Am 26. April 1986, um 1 Uhr, 23 Minuten und 44 Sekunden Ortszeit, erreichte der Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl das Hundertfache seiner Nennleistung. Die Brennstäbe barsten, eine gewaltige Explosion hob das Dach des Gebäudes hoch, blaurötliche Flammen erhellten den Nachthimmel, tonnenweise wurden hochradioaktiver Brennstoff und verstrahlte Betonbrocken aus dem brodelnden Inferno emporgeschleudert.
Eine radioaktive Staubwolke stieg bis in die Stratosphäre und driftete um die Welt, legte sich auf Felder, Wälder und Städte, vergiftete Menschen, Tiere und Trinkwasser-Reservoirs.
Wenige Tage nach der bislang größten Katastrophe der zivilen Atomindustrie erteilte die damalige sowjetische Führung drei Männern den Auftrag, die Folgen des Super-GAUs von Tschernobyl zu "liquidieren" - sollte heißen, den durchgegangenen Reaktor zu begraben und die Strahlenschäden soweit wie möglich zu beseitigen.
Jurij Samoilenko, der die Reparaturabteilungen der sowjetischen Atomkraftwerke in Smolensk und Rostow geleitet hatte, wurde zum Generaldirektor des Aufräumungsunternehmens bestellt. Der Ingenieur Wiktor Golubew wurde aus Kuba, wo er den Bau eines Atomkraftwerks beaufsichtigt hatte, zurückbeordert und in Tschernobyl mit der Leitung des technischen Bereichs der Rettungsaktion beauftragt. Wladimir Tschernosenko, Kernphysiker am Institut für Theoretische Physik in Kiew, sollte sich um die wissenschaftlichen Belange kümmern.
In den folgenden sieben Monaten versuchten die drei Katastrophenmanager eine Aufgabe zu lösen, die nach den Worten Tschernosenkos nicht nur von Anfang an "unlösbar", sondern auch "weithin unnötig" war.
Anfang 1991 reiste Tschernosenko nach England, um, wie er sagt, "dem Westen die Wahrheit über Tschernobyl zu übermitteln". Er informierte Fachkollegen, sprach auf Umweltkongressen und arbeitete an TV-Dokumentationen. Das Fazit seiner Tschernobyl-Erfahrungen zieht Tschernosenko in seinem Buch "Einsichten eines Insiders", das in englischer Sprache bei dem Heidelberger Wissenschaftsverlag Springer erschienen ist*.
"Der Unfall von Tschernobyl", schreibt Tschernosenko in seinem Einleitungskapitel, "ist nach seinem Umfang und dem Ausmaß der Folgeschäden auf unserem Planeten eine der gewaltigsten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit."
Anfang 1990 hatten die amtlichen sowjetischen Stellen die Größe des verseuchten Gebietes mit rund 100 000 Quadratkilometer angegeben, einer Fläche, die etwa der früheren DDR entspricht. _(* Vladimir M. Chernousenko: "Chernobyl - ) _(Insight from the Inside". ) _(Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New ) _(York; 396 Seiten; 68 Mark. ) Doch auch heute, ein halbes Jahrzehnt nach der Katastrophe, werden immer noch neue Areale entdeckt, die durch den Fallout von Tschernobyl verstrahlt sind; Gebiete, in denen Menschen bislang glaubten, gefahrlos wohnen zu können, wo Vieh auf die Weiden getrieben und Getreide angebaut wird.
Für das weithin gescheiterte Bemühen, solche Flächen wieder nutz- und bewohnbar zu machen, haben die Sowjets in den drei Jahren nach Tschernobyl umgerechnet rund 14 Milliarden Dollar ausgegeben. Für die folgenden fünf Jahre war noch einmal die vierfache Summe vorgesehen - doch der monströse Aufwand ist laut Tschernosenko nichts weiter als nutzlose Strahlenkosmetik.
Wie gewaltig die Aufgabe, wie vergeblich der Versuch einer Liquidierung der Tschernobyl-Folgen tatsächlich ist, geht aus einem bislang unveröffentlichten Bericht des sowjetischen Atomsicherheitsexperten Jadrichinski hervor, aus dem Tschernosenko in seinem Buch zitiert: "Es wurde soviel Strahlung freigesetzt, als seien rund 80 Prozent des Reaktor-Kernbrennstoffs, also 160 Tonnen (von insgesamt 192), verstrahlt. Das ergibt eine Größenordnung von 6,4 Milliarden Curie, was etwa einem Curie pro Kopf der Weltbevölkerung entspricht."
Diese gewaltigen Mengen radioaktiver Substanzen aus den verstrahlten Böden zu entfernen sei praktisch unmöglich, meint der Atomexperte; auf ihren natürlichen Zerfall zu warten bleibe eine "müßige Hoffnung" - erst in tausend Jahren wird die Strahlung auf ein Tausendstel reduziert sein.
An einem Beispiel macht Jadrichinski das Ausmaß des Strahlendesasters deutlich: Wollte man die bei der Explosion von Block 4 herausgeschleuderten 15 Kubikmeter radioaktiver Substanzen so weit verdünnen, daß sie halbwegs keine Gefahr mehr darstellen, brauchte man dazu 50 Jahre lang das Wasser sämtlicher Flüsse der Erde.
Parteibonzen und Funktionäre, die über zuverlässige Informationsquellen verfügten, hatten 1986 offenbar die Strahlengefahr sogleich erkannt: Schon wenige Stunden _(* In der Moskauer Strahlenklinik Nummer ) _(6. ) nach der Reaktor-Explosion waren sie aus der Unglückszone und sogar aus Kiew geflüchtet.
Erst danach - und nachdem "auch Freunde und Verwandte das Weite gesucht hatten" (Tschernosenko) - begann mit 36stündiger Verspätung die Evakuierung der 49 000 Bewohner von Pripjat, der Arbeitersiedlung von Tschernobyl, die nur drei Kilometer entfernt vom Unglücksreaktor einem mörderischen Strahlenbombardement ausgesetzt war.
Zur selben Zeit wurden aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion die Aufräumkolonnen herantransportiert. Rund 20 000 Menschen, Bergleute und Soldaten, Elektroniker und Spezialisten für fernsteuerbare Fahrzeuge sowie Krankenschwestern und Betonbauer hielten sich in der "heißen Zone" um den explodierten Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl (zu deutsch: "Schwarzes Gras") auf - die einen stundenweise, andere wochen- und monatelang. Die Hilfskräfte hatten sich freiwillig gemeldet oder waren, wie die Soldaten, dienstverpflichtet worden.
Als heiße Zone galt jenes Gebiet mit einem Radius von zehn Kilometern um den Unglücksort, in dem noch immer die radioaktive Strahlung einen ungeschützten Aufenthalt von Menschen zum lebensgefährlichen Risiko macht.
Nicht einmal in der (weniger intensiv verstrahlten) "besonderen Zone" mit einem Radius von 30 Kilometern ist für die nächsten Jahrzehnte an eine Rückkehr der Bewohner zu denken. Durch dieses Gebiet wurden in den ersten Wochen und _(* Mit Kollegen Samoilenko und Golubew im ) _(Hubschrauber. ) Monaten nach der Explosion mindestens 650 000 Menschen als Helfer geschleust - sie alle wurden über Wochen oder Monate erhöhter Strahlung ausgesetzt.
"In Wahrheit", so Tschernosenko heute, "gab es keine Mittel und keine Methoden, den geborstenen Reaktor oder gar die Gesamtsituation unter Kontrolle zu bringen."
Statt alle Menschen nicht nur innerhalb der 30-Kilometer-Zone, sondern auch weit darüber hinaus zu evakuieren und damit vor Schaden zu bewahren, konzentrierte die Sowjetführung nahezu alle Anstrengungen auf den Versuch, die drei noch verbliebenen Reaktoren von Tschernobyl wieder ans Netz zu bringen. Sie brachte damit nicht nur die verbliebenen Einwohner, sondern auch Hunderttausende von Helfern ("Liquidatoren") in Gefahr.
"Hier wurde der Mythos von Tschernobyl geboren", sagt Tschernosenko. Mit Schlagzeilen wie "Die Helden von Tschernobyl dringen in die ,Heiße Zone'' vor" oder "Block 4 unter Kontrolle" hätten die sowjetischen Medien das Schurkenstück zum Heldenepos umgedichtet; die West-Presse habe die Jubelsprüche bereitwillig nachgedruckt.
Bei den Täuschungsmanövern bediente sich die sowjetische Regierung einer Methode, die schon zur Zarenzeit in Rußland üblich war. Tschernosenko: "Der Welt wurden Potemkinsche Dörfer vorgeführt, mit Umsiedlern aus dem Katastrophengebiet, die in ihrer neuen Heimat glücklich und zufrieden lebten."
Die Realität sah anders aus. So mußten die Liquidatoren laut Tschernosenko häufig "eine Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit Hilfsmitteln aus dem 10. Jahrhundert bekämpfen".
Videoaufnahmen, die erst mit langer Verspätung in den Westen gelangten, belegen es. Sie zeigen den Todesmut und zugleich die Ohnmacht der Retter bei ihren Anstrengungen, die Folgen der Reaktor-"Havarie" zu beheben, wie die Katastrophe schönfärberisch im amtlichen Sowjetsprachgebrauch genannt wurde.
Bewehrt mit Bleischürzen (zum Schutz der inneren Organe vor radioaktiver Strahlung), schlurfen Arbeiter hastig über das trümmerübersäte Dach des unmittelbar an den Unglücksmeiler Nummer 4 grenzenden Reaktors. Unbeholfen beladen die grotesk vermummten Helfer ihre Schaufeln mit ein paar Steinbrocken und eilen damit zum Rand des Loches, das die Explosion gerissen hat, um die strahlende Last ins schwelende Innere des Reaktors zu kippen.
Höchstens zwei Minuten Zeit hatte jeder Schippenträger für diesen Arbeitsgang, dann hatte er das amtlich zulässige Jahresmaximum an Strahlung erreicht (oder schon überschritten). Welche Dosis die einzelnen Räumer tatsächlich traf, weiß bis heute niemand. Kaum einer von ihnen trug - mangels Vorrat oder weil die zum Betrieb notwendigen Batterien fehlten - ein Dosimeter. Offizielle Aufzeichnungen mit den errechneten oder geschätzten Werten sind verschwunden.
Die Entscheidung der damaligen Moskauer Regierung, mit dem planlosen Aufräumen unverzüglich zu beginnen, sei "ein kriminelles und sinnloses Opfer menschlichen Lebens" gewesen, urteilt Tschernosenko.
Da gesicherte Daten entweder fehlten oder zensiert und
geheimgehalten wurden, konnten sich um Tschernobyl und seine Folgen
vielerlei Legenden bilden.
21 solcher "Mythen" hat Tschernosenko in seinem Buch aufgezählt,
beispielsweise:
*
Legende 1: Der Reaktor vom Typ RBMK-1000 hatte keine
Konstruktionsfehler. Die Explosion wurde allein durch
Fehler des Bedienungspersonals verursacht.
*
Legende 2: Die bei der Explosion freigesetzten
Radionuklide machen nur drei Prozent der insgesamt 192
Tonnen schweren Beschickung des Reaktors mit Uran aus.
*
Legende 3: Die an den 15 noch in Betrieb befindlichen
RBMK-1000-Reaktoren nach der Katastrophe vorgenommenen
Veränderungen schließen die Gefahr eines zweiten
Unfalls dieser Art aus . . .
Auf der Suche nach der Wahrheit läßt Tschernosenko in seinem
Buch Augenzeugen und Opfer der Katastrophe zu Wort kommen,
beispielsweise den Zementfacharbeiter Wladimir Starowoitow, 31, der
sich zum Zeitpunkt der Explosion nur 500 Meter vom Reaktor Nummer 4
aufhielt:
" Ich hörte einen lauten peitschenden Knall, wie er "
" etwa beim Öffnen eines Dampfventils entsteht. Sekunden "
" später sah ich einen bläulichen Blitz, gefolgt von einer "
" ungeheuren Explosion. Als ich zum Reaktor hinüberblickte, "
" standen nur noch zwei Wände, das Dach und der Rest waren "
" zerstört. Das Teerdach von Block 3 brannte lichterloh. "
" Ein oder zwei Minuten später begann es zu regnen. Erst "
" dachte ich, es sei ganz normaler Regen, doch als ich in "
" ein nahegelegenes Gebäude eilte und mich im Spiegel sah, "
" war ich schwarz von Ruß. 20 Minuten später fühlte ich "
" mich hundeelend, meine Beine versagten. "
Mit 40 Grad Fieber wird Starowoitow in das Medizinische Zentrum Pripjat eingeliefert und am nächsten Tag nach Moskau in die Klinik Nummer 6 verlegt, die Sammelstelle für verstrahlte Liquidatoren aus Tschernobyl.
Viereinhalb Monate bleibt Starowoitow dort, und auf seine Fragen
wird ihm mitgeteilt, daß er eine Strahlendosis von 380 rem erlitten
habe. Er mißtraut der Auskunft:
" Eines Nachts schlich ich in die Registratur, um meine "
" Krankenpapiere einzusehen, und fand die wahre "
" Strahlendosis - 680 rem. Irgend jemand sagte mir, das sei "
" eine tödliche Dosis. "
Als Tschernosenko im April letzten Jahres den Arbeiter
interviewte, war der Verstrahlte längst arbeitsunfähig:
" 1988 haben sie mich an den Beinen operiert, aber die "
" Verbrennungen und Geschwüre dort geben keine Ruhe. Meine "
" Muskeln schmerzen, als steckten sie dauernd im "
" Schraubstock, bei jedem Wetterwechsel leide ich "
" Höllenqualen, und meine Augen versagen langsam ihren "
" Dienst. "
Tschernosenko kennt diese Symptome. Als er im Dezember in Hannover den niedersächsischen Umweltpreis entgegennahm, wurde ihm "einmal mehr mein zerbrechlicher Gesundheitszustand deutlich": zwei große Geschwüre im Zwölffingerdarm, die jederzeit hätten platzen können. Zwei Wochen wurde der verstrahlte Physiker in der Medizinischen Hochschule Hannover künstlich ernährt, ehe er seine selbstgewählte Aufgabe fortsetzen konnte, "die wahren Ursachen, Abläufe und Folgen von Tschernobyl zu enthüllen".
Tschernosenkos Auftritt im Westen kam, wie das englische Wissenschaftsblatt New Scientist schrieb, "zu einem Zeitpunkt", da die internationale Atomlobby den Schock von Tschernobyl "offenbar so gut verkraftet hat, daß sie abermals beginnt, den Bau von Atomkraftwerken voranzutreiben".
Solchen Versuchen, die in Verruf geratene Kernkraft zu rehabilitieren, will Tschernosenko mit seinen Enthüllungen entgegentreten - auch die westliche Atomlobby, meint er, setze alles daran, das Tschernobyl-Desaster zu verharmlosen.
Als besonders tüchtiger Abwiegler erwies sich die in Wien ansässige Internationale Atomenergie Organisation (IAEO), deren Generaldirektor Hans Blix in Begleitung des Abteilungsleiters für Nukleare Sicherheit, Morris Rosen, zwei Wochen nach der Explosion den Katastrophenort aufgesucht hatte. Die beiden Herren bestiegen einen Hubschrauber und kurvten damit über die Reaktor-Ruine und ihre Umgebung.
Blix bedauerte nach seiner Rückkehr den "bestürzenden Anblick des Reaktors", weil er "arbeitende und funktionierende Reaktoren lieber mag als zerstörte". Dann erklärte er, _(* Im Hintergrund der Unglücksreaktor. ) vor Ort bestehe offenbar kein Grund zur Panik. Blix damals: "Wir konnten Menschen auf den Feldern sehen, Vieh auf den Weiden und fahrende Autos auf den Straßen" - eine Ungeheuerlichkeit angesichts des Umstandes, daß Blix kraft seines Amtes eine klare Vorstellung von der Strahlengefahr haben mußte.
Fast sechs Jahre nach dem Unfall steht auch fest, daß der um die Reaktor-Ruine gebaute Sarkophag zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden ist. Das schwere Betongehäuse droht zu bersten und abzusinken - mit dann wahrscheinlich verheerenden Folgen für die Trinkwasserversorgung der Region. In der näheren und weiteren Umgebung der Reaktor-Ruine leben derzeit noch rund 250 000 Menschen auf einer Fläche von 10 000 Quadratkilometern (einem Gebiet von der vierfachen Ausdehnung des Saarlandes); die Menschen in der verstrahlten Region bedürfen ständiger medizinischer Kontrolle.
So hat sich in der nördlich von Tschernobyl gelegenen Gegend um die Stadt Slawgorod seit dem Super-GAU die Zahl der Krebserkrankungen vervierfacht. Dort waren zwischen 1981 und 1985 insgesamt 37 Menschen an Krebs erkrankt, zwischen 1986 und Mitte 1989 wurden demgegenüber 177 Krebsfälle registriert, und das, obwohl nach dem Unglück 20 Prozent der Bewohner das belorussische Gebiet Mogiljow, in der Slawgorod liegt, verlassen haben, wie Buchautor Tschernosenko feststellt.
Fix hatte Blix-Begleiter Rosen 1986 die Strahlengefahren heruntergespielt: "Was die Menschen in den Nachbarländern abbekommen haben, bleibt doch wohl ohne bedeutsame Folgen." Dieser Aussage mochte sich das Schwedische Strahlenschutzinstitut (SSI) nicht anschließen. "Das Problem mit hohem Cäsiumgehalt in Rentierfleisch und Binnenseefisch", heißt es in einem SSI-Report aus dem Jahre 1989, "wird noch jahrelang bestehen"; "Wild- und Renfleisch" dürfe nur "gelegentlich", hochbelasteter Fisch "allenfalls einige Male pro Jahr" verzehrt werden.
Schwerwiegende Langzeitschäden befürchten auch polnische Wissenschaftler. Sie konfrontierten ihre Landsleute vorletzte Woche mit der Prognose, daß in den kommenden 50 Jahren bis zu 6600 Polen zusätzlich an Krebs erkranken und sterben dürften - als Folge des Super-GAUs in der Ukraine.
Schwer betroffen ist, wie sich mittlerweile zeigt, die Tier- und Pflanzenwelt in den ehemaligen sowjetischen Republiken, über die damals die Strahlenwolke gezogen war. In den "verschmutzten Territorien" (so der offizielle Terminus) erblindeten Haustiere, Katzen wurden taub, bei Pferden und Kühen stieg die Zahl der Mißgeburten. Im Fluß Pripjat gibt es keine gesunden Fische mehr, die für den Verzehr festgelegten radioaktiven Grenzwerte werden um das Tausendfache überschritten.
Nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, weigert sich die Atomlobby bis heute, die bedrohlichen Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Das zeigt eine von der Wiener Atombehörde bestellte Studie, die Mitte 1991 veröffentlicht wurde: 200 Experten aus 23 Ländern äußern sich darin über die "gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen des Reaktorunfalls".
"Der Wert dieser Studie", behauptete prompt das industriefreundliche Deutsche Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter, liege vor allem darin, daß viele "Befürchtungen und Behauptungen" über gesundheitliche Folgeschäden nun "erstmals durch unabhängig erhobene Fakten widerlegt" würden.
Wie fragwürdig diese Feststellung ist (die in der
Hauszeitschrift des Karlsruher Kernforschungszentrums nochmals
wörtlich nachgedruckt wurde), ergibt sich aus einigen
Ungereimtheiten:
*
Die Wissenschaftler begutachteten lediglich 1356
Dorfbewohner in einigen belasteten Zonen (auch bei
ihnen wurden "erhebliche Gesundheitsstörungen"
festgestellt), aber sie untersuchten aus "zeitlichen
und organisatorischen Gründen" keinen einzigen der 650
000 Liquidatoren und auch keinen der 100 000 Bewohner,
die aus den verstrahlten Gebieten evakuiert worden
sind. Womöglich aufschlußreiche Befunde, zum Beispiel
die Belastung mit radioaktivem Strontium 90, wurden gar
nicht erst erhoben.
*
Bei den festgestellten Gesundheitsstörungen wird
konstatiert, sie basierten nicht auf "direkter
Strahlenbelastung". Andererseits weisen die Untersucher
darauf hin, daß "noch einige zehntausend Personen
umgesiedelt werden" müßten - weshalb, wenn keine
Strahlengefahr besteht?
*
Einerseits beschwichtigen die Experten mit der
Mitteilung, gegenwärtig lasse sich aus den sowjetischen
Krebsregistern keine Erhöhung der Leukämieraten
ablesen. Andererseits wird festgestellt, "in den
nächsten Jahren" seien "ansteigende
Krebserkrankungs-Häufigkeiten zu befürchten".
Daß 80 Prozent der in den kontaminierten Bereichen lebenden Menschen evakuiert werden möchten und jeder dritte Bewohner befürchtet, an einer strahlenbedingten Krankheit zu leiden, lasse das "Ausmaß des Psychostresses erahnen", schreiben die Karlsruher Kernforscher. Leiden die Menschen in der Gefahrenzone an eingebildeten Krankheiten?
Wie schwer die Betroffenen belastet sind, ergibt sich aus psychiatrischen Untersuchungen, in die 304 Kinder und Erwachsene aus strahlenbelasteten Gebieten einbezogen waren. Diese Menschen wiesen im Vergleich zu Kontrollgruppen aus "sauberen" Zonen deutlich psychische Störungen auf: Sie neigen zu Zornausbrüchen und Stimmungsschwankungen, sie haben Schwierigkeiten, sich zu erinnern, sich zu konzentrieren oder sich anzupassen.
Derartige Symptome, die von IAEOnahen Fachleuten gern als Ausdruck unbegründeter Strahlenangst ("Radiophobie") abgetan werden, deutet Walentin Kondraschenko, Psychiatrie-Professor an der Universität von Minsk, ganz anders: als "Anzeichen fortschreitender Störungen der organischen Funktionen des Großhirns". Der Mediziner konnte die Hirndefekte anhand von Gehirnstrom- und computertomographischen Messungen nachweisen.
Harte Kritik an der IAEO-Studie übten Mitte Januar auch Mediziner vom Krebsinstitut in Minsk während eines Aufenthalts bei Kollegen an der Universität Bern. Früher, vor dem Unglück von Tschernobyl, wurden unter den elf Millionen Einwohnern von Belorußland durchschnittlich ein bis zwei Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern diagnostiziert. Während die IAEO-Experten in ihrem Bericht "keine Anomalien in der Schilddrüsenfunktion bei Kindern" feststellten, fanden die Minsker Krebsspezialisten bereits im Jahre 1990 bei 31 belorussischen Kindern Schilddrüsenkarzinome. 1991 stieg die Zahl auf über 50 an, wie Medizin-Professor Jewgenij Korotkewitsch in Bern berichtete.
Während die Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophe von Jahr zu Jahr deutlicher werden, wächst zugleich die Gefahr eines neuen Tschernobyl. Noch immer wird die Atomwirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion von denselben Wissenschaftlern und Bürokraten dirigiert und kontrolliert, die seit fünf Jahren "die Konsequenzen der Tschernobyl-Katastrophe ignorieren und verharmlosen", so der kanadische Energiefachmann William W. Zuzak jüngst in der Fachzeitschrift Physics Today.
An Ankündigungen, Sowjetreaktoren mit westlicher Hilfe auf einen höheren Sicherheitsstand zu bringen, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt - geschehen ist wenig oder gar nichts. Ende Dezember letzten Jahres erklärte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Matthias Wissmann, ein solches Programm könne mit Hilfe der IAEO für vier Milliarden Mark demnächst in die Tat umgesetzt werden.
Doch gleichzeitig diskutierten IAEO-Mitglieder in Wien eine neue Studie ihres Instituts, die solche Rechnungen zu Wunschträumen macht. Nicht nur die Reaktoren vom Bautyp Tschernobyl, so heißt es dort, auch die sowjetischen Druckwasserreaktoren wiesen zahlreiche konstruktive Mängel auf, die zu katastrophalen Unfällen führen könnten.
"Absolut notwendig" sei es, so interpretierte - wie gewohnt abwiegelnd - ein IAEO-Sprecher für die Öffentlichkeit das verheerende Ergebnis der Studie, "die Sicherheitsbedenken zu erörtern", wobei "der wirtschaftliche und zeitliche Rahmen gewahrt werden" müsse. Zugleich bekräftigten die Atombefürworter aus Wien, "daß die Kernenergie in Osteuropa auch weiterhin eine dominante Rolle spielen" müsse.
Das paßt zu den Vorstellungen westlicher Reaktor-Hersteller, die sich nach Jahren der Flaute vom künftigen Ostgeschäft Aufträge auf Jahrzehnte erhoffen. In den Staaten der GUS und in anderen Ostländern, verkündete vorletztes Wochenende Eberhard von Koerber, Vorstandschef des Mannheimer Energiekonzerns Asea Brown Boveri (ABB), seien derzeit "57 Kernreaktoren in Betrieb, von denen kein einziger auch nur im entferntesten westlichen Mindeststandards" entspreche.
Nur einige wenige der Schrottreaktoren ließen sich nachrüsten, Neubauten seien unumgänglich. Die Höhe der dafür nötigen Investitionen schätzt der ABB-Chef (nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung) auf "mindestens 50 bis 100 Milliarden Mark, vielleicht sogar das Doppelte oder Dreifache".
Offenbar im Bestreben, Banker und Politiker für derart furchteinflößende Großinvestitionen zu gewinnen, prägte der Energiemanager einen Slogan, der auch abschreckend wirken könnte.
Koerber: "Tschernobyl kann sich jeden Tag wiederholen" - Liquidator Tschernosenko hätte es nicht knapper formulieren können.
[Grafiktext]
_144_ Rußland: Tschernobyl: Mit Cäsium 137 kontaminierte Regionen
[GrafiktextEnde]
DER SPIEGEL 5/1992
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