27.04.1992

RechtsextremistenDürstende Jugend

Ein Münchner Yuppie will neuer Anführer der militanten Neonazis werden.
So einer hat dem rechtsextremen Lager noch gefehlt: ein Kerl, der sich in Discos und Edelrestaurants rumtreibt, modische Panamahüte und Seidenhemden trägt und sich eine Luxuswohnung mit Marmorfliesen leistet - das alles womöglich auf Kosten der Kameraden an der Front.
Doch dieser Yuppie-Typ Bela Ewald Althans, 26, der in München mit Szenegeldern seine PR-Agentur "Althans Vertriebswege und Öffentlichkeitsarbeit" (AVÖ) finanziert, ist drauf und dran, neuer Vordenker der militanten Neofaschisten Deutschlands zu werden: Er will eine "Brücke schlagen" zwischen grölendem Fascho-Volk und feineren Jungdeutschen, die er denn auch auf Tanzböden und Partys anmacht.
Althans ("Hitler ist für mich ein Held") strotzt vor Selbst- und Sendungsbewußtsein. "Ich bin", sagt er, "kein Verführter, ich bin der Verführer."
Schon jetzt sieht sich der Münchner mit dem Gardemaß von 1,93 Meter in der Führungsschicht der Neonazis als die "auffälligste Person" unter "lauter Auslaufmodellen und Karikaturen". Sein "Deutsches Jugendbildungswerk" (DJBW), zu dessen "Amtsleiter" er sich selbst bestellt hat, sei die "Schaltstelle für die ganze Szene", die von Verfassungsschützern auf rund 39 000 Personen geschätzt wird. Das DJBW repräsentiere, so der Chef, "die gefährlichste, modernste und revisionistischste Jugendgruppe Deutschlands".
Smart, kultiviert und redegewandt - der adrette Jung-Nazi, für den randalierende Skinheads nur nützliche "Deppen" sind, könnte einer der gefährlichsten Demagogen im rechten Spektrum werden. "Der hat alles, was den anderen fehlt", sagt der Berliner Verfassungsschützer Bernd Wagner, "der kann auf allen Klaviaturen spielen."
Althans wurde sogar schon im Ausland, von der amerikanischen Zeitung International Herald Tribune, als "wichtigste Figur in Deutschlands wachsender Neonazi-Bewegung" ausgemacht. Tatsache ist, daß der Münchner als potentieller Nachfolger des einstigen Chef-Nazis Michael Kühnen gehandelt wird, der im April vorigen Jahres an einer Aids-Infektion gestorben ist.
Denkbare Rivalen sind der Hamburger Christian Worch, 36, Anführer der "Nationalen Liste" mit einigen Dutzend Anhängern, und der österreichische NS-Rambo Gottfried Küssel, 33, Vormann einer etwa 120 Mitglieder starken "Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition", der allerdings vorerst im Knast sitzt, weil er öffentlich die Wiederzulassung der NSDAP gefordert hat.
Der Agitator Althans ist das Produkt einer systematischen Schulung von Kindesbeinen an. Schon mit 13 Jahren wurde er in seiner niedersächsischen Heimat wie ein Wunderknabe in den Zirkeln von Altnazis und Nationalkonservativen herumgereicht.
Gleich zwei weltanschauliche Ziehväter verpaßten dem Ewald NS-Philosophie und Rednerschliff: der inzwischen gestorbene Willi Krämer, einst Sonderreferent von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, und Otto Ernst Remer, 79, ehemals Kommandeur des "Wachbataillons Großdeutschland". Zu Remer entwickelte Althans sogar "beinahe familiäre Bindungen".
Mit 17 erlebte der Schüler seinen "Durchbruch", als er sich auf einem Seminar der rechtsgewirkten "Gesellschaft für freie Publizistik" spontan und tagesordnungswidrig zu einer "Rede für die nationale Jugend" aufschwang. Da sei einer seiner späteren Mentoren, der Bochumer Politologie-Professor Bernard Willms, begeistert aufgesprungen und habe, erinnert sich Althans, "mit einem Sektkübel Geld gesammelt, damit ich Jugendarbeit machen konnte".
