27.01.1992

„Wir töten euch ganz leise“

SPIEGEL: Herr Tschernosenko, Sie haben sich vom Mai 1986, unmittelbar nach der Katastrophe von Tschernobyl, bis zum November 1986, als der Sarkophag für den Unglücksreaktor fertig wurde, also rund acht Monate lang, in nächster Nähe des Unglücksreaktors aufgehalten. Wieviel Strahlung haben Sie dabei abbekommen?
TSCHERNOSENKO: Meine Beine sind mit etwa 650 rem am stärksten betroffen. Weil ich wußte, daß mein Körper nicht gleichmäßig verstrahlt werden würde, hatte ich mir zu Anfang an meiner Kleidung mehrere Dosimeter, Strahlenmeßgeräte, von der Stirn bis zu den Füßen befestigt.
SPIEGEL: Basiert die von Ihnen genannte Strahlenmenge auf Schätzungen, oder ist sie die Summe aller gemessenen Dosimeter-Werte?
TSCHERNOSENKO: Die politische Führung hatte seinerzeit entschieden, jeder Liquidator, also jeder an den Aufräumungsarbeiten Beteiligte, dürfe nur eine Strahlung von 25 rem erhalten. Danach habe er das Gebiet zu verlassen. Um trotzdem dort bleiben zu können, haben wir drei für die Liquidation Verantwortlichen - Jurij Samoilenko, der Direktor der Einsatzgruppe, der technische Leiter Wictor Golubew und ich als wissenschaftlicher Direktor - uns _(* Mit Redakteuren Rolf S. Müller und ) _(Rainer Paul. ) entschieden, bei uns selbst die empfangene Strahlendosis nicht mehr aufzuschreiben.
SPIEGEL: Zu den Aufräumungsarbeiten wurden insgesamt viele hunderttausend Menschen herankommandiert. Sind bei denen die empfangenen Strahlungsmengen dokumentiert worden?
TSCHERNOSENKO: Das ist eine sehr schwierige Frage. Im Grunde genommen müßte beim Aufräumen nach einer Atomkatastrophe die Kontrolle der Verstrahlung mit Vorrang und optimal organisiert sein, damit die gesundheitliche Belastung sich in vertretbaren Grenzen hält. In Tschernobyl sind die Betroffenen erst lange nach der Explosion dahintergekommen, warum eine solche Kontrolle äußerst mangelhaft und oft überhaupt nicht vorgenommen wurde.
Da es während der Arbeiten keine Kontrolle gab, hat man später, als die Menschen anfingen, krank zu werden, und als sie starben, bei jedem Erkrankten einfach 2 rem pro Tag angenommen, auch wenn er 100 rem erlitten hatte.
SPIEGEL: 2 rem waren die zulässige Höchstmenge - und die wurde hingeschrieben, egal, wieviel ein Mensch tatsächlich abbekam?
TSCHERNOSENKO: Ja.
SPIEGEL: Können Sie uns die Folgen der Strahlungsbelastung auf Ihren Organismus schildern?
TSCHERNOSENKO: Eine sehr starke Strahlenbelastung wirkt sich als erstes auf das Herz- und Gefäßsystem aus. Die Herzkranzgefäße werden in Mitleidenschaft gezogen, dann die inneren Organe wie etwa die Nieren. Bei einer hohen Verstrahlung wird der vorher starke und vitale Mensch schwach und müde. Gefäßkrämpfe führen zu schrecklichen Kopfschmerzen. Wenn die Beine betroffen sind und die Gefäße der Beine, dann ist das wie ein Pfropf, eine Thrombose. Es fühlt sich so an, als würden die Beine in Schraubstöcke gezwängt.
SPIEGEL: Wie fühlen Sie sich jetzt?
TSCHERNOSENKO: Manchmal fühle ich mich eigentlich ganz wohl. Dann wieder wundere ich mich, daß ich noch am Leben bin. Zu den Folgen der äußeren Verstrahlung kommen die Strahlenmengen durch die Radionukleide, die in den Körper eingedrungen sind. Alle Beteiligten haben das giftige, langstrahlende Plutonium eingeatmet. Diese Mundschutzdinger, die wir manchmal umgebunden _(* Rechts: Arbeiter beim Bau eines ) _(Sicherungstunnels unter dem Reaktor ) _(Nummer 4. ) haben, halten Plutonium nicht zurück.
