04.10.1993

DER HERR DER BÜCHER

Die einen halten ihn für einzigartig, die anderen für ein „Verhängnis deutscher Kultur": Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki begreift sich als Retter der schönen Literatur und ist doch ein Fernsehstar. Unter Autoren allerdings gilt der Mann, der das Warschauer Ghetto überlebte, als eine „Mischung aus Staatsanwalt und Clown“.
Und wieder wird es heißen: "Wir sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen." Wieder wird ihm die bei Brecht entlehnte Schlußformel, nach einem kleinen Zögern, zuverlässig über die Lippen kommen. Wieder wird Beethovens drittes Rasumowsky-Streichquartett ertönen und anzeigen, daß ein "Literarisches Quartett" zu Ende gegangen ist.
Das ist der Augenblick: Tausende greifen vor den Fernsehschirmen nach dem Zettel, auf dem sie die Titel notiert haben, die sie sich in ihrer Buchhandlung besorgen wollen. Verleger geben telefonisch das Startzeichen für eine Nachauflage.
Die Kollegen Kritiker ärgern sich darüber, wie volkstümlich und banal es wieder einmal zuging (und daß sie selbst nicht dabei sein durften). Bedeutende und weniger bedeutende Schriftsteller schalten verärgert ihr Fernsehgerät aus, die meisten, weil ihr neues Buch nicht genannt, einige wenige, weil ihres abgetan wurde.
Und zwei, vielleicht drei aus der sensiblen Zunft hatten soeben den schönsten Augenblick ihrer bisherigen Laufbahn - mögen sie Cees Nooteboom heißen oder Ruth Klüger oder Sarah Kirsch. Ihr Roman oder ihr Lyrikband wurde nachdrücklich gepriesen: von ihm, dem einen, dem unvergleichlichen Marcel Reich-Ranicki.
Niemand kann ihm entkommen. Im Flugzeug nach Amerika erscheint er auf der Leinwand mit einem Buchtip, zu Ehren von Thomas Mann redet er heute in der Hansestadt Lübeck, über Döblin morgen in Leipzig.
Auf Inseraten, die für Bürostühle oder Bücher werben, blickt er mal verschmitzt, mal gebieterisch in die Kamera. Ob bei Gottschalk, ob im ZDF oder bei Vox, ob in der Hör zu oder im Playboy, in der Frankfurter Allgemeinen oder im SPIEGEL: Er scheint unentbehrlich.
Der Mann ist 73 Jahre alt und ein Phänomen. Eigentlich ist er Literaturkritiker. Doch in einer Zeit, da das gedruckte Wort wenig, das Fernsehen fast alles bedeutet, ist er der Star. Erst der Bildschirm hat ihn prominent gemacht. Und obwohl nicht eben smart zu nennen, tummelt er sich in diesem Medium, als sei er für nichts anderes geboren.
Daheim, in seiner Frankfurter Neubauwohnung, ist er noch von den guten Geistern der Vergangenheit umgeben: Nicht nur die Bücher der von ihm geschätzten Dichter füllen die Wände, sondern auch, eng an eng, Porträts von Thomas Mann und Brecht, Fontane und Max Frisch. Wenn er nicht telefoniert oder mit Gästen spricht, liest er: nie im Morgenmantel, stets korrekt gekleidet.
Er kann ein ganz liebenswürdiger Gastgeber sein. Eine Zeitlang. Dann reißt er das Gespräch an sich. "Ungeduld und Neugierde" hat er einmal als seine Hauptcharakterzüge bezeichnet.
Und seine Neugier darf nicht enttäuscht werden. Wehe dem, der keine interessanten Fragen hat. Seine schroffen Umgangsformen haben schon manchen verzweifeln und vor allem an sich zweifeln lassen. "Weiter!" sagt er unwirsch, wenn ihm ein Thema ausgiebig erörtert scheint; neigt der Gesprächspartner zu umständlichen Einlassungen, gähnt er ungeniert. Er liebt Tratsch und Skandalgeschichten, von Intrigen kann er nicht genug bekommen.
Nicht das Lesen, sondern das Telefonieren hat Reich-Ranicki als seine "Lieblingsbeschäftigung" bezeichnet. Er meldet sich selten mit Namen am Telefon - selbst dann nicht, wenn er es ist, der anruft: Er geht davon aus, daß er erkannt wird. Und er bestimmt gern das Ende. Mit einem zackigen "Adieu" verschwindet er, wenn es ihm an der Zeit erscheint, wieder aus der Leitung.
Wie so mancher, der gut austeilen kann, zählt er zu den Liebesbedürftigen - allerdings in Grenzen: Als ihm, dem mit Ehrendoktoraten, Preisen und Festschriften Verwöhnten, im August dieses Jahres von den Aachener Karnevalisten der Orden wider den tierischen Ernst angetragen wurde, lehnte er unverzüglich ab. Sein Kommentar: Orden seien ihm zuwider. Karneval auch.
Im letzten Roman Martin Walsers taucht er auf, kaum verkleidet, als "Erlkönig". So wird in "Ohne einander" der Kritiker einer fiktiven Münchner Gazette genannt, vor dessen "Banalitätspotenz plus Potenzbanalität" sich jeder Autor fürchten müsse.
In einem Interview fügte Walser vor kurzem fasziniert hinzu: "Wenn die Formel stimmt, je berühmter, um so gieriger - dann müßte Reich-Ranicki der Gierigste sein, denn er ist ohne Zweifel zur Zeit der Berühmteste überhaupt."
Ob Reich-Ranicki mit seinen Auftritten im Fernsehen und seinen heute seltenen Buchkritiken der Literatur, wie er meint, nützt oder ob er ihr eher schadet - darüber gehen die Meinungen vehement auseinander. Befehdet wurde er schon lange, bevor er den Platz beanspruchen konnte, den er heute wie selbstverständlich innehat, den Platz des Ersten Literaturkritikers der Nation: Reich-Ranicki, der Herr der Bücher.
In die Bundesrepublik kam er, aus Warschau, am 21. Juli 1958. Er stand, im Besitz von 20 Mark und eines 90 Tage gültigen Besuchervisums, im Frankfurter Hauptbahnhof und hatte nur ein Ziel: daß er in Deutschland nicht nur bleiben, sondern auch schreiben wollte - über Heinrich Böll und Max Frisch, Wolfgang Koeppen und Martin Walser, wie zuletzt schon in Polen.
Nicht ganz leicht, die Kollegen in der Bundesrepublik davon zu überzeugen, die seinen Namen noch nie gehört hatten: Friedrich Sieburg zum Beispiel, damals Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen.
"Wohl Jude, wie?" fragte der bei Hansjakob Stehle nach, dem damaligen Warschau-Korrespondenten des Blattes, der den Unbekannten empfohlen hatte. Nun, der Mann scheine "ein wenig auch von deutscher Literatur zu verstehen", ließ sich der mächtige Sieburg herab - und so erschien bald die erste FAZ-Kritik des Newcomers. (15 Jahre später sollte ihr Verfasser Sieburgs Position einnehmen.)
Ein Jude, ja. Geboren wurde er 1920 in der polnischen Kleinstadt Wloclawek an der Weichsel. Die Muttersprache des Vaters war Polnisch, die der Mutter Deutsch. Mit der Familie zog der Knabe Marcel 1929 erstmals nach Deutschland, in die Reichshauptstadt Berlin.
Religion spielte daheim keine Rolle, Kenntnisse des Judentums verdankte der Sohn "dem Religionsunterricht in einem preußischen Gymnasium". Im Frühjahr 1938, nach dem Abitur, wurde er zum Studium nicht mehr zugelassen. Statt dessen arbeitete er als Lehrling in einer Charlottenburger Exportfirma. Ende Oktober 1938 klopfte die Polizei an die Tür. Deportation nach Polen.
Zusammen mit seiner jungen Frau Teofila floh er im Februar 1943 aus dem Warschauer Ghetto. Ein polnisches Ehepaar erklärte sich bereit, die beiden zu verstecken. Der Satz, an den sich die Geretteten später erinnern sollten: "Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen, sie sollen leben. Und nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird!"
