür entdecken, daß Deutschland uns aufkaufen möchte. Und was die Geschäftsbeziehungen angeht, haben wir hier ausländische Investoren, die wir auch unbedingt brauchen.
SPIEGEL: Die Teilung wird nicht nur der Slowakei immense Kosten aufbürden, sondern auch Ihrem Land. Ist die Bevölkerung darauf vorbereitet?
KLAUS: Die Bevölkerung weiß genausoviel wie die Politiker. In dieser Frage gibt es keine einfachen Kalkulationen. Diese Kosten lassen sich nicht messen oder quantitativ berechnen. Es steht fest, daß wir für die Teilung einen hohen Preis bezahlen müssen, aber er läßt sich nicht mehr vermeiden. Auch wenn wir den Preis heute schon kennen würden.
SPIEGEL: Die Teilung wird also kommen - koste es, was es wolle?
KLAUS: So ist es, leider. Sie wird kommen, egal, ob das ein Prozent oder 20 Prozent des Sozialproduktes kosten wird. In dieser Hinsicht sind Zahlen ohne Bedeutung.
SPIEGEL: Hätte man die Teilung nicht besser vorbereiten können? Haben Sie die Entwicklung in der Slowakei nicht etwas unterschätzt?
KLAUS: Ich dachte immer, es sei möglich, die Föderation zu erhalten. Das war stets mein Ziel.
SPIEGEL: Warum denn jetzt so rasch die Trennung mit dem Datum 1. Januar 1993?
KLAUS: Das hat einen ganz einfachen Grund: Wir sind nicht imstande, noch einmal ein gemeinsames Budget zu finanzieren. Das Ende diesen Jahres bedeutet auch das Ende des gemeinsamen Haushalts. Und es gibt keinen Willen, noch einmal ein gemeinsames Budget zu vereinbaren.
SPIEGEL: Das wird für die slowakische Wirtschaft dann aber böse Folgen haben.
KLAUS: Natürlich. Ich habe mich stets dafür eingesetzt, ein gemeinsames Budget zu schaffen. Die Tschechen hatten immer hochtrabende Einwände gegen den Transfer von Finanzen in die Slowakei.
SPIEGEL: Und Sie haben das durchgepeitscht?
KLAUS: So ist es. Ich habe stets argumentiert, daß sonst die ganze Transformation in Gefahr wäre. Ohne meinen Einsatz wäre schon vor zwei Jahren kein gemeinsames Budget mehr zustande gekommen.
SPIEGEL: Ist denn die Mehrheit in den tschechischen Ländern heute für die Trennung von den Slowaken?
KLAUS: Diese Frage ist irrelevant. Wenn die Slowaken die Trennung wollen, dann ist es egal, ob auch die Tschechen die Trennung wollen oder nicht.
SPIEGEL: Aber auch viele Slowaken scheinen jetzt gar nicht so glücklich zu sein über die bevorstehende Auflösung der Föderation.
KLAUS: Das sehen Sie falsch. Die Slowaken wollen tatsächlich die Unabhängigkeit. Die überwiegende Mehrheit der Slowaken möchte eine slowakische Botschaft in Bonn haben, möchte an diesem Gebäude die slowakische Fahne sehen.
SPIEGEL: Aber gleichzeitig wünschen sich die Slowaken eine gewisse Rückversicherung. Für den Fall eines Konflikts mit dem ungarischen Nachbarn hätten viele Slowaken gern noch für einige Zeit eine gemeinsame Armee mit den Tschechen.
KLAUS: Das glaube ich gern. Im Falle einer Bedrohung ihrer Südgrenze wollen die Slowaken wieder unsere Hilfe. Doch das ist für die Tschechen nicht akzeptabel, daß die Slowaken einerseits eine eigene Armee und andererseits eine tschechische Rückversicherung haben wollen. Das geht nicht. Sie können nicht beides haben.
SPIEGEL: Trifft das Ende der Föderation Sie persönlich?
KLAUS: Natürlich. Wenn mich jemand um zwei Uhr früh aufwecken und fragen würde, wo ich zu Hause bin, würde ich spontan antworten: in der Tschechoslowakei. Und das wird wohl noch lange so bleiben. Aber die Trennung ist eine rationale Notwendigkeit, mit der wir uns abfinden müssen.
SPIEGEL: Bisweilen entsteht der Eindruck, daß Sie Schwierigkeiten haben mit Ihrem slowakischen Verhandlungspartner Meciar.
KLAUS: Ich brauche gute persönliche Kontakte zu Herrn Meciar. Daher werde ich sein Verhalten hier nicht analysieren, das kann ich vielleicht in zehn Jahren in meinen Memoiren tun.
[Grafiktext]
_198b Tschechoslowakei: Slowakische Republik: Ungarische Minderheiten
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 43/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Kein Doppelhaus“

Video 01:57

Barcelona, Alcanar, Cambrils Terroranschläge in Spanien

  • Video "Barcelona, Alcanar, Cambrils: Terroranschläge in Spanien" Video 01:57
    Barcelona, Alcanar, Cambrils: Terroranschläge in Spanien
  • Video "Filmstarts der Woche: Herbigs Holzhammer-Humor" Video 05:23
    Filmstarts der Woche: Herbigs Holzhammer-Humor
  • Video "Angela Merkel zum Terror in Barcelona: Der Terror wird uns nie besiegen" Video 01:04
    Angela Merkel zum Terror in Barcelona: "Der Terror wird uns nie besiegen"
  • Video "Eine Stimme gegen Rechtsextreme: Trumps Kabinettsmitglied zitiert Martin Niemöller" Video 01:50
    Eine Stimme gegen Rechtsextreme: Trumps Kabinettsmitglied zitiert Martin Niemöller
  • Video "Burka-Provokation im Parlament: Rüge für australische Rechtspopulistin" Video 02:04
    Burka-Provokation im Parlament: Rüge für australische Rechtspopulistin
  • Video "Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets" Video 01:21
    Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets
  • Video "Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen" Video 01:23
    Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen
  • Video "Mutter des Opfers von Charlottesville: Ihr habt sie nur noch größer gemacht!" Video 01:18
    Mutter des Opfers von Charlottesville: "Ihr habt sie nur noch größer gemacht!"
  • Video "Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß" Video 01:18
    Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß
  • Video "Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten" Video 02:23
    Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten
  • Video "Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3" Video 03:20
    Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3
  • Video "Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten" Video 02:32
    Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten
  • Video "Elche in Brandenburg: Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd" Video 02:20
    Elche in Brandenburg: "Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd"
  • Video "Choleraepidemie im Jemen: Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe" Video 03:03
    Choleraepidemie im Jemen: "Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe"
  • Video "Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?" Video 03:52
    Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?
  • Video "Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal" Video 00:38
    Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal