19.10.1992

Leben in der Leiche

In der Erlanger Uniklinik liegt eine hirntote Frau mit einem Embryo im Bauch. Soll man die Beatmungsmaschinen abschalten - oder das Ungeborene retten, das erst in 18 Wochen zur Welt käme? Ärzte und Moraltheologen streiten über die Frage, ob auch in diesem Fall das medizintechnisch Machbare gemacht werden soll.
Vom "Baby im Leichnam" schrieb griffig die Boulevardpresse und malte, gestützt auf Lehrbücher von der Embryonalentwicklung, die näheren Umstände aus: "Das Kind der Toten . . . schon ballt es die Fäuste. Es freut sich über Harmonie-Musik."
Die Großeltern des Fötus sollen ihre Story bereits an die Yellow Press verscherbelt haben. Gegen das Ansinnen eines Fernsehsenders, der ein Ultraschallbild von dem Embryo ankaufen wollte, gab es Rechtsbedenken ("Selbstverständlich hat das Ungeborene ein Recht am eigenen Bild"); die Mutter, die das normalerweise zu entscheiden hätte, konnte man ja leider nicht mehr fragen.
Experten mit wohlmeinenden Ratschlägen waren zur Stelle. "Ich empfehle, dem Baby von Tonbändern die Geräusche seiner Umwelt vorzuspielen", so Andreas Herter, Diplom-Psychologe aus Hannover. Professor Heinrich Maass, Chefarzt der Frauenklinik in Hamburg-Eppendorf, auf die Reporterfrage, ob die Oma den Bauch ihrer toten Tochter und damit den Vier-Monate-Fötus streicheln solle: "Das wäre gut für seine Entwicklung."
Ehrwürdige Moraltheologen meldeten sich zu Wort. Jedenfalls sei es "ethisch nicht fahrlässig", werdendes Leben im Körper einer hirntoten Frau monatelang dadurch zu erhalten, daß "man die Apparaturen nicht einfach abschaltet", erklärte Professor Franz Furger, Münster.
Dagegen empörte sich Alice Schwarzer, Vorkämpferin des Rechts der Frauen auf ihren eigenen Bauch: "Dem Papst wird das gefallen - Frauen als Gebärmaschinen. Ich finde es pervers." Bild warf seine telefonische Meinungsbefragungs-Maschine an: "Finden Sie es richtig, daß eine tote Frau ein Kind zur Welt bringt?" (Ergebnis: 18 Prozent Ja-Stimmen, 82 Prozent Nein-Stimmen.)
Zur Diskussion stehen, wieder einmal, Möglichkeiten und Grenzen der modernen, hoch technisierten Medizin. Mit dem Fall der im vierten Monat schwangeren 18jährigen Marion P., bei der nach einem schweren Verkehrsunfall zweifelsfrei der Hirntod festgestellt wurde, die aber gleichwohl noch ihr Kind austragen soll, unternehmen Ärzte ein weiteres Mal den Versuch, das medizintechnisch Machbare in die Tat umzusetzen.
Fünf Monate lang wollen die Mediziner der Universitätsklinik Erlangen die hirntote Frau am Leben halten, mit künstlicher Beatmung und künstlicher Ernährung. Während dieser Zeit soll, nach dem Willen der Ärzte, der Fötus in ihrem Leib weiterwachsen und im März 1993 mit einem Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Die Erfolgschancen des Experiments liegen bei 50 Prozent. "Die Lebensäußerungen des Kindes", so Mitte letzter Woche der verantwortliche Arzt an der Erlanger Chirurgischen Klinik, Johannes Scheele, "sind zeitgerecht."
Mit bemerkenswerter Coolness hatte Chirurg Scheele Fragen nach der ethischen Rechtfertigung des Erlanger Experiments beschieden: Unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit sei "der verstorbenen Mutter die Benutzung ihres Körpers zugunsten des Kindes sicherlich zumutbar".
Der Benutzung des seit vorletzter Woche für hirntot erklärten Körpers als einer blutdurchpulsten Gebärmaschine widmete sich letzte Woche das Erlanger Klinikpersonal: Schwestern bemühten sich, die leblosen Gliedmaßen der Mutter zu bewegen und mit ihr Gymnastik zu machen, "so daß das Kind in dieser Hinsicht normal aufwachsen wird" (Scheele). Mit Geräuschen und geeigneter Musik wurde versucht, "die für einen Embryo übliche Erfahrungsumwelt annähernd zu schaffen".
Das "Erlanger Baby", wenn es denn geboren wird, wird nicht das erste sein, das im Körper einer Toten ausgetragen wurde. Vergleichbare Fälle gab es in Großbritannien und den USA, mindestens einen auch in Deutschland (das Kind starb); aber bei keinem war die Zeitspanne zwischen dem Tod der Mutter und der Kindesgeburt so lang wie jetzt in Erlangen geplant: *___37 Tage wurde die an einer schweren Hirnblutung ____verstorbene Britin Deborah Bell künstlich beatmet und ____ernährt, dann wurde das Kind, 14 Wochen vor dem ____normalen Geburtstermin, per Kaiserschnitt auf die Welt ____geholt (Oktober 1986). *___Zwei Monate lang trug die hirntote Kalifornierin Marie ____Odette Henderson ihr Baby aus; sie war, im sechsten ____Monat der Schwangerschaft, an einem Hirntumor ____gestorben. Ihr Lebensgefährte Derrick Poole hatte per ____Gerichtsbeschluß das Abschalten der Überlebensmaschinen ____verhindert (Juli 1986). *___Bereits seit 94 Tagen war die Amerikanerin Connie ____Hilliker aus Champlain (US-Staat Vermont) nach einem ____schweren Autounfall hirntot, als ihr Kind zur Welt kam, ____als extreme Frühgeburt in der 29. Schwangerschaftswoche ____(März 1988).
Nicht selten wird die Maschinenschwangerschaft von Rechtshändeln begleitet. Im kalifornischen Santa Clara bestand der Vater des Ungeborenen darauf, daß seine hirntote Verlobte künstlich am Leben erhalten werde, nachdem die Eltern der jungen Frau das Abschalten der Maschinen gefordert hatten; das Gericht folgte dem Antragsteller.
Dagegen stritten in Augusta (Georgia) zwei Männer um das künstliche Leben der klinisch toten Donna Piazzi: Ihr verwitweter Ehemann wollte die Maschinen abgeschaltet wissen, der außereheliche Vater des Ungeborenen hingegen erzwang vor Gericht die Fortsetzung der Toten-Schwangerschaft.
Auch im Fall des "Erlanger Babys" gab es offenbar widerstreitende Meinungen. Bislang hat sich der Kindsvater nicht gemeldet. Die Eltern der Marion P., die als Zahnarzthelferin in Feucht bei Nürnberg arbeitete, waren nach deren Unfalltod zunächst dafür gewesen, die Maschinen auf der Intensivstation abzuschalten. Dann tagte die Ethik-Kommission der Klinik, bestehend aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen sowie Rechtsmedizinern und Juristen. Nach Rücksprache mit den Ärzten, so Chirurg Scheele Mitte letzter Woche, seien die Eltern der jungen Frau bereit gewesen, "die erheblichen seelischen Belastungen zu ertragen", die auf sie zukommen. Geklärt ist auch die Kostenfrage des Experiments: Für den "maximalen rechnerischen Finanzbedarf" von knapp 100 000 Mark, so Scheele, werde eine öffentliche Organisation aufkommen.
Die Erlanger Klinik-Ärzte wähnen sich moralisch im Recht. "Das Lebensrecht des Kindes", so Klinik-Direktor Franz Paul Gall, "beinhaltet auch den Anspruch auf Einsatz moderner und technischer Hilfen."
Bei dieser technologielastigen Sicht bleibt möglicherweise außer acht, wie es dem Kind dabei ergeht. Auch der Münsteraner Moraltheologe Furger machte diese Einschränkung: Voraussetzung für die ethische Rechtfertigung des Experiments sei, daß das Kind "in dieser außergewöhnlichen Situation nicht körperlich und seelisch zum Krüppel gemacht" werde.
Daß es schon während der maschinengestützten Schwangerschaft zu schweren Komplikationen kommen kann, lehren frühere Beispiele. Der künstlich am Leben erhaltene Organismus der hirntoten werdenden Mutter Connie Hilliker aus Champlain erkrankte an Diabetes, wiederholt traten Lungenentzündungen auf, einmal drohte das Herz zu versagen, ein Mangel an roten Blutkörperchen mußte durch Transfusionen ausgeglichen werden.
Die Frage, ob ein unter so extremen Bedingungen herangewachsenes Neugeborenes bleibende psychische Schäden davonträgt, ist umstritten. So vertrat letzte Woche der Frankfurter Experte für pränatale Psychologie, Werner Gross, die Auffassung, psychische "Defizite könnten nach der Geburt wieder ausgeglichen werden", durch ein sorgendes Ehepaar oder auch durch betreuende Psychologen.
Demgegenüber verwies der Salzburger Entwicklungspsychologe Sepp Schindler auf die Erkenntnis, daß auch das ungeborene Kind schon ein eigenes _(* Mit einem Foto der verstorbenen ) _(Mutter. ) Seelenleben hat und "durch die Gefühle der Mutter ihm gegenüber in den Grundzügen seines Charakters geprägt wird". Auf sicherem Boden bewegt sich der französische Psychologe Jean-Pierre Lecanuet, wenn er feststellt, daß sich die Bewegungen des Fötus im Zusammenspiel mit den Bewegungen der Mutter "fördernd auf die gesamte Entwicklung und Strukturierung des Gehirns" auswirken.
"Das ungeborene Kind ist noch unsichtbar, also glaubt man, alles mit ihm machen zu können" - diese Feststellung Lecanuets, bezogen auf die rücksichtslose Neugier mancher Wissenschaftler, beschreibt exakt eine Haltung, die viele Kritiker auch bei den Erlanger Klinikern vermuten.
Die Ärzte, erklärte die Hamburger Frauensenatorin Traute Müller, müßten sich fragen lassen, ob sie nicht ethische Grundsätze opfern, um "ein bisher in Deutschland einmaliges Experiment" durchführen zu können. Ende letzter Woche hat die FDP-Bundestagsabgeordnete Cornelia Schmalz-Jacobsen beantragt, den Fall zum Gegenstand einer Grundsatzdebatte im Bonner Parlament zu machen.
Mit Entscheidungen, wie sie in der Intensivstation der Erlanger Uniklinik getroffen wurden, könnten die Ärzte in der Tat überfordert sein. Das wurde deutlich, als sich letzte Woche verschiedene Mediziner mit Kommentaren zu Wort meldeten.
"Wenn der Fötus gesund ist", erklärte der Hamburger Frauenklinik-Chef Maass, "dann muß man so handeln wie die Kollegen in Erlangen." "Wenn das Kind jetzt bereits lebensfähig wäre, also sagen wir mal in der 30. oder 35. Woche", erklärte dagegen der Hamburger Experte für vorgeburtliche Medizin, Professor Bernhard Joachim Hackelöer, dann sähe er das genauso, "nicht aber bei einem Kind in der 14. Woche".
Professor Volker Bay, Vorsitzender der Hamburger Ethik-Kommission, zog sich auf den Satz zurück: "Entscheidend ist, was die Mutter wollen würde" - bei einer Hirntoten schwer zu ermitteln; die Frage, ob sie ein Kind ohne Mutter wollen würde, und sogar schon die Frage, ob sie das Kind wirklich haben oder es vielleicht abtreiben wollte, müssen zwangsläufig unbeantwortet bleiben.
Technisch sehe er auch bei einer so langen Maschinenschwangerschaft keine unüberwindlichen Probleme, erläuterte dem SPIEGEL gegenüber Deutschlands führender Perinatologe, der Berliner Professor Erich Saling (siehe Interview). Bei der Entscheidung in Erlangen aber gehe es um einen Fall, "der erstmalig auf uns zukommt"; da schiene es ihm vernünftig, eine Ethik-Kommission zu bilden, in der auch von den Theologen jemand vertreten ist.
Einer von ihnen, der Münchner Moraltheologe Professor Johannes Gründel, möchte dabei auf eine moralische Praxis hinaus, die von der Tradition geprägt ist und nicht mit jeder medizintechnischen Neuerung ins Schwimmen gerät.
Mit dem Tod einer Frau im Frühstadium der Schwangerschaft, so Gründel letzte Woche, sei bisher auch der Tod des ungeborenen Kindes in Kauf genommen worden: "Der Natur ihren Lauf lassen", das sei nicht vergleichbar mit einem gezielten Schwangerschaftsabbruch.
* Mit einem Foto der verstorbenen Mutter.

DER SPIEGEL 43/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leben in der Leiche

Video 01:44

Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump

  • Video "Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump" Video 01:44
    Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump
  • Video "Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit MacGyver" Video 00:58
    Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit "MacGyver"
  • Video "Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte" Video 10:39
    Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte
  • Video "Last Christmas im Weißen Haus: Obama bringt Weihnachtsbaum zum Strahlen" Video 01:22
    Last Christmas im Weißen Haus: Obama bringt Weihnachtsbaum zum Strahlen
  • Video "ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start" Video 00:39
    ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start
  • Video "Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama" Video 00:43
    Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama
  • Video "Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt" Video 01:37
    Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: "Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt"
  • Video "Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn" Video 01:25
    Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn
  • Video "Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks" Video 07:46
    Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks
  • Video "New York: Passant klaut Goldschatz aus offenem Lieferwagen" Video 00:46
    New York: Passant klaut Goldschatz aus offenem Lieferwagen
  • Video "Pirelli-Kalender von Lindbergh: Bikinis und hohe Hacken sind das Gegenteil von sexy" Video 01:17
    Pirelli-Kalender von Lindbergh: "Bikinis und hohe Hacken sind das Gegenteil von sexy"
  • Video "Lufthansa-Streik: Das endlose Pilot-Projekt" Video 01:17
    Lufthansa-Streik: Das endlose Pilot-Projekt
  • Video "Der neue Guide Michelin: Dieses Restaurant hat definitiv einen Stern verdient" Video 02:50
    Der neue Guide Michelin: "Dieses Restaurant hat definitiv einen Stern verdient"
  • Video "Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer" Video 02:14
    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
  • Video "Internet-Ikone: Neues vom Trump-Hump-Macher" Video 01:40
    Internet-Ikone: Neues vom "Trump-Hump"-Macher