Das Ehepaar Reich überlebte, beider Eltern nicht. Russen waren die Befreier, und auch das erklärt, warum der junge Mann zunächst überzeugter Kommunist wurde. Im Sommer 1946 trat er der polnischen Partei bei, mit 28 war er in London Chef des Generalkonsulats der Republik Polen. Er nannte sich nun Marceli Ranicki, sein Familienname schien ihm nicht mehr recht passend.
Doch wenig später schon bat er um Demission - wegen des eindeutig antisemitischen Charakters der stalinistischen Schauprozesse. Die Partei wiederum attestierte ihm "ideologische Entfremdung" und schloß ihn aus; einige Wochen saß er sogar in Einzelhaft.
Ranicki fand Arbeit in einem Verlag und begann, über deutsche Literatur zu _(* Oben: 1938, in seiner Abiturklasse am ) _(Berliner Fichte-Gymnasium; unten: 1937 ) _(mit seinem Vater in Berlin; 1949 mit ) _(Frau Teofila und Sohn Andrzej in London. ) schreiben: marxistische Literaturtheorie pur und mitunter recht plump. Ranicki war immer noch Kommunist - und ein haarsträubend dogmatischer Kritiker. Verschwiegen hat er diese Arbeiten später nicht. Aber auch nicht gerade gern und ohne Not darüber geredet.
So schrieb er damals, daß Kleists Erzählung "Michael Kohlhaas" nur "wider den Willen des Autors" zur "flammenden Anklage gegen das reaktionäre Junkertum" geworden sei. Rilkes Dichtung verschweige die "wesentlichen Konflikte der Epoche" und diene somit der "herrschenden Klasse". Und dem Autor Brecht bescheinigte Ranicki, daß er zeitweise der Mode "für antirealistische Tendenzen der bourgeoisen Kunst" erlegen sei.
Manche der frühen, zum Teil peinlichen oder drolligen Bewertungen erklären erst die eine oder andere Schärfe des Kritikers später im Westen. Hinter seinen Angriffen verbirgt sich zuweilen heimliche Selbstkritik: Nachprüfung alter Urteile, Entgegnung auf sich selbst.
Zunächst aber nahm er sich, nach dem Wechsel in den Westen, der wichtigen deutschen Gegenwartsautoren an. Gleich im Herbst 1958 war Reich-Ranicki bei einer Tagung der Gruppe 47 dabeigewesen - und hatte zwei Kapiteln aus einem entstehenden Roman des jungen Autors Günter Graß gelauscht.
Der Titel: "Die Blechtrommel". Über dieses Buch veröffentlichte er - im Januar 1960 - seinen ersten Beitrag als Mitarbeiter der Zeit, einen Verriß. Schlicht und ergreifend: ",Die Blechtrommel'' ist kein guter Roman." Doch, um sich ein Hintertürchen offenzulassen: "In dem Graß scheint - alles in allem - Talent zu stecken."
"Die Blechtrommel" wurde einer der wenigen großen Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur. Warum also lehnte er den Roman ab? Graß widme den "Vorgängen des Urinierens und Erbrechens" besondere Aufmerksamkeit, urteilte Reich-Ranicki, auch werde in dem Roman vergewaltigt und onaniert. Der Kritiker verwendete natürlich nicht mehr eine Vokabel wie "Verfall": Im freien Westen schickte sich das nicht.
Der Zeit-Kritiker mäkelte und monierte, an der Bedeutung der Autoren der Gruppe 47 insgesamt ließ er freilich keinen Zweifel - und geschickt nutzte er die Vorbehalte etablierter und konservativer Kritiker, um sich selbst zu profilieren.
Tadelte etwa Günter Blöcker die jungen Autoren unter dem Titel "Die Gruppe 47 und ich", so konterkarierte Reich-Ranicki mit einem spöttischen Artikel "Die Gruppe 47 und Er". Sieburg bescheinigte er gar ein "exemplarisches Scheitern als Literaturkritiker".
Reich-Ranicki schien allgegenwärtig, bei Tagungen, Vorträgen, im Streitgespräch. Wenn sich die Gruppe 47 traf oder der Literaturhistoriker Hans Mayer im Rundfunk das "Literarische Kaffeehaus" über mehrere Sender gehen ließ: Reich-Ranicki war dabei.
Er war schon damals unerbittlich im Nachhaken, Nachfragen, Zuspitzen: Er stellte sich ein wenig dumm - und brachte die anderen prompt aus dem Konzept. Ein Rhetoriker, der seine Gegner das Fürchten lehrte. "Moment mal!" rief er. Oder drohte: "Entschuldigen Sie, ich muß jetzt über ganz simple Dinge reden."
Reich-Ranicki schrieb über fast alle: über Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Böll, Günter Eich, Graß, Alexander Kluge, Martin Walser, Gabriele Wohmann. Und er schrieb über die Schriftsteller aus der DDR. Das war damals fast exotisch. Den Vorsprung, den er an Kenntnissen in Polen gewonnen hatte, nutzte er geschickt. Eifrig polemisierte er gegen alle Tendenzen in der Bundesrepublik, die Autoren von "drüben", wie es damals hieß, totzuschweigen oder zu behindern.
"Deutsche Literatur in West und Ost" hieß das erste Buch des Kritikers im Westen (1963). Der von Reich-Ranicki zuvor kritisierte Reinhard Baumgart entdeckte darin (im SPIEGEL) einen "Beigeruch von Kreidestaub und Tafelschwamm". Zu deutsch: Der Kunstrichter sei ein Oberlehrer.
An Leuten wie Reich-Ranicki sei die Zeit vorbeigegangen, behauptete dann auch der Rundfunkredakteur Peter Hamm. Und Hermann Kant, der zu den von Reich-Ranicki gerühmten DDR-Autoren zählte, teilte Mitte der sechziger Jahre der Stasi über Reich-Ranicki mit: "Der Ruf des Genannten ist im Abnehmen."
Zu früh gefreut. Die Zeit-Zeit war für Reich-Ranicki nur eine Etappe. 1973 _(* 1965 bei einer Tagung der Gruppe 47 ) _(mit Erich Fried (l.) und Fritz J. ) _(Raddatz. ) kam ein Angebot aus Frankfurt am Main. Joachim Fest, damals noch eng mit Reich-Ranicki befreundet und designierter Herausgeber (zuständig für das Feuilleton), hatte sich ausbedungen, den neuen Literaturchef mitzubringen: eben jenen Kritiker, dessen drei Jahre zuvor publiziertes Buch "Lauter Verrisse" mittlerweile ein Markenzeichen geworden war.
Reich-Ranicki kam. Aber er wollte sein eigener Herr werden, nicht abhängig von der Gnade des Feuilletonchefs. Also bestand Reich-Ranicki darauf, allein für "Literatur und literarisches Leben" zuständig zu sein, und ruhte nicht eher, bis diese Absprache 1979 auch im Impressum der Zeitung verankert war.
Der Redakteur aus Überzeugung scheuchte Sekretärinnen ("Monika, wo bleiben Sie?") und junge Kollegen herum, brillierte und nervte in Konferenzen, setzte Mitarbeiter unter Termin- und Qualitätsdruck - Musterfall eines väterlich-autoritären Zirkusdirektors, der die Temperamente zusammenholte, einige wieder verstieß und abstieß, andere lockte und überredete, in einem Blatt zu schreiben, das ihrer politischen Couleur gewiß nicht entsprach.
Einen jungen Kollegen verblüffte er eines Tages damit, daß er ihn überraschend ins Zimmer rief: "Setzen Sie sich, Lieber!" Dann eine kleine Pause: "Ich habe Ihr neues Manuskript gelesen und bin erstaunt: Das ist gut geschrieben, das ist sogar hervorragend! Mal Hand aufs Herz: Haben Sie das selbst geschrieben?" Das war seine Art zu loben, und dann folgte: "Nehmen Sie es gleich in die nächste Nummer! Und nun gehen Sie mit Gott, aber gehen Sie!"
Leserbriefe beantwortete er ohne Rücksicht darauf, ob es die Zeitung einen Abonnenten kosten könnte. Ein Leser aus Kassel beschwerte sich, die FAZ habe ein irreführendes Foto von Böll gebracht, der ohnehin zu freundlich behandelt werde: Der reiche Schriftsteller sei mit Kordjacke auf dem Balkon eines Mietshauses abgelichtet worden, wo doch jedermann wisse, daß er sehr wohlhabend sei. Reich-Ranicki gab knapp und sachlich zurück: _____" Ihre Vermutung ist richtig, daß es Heinrich Böll " _____" finanziell gutgeht. Auf seine Kleidung haben wir keinen " _____" Einfluß und glauben, daß es zu den Rechten der Bürger " _____" dieses Landes gehört, mit oder ohne Krawatte zu gehen. " _____" Auch können wir nichts daran ändern, daß Heinrich Böll in " _____" einem Haus in Köln wohnt, das so aussieht wie auf unserem " _____" Bild. "
Im Ton um so schärfer - und von den betroffenen Autoren entsprechend gefürchtet - gerieten ihm seine großen Verrisse. So über Walsers Roman "Jenseits der Liebe". Wie manches bis ins Lächerliche Überzogene hatte auch der Auftakt dieser Kritik aus dem Jahr 1976 einen Vorteil: Er prägte sich ein. "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman." Und gleich noch eins drauf: "Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen."
Das war reiner Unfug, klang aber gut. Nebenbei hatte der Kritiker auch noch durchblicken lassen, was er von des Dichters Flirt mit der DKP hielt, nämlich nichts. Er nannte Walser einen "geistreichen Bajazzo der revolutionären Linken in der Bundesrepublik Deutschland".
"Jetzt reicht''s, Ranicki!" drohte die linke Zeitschrift Konkret. Als Angestellter der FAZ stand er selbstverständlich unter Rechtsverdacht.
Was seine Gegner nicht wissen konnten: In den Chefetagen der FAZ galt Reich-Ranicki zur gleichen Zeit als linker Vogel. In der Debatte um den "Radikalenerlaß" etwa war der Literaturmann von großer Heftigkeit. Der Beschluß sei dumm und schädlich, versuchte er den Hardlinern im Blatt auf Konferenzen immer wieder einzubleuen.
Als 1977 - zur RAF-Zeit - deutsche Schriftsteller zu Sympathisanten des Terrors gestempelt wurden, nahm er auch öffentlich Stellung: "Böll wird diffamiert", so war sein FAZ-Kommentar überschrieben. Und der war nicht nur zum Fenster hinaus gesprochen.
So gelang es Reich-Ranicki - zum Ingrimm seiner Gegner in Hamburg und anderswo - mit großer Beharrlichkeit, linke Autoren wie Böll und Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf als Mitarbeiter zu gewinnen. Er zahle Bestechungsgelder, hieß es dann - wo es doch nur darum ging, ein anständiges Honorar für seine Mitarbeiter herauszuschlagen.
Doch zählt Reich-Ranicki auch zu jenen "Genies der Kritik", die, wie Moritz Heimann, einer der Altväter des Rezensionswesens, schon vor rund 100 Jahren feststellte, "in Deutschland seltene Vögel" seien?
Nicht, daß er geirrt hat, kann ein Vorwurf sein. Höchstens, daß er für Wesentliches kein Gespür entwickelt. Und daß er es seinen Lesern zu leichtmacht, daß er aus der Literatur das ausgrenzt, was Mühe machen könnte.
Das ist oft behauptet worden. Der Schriftsteller Peter Handke schrieb schon 1968, Reich-Ranicki fühle sich sicher, "weil er auf das Einverständnis vieler hoffen kann". 20 Jahre später ließ er sich zu der Äußerung über den "Feind" hinreißen: Er würde es nicht bedauern, "wenn der einmal stirbt".
Die Verletzungen, die der notorische Verreißer Reich-Ranicki mancher Dichterseele zufügte, gehen tief. Als "unbarmherzig", als "oft ahnungslos" hat der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg die "Schärfe" des Kritikers gegeißelt. Die Fixierung der Schriftsteller "auf diesen Mann" sei ein "Unglück deutscher Kultur".
Auch manche Literaturkritiker halten nicht viel von ihrem Kollegen. Reinhard Baumgart charakterisierte ihn erst kürzlich als "eine Mischung aus Staatsanwalt und Clown", dessen Wirkung oft "schreckliche Folgen" für das Schicksal eines Autors habe. Und Wolfram Schütte von der Frankfurter Rundschau urteilte: "Die Übersetzung der Literatur in die Sprache und das Denken dieses Rezensenten ist ihr Kältetod, ihre Erledigung." Fazit: Es gebe auch Liebhaber der Literatur, die ihr Verhängnis seien. "So einer ist er."
Ist er so einer? Richtig ist, daß er bisweilen lieber die Dampfwalze als das Seziermesser bemüht und seine Aufgabe im Wegräumen des Mittelmäßigen sieht: "Wir müssen uns unentwegt damit befassen, das Schlechte von uns zu drängen." Drastisch gesagt: Eine Aufgabe der Kritik sei die "Müllabfuhr".
Er sieht auf Ordnung in seinem Haus, dem der deutschen Literatur. Überschaubar soll es bleiben. Er bedient die Sehnsucht vieler Menschen nach - so das Soziologenwort - "Reduktion von Komplexität". Er sortiert gern aus. Brecht ist ihm als Lyriker lieber als Rilke, Kleist steht ihm näher als Hölderlin. Er schätzt, so etikettiert er seine Wahl, lieber die "der Aufklärung verbundene" als die "sakrale" Literatur. Seine Favoriten sind Lessing, Goethe, Büchner, Heine, Fontane, Thomas Mann. Eher Unbehagen bereiten ihm neben Hölderlin und Klopstock auch George, Trakl und Celan.
Reich-Ranicki mag keine "großen Seher". Er mißtraue - sagte er in einer Rede über Hölderlin - "den Orakelsprüchen und allen, die als Priester des Gottes im Wahnsinn fungieren". Wenn er die autobiographische Begründung nachreicht, ist das plausibel: "Noch sehe und höre ich die Halbwüchsigen in HJ-Uniform, die, verzückt und ekstatisch, Hölderlins Verse rezitierten."
Eine Vereinfachung und Verkürzung gleichwohl. Und an die Grenze kommt das allzu simple Schema von "sakral" hier und "aufklärerisch" da, wo es um Gegenwartsautoren geht. Peter Handke, ein "beschwörender Prediger und raunender Heilsverkünder"? Botho Strauß, der Mann für das "Tiefsinnig-Aparte"? Die Etiketten halten nicht.
Über Friedrich Schlegel (1772 bis 1829), sein kritisch bewundertes Vorbild, schrieb Reich-Ranicki gerade: "Er galt als unbescheiden, ungezogen und unverschämt." Ein heimliches Selbstporträt? Den "Getriebenen" und "Gehetzten", der "nirgends Ruhe findet", zitiert er mit der Selbstaussage: "Am liebsten besieht man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität."
Daß er wenig Freunde habe, beklagt Reich-Ranicki weniger, als daß er es feststellt. Schließlich sei auch der berühmte _(* Im "Literarischen Quartett" mit Sigrid ) _(Löffler, Joachim Kaiser, Hellmuth ) _(Karasek. ) Theaterkritiker Kerr ein einsamer Mensch gewesen.
Seit nun schon über 50 Jahren lebt Reich-Ranicki zusammen mit Gattin Teofila (daheim sprechen die beiden zumeist polnisch miteinander); der Sohn, ein Mathematiker, arbeitet in Schottland. Unter deutschen Schriftstellern gibt es nur einen, der ihn über Jahre hin als Freund begleitet: Siegfried Lenz - über dessen Romane hat Reich-Ranicki wohlweislich nicht eine einzige Kritik geschrieben. Alte Weggenossen hat er aus den Augen verloren oder sich zum Feind gemacht. Selbst zu Walter Jens und Joachim Fest ist der einst enge Kontakt nahezu abgebrochen.
Er tut sich schwer mit Vertrautheit und Nähe, um so wichtiger nimmt er dafür Liebe und Erotik. Jüngeren Kollegen gibt er gern zu verstehen, daß, wer von dem einen, der Liebe, nichts wisse, vielleicht auch mit dem anderen, der Literatur, seine Schwierigkeiten habe.
Kurz und drastisch pointiert: "Lieber, ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Sie können nicht mit jeder Frau dieser Welt schlafen." Pause. "Hören Sie zu, ich bin noch nicht fertig: Das ist nämlich noch lange kein Grund, es nicht wenigstens zu versuchen."
