27.04.1992

Was, wenn der Messias stirbt?

Seit Wochen schon verbirgt er sich dort hinter den Butzenscheiben des kleinen Backsteinhauses in Brooklyn. Nur manchmal öffnet sich die braune Eichentür. Dann hasten graubärtige Rabbiner heraus, Emissäre, Vertraute. Die Frühlingssonne wirft harte Schatten unter ihre Hutkrempen. Und die Jünger, die draußen warten, versuchen vergebens, in ihren Gesichtern zu lesen, eine Antwort, einen Glanz vielleicht, das Anzeichen eines Wunders.
Hier in Brooklyn warten sie nicht auf das Wunder, sie rechnen darauf. Schriftgläubig klagen sie es ein, gesetzestreu. Steht nicht geschrieben, daß der Messias sich offenbare nach 45 Tagen der Verborgenheit? Der 45. Tag ist heute.
Dort drinnen liegt der Mann, den sie als Messias verehren. Menachem Schneerson, siebter Rebbe der belorussischen Lubawitscher Dynastie und ganz sicher der letzte, denn er wird sich als der Messias zu erkennen geben. Vielleicht jetzt, vielleicht in fünf Minuten, vielleicht heute nacht. Heute nacht wird er 90 Jahre alt. Heute, am 11. des Nissan, im Jahre 5752 seit Erschaffung der Welt, könnte das Versprechen des Allmächtigen eingelöst werden.
An diesem Tag, in dieser Nacht wird der Rabbi in vielen Ländern der Erde gefeiert. Wie kein anderer hat er eine weltweite orthodoxe Sammlungsbewegung ins Werk gesetzt. Er vereidigt seine Anhänger auf die eisernen Gesetze der Tora. Zurück zu den Fundamenten, zurück in die Strenggläubigkeit der osteuropäischen Diaspora des 18. Jahrhunderts. Das moderne Judentum sieht er der Gefahr eines "spirituellen Holocaust" ausgesetzt.
Doch er nutzt die Mittel, die die säkulare Welt bereithält, Satellitenleitungen, Ton- und Videokassetten, um sein gewaltiges Werk zu verbreiten - seine in 250 voluminösen Büchern gesammelten Reden, chassidischen Texte und Talmud-Auslegungen.
Seine Gegner sehen in ihm einen Scharlatan; seine Jünger den Messias. Eines ist er sicher: ein Gelehrter von magnetischer Ausstrahlung, einer, der Macht über Menschen hat. Politiker und Popstars pilgern zu seinem Backsteinhaus. Ein Wort des Rabbi kann in Israel Parlamentskrisen auslösen.
Aus Italien und Australien, der Schweiz und Kanada sind sie gekommen, hierher nach Brooklyn, um den Geburtstag ihres Rabbi zu feiern.
Crown Heights, Eastern Parkway 770, das ist ein jüdisches Schtetl im New York des 21. Jahrhunderts. Die Männer tragen altmodische Anzüge und steife schwarze Hüte, und die Kinder spielen mit den Zizes, den Schaufäden, die ihnen von den Hüften hängen. In den Straßen tönt eine Sinfonie aus chassidischen Musikfetzen und jiddischen Rufen, herrscht Gedränge bei den Buchhändlern und koscheren Krämern, die den Talmud verkaufen und Bilder des Rabbi und Mazzen, denn es ist die Woche vor Passover.
Das Passover-Fest, das den Auszug aus ägyptischer Gefangenschaft feiert und den Aufbruch ins Gelobte Land! Damals führte Mose die Israeliten; und heute ist es der Rabbi, der das Werk vollenden wird, das wissen sie.
Für den jungen Shmuel, der die Tür des Backsteinhauses nicht aus den Augen läßt, ist ganz klar: "Ich werde den Messias erleben. Bald." Bald ist jetzt, und jetzt heißt: jederzeit. Vor einigen Tagen wurde versehentlich die Sirene ausgelöst, die sonst zum Sabbat ruft. "Das ist der Moment", durchfuhr es Shmuel. Er lächelt, als er davon erzählt.
Judaismus bedeutet in erster Linie: Warten auf den Verheißenen. Doch hier, bei den Lubawitschern, ist das Warten nicht ergeben, ist nicht demütiges Beten, ist nicht ein vages Hoffen auf Erlösung. Hier, in Brooklyn, ist das Warten ein Feuer. Braucht die Welt etwa keinen Messias?
Doch vor einigen Wochen ist das Undenkbare geschehen: Vor einigen Wochen hatte ein Schlaganfall den Rabbi gelähmt. Seither dringen nur spärliche Informationen in die Gemeinde. Der Rabbi mache Fortschritte, er könne sich bereits wieder verständlich machen.
Aber was ist, wenn der Messias stirbt? Für Rabbi Haschel Greenberg eine unverständliche Frage. "Er hat unzählige Menschen geheilt. Warum sollte der Messias nicht auch sich selber heilen können?" Rein "wissenschaftlich" würde sein Tod keinen Sinn machen. "Seine Krankheit ist rationalisierbar", sagt Greenberg, "aber warum sollte ich für Gott Entschuldigungen suchen."
