11.10.1993

Bad KleinenDie verlorenen Söhne

Auf Bauwagen im Hamburger Stadtteil Altona stehen provozierende Parolen. "Michael N., Du warst nur der erste", heißt es da in bunten Buchstaben, und: "Die anderen kriegen wir auch."
Anhänger der linksextremen Szene haben die Graffiti gemalt. Der Grenzschutzbeamte Michael Newrzella, der beim verheerenden Antiterror-Einsatz der GSG 9 Ende Juni in Bad Kleinen erschossen wurde, muß den Radikalen noch nach seinem Tod als Feindbild herhalten.
In Wiesbaden, bei den Eltern des Untergrundkämpfers Wolfgang Grams, der ebenfalls in Bad Kleinen tödlich verletzt worden ist, melden sich immer wieder aufgebrachte Anrufer. Sie wollen ihren Abscheu über den toten Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) loswerden.
"Ihr habt die Drecksau zwar begraben", drohte einer, "aber wir buddeln sie wieder aus und schmeißen sie auf den Müll."
Fanatiker wollen nicht wahrnehmen, daß es Menschen sind, die von den Zerrbildern verdeckt werden. Um zu hassen, _(* Bei Urlauben in Griechenland, ) _(Österreich. ) genügt ihnen das Klischee vom Polizisten und vom Terroristen.
Michael Newrzella und Wolfgang Grams sind zu verschiedenen Zeiten in Nachkriegsdeutschland aufgewachsen. Daß sie sich einmal begegnet sind, ist nicht nur Zufall, sondern auch Ergebnis ihrer unterschiedlichen Einstellung zum Staat: Der eine wollte noch mit 40 die Gesellschaft verändern - mit Gewalt. Der andere fand die Bundesrepublik Deutschland so gelungen, daß er schon mit 20 für sie zu kämpfen bereit war - notfalls mit Gewalt.
Im September 1967, als Michael Newrzella in Aachen geboren wird, steckt die Bundesrepublik in ihrer ersten Krise. Das Wirtschaftswunder ist vorbei, an den Universitäten, bislang Hort der Ruhe, wird gegen den Vietnamkrieg protestiert.
Als bei Demonstrationen gegen den Besuch des persischen Schahs Resa Pahlewi in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird, kommt es zu Straßenschlachten. Westdeutschland verändert sich.
Die Newrzellas bewegen andere Probleme. Ehefrau Susanne, schon zum zweitenmal Mutter, muß sehr genau mit dem Haushaltsgeld kalkulieren. Das Einkommen von Ehemann Peter, einem kleinen Postbeamten, ist bescheiden. Die Wohnverhältnisse sind beengt.
Wolfgang Grams ist zu dieser Zeit Gymnasiast. Er besucht das Gutenberg-Gymnasium, eine der ältesten Schulen Wiesbadens. Ein Institut, das in dem Ruf steht, fortschrittlichen Einflüssen zu widerstehen, nicht angekränkelt zu sein vom Ungeist der Zeitläufte. Am Eingang ist in Latein zu lesen "Dulce et decorum est pro patria mori" - "süß und ehrenvoll" sei es, "für das Vaterland zu sterben".
Die Eltern Grams haben große Pläne mit ihrem ältesten Sohn. Der Junge soll alle die Chancen bekommen, die den Eltern versagt geblieben sind.
Vater Werner haben die Nazis mit 18 nach Rußland geschickt. Als er ein Jahr später mit zerschossenem Bein zurückkehrt, ist sein Heimatort Kreuz in Posen von fremden Truppen besetzt, bleibt nur die Flucht in den Westen.
Seinen Posten als Abteilungsleiter einer Versicherungsgesellschaft in Wiesbaden muß sich Vater Grams mühsam erkämpfen. Der Aufstieg dient ihm als Beweis, daß jeder, der hart arbeitet, es auch zu etwas bringen kann im neuen Deutschland, daß sich Leistung lohnt, wie die Politiker behaupten, daß die Bundesrepublik ein passabler Staat ist.
Von den beiden Söhnen erwartet er Gehorsam, Respekt und Leistungsbereitschaft. Bei schlechten Schulnoten gibt es Krach, gelegentlich auch Ohrfeigen. Vor dem Essen spricht der Vater ein Tischgebet.
Sohn Wolfgang, der sich mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Rainer ein winziges Zimmer teilt, erfüllt zunächst die Erwartungen. Vor allem sein musikalisches Talent paßt zu den elterlichen Träumen vom Bildungsbürgertum.
Wolfgang, den seine Freunde "Gaks" nennen, singt im Knabenchor, lernt Geige und Flöte. Auf dem Klavier kann er nach dem Gehör musizieren, wie selbstverständlich eine Melodie nachspielen, die er einmal gehört hat.
Die Eltern, die sehr bescheiden leben, kaufen kostspielige Instrumente, finanzieren teuren Musikunterricht. Ein Lehrer macht ihnen Hoffnung: "Der Wolfgang hat das Zeug zum Dirigenten. Ich sehe ihn schon vor dem Orchester, den Taktstock in der Hand."
Auf ihren Michael sind die Newrzellas noch stolzer als auf die beiden anderen Söhne. Keiner kann so früh sprechen, er verblüfft die Erwachsenen schon als Zweijähriger mit gescheiten Fragen. Und noch bevor er eingeschult wird, lernt der Knirps lesen und schreiben.
Michael ist sechs Jahre alt, als die Newrzellas von Aachen in den Hamburger Stadtteil Nienstedten umziehen. Den Wohnungswechsel in den Villenvorort kann sich die fünfköpfige Familie nur leisten, weil die Adoptiveltern von Mutter Newrzella dort ein Haus besitzen.
Der Junge kriegt schnell mit, daß die Kinder in der Nachbarschaft besser angezogen sind, teurere Spielsachen geschenkt bekommen als er und seine Brüder. Die Mutter beginnt, die Fragen des Sohnes zu fürchten.
"Die haben so tolle Roller, warum haben wir die nicht?" - "Vater verdient nicht so viel." - "Da hätte er mehr lernen müssen, oder?" - "Du bist undankbar."
Die Nachwirkungen der Studentenunruhen können selbst vom konservativen Wiesbadener Gutenberg-Gymnasium nicht völlig ferngehalten werden. Schüler kommen, ein Frevel ohnegleichen, mit roten Fahnen zur Schule, im Unterricht werden Lehrer mit Begriffen wie "Kapitalismuskritik" und "Ausbeutung der Arbeiterklasse" konfrontiert. Primaner organisieren ein Vietnam-Kolloquium.
Wolfgang Grams, als Schüler mittelmäßig, beteiligt sich nicht. Meist sitzt der inzwischen 17jährige schweigsam im Unterricht, hört genau zu, beobachtet. Manchmal lächelt er. Lehrer und Mitschüler rätseln, was ihn bewegt.
Alle sind überrascht, als ausgerechnet der zurückhaltende Wolfgang großes Aufsehen erregt. Auslöser ist die Bemerkung eines Lehrers, der sich daran stört, daß der Schüler während des Unterrichts die Jacke ablegt: "Da kannst du dich ja gleich nackt ausziehen!"
Der Gymnasiast sieht den Lehrer an. Dann entledigt er sich langsam, Stück für Stück, seiner Kleidung. Zieht erst das Hemd aus, dann die Hose, dann die Strümpfe, dann das Unterhemd, schließlich die Unterhose.
Schon früh fällt Michael Newrzella als kleiner Gerechtigkeitsfanatiker auf. In der Grundschule, deren Anforderungen er mühelos bewältigt, achtet er genau darauf, ob es bei der Notengebung auch objektiv zugeht. Zu Hause rechtet er mit den Eltern, wenn er eine Strafe als unverdient empfindet.
Von den Brüdern Wolfgang und Thomas wird Michael als Autorität akzeptiert. Er schlichtet Streitigkeiten, geht dazwischen, wenn mal geprügelt wird.
In der zweiten Klasse sollen die Schüler berichten, welchen Beruf sie später lernen wollen. Michael schreibt in sein Aufsatzheft: "Ich möchte Polizist werden."
Das Foto von Wolfgang Grams, das fast ein Jahrzehnt lang in Tausenden Amtsstuben und Polizeirevieren hängen wird, ist ein Schnappschuß von der Abiturfeier. Der Abiturient Grams, der kaum trinkt, hat einen Schwips, sein Gesicht ist vom Alkohol gezeichnet.
Kurz danach sieht der inzwischen 19 Jahre alte Schulabgänger völlig anders aus. Er läßt sich die Haare bis auf die Schultern wachsen, bekommt Streit mit den Eltern. "Du siehst aus wie ein Hippie", schimpft der Vater.
Der Sohn findet Spaß daran zu provozieren. Für ein paar hundert Mark kauft er sich einen uralten VW-Käfer, malt ihn vom Dach bis zur Stoßstange bunt an. Auf das Heck schreibt er in großen Druckbuchstaben "BÄÄH".
Mit dieser Kiste wagt sich Wolfgang Grams auf eine gewaltige Tour in den Süden, fährt 11 000 Kilometer kreuz und quer durch Spanien und Griechenland. Begleitet wird er von einem Freund, der wie er versessen darauf ist, wenigstens für ein paar Monate auszubrechen, Phantasien auszuleben von einer Existenz ohne Zwänge.
Dazu gehört, mit Drogen zu experimentieren. Die beiden Freunde rauchen Haschisch. Wolfgang Grams schluckt auch Pillen, erzählt abenteuerliche Geschichten über die Wirkung. Einmal besteht er darauf, weiße Elefanten zu sehen, phantasiert noch am nächsten Tag: "Sie waren so lebendig wie du und ich." Der Freund lacht ihn aus.
Über Politik wird nicht gesprochen. Die Reisenden interessieren sich nicht für Nachrichten oder Zeitungen. Von Deutschland wollen sie nichts hören.
Übermütig rasen sie eines Morgens in Griechenland auf den Strand zu, Wolfgang Grams gibt solange Vollgas, bis die Räder des Käfers im Sand verschwinden. Die Freunde springen aus dem Wagen und rennen ins Meer.
Um das Auto wieder flottzukriegen, bitten sie später Zigeuner um Hilfe, die in der Nähe ihre Wohnwagen aufgestellt haben. Ein alter Mann zieht das Gefährt mit einem Traktor auf die Straße.
Als die Deutschen sich bedanken wollen, streift der Helfer langsam den linken Hemdsärmel hoch: Auf dem Unterarm steht seine Häftlingsnummer, die ihm in einem Konzentrationslager der Nazis eintätowiert wurde.
Wieder zu Hause, stellt Wolfgang Grams den Eltern jene Frage, die so viele Angehörige der Kriegsgeneration von ihren Kindern zu hören bekommen: "Warum habt ihr nichts unternommen gegen die Nazis?"
Für den Sohn steht fest, daß er sich dem Staat verweigert. Vor einem Prüfungsausschuß erklärt der Wehrpflichtige Grams, warum er niemals eine Waffe in die Hand nehmen wird, unter keinen Umständen je bereit ist, auf Menschen zu schießen.
Die Prüfer lassen sich überzeugen. Der amtlich beglaubigte Pazifist muß nicht zur Bundeswehr, er wird statt dessen zum Zivildienst in eine Wiesbadener Klinik beordert. Dort pflegt er Kranke so aufopferungsvoll, daß ihn Ärzte und Schwestern loben.
Manchmal ist Susanne Newrzella das Verhalten ihres Sohnes Michael unheimlich.
Als sich der Junge in der Küche mit siedendem Wasser derart den Arm verbrüht, daß eine große Narbe zurückbleiben wird, weint er fast überhaupt nicht. Während die Mutter entsetzt zur Seite schaut, guckt er genau zu, wie eine Ärztin Fasern des Pullovers aus der Wunde zieht. "Tut das nicht schrecklich weh?" fragt die Mutter. "Nein, nein."
Schmerzen auszuhalten, die andere kaum ertragen können, ist für Michael eine Herausforderung, die er sogar sucht, geradeso, als könne er seinen Körper nur dann intensiv genug spüren.
Als er sich wegen einer Kieferbegradigung einen Zahn ziehen lassen muß, besteht er darauf, daß der Arzt keine Betäubungsspritze setzt. "Ich mußte ausprobieren, ob ich das ertragen kann", erklärt er hinterher.