Merkwürdig, wie empfindlich er auf eine freundschaftliche Rüge von Walter Jens reagiert hat. Der hatte es einmal gewagt, über den damaligen Freund und dessen literarischen Geschmack zu sagen: Wenn ein Schriftsteller wie Max Frisch "die alten Männer und die jungen Mädchen besingt, ist es um Reich-Ranicki geschehen".
Recht rüde gab der Empfindliche später zurück: Jens habe von erotischer Literatur keine Ahnung, er verstehe vom Fach Erotik nichts - jedenfalls nicht soviel wie er, Reich-Ranicki. "Deshalb sollte er den Mund halten."
Diese aggressive Härte, ja Unbeherrschtheit trägt wesentlich zum Erfolg des Fernsehstars Reich-Ranicki bei. Da tritt jemand auf, der mit allen Regeln des schönen Scheins in diesem Medium bricht. Wie aus einer anderen Epoche kommend, hockt er da - und redet bloß. Aber so, daß inzwischen jeder Tankwart weiß, was ein Literaturkritiker ist.
Am 25. März 1988 hatte "Das Literarische Quartett" Premiere. Seither sitzt Reich-Ranicki mit den Kollegen Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek zunächst viermal, inzwischen sechsmal pro Jahr im ZDF vor der Kamera, und es wird mit einem Gast über fünf neue Bücher geplaudert, mehr als eine Stunde lang.
Spickzettel sind nicht gern gesehen, abgelesen wird nur unter größter Mißbilligung von Reich-Ranicki, zitiert allenfalls aus dem Gedächtnis: Das hat schon manchen der Gäste in Verlegenheit gebracht. Was das Publikum entzückt, ist Reich-Ranickis stete Bereitschaft, sich scheinbar lächerlich zu machen, um dann aus der Position des gesunden Menschenverstandes Dinge überraschend zurechtzurücken.
Wer als Autor von ihm verdammt wird, erholt sich so schnell nicht. Wenn er aber einmal lobt, dann mit erheblichen Folgen: Cees Nootebooms Roman "Rituale", von Reich-Ranicki im letzten "Quartett" über alles gepriesen, hat seither um mehr als 80 000 Exemplare an Auflage zugelegt.
Freilich verkauft er auch schon einmal für eine Pointe sein Lieblingsspielzeug. "Das ist ein Kennzeichen des deutschen Literaten, daß er der Muttersprache nicht mächtig ist", verkündet er dann unter tosendem Beifall. Oder: "In Deutschland sind Literatinnen doch nur verhuschte Wesen, die ständig in Ohnmacht fallen und Lyrisch-Märchenhaftes von sich geben. Gräßlich!" Gräßlich, solche Anbiederungen an die Publikumserwartung - in der Tat.
Aber dann ist er eben wieder ganz bei der Sache. Eben noch hart und ungelenk, gewinnt seine Stimme plötzlich an Farbe und Timbre, wird vertraulich wie bei einem Liebesspiel, schmeichelt dem Ohr und der Literatur. Die Stimme wird leise und flüsternd, wandert in die Höhe, zum Falsett. Dann verstummt sie fast angesichts eines anrührenden Romankapitels, sinnt wehmütig einer schönen Erzählpassage nach ("Wie der Autor das macht - das ist schon sehr gut!").
Und endlich spürt auch der größte Holzkopf: Hier hat einer gelernt, Furcht und Schrecken zu verbreiten, um im Schutz dieser Stärke zum Liebenden zu werden, um sich nach all den Abwehrkämpfen und Verheerungen endlich der einen Pflanze zuzuwenden, sie zu schützen und gegen Unbill zu verteidigen.
Der Terminator nimmt die Eisenrüstung ab. Zutage tritt - für Minuten, selige Augenblicke - der väterlich die Hand Auflegende. Und für diesen Moment, auf den das ganze Brimborium der Selbstdarstellung als scharfer Hund, das ganze Spektakel der "Quartett"-Show ausgerichtet ist, lieben ihn die Menschen. Daß der Mächtige so schwach sein kann: wunderbar!
Und für diese Wendung, da der Gefürchtete plötzlich den einen Autor, das eine Buch in seine Arme nimmt und zu seinem Schützling macht, sehnen sich die Schriftsteller, auch die jüngsten, gerade sie, heftig danach, von ihm wenigstens wahrgenommen zu werden. "Er schreibt über mich, also bin ich", sagte schon einmal der Schriftsteller Wolfgang Koeppen.
Und wenn das Schicksal gnädig ist, spielt sogar das Wetter mit.
Beim "Quartett" im August wollte Reich-Ranicki gerade wieder einmal kräftig über einen Roman von Martin Walser herziehen, als sich über der Stadt Salzburg, aus der - wie immer live - übertragen wurde, ein grimmiger Donner entlud.
Sofort hob der Virtuose der Selbstinszenierung Hände und Kopf gen Himmel und fragte die letzte Instanz: "Also, man darf doch etwas gegen Walser sagen?" Gott schwieg. Und sein für Literatur und literarisches Leben zuständiger Stellvertreter auf Erden lächelte triumphierend.
Hinter seinen Angriffen verbirgt sich heimliche Selbstkritik
Musterfall eines väterlich-autoritären Zirkusdirektors
Lieber mit der Dampfwalze als mit dem Seziermesser
Nieder mit Priestern, Göttern und allen Orakelsprüchen
Der Terminator nimmt die Eisenrüstung ab
* Oben: 1938, in seiner Abiturklasse am Berliner Fichte-Gymnasium; unten: 1937 mit seinem Vater in Berlin; 1949 mit Frau Teofila und Sohn Andrzej in London. * 1965 bei einer Tagung der Gruppe 47 mit Erich Fried (l.) und Fritz J. Raddatz. * Im "Literarischen Quartett" mit Sigrid Löffler, Joachim Kaiser, Hellmuth Karasek.

DER SPIEGEL 40/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DER HERR DER BÜCHER

Video 01:15

Antarktis-Expedition Eisbrecher rammt Eisberg

  • Video "Giraffe überlebt Löwenangriff: Raubkatze im Nacken" Video 00:50
    Giraffe überlebt Löwenangriff: Raubkatze im Nacken
  • Video "Naturspektakel: Warum die Niagarafälle (nur fast) zugefroren sind" Video 02:08
    Naturspektakel: Warum die Niagarafälle (nur fast) zugefroren sind
  • Video "Griechenland: Namensstreit um Nord-Mazedonien" Video 03:23
    Griechenland: Namensstreit um Nord-Mazedonien
  • Video "Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala" Video 02:15
    Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Video "Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund" Video 01:27
    Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Video "Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen" Video 01:10
    Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen
  • Video "Medizintechnik: Mikroschwimmroboter für die Blutbahn" Video 01:19
    Medizintechnik: Mikroschwimmroboter für die Blutbahn
  • Video "Wegen Lohnstreitigkeit: Baggerfahrer demoliert Hotel" Video 01:29
    Wegen Lohnstreitigkeit: Baggerfahrer demoliert Hotel
  • Video "Angriff auf Tiertrainer: Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet" Video 11:48
    Angriff auf Tiertrainer: "Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet"
  • Video "Segeln: Spindrift 2 bricht eigenen Äquator-Rekord" Video 00:55
    Segeln: "Spindrift 2" bricht eigenen Äquator-Rekord
  • Video "Boxkampf an Bord: Australischer Billigflieger muss umkehren" Video 01:41
    Boxkampf an Bord: Australischer Billigflieger muss umkehren
  • Video "Aufregung um US-Polizeieinsatz: Video zeigt Kleinkind mit erhobenen Händen" Video 01:13
    Aufregung um US-Polizeieinsatz: Video zeigt Kleinkind mit erhobenen Händen
  • Video "Mount Tai: Der Eisfall am heiligen Berg" Video 00:56
    Mount Tai: Der Eisfall am heiligen Berg
  • Video "Brexit-Comedy: Gollum-Schauspieler parodiert erneut Theresa May" Video 01:53
    Brexit-Comedy: Gollum-Schauspieler parodiert erneut Theresa May
  • Video "Antarktis-Expedition: Eisbrecher rammt Eisberg" Video 01:15
    Antarktis-Expedition: Eisbrecher rammt Eisberg