Bei ihm, wie bei allen Lubawitschern, sind glühendes Begehren und logischer Geist, sophistische Spitzfindigkeit und gläubiger Taumel verschwistert: Alle in der Gemeinde glauben an den Rabbi als den Messias. Doch gleichzeitig haben sie sich medizinische Fachbücher besorgt und alles über Schlaganfälle gelesen, was sie finden konnten. Und am Bürgersteig parkt ein blauweißer Krankenwagen der "Hatzoloh Ambulanz". Nein, für den Rabbi ist dieser Wagen nicht. Aber es ist gut, daß er da ist.
Rabbi Greenberg und Israel, ein junger Talmud-Schüler aus der Schweiz, hasten hinüber in die Tora-Schule, die gleichzeitig die Synagoge ist, dorthin, wo nun die Mincha, das Nachmittagsgebet, gesprochen wird. Ein Raunen und ein Singen ist in diesem dunkel getäfelten Riesensaal mit den Kristallüstern, Bänken und Emporen. An diesem Tage beten sie den 91. Psalm, denn für den Rabbi beginnt das 91. Lebensjahr. "Orech jamim asbiehu we-arehu bischuati" - Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.
Hunderte von Männern wippen rhythmisch über ihren Bänken und blättern hastig die Seiten zerfledderter Bücher, die linken, die schwachen Arme entblößt und mit Gebetsriemen umwickelt, und sie rufen ihre Gebete nicht ehrfürchtig, sondern fordernd - Herr, schick uns den Messias!
Und nun übertragen die schnarrenden Lautsprecher in der Synagoge direkt aus Israel, wo sich Zehntausende versammelt haben, um den Geburtstag des Rabbi zu feiern und die bevorstehende Ankunft des Messias, und drüben, im Gelobten Land, feiern sie schon jetzt, denn Israel ist sieben Stunden voraus.
Im brausenden Auf- und Abschwellen der Gebete und Gesänge, dem Schreien der Kinder, dem Scheppern der Lautsprecher sitzt Chaim Nissenbaum in einer Bank gleich neben dem Schrein, der die Tora-Rollen enthält. Ein Schriftgelehrter, der gerade aus Paris gekommen ist, übernächtigt und beseligt. Keine Frage für ihn, daß der alte Mann im Nebenhaus der Messias ist. Mit stechender Logik weist er die Genealogie des Rabbi nach, die in direkter Linie zu David führt - Schneerson ist der Messias, er erfüllt die Bedingung.
Auch seine Prophezeiungen haben sich erfüllt. Hat er nicht den Zusammenbruch der atheistischen Welt richtig vorhergesehen? Ist die Berliner Mauer nicht gefallen? Hat er nicht das zerstreute Volk Israels gesammelt? Und hat er es nicht jüngst, vor dem Golfkrieg, beruhigt mit der Zusicherung, es werde ihm kein Leid geschehen?
Ganz sicher wird er auch noch die letzte Forderung erfüllen und sein Messiastum beweisen: Er wird den Tempel bauen in Jerusalem, wie es geschrieben steht. Den Zeitpunkt allerdings, den bestimmt allein er. Aber läuft ihm die Zeit nicht davon?
Die Nacht ist hereingebrochen, die die letzte sein könnte, die Nacht der Offenbarung, und hinter den Butzenscheiben schimmert gelbes Licht. Hinter den Butzenscheiben liegt ein gebrechlicher alter Mann, linksseitig gelähmt, dessen Mund, tief vergraben in einen mächtigen grauen Bart, nur unter größten Mühen kaum verständliche Wörter formt.
Wie kann er der Messias sein? In einem koscheren Imbiß um die Ecke sitzen Israel und sein Freund Mendel über weißem Hühnerfleisch, und sie reden ungeduldig alle Zweifel nieder. "Wir werden den Messias sehen, mit eigenen Augen. Er wird sich uns offenbaren."
Aber hat es in der jüdischen Geschichte, die eine Geschichte ungeduldigen und öfter heißlaufenden Wartens ist, nicht schon Fanatiker gegeben, die den theologischen Sprung über die Grenze vollzogen, die Spannung auflösten, sich als Messias inthronisierten?
Da war im 17. Jahrhundert Sabbatai Zwi aus Smyrna, ein Ekstatiker und Mystiker, der den vollen Gottesnamen ("Schem ha-meforasch") aussprach und sich von seinen Jüngern als Messias verehren ließ, selbst dann noch, als er später, vom türkischen Sultan gezwungen, zum Islam übergetreten war. Sein Weggefährte Abraham Jachini veranstaltete kultische sexuelle Orgien, denn im messianischen Zeitalter gibt es keine Sünde mehr, keine Gesetze, die gebrochen werden könnten, kein Gut, kein Böse.
Israel und Mendel lächeln überlegen: Das allein genüge, Sabbatai Zwi als Betrüger zu entlarven, denn auch der Messias lebe nach dem Gesetz. "Im übrigen hat der Rabbi von sich selber nie gesagt, daß er der Messias sei." Aber sie glauben es? "Natürlich."