Auf Schulfreizeiten fällt auf, daß Michael immer wieder körperliche Grenzerfahrungen sucht. Bei einer Fahrradtour durch Polen radelt er auf einer Etappe trotz Kälte und Regen vorneweg, genießt das unmittelbare Naturerlebnis. Die meisten anderen Teilnehmer haben ihre Räder im Anhänger gelassen, fahren im Begleitbus hinterher.
Als die Gruppe an einen Gebirgsfluß in den Beskiden kommt, ist Michael der einzige, der ins eiskalte Wasser springt. "Kommt nach, los", ruft er seinen Freunden zu, "stellt euch nicht so an." Die bleiben frierend am Rand stehen. Einer sagt: "Du bist ja verrückt, Mann."
Anfang 1973 zieht Wolfgang Grams zu drei Männern und einer Frau in eine Wohngemeinschaft. Die aus der radikalen Protestbewegung hervorgegangene Untergrundkampftruppe RAF, die in vielen Medien noch Baader-Meinhof-Bande heißt, scheint zu dieser Zeit bereits am Ende. Die Gründer Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sitzen im Gefängnis, ihr Versuch, als Stadtguerilla die Revolution herbeizubomben, ist gescheitert.
In der Wohngemeinschaft, die sich in einer geräumigen Altbauwohnung etabliert hat, wird über die Gründe des Mißerfolgs debattiert. Wolfgang Grams ist auf Mitbewohner getroffen, die zwar aus bürgerlichen Verhältnissen stammen, aber alle aufbegehren gegen den Staat, den ihre Eltern gutheißen.
Das Elend der Welt, glauben sie, hat drei wesentliche Ursachen: die militanten und imperialistischen Vereinigten Staaten, die gerade erst aufgehört haben, Napalmbomben auf Vietnam zu werfen; die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die aus Menschen fremdbestimmte Krüppel machen; der Staat, der die Interessen der Kapitalisten durchsetzt.
Wolfgang Grams hört zuerst nur zu, beteiligt sich selbst nur selten an den politischen Gesprächen. Nach ein paar Monaten in der WG finden ihn die Eltern völlig verändert.
Wenn der Sohn sonntags zum Mittagessen nach Hause kommt, hält er Vorträge über die Ausbeutung der Arbeiter in Südamerika, erregt sich über den Einfluß des amerikanischen Geheimdienstes CIA in Nicaragua.
Diskussionen über das Schicksal der inhaftierten RAF-Mitglieder führen regelmäßig zu erbitterten Wortwechseln zwischen Vater und Sohn: _____" "Die Gefangenen werden systematisch gefoltert, bis " _____" zur Vernichtung." " _____" "Das ist doch Quatsch, wir leben in einem Rechtsstaat." " _____" "Das glaubst du bloß. Du glaubst ja auch, was in der " _____" Zeitung steht." " _____" "Wenn dir hier alles nicht paßt, geh doch rüber in die " _____" DDR." " _____" "Ich will hier etwas verändern." "
Wolfgang Grams schließt sich der Sozialistischen Initiative Wiesbaden an, die von Linken mit dem Ziel gegründet worden ist, Sozialismus zum Anfassen zu praktizieren, ausgebeutete Bürger an der Haustür über die Widersprüche der Gesellschaft aufzuklären.
Obwohl schüchtern und nicht redegewandt, überwindet sich Grams, klingelt wie ein Versicherungsvertreter bei wildfremden Leuten, um mit ihnen über Fahrpreise und überhöhte Mieten zu diskutieren.
Genossen, die ihn begleiten, sind beeindruckt von seinem Sendungsbewußtsein, dem fanatischen Ernst, mit dem er zu missionieren versucht. Sie kriegen auch seine Verbitterung darüber mit, daß die meisten Menschen nicht bekehrt werden wollen.
In der Wohngemeinschaft, in der die Hausbesuche als lächerlicher Reformismus abgelehnt werden, wird nächtelang debattiert, ob Gewalt zulässig sei. Die WG ist jetzt Anlaufstelle für militante Linke aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Sprache ist aggressiv geworden.
Der Staat heißt nur noch "Schweinestaat", die ihn unterstützen, sind die "Schweine". Keiner widerspricht, als einer die Schlußfolgerung zieht: "Nur ein toter Bulle ist ein guter Bulle."
So bieder und ängstlich wie seine Eltern möchte Michael Newrzella nicht werden. Deren stete Sorge um die Söhne findet er übertrieben, das Zuhause zu eng.
Die Mutter, die schon schreit, wenn das Familienauto mal schneller um die Kurve fährt, verspottet er als "Angsthase". Der Vater, der seltene Puppen sammelt und aufs Wohnzimmersofa setzt, ist ihm zu spießig.
Wie viele Jugendliche ist der Sohn meist prinzipiell anderer Meinung als die Eltern, gibt ungefragt Ratschläge. "Ihr müßt viel mehr machen aus eurem Leben", empfiehlt er, "ihr müßt mehr riskieren."
"Tu mir einen Gefallen", antwortet die Mutter, "rede nicht so belehrend. Du kannst ja später alles viel besser machen."
Der bewaffnete Kampf ist für Wolfgang Grams kein theoretischer Begriff mehr, sondern eine realistische Möglichkeit geworden.
Bekannte von früher, die bei Besuchen die Parolen hören, sind irritiert. "Könntest du wirklich auf Menschen schießen, Gaks?" fragt ein Schulkamerad. Wolfgang Grams lächelt, sagt nicht ja, sagt nicht nein. Sagt nur, daß staatliche Gewalt eben "Gegengewalt von unten" provozieren könne.
Tauben sind die ersten Opfer. Sie werden vom Fenster aus mit Zwillen von Bäumen geschossen, fallen verletzt oder tot in den Hof. Die Zwillen sind angeschafft worden, um bei Demonstrationen auf Polizisten zu schießen.
Die WG-Bewohner fahren jetzt regelmäßig zu den RAF-Prozessen nach Stammheim. Wolfgang Grams beginnt, inhaftierte Terroristen zu betreuen. Der Verfassungsschutz wird aufmerksam, die Bewohner werden observiert.
Im Wiesbadener Bundeskriminalamt, das nur wenige Kilometer entfernt am Waldrand liegt, ist Präsident Horst Herold gerade dabei, als Waffe gegen den Terrorismus eine der größten Datensammlungen der Welt anzulegen. Auch die Daten der WG-Mitglieder werden gespeichert.
Die einzige Frau verläßt die Wohngemeinschaft, beschwört Wolfgang Grams, ebenfalls auszuziehen: "Gaks, es wird brenzlig, geh jetzt." Der antwortet: "Jeder muß tun, wovon er überzeugt ist."
Zusammen mit anderen militanten Linken gründet er die Rote Hilfe. Deren Mitglieder wettern in der Öffentlichkeit gegen "Vernichtungshaft" und "Isolationsfolter", beteiligen sich an Kirchenbesetzungen und Demonstrationen für die "Zusammenlegung der politischen Gefangenen". Bei der Polizei stehen sie im Verdacht, für Terroristen der RAF Hilfsdienste als Boten und Wohnungsbeschaffer zu leisten.
Kurz nachdem im September 1978 in Düsseldorf der Terrorist Willy Peter Stoll von einem Polizisten erschossen worden ist, wird Wolfgang Grams verhaftet. BKA-Fahnder haben im Notizbuch des Toten die Telefonnummer eines Wiesbadener Cafes entdeckt, in dem Grams als häufig telefonierender Stammgast aufgefallen ist.
Im Gefängnis findet der Untersuchungshäftling Bedingungen vor, gegen die er bisher protestiert hat: Er wird von den anderen Gefangenen ferngehalten, selbst Gespräche mit Familienangehörigen sind nur durch eine Trennscheibe möglich. Einmal wird er von einer Anstalt in die andere verlegt, obwohl er nur mit einer Unterhose bekleidet ist.
Weil ihm die Strafverfolger nichts nachweisen können, wird Wolfgang Grams nach fünf Monaten entlassen, bekommt sogar Haftentschädigung. Ein bürgerliches Leben will er jedoch nie mehr führen.
Er wechselt mehrfach die Wohngemeinschaften, Kontakte zu Eltern und Bruder werden seltener. Sein Lehrerstudium in Frankfurt, das er ohnehin nur lustlos begonnen hat, gibt er auf. Wenn er unbedingt Geld benötigt, arbeitet er als Taxichauffeur, fährt für ein Fischgeschäft Ware aus oder hilft seinem Bruder Rainer in dessen Kopierladen.
Weil Besitz nicht zur Revolution paßt, trennt sich der Aussteiger Stück für Stück von seinen Habseligkeiten. Zuletzt verschenkt er den Kleiderschrank, der noch aus seinem Kinderzimmer stammt.
Den Kumpel, dem er das Möbel vermacht, plagt beim Abtransport ein schlechtes Gewissen.
"Mensch Wolfgang, der Schrank ist ja das einzige, was noch in deinem Zimmer steht." - "Wir brauchen keine Schränke mehr." - "Aber wo willst du denn deine Kleider unterbringen?" - "Wir brauchen keine Kleider mehr."
An einem Februartag 1984 kommt Wolfgang Grams zu seinem Bruder ins Geschäft. Der Besuch dauert nur zwei Minuten. "Rainer, mach''s gut, ich muß verschwinden", sagt er, "sie wollen mir etwas anhängen. Und grüß die Eltern." Er taucht noch am gleichen Tag ab, zusammen mit seiner Freundin Birgit Hogefeld, mit der er in den letzten Jahren zusammengewohnt hat.
Das Aufbau-Gymnasium in Altona, das Michael Newrzella 1984 besucht, liegt in einem Viertel mit sozialen Spannungen. In den Wohnsilos ringsum leben viele Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Ausländer.
Die Schüler, die zum großen Teil aus anderen Stadtteilen kommen, interessieren sich nicht für die Probleme in ihrer Umgebung. Anders als die Oberschüler der siebziger Jahre wollen sich die Achtziger nicht mit Politik belasten, sondern schnell einen Abschluß haben.
Michael Newrzella gehört zu den Leistungsfähigsten. Er begreift schneller als die anderen, ist meist auch besser vorbereitet, sein Notendurchschnitt liegt zwischen "sehr gut" und "gut".
Er ist jedoch kein Streber, läßt die Klassenkameraden anstandslos die Aufgaben abschreiben. Die schätzen ihn als lustigen Kumpan, der auf Fahrten die besten Streiche ausheckt, begeistert mitmacht, wenn sich die Oberschüler wie Kinder mit Negerküssen beschmeißen.
Michaels Entscheidung, das Gymnasium nur ein Jahr vor dem Abitur zu verlassen, verblüfft Lehrer und Mitschüler. Auf Zweifel stößt vor allem das Motiv. Der Gymnasiast verzichtet auf die Hochschulreife, um beim Bundesgrenzschutz anzufangen.
Ein Oberstufenleiter versucht, den Schüler umzustimmen: "Hängen Sie doch noch ein Jahr dran, mit Abitur gibt es doch ganz andere Möglichkeiten für Sie." Michael Newrzella lehnt ab: "Ich habe mich nun mal entschlossen."
Später, im Lehrerzimmer, schildert der Studienrat den Kollegen seinen Eindruck: "Da ist nichts zu machen, der Junge ist unerschütterbar."
In einem Papierkorb am Stuttgarter Charlottenplatz wird am 3. Februar 1985 ein Brief mit einem unerhörten Bekenntnis gefunden: _____" Wir haben mit dem Kommando Patsy O''Hara den " _____" Präsidenten des bdli (Bundesverband der deutschen Luft-, " _____" Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie) und MTU-Chef Ernst " _____" Zimmermann erschossen. Im Angriff gegen die Säulen der " _____" imperialistischen Macht in der BRD/Westeuropa greifen wir " _____" in die sich verschärfende Krise ein und bestimmen ihren " _____" Verlauf und ihre Lösung für die Offensive des " _____" Befreiungskrieges " _(* Oben: Videoaufnahmen von einer ) _(Kletterübung 1991; unten: 1974 nach ) _(einer Besetzung des Hamburger Büros von ) _(Amnesty International. ) . . . Rote Armee Fraktion.
Zwei Tage zuvor hatten Unbekannte den Rüstungsmanager Zimmermann in seinem Haus in Gauting bei München ermordet. Es ist das erste Attentat, das vom Bundeskriminalamt einer neuen Generation der RAF zugeschrieben wird.
Erstmals wird auf den Fahndungsplakaten das Foto von Wolfgang Grams abgebildet.
Die Anforderungen beim Grenzschutz bewältigt Michael Newrzella leicht. Er hat keine Probleme, sich unterzuordnen, lernt aber auch schnell zu kommandieren. Innerhalb kurzer Zeit avanciert er vom mittleren zum gehobenen Dienst, wird nach drei Jahren Kommissar.
Daß er dem Gemeinwesen dient, einen Eid auf die Verfassung geleistet hat, entspricht seinen Überzeugungen. Für die Bundesrepublik, findet er, lohnt es, sich einzusetzen.
Haß auf den Staat, der die Überzeugungstäter der RAF treibt, begreift der Grenzschutzbeamte Newrzella nicht. Selbstverwirklichen, glaubt er, könne sich in Deutschland jeder. "Wir haben hier so viele Möglichkeiten", sagt er zu Freunden, "man muß nicht einmal reich sein."
Für ihn stellt sich die Welt als eine Art Abenteuerspielplatz dar, in der es immer neue Herausforderungen zu entdecken gibt. Im Urlaub bucht er Fallschirmspringerkurse oder fährt zum Tauchen nach Florida. Auch den Nervenkitzel der neunziger Jahre, das Bungee-Springen vom Baukran, probiert er aus.
Im Sommer 1991 bewirbt er sich bei der Elitetruppe des Grenzschutzes, der GSG 9.
Die neue Generation der RAF bombt und schießt mit furchtbarer Präzision. Die Attentäter bauen Sprengfallen, legen Hinterhalte. Nach den Anschlägen verschwinden sie, ohne je verwertbare Spuren zu hinterlassen.
Der Diplomat Gerold von Braunmühl wird ermordet, Bankier Alfred Herrhausen in die Luft gesprengt, Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder hinterrücks erschossen.
Jedesmal, wenn das Bild des Sohnes im Fernsehen gezeigt wird, schaltet die Mutter des Verdächtigen Grams das Gerät ab. "Der Wolfgang kann nicht dabeigewesen sein", sagt sie zu Verwandten, "er würde nie auf Wehrlose schießen."
Die Eltern von Michael Newrzella sind einerseits stolz, daß ihr Sohn die Eingangstests bei der GSG 9 bestanden hat. Sie wissen, daß nur wenige die Prüfung schaffen. Und sie wissen auch, daß sich Michael sehnlichst gewünscht hat, der Truppe anzugehören, die seit der Erstürmung einer von Terroristen gekidnappten Lufthansa-Maschine im somalischen Mogadischu 1977 im Ruf steht, selbst unter schwierigsten Bedingungen zu kämpfen und zu siegen.
Andererseits leiden sie darunter, daß der Sohn, der jetzt in Bad Honnef wohnt, sich in kurzer Zeit verändert hat. Er wirkt verschlossen, beinahe unnahbar, lacht nicht mehr so unbeschwert wie früher. Wenn er alle paar Wochen nach Hause kommt, weicht er Fragen aus.
Oft haben die Eltern den Eindruck, Michael gehöre jetzt einem Orden an, dessen geheime Regeln absolutes Stillschweigen vorschreiben, auch gegenüber den engsten Familienangehörigen. "Wir haben einen Sohn verloren", sagt der Vater.
Michael schreibt den Eltern Briefe, in denen er sein anderes Verhalten erklärt, sich aber auch über mangelndes Verständnis für seine Situation beklagt. Die Briefe schickt er nie ab.
Die Hingabe, mit der er sich seiner neuen Aufgabe verschreibt, duldet keine anderen Bindungen. Von seiner Freundin trennt er sich, erklärt ihr, daß sein Beruf zu gefährlich sei, um eine Familie zu gründen.
Bedürfnisse nach Nähe schiebt Michael Newrzella ganz weit weg. Er übernimmt die Patenschaft für ein brasilianisches Kind, zahlt dafür jeden Monat 50 Mark. Das Bild des Jungen, das ihm von einer Hilfsorganisation geschickt wird, stellt er auf seinen Schreibtisch. Es ist das einzige persönliche Foto in seiner Wohnung.
Die Botschaft aus dem Untergrund kommt überraschend. Jahre hatten die Eltern Grams kein Zeichen ihres Sohnes erhalten, nicht einmal gewußt, ob er noch lebt. Jetzt ist ihnen heimlich über Boten aus der linksextremen Szene ein Brief von Wolfgang zugegangen.
Ein ungewöhnlicher Dialog beginnt. Ohne daß die Terrorismusfahnder etwas merken, korrespondieren der gesuchte Untergrundkämpfer und seine Eltern über Persönliches und Politik.
Wolfgang Grams gibt die Bedingungen vor: Bruder Rainer darf aus Sicherheitsgründen nichts vom Kontakt erfahren, die Briefe müssen sofort verbrannt werden.
Noch einmal werden die alten Konflikte ausgetragen. Wie früher versucht der Sohn, den Eltern die Notwendigkeit seines Widerstandes zu erklären. Er kämpfe, damit der Staat, dieses Unrechtssystem, "aufhört zu existieren". Die Reaktion ist ebenfalls wie früher. "Revoluzzer in Eurem Sinne", heißt es in der Antwort, "sind wir Eltern trotz Höhen und Tiefen im ganzen Leben nicht gewesen."
Aber weil die Eltern ihren Sohn trotz allem lieben, hoffen sie, daß er niemals gefaßt wird.
Im letzten Brief an den Sohn vom Frühjahr 1993 schreibt der Vater: "Ich möchte Dich nicht lebenslänglich hinter Gittern sehen, auch dann nicht, wenn wir es vielleicht gar nicht mehr erleben sollten."
Daß ihn sein Job das Leben kosten könnte, hat der GSG-9-Beamte Newrzella einkalkuliert. Das Risiko, erklärt er einem Freund, sei jedoch, wegen der präzisen Vorbereitung, selbst bei heiklen Einsätzen gering: "Da lebt mancher Streifenpolizist gefährlicher." Auch vertraut er dem Können seiner Vorgesetzten. "Wenn mir einer befiehlt, aus dem 13. Stock zu springen", sagt er, "springe ich." Denn: "Ich weiß, ich kann mich darauf verlassen, daß nichts passiert."
Bahnhof Bad Kleinen, 27. Juni 1993, 15.17 Uhr. Die Begegnung zwischen dem Terroristen und dem Polizisten dauert nicht mal eine halbe Minute.
Wolfgang Grams feuert auf Michael Newrzella, der ihn festnehmen will, keine Schußweste trägt, seine Waffe nicht gezogen hat. Ein Geschoß durchschlägt die Brust, GSG-9-Mann Newrzella stirbt.
Auch Untergrundkämpfer Grams wird getroffen, stürzt Sekunden später auf den Bahnsteig. Ob er sich den tödlichen Kopfschuß selbst zufügt oder aus nächster Nähe erschossen wird, bleibt womöglich ungeklärt für immer.
Ein Polizist, der von einem Terroristen erschossen worden ist, hat für den Staat hohen Symbolwert. Zur Beerdigung von Michael Newrzella in Nienstedten erscheinen der Bundesinnenminister, der kurz darauf zurücktritt, und der Generalbundesanwalt, der Tage später entlassen wird. Die Kapelle des Bundesgrenzschutzes spielt "Ich hatt'' einen Kameraden". Auf die Erstattung der Beerdigungskosten müssen die Eltern Newrzella noch Monate nach der Trauerfeier warten.
Ein toter Terrorist, noch dazu, wenn er unter mysteriösen Umständen umgekommen ist, eignet sich zur Legendenbildung. Für die linksextreme Szene wird Wolfgang Grams zum Märtyrer.
Die "Genossen und Genossinnen" aus dem Untergrund haben zur Beerdigung einen Kranz mit einem letzten Gruß geschickt: "Gaks, in den Kämpfen um Befreiung wirst du weiterleben." Y
* Bei Urlauben in Griechenland, Österreich. * Oben: Videoaufnahmen von einer Kletterübung 1991; unten: 1974 nach einer Besetzung des Hamburger Büros von Amnesty International.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 41/1993
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