19.10.1992

WaldsterbenLöcher im Dach

Eine Fotodokumentation beweist: Die Buche ist noch stärker geschädigt, als die Behörden annehmen.
Sie ist rank und schlank, silbriggrau glänzt ihr Leib. Ihr ragender Wuchs und ihre glatte Haut, fast gänzlich ohne Poren und Furchen, scheinen die Buche seit Urzeiten auszuweisen als saftdurchströmtes Symbol für Kraft und Gesundheit.
Mochten sich die Fachleute der Forst- und Holzwirtschaft Jahr für Jahr um das Schicksal von Kiefer und Fichte, Erle und Eiche sorgen - die seit über 4000 Jahren in deutschen Landen heimische Buche schien weitgehend gefeit gegen Gifte und Säuren der Umwelt. So las es sich auch letzten Monat im jüngsten Baumbericht der Hamburger Umweltbehörde, die den Krankenstand der hanseatischen Parks und Waldstücke per Infrarotkamera vom Flugzeug aus kontrollieren ließ.
"Der Patient Baum hat sich berappelt", deutete Bild den Befund, der 77 Prozent aller Bäume als "gesund bis leicht geschädigt" auswies (gegenüber 52 Prozent im Jahre 1985). Insbesondere der Buche attestierten die amtlichen Baumprüfer mit einem schadensfreien Bestand von 86 Prozent überdurchschnittliches Wohlbefinden. Aber jenseits der hansestädtischen Wipfel kamen die Experten zu völlig anderen Schlüssen.
"Die Waldschäden haben weiter dramatisch zugenommen", verkündete wenig später Wolfgang Dertz, Präsident des Deutschen Forstvereins, auf dessen Jahrestagung in Köln. Von den rund 10,75 Millionen Hektar umfassenden deutschen Waldgebieten sind nach den Ermittlungen des Vereins allenfalls noch 13 Prozent gesund. Am schlimmsten aber ist jene Baumart dran, die mit ihrer wechselnden Farbenpracht fast das ganze Jahr hindurch die Herzen der Menschen erfreut und den Hamburger Umweltschützern auf den Infrarotaufnahmen relativ gesund vorkam: die Buche.
Die Buche ist mittlerweile, wie der aus 7000 Wissenschaftlern, Forstwirtschaftlern, Waldbesitzern und anderen Freunden des Waldes bestehende Forstverein verkündete, stärker als jede andere Baumart, etwa Eiche und Kiefer, zu Schaden gekommen.
Nach den aus allen Forstämtern und Waldgebieten zusammengetragenen und bundesweit amtlich ausgewerteten "Waldschadenserhebungen" finden sich offenbar in ganz Deutschland nur noch wenige völlig gesunde Buchen: 72 Prozent der Bäume wurden als "geschädigt", 28 Prozent als "deutlich geschädigt" eingestuft.
Zwei sachverständige Waldfreunde, der pensionierte Forstdirektor Karl Möhring aus dem Solling-Gemeinwesen Hardegsen und der Göttinger Uni-Professor Andreas Roloff, sind der Ansicht, daß es um die Bäume sogar noch ärger steht, als die Schadensberichte es darlegen.
Mit Hilfe einer in Köln gezeigten, großangelegten Foto- und Textdokumentation (Titel: "Das langsame Sterben des Waldes"), für die Förster Möhring mit seinem halbmeterlangen Teleobjektiv regelmäßig die Kronen sterbender Bäume fotografiert hat, suchen die beiden nachzuweisen, daß eine fehlerhafte Methodik der behördlichen Schadensermittler zu Fehlinterpretationen und damit zu unrealistisch günstigen Bewertungen führt.
"Eine genauere Betrachtung ihrer Kronen", so die beiden Baum-Experten, lasse bei den Buchen "im Zeitvergleich von Jahr zu Jahr" erkennen, daß die Erkrankung "weiter fortgeschritten ist und schneller fortschreitet, als es die Daten der amtlichen Schadenserhebungen aussagen". Die Folge: Schäden werden erst offiziell wahrgenommen, wenn sie nicht mehr zu kurieren sind.
Die alarmierenden Befunde gelten der dritthäufigsten Baumart in Deutschland, einem Baum, der die Dichter beflügelte wie Tannenbaum und Linde. In seinem "Reiselied" führte Joseph von Eichendorff den Zuhörer "durch Feld und Buchenhallen", Hermann Löns sah die Stämme alter Buchen im Morgenlicht "wie Silber" schimmern, und "das Laub der jungen Bestände lodert goldrot auf".
Der Volksglaube traut der Buche, die in der Sage als Tanzbaum für den Hokuspokus der Hexen herhalten muß, allerlei geheimnisvolle Kräfte zu.
Wenn beispielsweise im Herbst die Buchenfrüchte ("Bucheckern") besonders üppig ausfallen, signalisiert der Baum damit nach alter Bauernregel einen bevorstehenden harten Winter, womöglich aber auch reichen Kindersegen bei unehelichen Partnerschaften. Der vom Unwetter überraschte Mensch gilt unter einer Buche ("Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen") gegen die Fährnisse des Gewitterblitzes besser aufgehoben als unter anderen Bäumen.
Als Lieferantin von Nutzholz wird die Buche, von der sich etymologisch das Wort "Buch" herleitet, in der Möbelindustrie ebenso geschätzt wie bei den Eisfabrikanten, die ihr Holz gern als Stiel verwenden - schnödes Ende für einen der bewundernswertesten, aber auch rigorosesten Überlebenskünstler unter den Bäumen: Als jugendliches Bäumchen kommt die Buche mit ganz wenig Licht aus; später entfaltet sie ein derart dichtes Kronendach, daß wegen des unter ihm herrschenden Lichtmangels andere Baumarten kaum gedeihen können.
Immer größer klaffende Löcher im Kronendach aus Zweigen und Blättern der Buchen lösten bei Förster Möhring, der von 1974 bis 1984 das Forstamt Hardegsen im Solling leitete, den Verdacht aus, daß die amtlichen Schadenserhebungen mit unzureichenden Methoden erstellt würden und daher zu den "gefährlichen Fehldiagnosen" und vermeidbaren Baumverlusten führen mußten.
Die offiziellen Berichte, so fanden Möhring und sein Partner Roloff, stützten sich hauptsächlich auf das Kriterium des "relativen Blattverlustes", wobei zusätzlich auch aus dem Grad vorzeitiger Vergilbung Rückschlüsse auf die "Vitalitätsabnahme" des Baumes gezogen wurden. Als weiteres Indiz für ein sich abzeichnendes baldiges Ableben der Buche werten die Fachleute eine verdächtig verfrühte Produktion von Fruchtkapseln, nach Möhrings Beobachtungen sogar "schon als Baum-Jüngling mit 20 Jahren".
Damit erfassen die Behörden laut Möhring aber "erst ein Spätstadium der Erkrankung"; folgerichtig würden "im Anfangsstadium erkrankte Bäume oder Wälder" noch als "ungeschädigt" gemeldet.
In Wahrheit gehen dem relativen Blattverlust, wie Partner Roloff befand, eine "Deformation der Verzweigung in der Oberkrone und Stagnation des dortigen Triebwachstums" als deutlich erkennbare Krankheitssymptome "über etliche Jahre" voraus.
"Uns war klar", erläuterte Möhring, "das alles mußte fotografisch dokumentiert werden", weil das Übel nur "bei sehr genauem Hinsehen" zu erkennen sei. Das Fotografieren ganzer Bäume schien den beiden Baumhelfern nicht überzeugend. Möhring: "Es mußten einzelne Äste sein."
Rund ein Jahrzehnt hindurch fotografierte Forstmann Möhring jeweils Ende April bis Anfang Mai ("Die letzten Knospen mußten entfaltet sein") bei blauem Himmel in schier endlosen Serien mit seiner japanischen Kamera immer wieder die gleichen Partien zahlreicher Bäume.
Danach hielten die beiden Fachleute für erwiesen, was den behördlichen Waldprüfern offenbar entging: Die Waldschäden sind größer und ernster als amtlich festgestellt - Schäden, für deren Regulierung der Forstverein "allen Verursachern" gern eine Art "Umweltgroschen" abnehmen möchte.
"Es ist noch keine grundlegende Verbesserung", begründete Forstvereinspräsident Dertz, "wenn wir heute mit einem Kat-Auto an einem Naturschutzgebiet vorbeifahren."
Der Vereinschef will den Groschen in die Erde stecken - zur gezielten Aufbereitung ungesunder Böden, denn "die Entwicklung des Bodens ist ganz katastrophal".

DER SPIEGEL 43/1992
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