SPIEGEL: Wovor sollten und konnten die Atemmasken denn schützen?
TSCHERNOSENKO: Vor dem Einatmen der in der Luft enthaltenen Radionukleide. Da die aktive Zone des Reaktors vollkommen zerstört war, gab es eine gewaltige Freisetzung von Radionukleiden in die Atmosphäre. Bei der Katastrophe sind auch alle Reaktorelemente zerstört worden, in denen Plutonium enthalten war. Die Liquidatoren atmeten das Plutonium ein, vor dem keine Atemmaske schützen konnte, sie schädigten damit ihre Lungen, und sie schädigten ihren Magen- und Darmtrakt, als sie das Plutonium schluckten, sie bekommen immer wieder Geschwüre.
SPIEGEL: Auf Fotos und in TV-Filmen war zu sehen, daß Arbeiter beim Aufräumen Bleiwesten und Schutzanzüge trugen.
TSCHERNOSENKO: Die primitiven Wege des Schutzes, zu denen wir im Verlaufe der Aufräumarbeiten greifen mußten, haben den notwendigen Schutz nicht sichergestellt. Es gab im ganzen Land keine geeignete Schutzkleidung.
SPIEGEL: Sie haben in diesen acht Monaten keine Schutzkleidung getragen?
TSCHERNOSENKO: Ich muß betonen, daß die Schutzkleidung ja eine Fiktion ist. Als Kernphysiker weiß ich das gut. Im günstigsten Fall könnte die Strahlung dadurch auf zwei Drittel oder die Hälfte verringert werden. Aber wir hatten es mit Feldern von 10 000 bis 15 000 Röntgen pro Stunde zu tun . . .
SPIEGEL: . . . und da nützt die beste Schutzkleidung nichts.
TSCHERNOSENKO: Das war wie ein Feigenblatt, denn auch zwei Drittel oder die Hälfte der Strahlung waren noch zuviel. Ich habe damals für mich entschieden, daß es in dieser strahlungsintensiven Umgebung für einen Menschen vielleicht besser ist, sich schnell zu bewegen, anstatt, von der Kleidung behindert, wie ein Teddybär umherzuwackeln.
SPIEGEL: Hätten diese Strahlenschäden bei den Beteiligten verringert werden können, wenn es dort mehr westliche Technologie gegeben hätte?
TSCHERNOSENKO: Ja natürlich, wenn es die erforderliche Technologie gegeben hätte, das ist der zweite tragische Punkt, der uns bis heute nicht in Ruhe läßt. Bis zum GAU von Tschernobyl lebten wir in dem Glauben, daß die Weiterentwicklung der Atomenergie parallel laufen würde mit der Entwicklung der erforderlichen Schutzgeräte und -maßnahmen für eventuelle Notsituationen. Aber als diese Atomkatastrophe passierte und wir den Westen dann um Hilfe baten, hat sich herausgestellt, daß im Westen die Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen genausowenig verfolgt worden war wie im Osten.
SPIEGEL: Deutsche Firmen schickten Ihnen fernsteuerbare Robotfahrzeuge.
TSCHERNOSENKO: Ja, aber als sie in die Strahlungsfelder einfuhren, versagten sie sofort, genau wie auch alle anderen eingesetzten Roboter, weil die Elektronik zusammenbrach.
SPIEGEL: Bei einem vergleichbaren Unfall in Deutschland wäre ähnliches passiert?
TSCHERNOSENKO: Natürlich.
SPIEGEL: Wäre es denn richtig gewesen, Tschernobyl einschließlich der dort noch betriebenen Reaktoren und des gesamten Umlands zu räumen und es für Jahrzehnte menschenleer zu lassen?
TSCHERNOSENKO: Ja, das wäre die einzig richtige Entscheidung gewesen. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Fehlentscheidung, in Tschernobyl weiterzumachen, _(* Mit Ehefrau Raissa, 1989. ) als sei nicht das Schlimmste passiert, den Sturz Gorbatschows eingeleitet hat.
Gorbatschow hat dem Druck der internationalen und sowjetischen Atom-Mafia nicht widerstanden. Statt alle Maßnahmen und Mittel auf die Rettung der Millionen von Menschen zu konzentrieren, setzte er alles daran, die Katastrophe als beherrschbaren Störfall zu verniedlichen. Deswegen hat man das internationale Interesse auf die Arbeiten an der Reaktorruine gelenkt. Von der Ruine ging keine Gefahr mehr aus, der Kern des Reaktors war nun einmal explodiert.
SPIEGEL: Der Reaktor im Sarkophag stellt heute keine Gefahr mehr dar?
TSCHERNOSENKO: Meines Erachtens gar keine. Es ist dasselbe, als wäre eine Atombombe hochgegangen - anschließend ist es vorbei.
Aber ich bin auf der anderen Seite ganz sicher, daß eine Million Menschen völlig umsonst umgekommen sind oder noch umkommen werden. Ich spreche von etwa einer Million Menschen, die als Liquidatoren bei Aufräumungsarbeiten durch die 30-Kilometer-Gefahrenzone getrieben wurden. Viele dieser Menschen fangen jetzt an krank zu werden oder sind schon krank, sie sterben in immer größerer Zahl.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch beziffern Sie die Zahl der Todesfälle unter den Liquidatoren auf 5000 bis 7000.
TSCHERNOSENKO: Das ist die niedrigste Schätzung.
SPIEGEL: Bleiben Sie bei Ihrer Feststellung, daß praktisch alle Liquidatoren, also eine Million Menschen, die beim Aufräumen helfen mußten, vorzeitig sterben werden?
TSCHERNOSENKO: Daß ich das gesagt habe, hat mir das sowjetische Ministerium für Kernenergie sehr übel angekreidet. Insgesamt hätten sich, so die offizielle Lesart, 650 000 Menschen in der 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl aufgehalten; von denen seien in den vergangenen fünf Jahren etwa 5000 Menschen gestorben, und das entspräche dem statistischen Durchschnitt in der Sowjetunion, biete also keinen Anlaß zu der Annahme einer erhöhten Sterblichkeit durch Strahlenschäden.
Diese Rechnung arbeitet mit dem Trick, nur die Sterblichkeit in der Normalbevölkerung zu betrachten. Aber in der 30-Kilometer-Zone haben ja überwiegend junge Menschen gearbeitet, das waren 19- und 20jährige, die normalerweise noch 40 Jahre zu leben haben. Wenn hier die Sterblichkeit so hoch ist wie in einer Normalbevölkerung mit vielen Alten, dann ist das ein Alarmzeichen.
SPIEGEL: Sterben schon viele von den Jungen?
TSCHERNOSENKO: Man merkt jetzt, daß sie nach zwei, drei Jahren begannen wegzusterben. Jeder kennt natürlich die Ursache. Hat ein Mensch von 20 Jahren eine Dosis von 300 Röntgen von außen abbekommen und auch noch plutoniumhaltigen Staub eingeatmet oder geschluckt, ist eine Zerstörung seines Organismus unvermeidlich.
SPIEGEL: Die Liquidatoren kamen aus vielen Teilen der damaligen Sowjetunion und sind nach ihrem Einsatz in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Müssen sie auch mit genetischen Schäden bei ihren Nachkommen rechnen?
TSCHERNOSENKO: Ja, besonders die ganz jungen Menschen aus der Armee. Es waren ja Einberufene, 19- und 20jährige, also diejenigen, die eine neue Generation zeugen sollen, und die ist in Gefahr.
SPIEGEL: Existiert ein Forschungsprojekt, um diese Folgen zu untersuchen?
TSCHERNOSENKO: Das ist eine weitere Tragödie. Den Liquidatoren wurde nach Abschluß ihrer Arbeit ein von den Militärs abgefaßtes Dokument, eine Art Anerkennungsurkunde, ausgehändigt. Doch dem Empfänger wurde zugleich verboten, Einzelheiten über Ort und Art seines Einsatzes zu nennen, so daß man bei möglichen Strahlenfolgen die empfangene Strahlendosis auch nicht annähernd rückrechnen kann. Was noch schlimmer ist, keinem von ihnen wurde die Höhe der empfangenen Strahlendosis mitgeteilt. Die Menschen wurden einfach nach Hause geschickt, wo sie stumm und langsam sterben.
SPIEGEL: Werden diese Liquidatoren medizinisch überwacht? Ist das Gesundheitssystem personell und apparativ entsprechend ausgestattet?
TSCHERNOSENKO: Gar nichts gibt es. Es gab im ganzen Land nur eine Spezialklinik, die Klinik Nummer 6 in Moskau, die dafür ausgerüstet war, Strahlenkranke zu behandeln. Dort hat man vor Tschernobyl Patienten betreut, die irgendwie mit Atomstrahlung zu tun hatten, zum Beispiel in Atom-U-Booten oder in Atomkraftwerken. Diese Moskauer Klinik war bis 1986 die einzige derartige medizinische Einrichtung im ganzen Land.
SPIEGEL: Entsprechend exklusiv war auch der Kenntnisstand der dort tätigen Mediziner?
TSCHERNOSENKO: Ja, dort waren alle Informationen, von den Geschädigten der ersten Atombomben-Testexplosion bis hin zu den sehr vielen Unfällen auf den Atom-U-Booten, von denen der Westen nie etwas erfuhr, gesammelt und unter Verschluß. Deswegen waren die medizinischen Kräfte, Ärzte und Krankenschwestern, in der übrigen Sowjetunion überhaupt nicht informiert, wie man Strahlenkrankheiten begegnen kann.
SPIEGEL: Wie viele Betten stehen denn im Krankenhaus Nummer 6?
TSCHERNOSENKO: Das war eine Mini-Klinik mit höchstens 50 Betten.
SPIEGEL: Waren Sie selbst dort in Behandlung?
TSCHERNOSENKO: Ich wurde am 4. Januar 1987 mit einem Sonderflugzeug nach Moskau gebracht und dort mit anderen Strahlenkranken, die in Tschernobyl gearbeitet hatten, zusammengelegt.
SPIEGEL: Sind in der Folgezeit neue Spezialkrankenhäuser für Tschernobyl-Opfer eingerichtet worden?
TSCHERNOSENKO: In Kiew wurde ein Zentrum für verstrahlte Menschen geschaffen, weil das die am stärksten verstrahlte Gegend war. Diese Schwerpunktklinik ist bis heute mit Spezialisten der Sportmedizin besetzt. Es hatte ja bis zu diesem Zeitpunkt offiziell keine Spezialisten zur Behandlung von Strahlenkranken gegeben.
SPIEGEL: Aber wer behandelt denn in Kiew die Patienten?
TSCHERNOSENKO: Es sind tapfere Ärzte, die dort versuchen zu helfen, ohne daß sie eigentlich selber wissen, was eine Strahlenkrankheit ist.
SPIEGEL: Die meisten Politiker und viele Wissenschaftler in der damaligen Sowjetunion haben nach der Katastrophe _(* Aus einer strahlenverseuchten Region ) _(der Ukraine. ) offenbar versucht, die Folgen zu verharmlosen oder zu verheimlichen.
TSCHERNOSENKO: Dieser Eindruck täuscht nicht. Vom ersten Moment an wurde versucht, die Problematik herunterzuspielen.
SPIEGEL: Sie gehören zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die auch der Internationalen Atomenergiekommission IAEO Verharmlosung vorwirft. Wie weit ging nach Ihren Erfahrungen dieses Bagatellisieren und Verschleiern?
TSCHERNOSENKO: Ich glaube, daß im Fall Tschernobyl eine dreifache Irreführung der öffentlichen Meinung stattfand. Auf der ersten Ebene der Lüge war die sowjetische Atom-Mafia tätig. Deren Mitglieder haben sogar die eigene Regierung nicht vollständig und nicht genau genug informiert.
SPIEGEL: Wer gehört zu dieser Atom-Mafia? Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften oder die Energiewirtschaftler der damaligen Sowjetunion?
TSCHERNOSENKO: Da muß man die sowjetische Atom-Mafia etwas erklären. Traditionell gab es eine Teilung zwischen den Vertretern der reinen Wissenschaft und den für die Atomwirtschaft Verantwortlichen in der Regierung. Einerseits gab es eine riesige Industrie, die vollkommen im geheimen arbeitete, auf der anderen Seite Wissenschaftler, für die es unmöglich war, an die geheimen Daten heranzukommen.
Die Wirtschaftsgruppe wurde vom Chef des KGB geleitet. Sie stützte sich auf verschiedene wissenschaftliche und technische Institute. Einige Institute arbeiteten also für die Atom-Mafia, andere für die reine Wissenschaft. Diejenigen, die offen arbeiteten, gehörten zur Akadamie der Wissenschaften, die anderen unterstanden dem Geheimhaltungsapparat der Regierung.