Doch das "Schlüsselerlebnis" hatte er erst im Herbst 1984. Damals begegnete ihm in Hannover der selbsternannte Neonazi-Führer Michael Kühnen zum erstenmal leibhaftig als Gast bei einer Versammlung des "Korps Hohenstaufen", das Althans gegründet hatte.
Er habe, so Althans, seinerzeit noch nichts von Kühnens "Vulgärfaschismus" gehalten und dem Ex-Bundeswehr-Leutnant eigentlich "in den Arsch treten" wollen, aber: "Wir waren wie vom Schlag gerührt, es war eine Offenbarung und wurde mein Entschluß fürs Leben" - die Hinwendung zum "orthodoxen Nationalsozialismus ohne Abstriche vom Programm Adolf Hitlers".
Dem huldigt er seitdem "bedingungslos". Antisemitismus ist für ihn ein "absolutes Axiom", zur "Endlösung der Judenfrage" hatte er 1988 eine weitere "schlagartige" Erleuchtung: die Begegnung mit dem nazistischen Deutsch-Kanadier Ernst Zündel, 53, der aus Toronto die halbe Welt mit Pamphleten über die "Auschwitz-Lüge" überschwemmt.
Althans wurde Zündels deutscher Verbindungsmann. Er organisierte im _(* Am 17. August 1991, dem Todestag von ) _(Rudolf Heß, in Bayreuth. ) März vergangenen Jahres den sogenannten Leuchter-Kongreß, der im Münchner Deutschen Museum stattfinden und beweisen sollte, daß die Vergasung der Juden in den Konzentrationslagern der Nazis schon "exekutionstechnisch" unmöglich gewesen sei. Der Kongreß wurde verboten, die Münchner Staatsanwaltschaft beschlagnahmte im Althans-Büro über 200 Videokassetten und Unmengen von Nazi-Literatur.
Althans bleibt jedoch unverdrossen am Thema: Die "Lüge" von deutscher Kriegsschuld und Holocaust will er zum ideologischen Fundament der Rechten machen - europaweit und als Beginn einer "notwendigen Intellektualisierung".
Ihm schwebt nach dem Vorbild der 1933 gegründeten "Nationalpolitischen Erziehungsanstalten" eine europäische "Napola" für die "geistig dürstende Jugend" vor, die im sächsischen Görlitz errichtet werden könnte.
Keimzelle bleibt vorerst das Deutsche Jugendbildungswerk, das bürotechnisch mit der Althans-Agentur AVÖ identisch zu sein scheint. Von dort werden auch Szeneliteratur und Videos vertrieben.
So ist eine Kassette "Trauermarsch für Rainer Sonntag", die das Andenken an den von Zuhältern in Notwehr erschossenen Dresdner Neonazi Rainer Sonntag wachhalten soll, für 35 Mark im Angebot. "Bei uns geht", verrät der Bürochef, "eine Menge Geld über den Tisch". Wieviel, sagt er nicht - nach Schätzungen von Rechtsextremismus-Experten sind es 600 000 Mark im Jahr.
Aus kleinen Anfängen kann ja mal was ganz Großes werden, und Ewald Althans hat eine Vision: Der Bolschewismus ist "erledigt", die kapitalistischen USA werden "schon in den nächsten zehn Jahren zusammenbrechen", nun warte "die ganze Welt auf die gigantische deutsche Macht".
Der deutsche Staat werde an seinen Problemen mit Umwelt und Asylanten "zugrunde gehen", prophezeit er. Dann komme seine große Stunde: "Dieser Staat ist so marode, daß man mich eines Tages bitten und betteln wird."
Den Plan zur Machtergreifung hat der Hitler-Epigone schon in der Tasche. Als erstes will Althans die Wiederzulassung der NSDAP verlangen, um, wie 1932 und 1933, "in alle Parlamente reinzukrachen". Althans: "Die Entwicklung läuft auf mich zu, und zwar viel zu schnell. Man wird mich auf Schultern ins Rathaus tragen."
* Am 17. August 1991, dem Todestag von Rudolf Heß, in Bayreuth.

DER SPIEGEL 18/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Rechtsextremisten:
Dürstende Jugend

Video 04:27

Deutsche Muslime nach Christchurch Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?

  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?