19.10.1992

GraffitiKrieg an der Wand

Ein Wiener Psychologe hat Toilettensprüche untersucht. Ergebnis: Männergekritzel ist aggressiver.
Während der Semesterferien im Februar 1991 drangen unübliche Geräusche aus den Toiletten-Zellen der Wiener Alma mater. Anstelle der gewohnten Darmwinde vernahmen empfindsame Ohren oft nur ein gedämpftes Klicken.
Es stammte von zwei Forschern, die klammheimlich von Klo zu Klo pirschten, der eine bei den Herrenklos, die andere im Damentrakt. "Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, schlossen wir uns in der jeweiligen Kabine ein", berichteten sie später, ab und zu stürzten die Wissenschaftler allerdings zu "Frischluftaufenthalten" ins Freie.
Der Psychologe Norbert Siegl, 40, und seine Gehilfin, die Fotografin Daniela Beranek, 29, litten keineswegs an einer Überdosis Erbsensuppe. Auf insgesamt 46 WCs, "verteilt in zwei Stiegen über vier Etagen", fotografierten sie Graffiti und allerlei Sinnsprüche, die sie anschließend penibel per Computer auswerteten. Das Ergebnis hat Siegl nun der Universität Wien als Magisterarbeit vorgelegt. Der schwerverdauliche Titel: "Geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Häufigkeit und thematischer Inhalte bei Toilettengraffiti". Das Resultat: Studentinnen kommunizieren, anders als ihre männlichen Kommilitonen, "in sehr persönlichem Ton" miteinander; rechtsradikale, fremdenfeindliche Latrinenparolen sind auf dem Vormarsch.
"Wer vernichtet Volk und Land? Sozidreck und Asylant", wird da gepöbelt oder "Fremdenscheiße" an den gleich dazu gezeichneten Galgen gewünscht. Auf 318 rechte Haßtiraden kamen 218 dem linken Spektrum zuzuordnende Konter: "Superaids für Waldheim" oder "Wes Boot voll ist, dem geht das Hirn unter".
Solche "hochaggressiven" Töne fanden sich fast ausschließlich auf Männertoiletten. Siegl, der in Wien seit 15 Jahren ein Graffiti-Archiv betreibt, spricht von einem "Verbalkrieg an der Klowand", der "bis hin zur Androhung der physischen Vernichtung des Gegners" reiche.
Von insgesamt 2186 ausgewerteten Äußerungen hatten auf den "Männer-Häusln" 55 Prozent politische Inhalte. Die Wandbemerkungen der Studentinnen hatten hingegen selten Weltanschauliches zum Gegenstand. Die meisten Sprüche entfielen mit je 30 Prozent auf "Sexualität" und "Frauenspezifisches".
Regelrechte Fortsetzungsromane bedeckten die Wände der Frauen-WCs zum Thema Fellatio. Eine Schreiberin machte es "wahnsinnig geil, ein hartes Mannsymbol im Mund zu haben", eine andere hingegen fand "einen Mund voll Sperma zum Kotzen". Einer dritten war ein "Stück Schweinsbraten" allemal lieber. Sie hatte "beides probiert - kein Vergleich".
So viele Beiträge zu einem Thema waren auf Männer-Aborten kaum anzutreffen, schon gar nicht ein Informationsaustausch zu Fragen von Verhütung oder Abtreibung. Auf dem Herrenklo ging es, gern auch illustriert, laut Siegl vor allem um "Abfuhr von Triebenergie" ("Besser fünf vor zwölf als keine nach Mitternacht") und um notdürftig gereimte Sexphantasien: "Der Duft von ihrem Fußschweiß macht mich heiß."
Siegls Studie ist die bislang umfangreichste empirische Arbeit über Toiletten-Schrifttum. Erste Untersuchungen zum anrüchigen Thema veröffentlichte die zwischen 1904 und 1913 zehnmal erschienene Wiener Zeitschrift Anthropophyteia, zu deren Mitarbeitern Sigmund Freud gehörte. Sie mutmaßte, "daß die Luft der Latrinen für viele Besucher etwas Inspiratorisches hat".
Doch die Atmosphäre beflügelt nicht jedermann in gleichem Maße. Ende der siebziger Jahre zählten Bielefelder Abortologen in der geisteswissenschaftlichen Fakultät erheblich mehr Inschriften als bei den Naturwissenschaftlern. Sind Soziologen also kreativer? Oder hocken sie nur länger - und kommen dann dabei ins Grübeln?
Siegl hat sich vorwiegend deskriptiv mit Form und Inhalt der Abtrittsliteratur beschäftigt, aber weniger mit der Motivation der Autoren. Toilettenbesucher nach frischer Tat zu interviewen, war ihm zu peinlich.
Frauen griffen, befand Siegl, nur dann "zur kurzen Parolensprache der Männer, wenn extremfeministische Graffiti geäußert werden". Sie vertrauen auch eher emotionale Themen wie Liebe oder Angst vor dem Verlassenwerden der Klowand an - Sensibilitäten, die auf Herrentoiletten nicht vorkommen. Dort "dominieren Aggressivität und Zynismus", und es finden "viele Eingriffe in die Inschriften anderer statt".
Daß der genius loci studentischer Aborte zu pfiffigeren Texten führt als der nichtakademischer Örtchen, belegt die Hochschul-Untersuchung nicht. "Legt Euer Geld in Alkohol an - wo sonst gibt's 40 %?", lautet eines der wenigen amüsanten Zitate. Oder: "Liegt ein Auge auf dem Tresen, ist ein Zombie dagewesen."
Einem Sprücheklopfer fiel nur ein kryptisches "npabga!" ein - was einem späteren Stuhlgänger zur Weisheit verhalf: "Scheißen und Denken geht nicht! Beweis: Klosprüche."

DER SPIEGEL 43/1992
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