Zu ihnen hat sich Cliff aus Chicago gesellt, im modischen grauen Zweireiher, nur das Kippa auf seinem Hinterkopf weist ihn als gläubigen Juden aus. Cliff ist Psychotherapeut. Ein Fachmann für die Seele. Und als Fachmann, so sagt er, hat er gemerkt, wie schmal der psychoanalytische Begriff der Seele sei. Er ist zu den Lubawitschern gestoßen wie einer, der heimgekehrt ist.
Ob er nicht glaube, daß der junge Israel, dessen Heilserwartung in allerhöchste Höhen geschraubt ist, bei einer Enttäuschung suizidal abstürzen könnte, ein Ikarus mit versengten Flügeln? Was, wenn der Rabbi stirbt, ohne sich als Messias offenbart zu haben?
Cliff nickt geistesabwesend, so, als höre nur der Fachmann in ihm zu, der "sicher" murmelt, und dann übernimmt der Gläubige in ihm: "Aber keiner von uns glaubt, daß dem Rabbi irgend etwas zustoßen könnte." Und er strahlt in stählerner Gewißheit wie die anderen.
Drüben in der Synagoge kann keine Stecknadel mehr zu Boden fallen. Ein schwankendes Meer aus schwarzen Anzügen und schwarzen Hüten in dieser Nacht, und sie tanzen und feiern den Rabbi und die Ankunft des Messias.
Von oben, durch schmale Schlitze in getönten Scheiben, schauen die Frauen auf ihre Männer hinab. Unten wird Hering verteilt und süßer Kuchen und Wodka, und Galina oben hält sich an einem Buch fest, das den Titel "Notwendige Verluste" trägt. Ein Buch über Trennungen, über das Altern, über den Tod. Unten singen sie "Der Herr, der König, der Messias soll leben immerdar", lauter, ekstatischer, denn die Mitternacht rückt näher, und Galina kaut auf ihrer Unterlippe, und ihr schmaler Körper ist wie ein gespannter Bogen.
Sie ist klug, sie hat viel gelesen, vor allem über den Tod, aber den Rabbi damit zu verknüpfen fällt ihr nicht ein. "Der Chassidismus ist fröhlich", sagt sie, "warum sollte ich über den unmöglichen Tod des Messias nachdenken."
Die Nachtwache dauert bis in die frühen Morgenstunden, im Wechsel von Klagen, Singen und Beten. Immer wieder wird der Grund genannt für das Ausbleiben des Messias. "Wir beten nicht genug." Dann steigt das Brausen an.
Der Messias hat sich auch diese Nacht nicht gezeigt. Doch am nächsten Morgen besteigen die Lubawitscher 91 Campingwagen mit Lautsprechern, eine Flotte von Autos, die sie Gebetspanzer nennen, und sie rollen gegen Manhattan, und über Lautsprecher verkünden sie die frohe Botschaft in Form eines Rap-Gesangs: "Der Rabbi der Lubawitscher ist Messias. Überzeugt euch davon. Der Messias kommt, seid bereit."
Im 44. Wagen sitzen Chaim und Yossi, Jim aus Hongkong und Chesky, der vor fünf Monaten aus Australien nach Brooklyn gekommen war, um den Talmud zu studieren. Seine Brüder sind Geschäftsleute, und er hatte kurz überlegt, ob er einmal Rechtsanwalt werden solle. "Aber diese Welt hat genug Anwälte", sagt er lächelnd, "und zu wenige Menschen, die sich auf die Ankunft des Messias vorbereiten."
Die Jungen an Bord sind witzige, schlagfertige Burschen, keine Sonderlinge, sondern Teenager, die Gemeindemitglieder aufs Korn nehmen oder über den Nahen Osten fachsimpeln und über Fußball.
Ihr Tag beginnt morgens um sechs mit chassidischen Unterweisungen, und er ist abends um zehn noch nicht zu Ende. In ihnen allen brennt die Leidenschaft für die Mystik, die Tiefen der talmudischen Texte. Und für sie alle ist der Messias nah, zum Greifen nah. Sie glühen. Sie sind dicht vor dem Ziel.
Als die Autokarawane auf der Manhattan-Brücke ins Stocken gerät, klettern sie auf das Dach des Wagens, hinauf in die Sonne. Und dort oben stehen sie im Licht, wie schwarze Vögel in ihren langen Mänteln, und sie breiten die Arme aus. Im Hintergrund funkeln die Spiegeltürme des World Trade Center, und unter ihnen glitzert der East River, und fast sieht es aus, als könnten sie fliegen. In diesem Moment in der blauen Luft glauben sie ganz sicher daran.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 18/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Was, wenn der Messias stirbt?

Video 01:24

Gezeitenflut am Qiantang-Fluss Die perfekte, gefährliche Welle

  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste