11.10.1993

ES HAT KLICK GEMACHT

Der Bonner Aids-Skandal, über den mehrere Spitzenbeamte ihren Job verloren, brachte ans Licht: Noch immer gibt es keinen sicheren Schutz vor HIV-Infektionen durch Blutkonserven. Mit Seehofers Paukenschlag wird auch die vertuschte Tragödie der mit dem Virus infizierten Bluter neu aufgerollt.

Der junge Mann war gerade 24, als er sich im Sommer vorletzten Jahres mit HIV infizierte. Er war weder drogenabhängig noch homosexuell. Seit er 18 war, hatte er nur mit derselben Freundin geschlafen.

Nach einem schweren Motorradunfall auf dem Weg vom elterlichen Erbhof zu dem Dorf, in dem seine Freundin wohnte, wurde er ins Kreiskrankenhaus eingeliefert. Notoperation, 17 Bluttransfusionen - eine davon brachte ihm den Tod.

Als der Jungbauer, durch die verseuchte Blutkonserve mit HIV infiziert, gegen das Krankenhaus Ansprüche stellte, kam der Schadensregulierer der Versicherung zu ihm auf den Hof: Besser, er akzeptiere die angebotenen 35 000 Mark, sonst werde im Dorf publik gemacht, daß er nun Aids habe.

Der aktenkundige Fall aus Hannovers Umland steht für das verschwiegene Risiko und für das Kartell des Mauschelns und Vertuschens, das letzte Woche mit einem Paukenschlag ans Licht kam und die Republik erschütterte.

Blutkonserven und Blutprodukte, so erfuhr die schockierte Öffentlichkeit, sind auch im zweiten Jahrzehnt der tödlichen Seuche Aids nicht sicher. Aber die Gefahr wurde und wird verschwiegen, mindestens unzulässig verkleinert.

"Unvorstellbar, was hier los ist", berichtete, von der Visite kommend, Oberarzt Burckhard Lietz, Urologe am hannoverschen Vinzenzkrankenhaus. "Die Leute sagen mir, daß sie nur operiert werden wollen, wenn feststeht, daß sie kein Aids bekommen."

Von Bundesminister Horst Seehofer, der höchsten deutschen Autorität in Sachen Gesundheit, hatten Patienten - und Ärzte - das wahre Ausmaß des Risikos erfahren. Oberarzt Lietz: "Auch ich fühle mich hintergangen. Jetzt, wo der Skandal bekannt ist, muß ich sagen, daß ich im Prinzip die Patienten über Jahre belogen habe, wenn sie mich nach dem Aids-Risiko befragt haben."

Mindestens drei von zehn Patienten, so berichtet der Urologe in Hannover, schieben jetzt ihre Operation auf. Und seiner Bestürzung als Arzt fügt er noch die persönliche hinzu: "Meine Tochter Julia hatte einen Unfall und brauchte eine Konserve." Offenbar sei alles gutgegangen, aber das sei doch "ein unglaubliches Gefühl, keine Sicherheit zu haben, daß das Blut in Ordnung ist".

Mit großem Aplomb war die Strafaktion des Ministers über die filzige Hierarchie der deutschen Gesundheitsbeamten hereingebrochen: Dieter Großklaus, Chef des Bundesgesundheitsamtes (BGA), und Abteilungsleiter Manfred Steinbach, im Ministerium zuständig für die Überwachung des BGA - beide gefeuert. Disziplinarverfahren gegen drei weitere hohe Gesundheitsbeamte. Eilsitzung des Gesundheitsausschusses.

Und dann war auch schon der Minister selber unter Druck geraten, der unerschrockene Drachentöter der deutschen Ärzte- und Pharmalobby (SPIEGEL 37/1993). 82 Prozent der Bundesbürger wollten ihn (laut Blitzumfrage Wickert) gesteinigt (sprich: aus dem Ministersessel gekippt) sehen.

Nach Lektüre eines SPIEGEL-Artikels ("Blut vom Drogen-Kiez", 36/1993) hatte sich der Minister zum großen Durchgreifen entschlossen. Der SPIEGEL hatte über die abenteuerlichen Zustände im Plasmazentrum der Firma Immuno nahe dem Hamburger Hauptbahnhof berichtet, wo Fixer zu den Dauerspendern zählen, und über eine vergebliche Rückrufaktion von womöglich HIV-verseuchten Blutkonserven durch die Koblenzer Firma UB-Plasma (die Blutpräparate waren den Patienten bereits appliziert worden).

Von Seehofer zum Rapport nach Bonn bestellt, ergingen sich die Spitzenbeamten des BGA und Abgesandte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in widersprüchlichen und nebelhaften Erklärungen.

Die BGA-Beamten spielten das Aids-Risiko durch Blutkonserven herunter: Das falle unter die Rubrik Arzneimittelnebenwirkungen, das könne doch einen Minister nicht überraschen, "das geschieht doch hundertfach jeden Tag".

Seehofer gewann den Eindruck, die Beamten hätten "die Explosivität der Sache nicht erkannt".

Ein Abgrund von Informationsdefiziten tat sich dem Minister auf: Weder BGA-Chef Großklaus noch Abteilungsleiter Steinbach waren über die UB-Plasma-Rückrufaktion unterrichtet. Auf die Frage des Ministers, wie viele Fälle von HIV-verseuchten Blutkonserven es denn insgesamt bislang gegeben habe, kam während der Klausurkonferenz keine Antwort.

Erst nach der Sitzung klopften die BGA-Leute noch mal an Seehofers Bürotür und präsentierten eine Liste mit 372 Fällen - von denen nun allerdings immer noch nicht klar war, wie viele davon vor 1985, wie viele danach passiert sind. Seehofer, schäumend: "Da hat es bei mir klick gemacht" - Köpfe mußten rollen.

Erst nach der BGA-Enthauptung durch den Minister machten sich die Berliner Beamten daran, ihre 372er Liste zeitlich aufzuschlüsseln (Seehofer: "Jetzt fangen die damit an, nach acht Jahren!").

Dabei stellte sich heraus, daß der weitaus größte Teil der Fälle, nach BGA-Angaben 360, aus der Zeit vor dem 1. Oktober 1985 stammte. Seit diesem Tag sind HIV-Tests für Spenderblut verbindlich vorgeschrieben.

"Ungeheuer klein", so BGA-Professor Meinrad Koch im Juli 1991, sei inzwischen die Gefahr, sich mit Blutkonserven oder Blutprodukten eine HIV-Infektion zu holen. Von einem vernachlässigbaren "Restrisiko" ist allenfalls noch die Rede.

Höchstens eine von einer Million Blutkonserven könne HIV-infiziert sein, lautet das Credo des Gesundheitshüters. Und so stuften auch die Ärzte in den Kliniken gegenüber ihren Patienten das Risiko ein.

Seit den öffentlichen Diskussionen in der letzten Woche ist diese BGA-Doktrin aufs schwerste erschüttert. Kenner der Mammutbehörde in der Berliner Thielallee sind davon überzeugt, daß auch die jetzt vorgelegte Liste nur "die Spitze des Eisbergs", nur das unvollständige Ergebnis schlampiger Buchführung und mangelnder Recherchen der Gesundheitswächter sei.

Der Berliner Pharmaexperte Ulrich Moebius, Herausgeber des industriekritischen Arznei-Telegramms, geht noch weiter: Mit Absicht habe das Berliner Amt seine Verdachtsfälle in Schuhkartons gesammelt und unter der Decke gehalten, um die Hersteller der verseuchten Blutprodukte zu schützen.

Der asketisch wirkende Grauhaarterrier Moebius war es dann auch, der den ungehemmt dreinschlagenden Minister am Ende selbst in die Bredouille brachte.

Seehofer, so Moebius, möge nicht so tun, als ob er erst jetzt von den immer noch HIV-verseuchten Blutkonserven erfahre. Moebius verwies auf einen Alarm- und Brandbrief, den er am 9. November 1992 an den Minister geschickt und dessen Empfang ihm dieser in einem Telefongespräch zwei Tage später bestätigt habe.

In dem Brief hatte Moebius darauf hingewiesen, daß eine Infektionsserie mit einem HIV-verseuchten Blutpräparat der Firma Biotest im Jahr 1990 "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu verhindern gewesen wäre", wenn das BGA bestimmte "Inaktivierungsverfahren", die in solchen Präparaten die Viren abtöten, verbindlich angeordnet hätte.

Als den schlimmsten Finger bei allen BGA-Mauscheleien prangerte Moebius den Bonner Abteilungsleiter Steinbach an, dessen lässiger Umgang mit den Sicherheitsproblemen sogar in Kreisen der Pharmahersteller "ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst" habe.

Steinbach, 60, ehemaliger Sprint-Weltrekordler und Weitspringer, ist auch bei anderen übel gelitten, zum Beispiel bei den Sportlern. Der ehemals parteilose, später von der SPD zur CDU übergelaufene Beamte war als Sportwart der deutschen Athleten bei der Weltmeisterschaft 1991 in Tokio als Antreiber aufgefallen, "so menschlich wie ein Stück Holz". Bei den Athleten galt er als "skrupellos, kalt und berechnend", und nach ihrer Ansicht hat er auch in der Dopingfrage schwer versagt: Alles, was einer konsequenten Dopingbekämpfung genutzt hätte, habe er unterlassen. Im April wurde der Ungeliebte aus dem Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gejagt.

In den Augen von Moebius ist Steinbach "der deutsche Garretta" - das deutsche Pendant zu dem französischen Arzt Dr. Michel Garretta, einst Generaldirektor des französischen staatlichen Transfusionszentrums, der eine vierjährige Gefängnisstrafe im Pariser Gefängnis "Sante" absitzt.

Garretta wurde verurteilt als Hauptverantwortlicher für jenes Desaster, dessen prozessuale Aufarbeitung die französische Nation bis in die höchsten Staatsspitzen durchgeschüttelt hat wie einstmals die Affäre Dreyfus: Wirtschaftliche Überlegungen, persönlicher Geltungsdrang und Autonomiestreben des staatlichen Blutspendezentrums hatten dazu geführt, daß französischen Blutern in den Jahren 1984 und 1985 wissentlich verseuchte Blutkonserven verabreicht worden waren. 1500 französische Hämophile wurden infiziert, mehr als 300 sind schon an den Folgen gestorben.

In Frankreich wackelte, als Garretta vor Gericht stand, die Regierung. Die Verantwortlichen, mindestens die in der zweiten Reihe, wurden bestraft, die Ansprüche der Infizierten auf Entschädigung gesetzlich verankert.

In Deutschland ist dergleichen bisher nicht geschehen - obwohl sich auch ein vergleichbarer Bluterskandal ereignet hat, die schwerste Medikamentenkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik, schlimmer noch als der Conterganskandal in den sechziger Jahren, bei dem rund 5000 Kinder durch das den Müttern verordnete Schlafmittel mit schweren Mißbildungen zur Welt kamen.

Von den 4000 regelmäßig mit Plasmaprodukten behandelten Blutern in den alten Bundesländern sind in den Jahren bis 1985 mehr als 50 Prozent mit dem HIV-Virus infiziert worden. 400 Aids-kranke Bluter sind schon gestorben, jede Woche stirbt ein weiterer.

Zwar wurden in Deutschland, anders als in Frankreich, HIV-verseuchte Blutpräparate nicht wissentlich verteilt. Aber die Unachtsamkeit und Ignoranz, mit denen die (großenteils aus den USA importierten) Blutgerinnungspräparate (Faktor VIII) damals an Bluter verteilt wurden, verbieten es, die Blutertragödie in Deutschland als unvermeidlichen Unfall abzutun. Die damals beteiligten Mediziner hätten es besser wissen können.

Doch die Affäre traf in Deutschland auf eine einträchtig verwobene Allianz aus Industrie, Ärzten und Bluterorganisationen. Die Schlampereien wurden vertuscht, der Skandal blieb ungesühnt.

Erst jetzt, mit dem Wirbel um Seehofer und das BGA, wird die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf dieses Medizin-Desaster gelenkt.

Mit der neu aufgerührten Diskussion darüber, daß nicht nur Bluter, sondern alle Empfänger von Blutkonserven und Blutprodukten ein HIV-Risiko tragen, tritt auch die bisher stumm gebliebene, von ihren eigenen Verbänden unzulänglich vertretene Gruppe der HIVinfizierten Bluterkranken wieder aus dem Schatten.