SPIEGEL: Und da gab es keine Interessenkonflikte?
TSCHERNOSENKO: Selbstverständlich gab es die. Der Kernphysiker Anatolij Alexandrow etwa war Vorsitzender der Akademie der Wissenschaften und gleichzeitig Chef des Kurtschatow-Instituts in Moskau, das eigens für die Entwicklung von Atomwaffen gegründet worden war. Später wurde in diesem Institut auch der Atomreaktortyp entwickelt, der dann in Tschernobyl hochging.
SPIEGEL: Die zivile und die militärische Atomindustrie sind demnach eng miteinander verflochten?
TSCHERNOSENKO: Ja. Die sowjetische Atom-Mafia war oder ist ein Staat im Staate und übte auf den Staat und auf die Regierung starken Einfluß aus. Diese Atom-Mafia setzte auch im Fall Tschernobyl die Betrugsserie in Gang. Die Atom-Mafiosi machten der sowjetischen Regierung falsche Angaben über die Ursachen, falsche Angaben über das Ausmaß und falsche Angaben über die Folgen der Katastrophe - genauso, wie über die Methoden und Möglichkeiten, mit ihr fertig zu werden.
SPIEGEL: Können Sie das erläutern?
TSCHERNOSENKO: Die Atom-Mafia wußte um die politische Zwangslage, in welche die sowjetische Regierung durch die Katastrophe geraten war. Um die Regierung zu schützen, wurden die Daten geschönt und manipuliert. Die riesigen Flächen, die verstrahlt wurden, hatte man beispielsweise einfach um den Faktor 100 heruntergerechnet.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß der damalige Präsident Gorbatschow, der Erfinder von Glasnost und Perestroika, wußte, daß er die sowjetische Öffentlichkeit mit falschen Angaben fütterte?
TSCHERNOSENKO: Ja, er wußte mehr, als er öffentlich zugab. Ich möchte noch einmal unterstreichen, daß meiner Meinung nach das politische Debakel Gorbatschows als Person 1986 mit dem Unglück von Tschernobyl einsetzte. Mit seinen Fehlinformationen hatte er sozusagen alle Hoffnungen der Menschen in der Sowjetunion enttäuscht.
SPIEGEL: Die bereits geschönten Angaben wurden dann nach Wien an die IAEO übermittelt und dort noch einmal verharmlost?
TSCHERNOSENKO: Das war die dritte Ebene des Betrugs, diesmal international. Die Experten der Atom-Gruppe in Wien sind ja gebildete Menschen . . .
SPIEGEL: . . . die hätten erkennen müssen, wie sie hintergangen wurden?
TSCHERNOSENKO: Man muß diese Leute anklagen, weil sie die Fakten leicht hätten nachrechnen können und dann hätten wissen müssen, daß sie betrogen werden. Sie hätten sofort handeln _(* Bei der Wiederinbetriebnahme der ) _(Reaktorblöcke 1 und 2 im Januar 1987. ) müssen. Sie hätten beispielsweise die unverzügliche Abschaltung der restlichen Tschernobyl-Blocks und aller anderen Reaktoren dieser Bauart fordern müssen. Diese noch arbeitenden Reaktoren stellen eine Gefahr für die ganze Welt dar, und das unverändert bis heute.
SPIEGEL: Erfahrungsgemäß ist Kritik an internationalen Organisationen wie der IAEO nicht sonderlich erfolgreich.
TSCHERNOSENKO: Das ist richtig. Zu erinnern ist auch daran, daß mit Hans Blix im Präsidium der Behörde ein ehemaliger Außenminister Schwedens sitzt. Blix wußte sehr genau, daß ein sofortiger Betriebsstopp von Tschernobyl das Vertrauen in die internationale Atomwirtschaft nachhaltig untergraben hätte. Auch Blix hat als taktierender Politiker reagiert.
SPIEGEL: Als Vertreter der AKW-Lobby?
TSCHERNOSENKO: Ja. Am 8. Mai ist Herr Blix in Tschernobyl gewesen und mit dem Hubschrauber herumgekurvt. Er mußte wissen, daß in jenem Augenblick viele Millionen Curie von Radionukleiden über die ganze Welt verbreitet wurden. Statt dessen verkündete er der Weltöffentlichkeit nach seinem Rundflug, alles sei bestens im Griff, es gebe überhaupt keine Probleme.
SPIEGEL: Haben Sie mit Herrn Blix gesprochen?
TSCHERNOSENKO: Ich habe Herrn Blix persönlich nicht getroffen, aber seinen Mitarbeiter, den Sicherheitsexperten der IAEO, Morris Rosen. Er vertrat nach der Katastrophe die Ansicht, die Atomenergie müsse auch dann weiter vorangetrieben werden, wenn jedes Jahr ein Tschernobyl passierte.
Bei der Pressekonferenz in Kiew habe ich Herrn Rosen öffentlich gefragt, wie er so eine Äußerung rechtfertigen könne. Die Antwort gab er mir nach der Pressekonferenz; Rosen nahm mich beiseite und warnte: Unterlaß künftig solche Fragen, sonst werden mich die Menschen in der Luft zerreißen.
SPIEGEL: In dieses gestaffelte Lügensystem, von dem Sie gesprochen haben, ist also nach Ihrer Meinung die internationale Atomlobby fest integriert?
TSCHERNOSENKO: Für diese Leute war es natürlich sehr, sehr günstig, daß der sowjetische Untersuchungsbericht dem Bedienungspersonal des Reaktors die Hauptschuld gab und behauptete, daß ein Zusammentreffen völlig abnormer Zustände die Situation herbeigeführt habe. Hinter solchen Machenschaften verbirgt sich die zynische Botschaft an die Menschheit: Schlaft ruhig, wir töten euch ganz leise.
SPIEGEL: Noch immer sind in der ehemaligen Sowjetunion 15 Reaktoren vom Tschernobyl-Typ am Netz. Für wie groß halten Sie die Gefahr, die von diesen in der Zwischenzeit geringfügig verbesserten Reaktoren ausgeht?
TSCHERNOSENKO: Nach dem jüngsten Unfall ist das ja wohl klar. Im September vergangenen Jahres, beim Brand im Reaktorblock 2, wäre beinahe dasselbe passiert wie 1986. Wenn man diese Reaktoren jetzt nicht endlich stillegt, muß man, so die Ergebnisse russischer und amerikanischer Untersuchungen, bis zum Jahr 2000 mit drei bis vier derartigen Unfällen rechnen.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, die Tschernobyl-Reaktoren mit westlicher Technik so nachzurüsten, daß sie sicher sind?
TSCHERNOSENKO: Auch die westliche Technik kann aus einem Saurier keine Brigitte Bardot machen.
SPIEGEL: Auch nicht mit der veranschlagten Summe von vier Milliarden Mark?
TSCHERNOSENKO: Ich meine, mit dem Geld könnte man Besseres tun. Diese Reaktoren sind im Grunde genommen nicht veränderbar. Denn schon in der Projektierungsphase wurden 32 Abweichungen von den offiziellen Normen zur Strahlensicherheit zugelassen. Zwei Drittel dieser Fehler sind prinzipiell nicht korrigierbar. Die Reaktoren vom Tschernobyl-Typ haben außerdem eine viel größere aktive Zone, in der die Kettenreaktionen ablaufen, als die kompakten Reaktoren westlicher Bauart. Das macht die Bedienung des Reaktors sehr schwierig.
SPIEGEL: Halten Sie angesichts der Entwicklungen in der vormaligen Sowjetunion die Gefahr, daß es durch die sowjetischen Atomwaffen zu einem neuen Hiroschima kommt, für größer als die Gefahr einer neuen Katastrophe nach dem Muster von Tschernobyl durch Reaktoren?
TSCHERNOSENKO: Ich meine, diese Reaktoren sind gefährlicher als die Atomwaffen. Ich meine auch, daß die Folgen einer Katastrophe in einem solchen Block viel weitreichender und gefährlicher sind, als wenn eine Hiroschima-Bombe abgeworfen wird. Bei der Explosion in Tschernobyl wurden 520 verschiedene Radionukleide freigesetzt, darunter auch so langlebige wie Plutonium. Das ist im Effekt schrecklicher als die Explosion einer Atombombe.
SPIEGEL: Für die Sammlung aller die Tschernobyl-Folgen betreffenden medizinischen und radiologischen Daten wurde in Kiew das "All-Union-Institut" geschaffen. Wer hat Zugang zu diesen Unterlagen?
TSCHERNOSENKO: Leider nur sehr wenige Organisationen und dementsprechend wenige Leute.
SPIEGEL: Es gibt deutsche Wissenschaftler, die befürchten, daß diese Unterlagen an die IAEO gegeben und von dort nur zensiert herausgegeben würden oder daß der derzeitige Leiter des All-Union-Instituts diese Unterlagen an die IAEO verkauft.
TSCHERNOSENKO: Diese Befürchtung teile ich. Es ist dringend erforderlich, und ich möchte dazu aufrufen, ein unabhängiges internationales Ökologie-Institut zu schaffen, dessen Mitarbeiter in absoluter Unabhängigkeit auch die Katastrophe von Tschernobyl und deren Folgen analysieren. Vier Schwerpunkte sollte dieses Institut verfolgen: Erstens eine Situationsanalyse aller prekären Produktionsanlagen, vor allem der Atomkraftwerke, zweitens eine Abschätzung der globalen Technologiefolgewirkungen, drittens die Erarbeitung multinationaler Programme zum Katastrophenschutz einschließlich der notwendigen Techniken und viertens die Herausgabe eines internationalen Magazins zur Aufklärung der Weltbevölkerung.
SPIEGEL: Wo soll solch ein Institut stehen, wer soll es bezahlen?
TSCHERNOSENKO: Zum Beispiel in Deutschland, dessen AKW ja auch bewertet werden müßten, womit ich auf keinen Fall sagen will, daß die deutschen Reaktoren früher hochgehen als die sowjetischen. Nach meiner Meinung explodieren sie etwas später.
SPIEGEL: Die Schwierigkeiten, die Folgen von 50 Jahren Kernenergie zu bewältigen, sind auch in Deutschland groß genug. Allein die Beerdigung der kleinen Wiederaufarbeitungsanlage von Karlsruhe, deren Errichtung einmal 200 Millionen Mark gekostet hat, wird mindestens das Zehnfache verschlingen. Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit, mit der Radioaktivität, die sich bis heute schon in der Welt angesammelt hat, auf Dauer fertig zu werden?
TSCHERNOSENKO: Nein. Jetzt möchte ich Sie mal fragen: Sehe ich aus wie ein aggressiver Mensch?
SPIEGEL: Nein.
TSCHERNOSENKO: Damit will ich sagen, ich gehe an diese Frage ganz cool als Kernphysiker heran. Mehrere Alternativen werden diskutiert. Die Atomlobby vertritt uneingeschränkt die Auffassung, daß man immer mehr Atomreaktoren _(* Eingemottete Zentrale des ) _(Unglücksreaktors "Block 4". ) braucht. Die Idealisten der Grünen hingegen meinen, die Dinger sollte man alle zertrümmern. Aber wie man bei uns im Osten sagt: Wenn ein ausgesprochener Gedanke großartig ist, so ist der diametral entgegengesetzte Gedanke ebenfalls großartig. Und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.
SPIEGEL: Von dieser Einsicht sind die Atomenergie-Befürworter weit entfernt; sie behaupten, die Atomenergie sei die billigste Art von Energie, die gefahrloseste, die ökologisch unbedenklichste und zum Schutz gegen die befürchtete Klimakatastrophe unbedingt notwendig.
TSCHERNOSENKO: Als Physiker kann ich Ihnen sagen: Das ist von Anfang bis Ende eine dicke Lüge! Wenn Sie die Ausgaben für die Entsorgung, für alles, was man schaffen müßte, um die Sicherheit der Kernenergie auch nur ansatzweise zu gewährleisten, exakt addieren, werden Sie erkennen, daß sogar die Mittel eines so weit entwickelten Landes wie der Bundesrepublik dazu nicht ausreichen. Hauptkostenpunkt solcher Vorkehrungen wären die Mittel zur Beherrschung möglicher Strahlenrisiken . . .
SPIEGEL: . . . mit anderen Worten: Der Preis für die absolute Sicherheit ist nicht bezahlbar?
TSCHERNOSENKO: So ist es, sie ist nicht bezahlbar und nicht erreichbar. Diese eine Explosion in Tschernobyl hat für Tausende von Jahren unser ökologisches Verständnis umgekippt. Der reale, derzeit überschaubare Schaden dieser Katastrophe steht in keinem Verhältnis zu dem, was noch kommt. Die Notwendigkeit, Tausende von Jahren ein Endlager beobachten zu müssen, bringt uns alle an den Bettelstab.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß ein internationales Institut der energiehungrigen Menschheit eine solche Einsicht - ehe es zu spät ist - vermitteln könnte?
TSCHERNOSENKO: Die Menschheit braucht dringend eine solche Einrichtung. Bis heute hat kein Land der Welt die wahren Informationen über die sehr kritische Lage der Menschheit preisgegeben.
Denken Sie beispielsweise an Deutschland, dort sind derzeit 21 Atomkraftblöcke in Betrieb, es sind gigantische Minen mit Zeitzündern. Es müssen nur ein oder zwei Reaktoren auf deutschem Territorium in die Luft zu fliegen - dann braucht sich in den nächsten 100 000 Jahren dort niemand mehr blicken zu lassen.
SPIEGEL: Herr Tschernosenko, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Wladimir Michailowitsch Tschernosenko
legt Wert auf die Feststellung, daß er "kein Gegner der Atomkraft" ist, sondern "ein Warner vor der Unmöglichkeit, einen absolut sicheren Reaktor" zu bauen. Tschernosenko wuchs in dem von religiösen Exil-Amerikanern gegründeten Dorf New York in der Donez-Provinz auf. Er studierte Physik an der Universität von Charkow, promovierte 1973 in Kiew an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Theoretischer Physik und wurde dort zum Chef des Labors für nichtlineare Physik und Ökologie berufen.
Den Auftrag, in Tschernobyl die Aufräumarbeiten sowie den Bau des Sarkophags, in dem der hochstrahlende Explosionsschutt begraben werden sollte, wissenschaftlich zu beaufsichtigen, nahm Tschernosenko "ohne Bedenken" an: "Es schien eine faszinierende Aufgabe zu sein." Sein Enthusiasmus erlitt einen "enormen Einbruch", als der Befehl erging, Menschen in die Strahlenfelder zu schicken. Tschernosenko "verschwand für 24 Stunden" vom Unglücksort, kehrte jedoch "in voller Kenntnis des Risikos" zurück, weil "niemand von uns durch Flucht das bestehende Problem lösen" würde.
Gemeinsam mit seinen beiden Kodirektoren, die in der Ukraine geblieben sind, gehört Tschernosenko zu den wenigen Überlebenden der Gruppe von etwa 100 Mitarbeitern, die in der "heißen Zone" die Arbeiten überwacht und organisiert hatten. "Wir leben auf Abruf", sagt er. Physiker-Kollegen in Europa, die von Tschernosenkos schlechtem Gesundheitszustand erfuhren, arrangierten, daß der ukrainische Katastrophenmanager Ende 1990 im Pariser Curie-Institut untersucht und behandelt wurde; Strahlenmediziner in Moskau hatten ihm wegen anhaltender Gefäßkrämpfe schon beide Beine amputieren wollen.
Tschernosenko, 50, der in Kiew seine Frau und zwei Töchter (18 und 25 Jahre alt) zurückgelassen, aber sein wissenschaftliches Archiv einschließlich Videoaufnahmen mitgebracht hat, nutzte seinen Aufenthalt im Westen zur "ungeschminkten Darstellung der Säuberungsaktion" von Tschernobyl. Für den englischen Privatsender Thames TV stellte er im Frühjahr 1991 eine zweiteilige Fernsehdokumentation zusammen; gleichzeitig begann er mit der Niederschrift seines Buches.
Tschernosenkos verbleibende Lebenserwartung liegt, nach Einschätzung von Medizinern, zwischen einem Jahr und vier Jahren.
_156_ Atom: Bodenkontamination mit Cäsium 137 i. d. alten BRD

* Mit Redakteuren Rolf S. Müller und Rainer Paul.
* Rechts: Arbeiter beim Bau eines Sicherungstunnels unter demReaktor Nummer 4.
* Mit Ehefrau Raissa, 1989.
* Aus einer strahlenverseuchten Region der Ukraine.
* Bei der Wiederinbetriebnahme der Reaktorblöcke 1 und 2 im Januar1987.
* Eingemottete Zentrale des Unglücksreaktors "Block 4".
Von Müller, Rolf S., Paul, Rainer

DER SPIEGEL 5/1992
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