In Frankreich, wo das Blutspendewesen unter staatlicher Regie läuft, waren die Verantwortlichkeiten klar. In Deutschland kämpften, als die große Welle der HIV-verseuchten Blutkonserven lief, Firmen um Marktanteile; um so schärfer hätte die staatliche Aufsicht wirksam werden müssen.

Doch die staatlich installierten Warnsysteme haben in der Praxis versagt - nicht zuletzt, weil sie zurückschreckten vor der Wucht der finanziellen Interessen, die mit dem großen Blutgeschäft verbunden sind.

Der Jahresumsatz der Blutbranche in Deutschland, die vier Millionen Blutspenden pro Jahr abschöpft, wird auf 500 Millionen bis eine Milliarde Mark geschätzt. Beherrscht wird das Blutspendewesen von pharmazeutischen Branchenriesen wie Behring, Immuno, Cutter (einem amerikanischen Tochterunternehmen von Bayer) und dem Deutschen Roten Kreuz.

Ein undurchsichtiges Kartell: Schon 1981 hatte das Berliner Kartellamt gegen die vier größten Anbieter der aus Blut gewonnenen Faktor-VIII-Konzentrate - die Firmen Travenol, Immuno, Cutter und Behring - "Ermittlungen wegen des Verdachts des Mißbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung" aufgenommen. Die großen vier teilten sich bei (laut Kartellamt) "mißbräuchlich überhöhten" Preisen rund 85 Prozent des Gesamtumsatzes; das Kartellamt sprach von einem "oligopolistischen Markt", auf dem praktisch kein Wettbewerb mehr herrsche.

Auch vor Bestechung schrecken einige Firmen der Blutbranche nicht zurück, um ihre Plasmaprodukte an den Mann zu bringen: Einem der Bonner Oberärzte waren von der Kölner Handelsfirma Pro Plasma fast 2,5 Millionen Mark Schmiergeld auf ein Schweizer Nummernkonto überwiesen worden; seine Strafe: 22 Monate Gefängnis (auf Bewährung) und 600 000 Mark Geldbuße.

Die dubiose Blutfirma Pro Plasma besaß weder eine Zulassung für den Arzneimittelhandel, noch war das Unternehmen, wie vom Gesetz vorgeschrieben, versichert. Wegen "Vermögenslosigkeit" wurde die Firma aus dem Handelsregister gestrichen.

Sorgfalt wird im Blutgeschäft ohnehin nicht überall großgeschrieben.

Obwohl das Bundesgesundheitsamt vorschreibt, Risikogruppen wie Homosexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige vom Spenderkreis auszuschließen, betreiben einige Plasmaklitschen ihre Zapfstationen mit Vorliebe in schmuddeligen Bahnhofsvierteln - so auch das Hamburger Blutplasmazentrum der österreichischen Firma Immuno (Umsatz 1991: 224 Millionen Mark), über das der SPIEGEL berichtete.

Insgesamt 170 000 Liter Spenderblut pro Jahr schöpft das Unternehmen in Hamburg und anderen Großstädten ab. Auch die Dortmunder Firma Seroplas sammelt ihre Spenden im Fixermilieu. Sie sitzt in der Kampstraße, ebenfalls gleich am Bahnhof, wo sich die Junkies tummeln.

Arnulf Käser, bei Immuno verantwortlich für die Plasmaprodukte, sieht darin nichts Anstößiges: "Wir müssen nun einmal dorthin gehen, wo der Publikumsverkehr groß genug ist, um genügend Plasma zu bekommen." Zudem würden die Spender "auf Einstiche" untersucht.

Zumindest beim Drogensüchtigen Karlheinz Schmidt, 29, Stammkunde bei Immuno, haben die firmeninternen Kontrolleure beide Augen zugedrückt: Obwohl sein Arm von Drogeneinstichen gezeichnet ist, durfte er, laut Immuno-Spendenakte, 337mal zum Aderlaß antreten.

In großem Maßstab hatte die wirtschaftliche Ausbeutung des menschlichen Körpersaftes in den siebziger Jahren begonnen, gleichsam ein Kampf um jeden Blutstropfen. Auf der 28. Weltgesundheitsversammlung 1975 wurde erstmals vor den Gefahren der kommerziellen Nutzung der Blutspende gewarnt.

Mit regelrechten Mafiamethoden kämpfen die Konzerne um Marktanteile. Vor allem in der Dritten Welt wurden in Ländern wie Zaire, Haiti oder Ghana Blutspendezentren zuhauf eröffnet. Teilweise illegal schmuggelten die Blutdesperados Konserven über die Grenzen.

Im mittelamerikanischen Belize zwangen Gangstertrupps die ausgehungerten Einheimischen mit vorgehaltener Waffe zur Blutspende. In Managua, der Hauptstadt von Nicaragua, wurde das Blutspendelabor 1979 in der Nacht der Revolution als Symbol der Ausbeutung abgefackelt; das Center hatte innerhalb von vier Jahren allein nach Europa 250 000 Liter Plasma exportiert.

Die Deutschen behaupten - so letzten Donnerstag Professor Reinhard Kurth vom Bundesamt für Sera und Impfstoffe -, sie würden aus der Dritten Welt keine Blutprodukte importieren. Dafür gibt es in Richtung Ostblock Blutkontakte.

In der rumänischen Hauptstadt Bukarest betreibt die Firma UB-Plasma, jüngst durch ihre Rückrufaktion aufgefallen, seit zwei Jahren eine Blutsammelstelle. Im nächsten Jahr will das Mini-Unternehmen (7 Mitarbeiter) bis zu 5000 Spender abzapfen. Die Chargen seien aber ausschließlich für den "osteuropäischen Markt" gedacht, sagt UB-Plasma-Geschäftsführer Ulrich Kleist. Gewinn habe man in Rumänien bislang nicht gemacht, "wir haben nur Geld reingesteckt".

Auf deutschem Boden drehen die Blutsammler ein großes Rad. Allein in Baden-Württemberg sammelt das Deutsche Rote Kreuz pro Jahr 400 000 Vollblutspenden und macht damit einen Umsatz von 71 Millionen Mark. Hauptsächlich geht es um die Gewinnung von roten Blutkörperchen, doch werden aus den Spenden auch rund 95 000 Liter Blutplasma gewonnen.

Neuerdings bedienen sich die Blutsammler vom Blutspendedienst in Baden-Baden unkonventioneller Methoden, um an den begehrten Saft zu gelangen: Sie veranstalten Dracula-Partys in Diskotheken. Im Gruftie-Ambiente mit Särgen, Spinnennetzen und verkleideten Blutsaugern sollen jugendliche Spender zum Abzapfen animiert werden.

"Die Art und Weise, wie die Medien mit dem Thema umgehen", findet Manfred Stähle, Geschäftsführer des DRK-Blutspendedienstes in Baden-Württemberg, sei "total aufgeblasen". Das Risiko, eine HIV-infizierte Konserve zu erwischen, sei äußerst gering. Im übrigen: "Es ist einfach eine Tatsache - über 50 Prozent der Konserven erhalten Leute im Alter von über 65 Jahren. Die erleben den Ausbruch der Aids-Krankheit doch gar nicht mehr, wenn sie sich bei einer Transfusion angesteckt haben."

Erst seit kurzem geht der baden-württembergische Blutspendedienst dazu über, auch bei sogenanntem Frischplasma ein Verfahren zur Unschädlichmachung möglicher HIV-Verunreinigungen (Virus-Inaktivierung) einzuführen. Dieses Frischblutplasma stellt bisher ein besonderes Problem dar: Es ist nur rund sechs Wochen haltbar und muß deshalb schnell verbraucht werden - damit wird das Risiko der "diagnostischen Lücke" (Stähle) unvermeidlich.

Zwischen sechs Wochen und drei Monaten kann es dauern, bis der Organismus eines HIV-Infizierten gegen das Virus Antikörper produziert hat - nur diese sind mit dem gängigen Testverfahren nachzuweisen. Die Folge: Blut von einem Spender, der sich erst kurz vor dem Abzapfen infiziert hat, durchläuft womöglich den Test ohne Beanstandung.

Das war auch der Grund, weswegen die Firma UB-Plasma sich kürzlich zu der eiligen Rückrufaktion entschloß. Es mußte befürchtet werden, daß HIV-verseuchtes Plasma an süddeutsche Krankenhäuser, darunter das Kreiskrankenhaus Burglengenfeld, geliefert worden war. Der Spender, der zu einem neuen Blutspendetermin wieder ins Labor kam, erwies sich (wie sich hinterher zeigte, fälschlich) als HIV-positiv.

Diese Sicherheitslücke bei Blutspendeprodukten konnte bis heute nicht zufriedenstellend geschlossen werden. Aber daß es in jenen verhängnisvollen Jahren 1983 und 1984 zu einer so massenhaften Überschwemmung von Bluterkranken mit dem Aids-Virus gekommen ist - dafür gibt es auch im nachhinein keine Entschuldigung. Bereits im Juni 1983 war in Deutschland (SPIEGEL-Titel 23/1983, "Tödliche Seuche Aids") anhand von Fallschilderungen auf die Aids-Gefahr für Hämophile hingewiesen worden.

Trotzdem dauerte es in Deutschland - wie in Frankreich - weitere zwei Jahre und vier Monate, bis endlich die HIV-kontaminierten Präparate nicht mehr in Verkehr gebracht werden durften.

Zu einer amtlichen Rückrufaktion mit Hilfe der auffälligen "Rote-Hand-Briefe", wie sie an Ärzte, Kliniken und Apotheken verschickt werden, kam es nirgendwo. Weil Blutplasma lange gelagert wird (bis zu zwei Jahre), ist davon auszugehen, daß auch noch 1986 und sogar 1987 Bluterkranke mit verseuchten Faktor-VIII-Präparaten infiziert wurden - fünf Jahre nachdem das Problem erkannt worden war.

Mit schuld daran war eine groteske Fehlbeurteilung der neuen Krankheit durch zahlreiche meinungsbildende Ärzte in der Bundesrepublik - und durch die verantwortlichen Politiker.

So schrieb im Januar 1987 die damalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth in den Mitteilungsblättern der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft über "das Auftreten" von HIV-Viren "in den Blutprodukten", die Gefahr sei durch entsprechende Maßnahmen des Bundesgesundheitsamtes "technisch rasch gemeistert" worden. Bei dieser unwahren Behauptung sind bis heute alle Verantwortlichen geblieben.

Die lange Zeit des Zögerns wird Tausende von Menschen das Leben kosten, vor allem Hämophile, die sich zwischen 1983 und 1985 ansteckten und nun, in den neunziger Jahren, sterben werden.

Nur unter dem Druck immer neuer Infektions- und Todesfälle entschied sich der Bonner BGA-Aufseher Steinbach zu verschärften Sicherheitsvorschriften. Erst vom Juli 1987 an wurde den Herstellern von Blutprodukten der Einsatz von Virusabreicherungsverfahren vorgeschrieben. Seither müssen sie mit bestimmten Methoden ihre aus vielen tausend Einzelspenden zusammengemixten Blutpools von HIV-Viren befreien (siehe Grafik Seite 28).

Keines der heute gängigen Verfahren bietet hundertprozentige Sicherheit. Durch Virusnester im Präparat (die Viren verklumpen an einer Stelle), aber auch durch defekte Wärmeöfen oder nachträgliche Verunreinigung der Blutprodukte können die Reinigungstechniken konterkariert werden.

Als besonders unzulänglich erwies sich die Kaltsterilisation. Dieses chemische Verfahren, bei dem die Viren durch giftige Substanzen zerstört werden, funktioniert nur bei exakt eingehaltener Dosis und präzisem Verfahrensablauf. Dennoch überläßt es das BGA den Herstellern bis heute, ihre Inaktivierungsverfahren nach eigenem Gusto zu wählen. Diese laxe Einstellung und die Wahlfreiheit zwischen angeblich gleichwertigen Inaktivierungstechniken lösten sogar in der Pharmabranche selber Irritation aus.

Der Grund für die im BGA gehegte Zurückhaltung ist klar. Alle Inaktivierungsverfahren schädigen das Präparat. Bei der Hitzesterilisation etwa gehen rund ein Drittel der im Blut enthaltenen Eiweißenzyme kaputt. Daraus, so das Argument der Industrie, würde eine "Unterversorgung" der Bevölkerung mit Plasma und Blutpräparaten resultieren.

Ein Scheinargument: Das Interesse der Hersteller, möglichst viele Präparate zu verkaufen, triumphiert über die Sicherheit.

Mit derselben Motivlage gehen die Bluthersteller, darunter das Deutsche Rote Kreuz, mehr oder minder gezielt gegen die Einführung von Eigenblutkonserven an den Krankenhäusern vor: Auf diese Weise könnten Patienten, deren Operation sich planen läßt, ihr HIV-Risiko auf null bringen.

Teils mit Verunsicherung der Ärzte ("Könnte gefährlich sein"), die in der Regel von Transfusionsmedizin wenig Ahnung haben, teils durch Verwirrung der Chefärzte, die sich mit den bürokratischen Vorschriften nicht auskennen, suchen das DRK und die privaten Blutbanken an den Kliniken Stimmung gegen die "autologe Bluttransfusion" zu machen.

Auch in den Jahren nach 1985 haben die gravierenden Lücken im Blutspendewesen zu einer unüberschaubaren Zahl von Infektionsfällen geführt. Vor allem das PPSB, ein Multifaktor-Cocktail, der nach chirurgischen Eingriffen, aber auch an Unfallopfer und Frauen mit Fehlgeburten verabreicht wird, geriet vielen Krankenhauspatienten zur Todesspritze.

Ein regelrechter Infektionsschub ereignete sich im April 1990. Damals warf die Firma Biotest eine riesige Charge (Nummer 1601089) von PPSB-Präparaten auf den Markt. Über ganz Deutschland wurde die aus mindestens 2000 Flaschen bestehende Ladung verteilt. Das Material war nur kaltsterilisiert.

Einen Hauptposten, 400 Flaschen, hatte der Leiter der Hämophilie-Ambulanz in Bonn, Hans-Hermann Brackmann, geordert. Sechs seiner Patienten waren nach der Verabreichung der Biotest-Medikamente HIV-positiv.

Unverzüglich meldete Brackmann die Fälle ans BGA. Fast zeitgleich infizierte sich eine weitere Person in Göttingen - auch sie war mit der Charge 1601089 in Berührung gekommen. In der Uniklinik Frankfurt wurden gleich drei Personen durch die Biotest-Flaschen mit HIV-Viren angesteckt: ein Mann, der sich einer schweren Leberoperation hatte unterziehen müssen, ein Bluterkind und ein junges Mädchen, das nach einem Fahrradunfall mit schweren Verletzungen in die Klinik eingeliefert worden war.

Wahrscheinlich sind diese zehn bekanntgewordenen Fälle längst nicht die ganze schreckliche Wahrheit. Brackmann: "Ich vermute eine hohe Dunkelziffer." Das gilt auch für andere Lieferanten und Chargen. Pharmakritiker Moebius rechnet mit "bis zu 2800 Fällen" von HIV-Infektionen, die nie aktenkundig wurden, weil sich der Ursprung der Infektion nicht ermitteln ließ.

Wie mühsam solche Spurensuche ist, weiß der Siegener Rechtsanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen. Jahrelang war er damit beschäftigt, Schadensersatzansprüche von Mandanten durchzusetzen, die sich durch eine verseuchte PPSB-Gabe mit HIV infiziert hatten. "Die Rückverfolgung hin zur Ursache der Aids-Erkrankung", sagt der Rechtsanwalt, "gleicht einem Detektivspiel."

Einen seiner schwierigsten Fälle recherchierte Schulte-Hillen 1988. Ein junger Mann schrieb ihm, seine Mutter sei an Aids verstorben; der Anwalt möge den unerklärlichen Vorgang aufhellen.

Schulte-Hillen ermittelte, daß sich die Frau in einer baden-württembergischen Klinik einer schweren Operation unterzogen hatte. Die Ärzte behaupteten, PPSB sei während des chirurgischen Eingriffs nicht verabreicht worden.

Erst eine Freundin der Verstorbenen brachte den Anwalt auf die Spur. Am Tag der Operation habe ihr die Frau erzählt: "Du, die Ärzte haben gesagt, heute krieg'' ich eine ganz teure Spritze. Die kostet 500 Mark."

Exakt 500 Mark kosteten die von einem PPSB-Hersteller angebotenen Halbliterflaschen. Erneut stellte der Rechtsanwalt den behandelnden Arzt zur Rede, bis der seine privaten Operationsnotizen herausrückte. Der Verdacht bestätigte sich: Die Frau war durch ein Gerinnungspräparat infiziert worden.

Insgesamt 15 Fälle von PPSB-Infektionen hat Schulte-Hillen mittlerweile verfolgt. Zu seinen Mandanten gehörten eine Siegerländer Frau, die nach starken Blutungen im Wochenbett "PPSB Behring" verabreicht bekam, und ein Mann, der nach einer Vierfach-Bypass-Operation infiziert wurde.

Ein tragischer Fall war auch Schulte-Hillens Mandantin Elke Mehl*. Ende 1983 hatte sie ein Kind zur Welt gebracht. Die starken Nachblutungen waren mit PPSB von Behring gestillt worden. Vier Jahre später, das zweite Kind war unterwegs, unterzog sich die Frau einem HIV-Test, Ergebnis: positiv. Aus Angst, das Kind könne sich ebenfalls infizieren, trieb die Frau ab. Inzwischen ist sie gestorben.

Daß sich Fälle wie dieser nach wie vor ereignen können - diese Sorge können auch alle Beschwichtigungsversuche aus dem Bundesgesundheitsamt nicht ausräumen. Acht Jahre nach Einführung der HIV-Tests bei Blutkonserven und Blutprodukten ist das Infektionsrisiko im deutschen Blutspendewesen nicht gebannt:
* Das BGA schreibt keine Poolbildungsbegrenzung vor -
nach wie vor
_(* Name von der Redaktion geändert. ) dürfen Hersteller bis zu 70 000 Einzelspenden zu einer Charge zusammenrühren; wenn nur ein einziger HIV-infizierter Spender dabei ist, ist die ganze Charge verseucht.
* Die Blutspendezentren werden nicht daraufhin
kontrolliert, ob Risikoträger, zum Beispiel Fixer, zu
ihrem Spenderstamm zählen.
* Bis heute unerfüllt blieb die Forderung, Spenderplasma
sechs Monate lang in Kühlschränken zu lagern, bis sich
der Spender bei einem erneuten Test als HIV-negativ
erweist, wodurch das "diagnostische Fenster"
geschlossen würde.

Gegen diese "Quarantänelagerung" mauern die Pharmamultis: Die Lagerkosten würden steigen, aufwendige Kühlapparaturen müßten angeschafft werden. Zudem ist fast jeder dritte Blutspender nur ein sporadischer Gast am Schlauch. Wenn er sich nicht zu einem neuen Zapftermin wieder einfindet, müßte sein Spenderblut vernichtet werden.

Die Einführung einer Quarantäne für Blutprodukte, bei denen das Virus nicht inaktiviert werden kann, kündigte Minister Seehofer nun für Ende des Jahres an. Außerdem soll eine nationale Selbstversorgung mit Blutspenden angestrebt werden, um risikoreiche Importe zu vermeiden.

Der große Krach, den Seehofer letzte Woche gegen seinen Beamtenapparat vom Zaun brach, eröffnet die Chance, Sicherheitsdefizite im Blutspendewesen endlich abzubauen.

Noch in dieser Woche will der Minister ("Das geht bei uns rucki-zucki") einen neuen Chef für das Bundesgesundheitsamt ernennen. Der "Zahlensalat" (Seehofer), mit dem Ende der Woche die BGA-Beamten ihre 372er Liste wieder herunterrechneten (für die Zeit nach 1985 blieben nur noch 7 Fälle von HIV-Infektionen übrig), überzeugt den Minister offenbar nicht.

Den eigenen Rücktritt schloß Seehofer, seit Mai 1992 im Amt und in der CDU/CSU-Fraktion als Senkrechtstarter bewundert, Ende letzter Woche aus. Er will sich "persönliche Fehler" in der Affäre um die BGA-Liste nicht zurechnen.

Blaß vor Zorn war er am Mittwoch mit seiner Ankündigung personeller Konsequenzen vor die Presse getreten. Bleich vor Erschöpfung verließ er am Freitag die Bonner Bühne.

Die bisher so unerschrockene Kampfeslust des Gesundheitsreformers wich über all den Querelen der vergangenen Woche "einer tiefen Traurigkeit".

Übermüdet von nächtlichen Dauersitzungen mit seinen Gesundheitsbeamten und frustriert über die Lethargie in den Ämtern, über die er herrscht, klagte der Bayer: "Ich erlebe jede Stunde gewissermaßen als politisches Stalingrad." Y

* Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 41/1993
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